Resilienz für alle! Oder wie wir die Utopie im Kollaps finden.
Von Manuel Benjamin Lehmann
Die grüne Bewegung steckt in der Sackgasse. Seit Jahrzehnten wird Veränderung, Suffizienz, weniger Konsum gepredigt– und geerntet wird Ablehnung, Spott oder bestenfalls Nischen-Applaus. Warum? Weil niemand hören will, dass sein Lebensstil falsch ist. Nun schlagen Populisten daraus Kapital, während die Bewegung sich immer noch in Selbstbestätigung verliert. Doch es gibt einen Ausweg – eine neue Erzählung, eine andere Strategie. Es wird Zeit, dass wir aufhören, zu behaupten, die Lösung zu haben, und stattdessen eine andere Geschichte erzählen. Eine Geschichte über Resilienz statt Verzicht, über gelebte Utopien im Kollaps, über pragmatische Lösungen statt Moral und Werte. Es geht nicht mehr um die perfekte Lösung, sondern um das, was jetzt noch machbar ist.
Dieser Text ist länger als die Texte hier es sonst sonst. Es ist für mich aber ein besonders wichtiger Text. Ich verstehe ihn als Ergänzung zum Essay «Das schöne Leben 2.0» (Öffnet in neuem Fenster). Er kann aber auch gelesen werden, ohne dass Du diesen kennst. Eine kürzere Version wird bei tsri.ch (Öffnet in neuem Fenster) erscheinen.
Der Beginn
2012 begann ich, Veranstaltungen zu organisieren zu Postwachstum, Gemeingütern und kollaborativen Wirtschaftsmodellen. Es ging mir um das «Danach». So nannten wir den Verein, den wir gründeten. Mich interessierte, was nach dem Kapitalismus und dem Wachstumsparadigma kommen könnte. Wir gingen für Veranstaltungen Kooperationen mit der Roten Fabrik, der Gessnerallee sowie Studierendenorganisationen der ETH und der Universität Zürich ein. Wir brachten unter anderem Niko Paech, Ute Scheub, Charles Eisenstein und David Graeber nach Zürich.
2015 benannten wir den Verein um. Mit dem Thinkpact Zukunft stiessen wir Transition Zürich und das Ernährungsforum Zürich an und suchten den Kontakt zu den Grossen: WWF, Greenpeace, Plattform Agenda 2030, zur SP und den Grünen. Wir regten an, soziale Innovation und Social Entrepreneur-ship sichtbarer zu machen und zu fördern.
Begriffe wie Degrowth, Postwachstum und Suffizienz machten die Runde. In den Diskussionen an Fachveranstaltungen kam bei mir aber das Gefühl auf: Damit landen wir nicht! Meine erste Schlussfolgerung war, dass wir positivere Begrifflichkeiten brauchen. Andere dachten das Gleiche. So sprach man nicht von Verzicht und Suffizienz, sondern von «Besser leben», «Weniger ist mehr» und «Buen Vivir».
Die Botschaft blieb aber im Grunde genommen die Gleiche: Es geht nicht ohne Verzicht. Aufgrund unserer Wertvorstellungen fanden wir dies aber nicht so schlimm. Dies entsprach unserem Lebensstil. Und ich bin immer noch der Meinung, dass es ohne Suffizienz nicht geht. Hätten wir in den 70er-Jahren reagiert, wäre es vielleicht nur mit technologischen Lösungen möglich gewesen. Dies haben wir verpasst. Also ging es für uns nun darum, die Gesellschaft davon zu überzeugen, dass wir auch anders könnten. Wurden wir gehört? Ja, aber meistens nur von denen, die es bereits wussten.
Die Klimabewegung
Die Klimabewegung brachte Bewegung in die Sache. Die Politik kam aus der Deckung und getraute sich, ambitionierte Ziele zu formulieren, bei denen mitschwang, dass es Verhaltensänderungen braucht. Die Medien schrieben, dass die Klima-Generation die erste sein könnte, der es nicht besser ginge als ihren Eltern. Der Wachstumsmotor, respektive die Wachstumsideologie, kam ein wenig ins Stottern. Und die Energiewende nahm Fahrt auf.
Jetzt, ein paar Jahre später: Ernüchterung allerorten! Es ist nicht nichts gegangen. Aber auch nicht genügend. Es ist nicht mehr fünf vor zwölf. Es ist jetzt zwölf Uhr! Erst war die Pandemie. Und dann der Angriff auf die Ukraine. Jetzt die Wiederwahl von Trump. 2024 war die Temperatur 1.5 Grad über dem vorfossilen Schnitt.
Aktuell fühlt es sich bei vielen nicht so an, als würde nur der Motor stottern. Die Dinge kommen ins Rutschen. Umso dringlicher die Aufrufe von vielen, zu kämpfen! Während andere bereits resigniert haben. Denn der Klimawandel steht für viele auf der Dringlichkeitsliste höchstens noch an dritter oder vierter Stelle. Und die zivilgesellschaftlichen Organisationen müssen sich nun nicht mehr nur für das Klima und die Gerechtigkeit einsetzen, sondern zusätzlich auch noch für die Demokratie.
Zwischenhalt!
Und jetzt, an dieser Stelle möchte ich einladen, inne zu halten: Was wäre, wenn die grüne Bewegung die ganze Zeit mit ihrer Erzählung zu Verzicht eine Bot-schaft hatte, die einerseits längst angekommen ist . Es gibt viele Studien, die belegen, dass der grosse Teil der Gesellschaft sich bewusst ist, dass sich etwas ändern muss. Und dass andererseits dies aber die wenigsten hören wollten, weil sie es für sich als zu wenig attraktive Wahlmöglichkeit empfanden. Spätestens seit dem K3-Kongress zur Klimakommunikation im September 2024 in Graz gibt es dazu einen Diskurs (Öffnet in neuem Fenster).
Ich bin lange davon ausgegangen, dass mit positiven Geschichten, utopischem Denken und Hinweisen auf Pionierprojekte viel ausgerichtet werden kann. Darum haben wir auf der Webseite des Thinkpact Zukunft viele Akteure (Öffnet in neuem Fenster) zusammengetragen, die in diese Richtung aktiv sind. Bei den grossen Medien ist diesbezüglich noch etwas Luft nach oben. Und auch die grünen Parteien täten gut daran, ihre Vision zu schärfen. Nikolay Schultz führte dies in einem Interview (Öffnet in neuem Fenster) mit der Republik aus.
Daher freut mich auch diese Veranstaltungsreihe von tsüri.ch (Öffnet in neuem Fenster) in Zusammen-arbeit mit dem One Planet Lab des WWF und dem Impact Hub zu Postwachs-tum. Als besonders wertvoll erachtet ich, dass dabei eine Brücke zwischen zivilgesellschaftlichen Organisationen und der grünen Partei der Schweiz geschlagen wird. Die in diesem Kontext präsentierten Lösungsansätze sind in meinem Empfinden die richtigen.
Ich habe aber einen schwerwiegenden Einwand. Die Bewegung macht sich in meinem Empfinden etwas vor. Den Begriff Postwachstum oder Degrowth halte ich für schwierig, wenn nicht gar für untauglich. Es geht aber auch nicht mehr darum, einfach eine positive Vision zu entwickeln. Das hätte vielleicht vor zehn Jahren funktioniert. Jetzt erscheint es mir nur noch als lächerlich und naiv. In meinem Empfinden braucht es etwas anderes.
Populismus und Grünen-Bashing
Konstruktiver Journalismus und positive Klimakommunikation alleine funktionieren in Anbetracht der aktuellen Situation nicht. Und es ist so, dass auch die Klimabewegung grosse Teile der Gesellschaft auf der Identitätsebene angreift und ihnen sagt, dass sie falsch leben. Das mögen sie nicht, was ich gut nachvollziehen kann. Wer hat dies auch gemerkt? Die Populisten! Darum das ganze Grünen-Bashing!
Wie ist die Reaktion der Klima- und Umweltbewegung darauf? Meist zwischen panischer Schnappatmung, weil man zurecht den Untergang kommt sieht, und Eingeschnapptsein, weil man sich ungerecht behandelt fühlt und ja eigentlich nur das Beste will. In den entsprechenden Bubbles auf Social Media werden Wunden geleckt und man bestätigt sich gegenseitig, in dem auf die Ignoranz der anderen hingewiesen wird. Die Guten sind wir.
So können wir weder in der Kommunikation besser werden, noch etwas an der Haltung ändern, die dahintersteckt. Es sind die eigenen blinden Flecken, die mit dafür verantwortlich sind, dass so viel Widerstand ausgelöst wird. Nicht ausschliesslich. Aber auch. Die Mitte der Gesellschaft wird mit den grünen Messages nicht erreicht.
Ich sehe genau wegen den sich zuspitzenden Krisen eine andere, mögliche Alternative zu den Begrifflichkeiten wie «Degrowth», «Weniger ist mehr» und «Suffizienz». Wobei ich nicht der Meinung bin, dass Lösungsansätze, wie sie wie kollaborativen Modellen zu finden sind, losgelassen werden müssen. Diese passen wunderbar.
Verlustängste und solidarische Wertvorstellungen
Laut dem Soziologen Andreas Reckwitz pflegen wir seit rund 1850 im Zusammenhang mit der Industrialisierung Fortschritts-Narrative. Gottes Reich wurde ins Diesseits verlagert. Wir glaubten vermehrt an den Fortschritt und weniger an die Erlösung im Jenseits. Immer mehr Menschen gingen davon aus, dass es uns immer besser gehen kann. Dabei brachte der Fortschritt ein ständiger Auf- und Abstieg von Werten mit sich. Und damit einhergehend Statusgewinne und -verluste. Verlusterfahrungen gehörten also immer dazu.
Ausserdem ist ein wichtiger Bestandteil der Moderne das Freiheitsparadox, das die Vernichtung unzähliger Möglichkeiten bezeichnet. Jedes Ja bringt eine vielfache Verneinung mit sich. Jede Wahl schliesst viele andere Möglichkeiten aus. Von den Möglichkeiten sind wir überfordert und dies kann dazu führen, dass wir uns lieber gar nicht entscheiden. Wir machen einfach so weiter. Auch wenn wir wissen, dass dies in den Kollaps führen wird.
So gut wie alle in unserer Gesellschaft machen nun aber vermehrt Verlust-erfahrungen. Allerdings können bestimmte Gesellschaftsschichten, Berufs-gruppen oder Regionen besonders betroffen sein. Unsere Kulturtechniken werden laut Reckwitz dem aktuell nicht gerecht. Wir verfügen über zu wenig «Tools» und kulturelle Praxis, um kollektiv zu trauern, wenn ganze Gruppen Verluste erfahren.
Wenn also die Degrowth-Bewegung Verzicht einfordert, macht es Sinn, sich diesem gesellschaftlichen Kontext bewusst zu sein. Dazu kommt, wie der Physiker und Klimaforscher Anders Levermann in seinem Buch «Die Faltung der Welt» darlegt, dass unseren Gesellschaften ein sehr starker Wille eigen ist, die Dinge zum Besseren zu entwickeln. Vor diesem Hintergrund kann das Konzept von «Postwachstum» als Aufforderung zum Stillstand verstanden werden.
Die Moral
In der Einführung zur Veranstaltungsreihe heisst es auf der Webseite von tsüri.ch (Öffnet in neuem Fenster) zu Degrowth: «In der Gesellschaftsform sind Achtsamkeit, Solidarität und Kooperation die zentralen Werte.» Wie der deutsche Wirtschaftswissen-schaftler Ingolfur Blühdorn, Leiter des Instituts für Gesellschaftswandel und Nachhaltigkeit an der Wirtschaftsuniversität Wien, in seinem Buch «Unhalt-barkeit» ausführt, wurde der Umweltschutz von der Bewegung selbst mit emanzipatorischen Werten verknüpft. Obiges Beispiel zeigt dies sehr schön.
Laut Blühdorn zerbrechen diese Werte aber gerade. Der Mensch will laut dem Nachhaltigkeitsexperten gar nicht immer frei sein und ist überfordert davon. Und der Autor fragt sich weiter, ob es sein kann, dass daraus eine neue Freiheit erwächst, wenn wir von diesem emanzipatorischen Anliegen loslassen.
Aufgrund der These von Ingolfur Blühdorn, kommt mir Autor Ken Wilber in den Sinn, der bereits vor zwanzig Jahren davor warnte (unter anderem in seinem 2003 erschienenen Buch «Boomeritis»), dass ein Backlash eintreten könnte. Wilber hat sich intensiv mit dem Modell von Spiral Dynamics auseinan-dergesetzt. Dieses beschreibt die evolutionäre Entwicklung von Individuen, Organisationen und Gesellschaften in Verbindung mit Memes oder Narrativen. Es wurde ursprünglich von Don Edward Beck und Christopher Cowan auf der Grundlage der zyklischen Emergenztheorie von Clare W. Graves entwickelt. Die Theorie ordnet Narrative und Memes Entwicklungsstufen zu. Diesen wiederum werden zur besseren Erklärung Farben zugeordnet.
Wilber warnte davor, dass wenn die Vertreter:innen der grünen Entwicklungs-stufe (die Degrowth-Bewegung entspricht dieser) alle auf ihre Ebene zerren wollen, starke Gegenwehr erfolgen wird. Auch wenn sie es noch so gut meinen. Mit dem Modell lässt sich also sehr gut erklären, was wir in der Politik mit dem Backlash und dem Populismus gerade erleben. Es ist nicht nur so, dass «Degrowth» als Ankündigung von Verlusten empfunden wird. «Nein, die Grünen wollen vorschreiben, wie wir zu leben haben, ja noch schlimmer, wie wir zu sein haben.»
Populist:innen, so Andreas Reckwitz, nutzen nun genau das aus. Sie greifen diese Verlustgefühle auf und präsentieren sich als die einzigen, die sie ernst nehmen. Sie geben dem diffusen Gefühl der Schwere eine Richtung und einen Schuldigen. Und sie wollen sich rächen für die Verluste. Ihr Motiv ist Wut. Man beobachte nur die Mimik von Trump. Hinter der Belustigung, der Ironie, dem «Lächerlich machen» und dem Clown steckt ganz viel Wut.
Die resiliente Gesellschaft
Bei aller Unterschiedlichkeit gibt es aber eine Erfahrung, die alle Menschen gemacht haben. Wir alle haben Verluste erlitten. Wir alle kennen das Leiden. Dies könnte uns verbinden. Vom Ahrtal in Deutschland bis Valencia in Spanien. Es gibt ganz viele Berichte und starke Bilder, die davon zeugen, dass gerade in Katastrophensituationen unterschiedliche Meinungen und politische Orientierungen keine Rolle mehr spielen. Wir müssen aber lernen, uns verletzlicher zu zeigen. Der Schlüsselbegriff könnte die Resilienz sein.
Allerdings ist anzumerken, dass dies in akuten Ereignissen unter Umständen besser funktioniert als in länger andauernden Krisen. Dies könnte mit Erschöpfung, Frustration und Konflikte zu tun haben. Wobei es auch Gegenbeispiele gibt wie Solidaritätsnetzwerke während des Zweiten Weltkriegs oder der Corona-Krise. Ich kann mir vorstellen, dass es Faktoren gibt, die unterstützend wirken. Wem eine Studie dazu bekannt ist, darf sich gerne bei mir melden. Wer eine Studie erstellen will auch. ;-)
Ich möchte in dem Zusammenhang die Resilienz ins Spiel bringen. Ich begegnete diesem Fachwort in etwa gleichzeitig in zwei unterschiedlichen Kontexten. Einerseits im Zusammenhang mit psychischen Krisen und Traumata. Damit ist gemeint, wie sehr der einzelne Mensch in einer persönlichen Krise auf bestimmte Ressourcen zugreifen kann. Und damit, wie widerstandsfähig er ist.
Und andererseits bei Rob Hopkins, Buchautor und Begründer des Transition Town-Ansatzes. Ihm ging es darum, Regionen widerstandsfähig zu machen gegenüber den Krisen, die uns mit grosser Wahrscheinlichkeit erwarten werden. Hopkins regt an zur Vorsorge lokale Wirtschaftskreisläufe zu fördern und gemeinsamschaftsbasierte Projekte und Initiativen zu gründen, um die «Ressourcenwende» zu schaffen. Auch als Antwort auf den drohenden «Peak everything», der auch die psychischen Ressourcen von uns Menschen mit einschliesst.
Aufgrund seiner Schriften wurden viele lokale Initiativen überall auf der Welt angestossen. So richtig flächendeckend durchgesetzt hat sich der Ansatz aber nicht. Das hat in meinem Empfinden verschiedene Gründe. Häufig blieb man vermutlich in den Initiativen zu sehr unter sich. Das heisst, in einem Umfeld von Menschen mit ähnlichen Wertvorstellungen und starker intrinsischer Motivation. Und eine internationale Organisation aufzubauen, die über genügend Ressourcen verfügt, um überall neue Initiativen anzustossen und zu unterstützen, gelang nicht. Inzwischen gibt es aber neue Projekte, die sich daran anlehnen wie die Mitmachregionen. Dazu ist noch zu bemerken, dass das vorherrschende Narrativ in der Transition-Bewegung das «Machen» und nicht die Resilienz ist.
Dass die Auseinandersetzung mit Resilienz und Krisenvorsorge Türen aufstossen kann und ganz neue Allianzen möglich macht, habe ich in Zürich bei der Teilnahme bei einem Workshop zu Resilienz und Krisenvorsorge erlebt, der von der Stiftung Risiko-Dialog und der Stadtpolizei organisiert wurde. Ich nahm als Experte für Community Organizing vor dem Hintergrund meiner Tätigkeit beim Thinkpact Zukunft teil. Tadzio Müller berichtet in dem taz-Interview von Gesprächen mit ganz normalen Bürgern auf dem Dorf vor dem Hintergrund der Krisenvorsorge, respektive wie man reagieren würde bei Versorgungsengpässen. Und dass es möglich war, sich in dem Anliegen zu finden.
Soweit ich mir bewusst bin, ist Resilienz im Kontext von Gesellschaftskrisen noch kein fertig ausgearbeiteter theoretischer oder politischer Begriff. Andreas Reckwitz beschreibt aber am Schluss seines Buches drei mögliche Szenarien. Im ersten Szenario meistern wir die aktuellen Herausforderungen und es gibt eine Fortsetzung der Moderne. Das bedeutet, wir leben so ähnlich weiter. Im zweiten Szenario kommt es zu einem Zusammenbruch. Eine Variante davon ist, dass es in ländlichen Regionen Selbstversorger-Gemeinschaften gibt. Das dritte Szenario nennt der Soziologe die «Reparatur der Moderne». Damit einhergeht die Entwicklung eines Bewusstseins, das den zukünftigen Herausforderungen gerecht wird.
Aktuell ist es so, dass die Aufgabe von Fortschrittsnarrativen auf staatlicher Ebene zu einer Legitimationskrise führt. Einer der ganz wenigen Politiker, der in gewissen Interviews und Statement davon abrückt, ist Robert Habeck. Möglicherweise wird er auch darum so stark angegriffen. Das Schlagwort der Kampagne der Grünen im Wahlkampf 2025 hiess aber «Zuversicht». Eine politische Kampagne einer Partei, die also nicht auf Versprechungen und dem Prinzip Hoffnung besteht, steht also noch aus. Und vielleicht wird es diese erst geben, wenn es dafür Beispiele von entsprechenden, erfolgreichen Campaigning von zivilgesellschaftlichen Gruppierungen oder Organisationen gibt.
Keine Lösung für alles
Meiner Meinung nach ist ein Teil davon, dass die Degrowth-Bewegung loslassen muss von der Vorstellung, es gäbe eine Lösung für alles. Einen systemischen Ansatz wie den Kapitalismus oder den Kommunismus, der dafür sorgt, dass alles gut kommt. Ich habe die Vermutung, dass wenn die ausser-parlamentarische Linke den Begriff «Degrowth» oder «Postwachstum» benutzt, die Hoffnung mitschwingt, dass ein neues Modell möglich ist, das die meisten Probleme löst. Ein Narrativ der Bewegung lautet: «Eine andere Welt ist möglich». Dies kann folgendermassen interpretiert werden: «Hey, wir haben sie, die Lösung! Seht nur endlich her!»
Es gibt dabei einen Haken. Es werden ein paar Dinge ausgeblendet. Bei allem Potential, die in kollaborativen Ansätzen für eine resiliente Gesellschaft liegen, wird vermutlich niemand so schnell Kooperativen aufbauen, die z.B. Medika-mente für Millionen von Menschen oder Autos, Trams oder Eisenbahnen herstellen. Und damit will ich nicht sagen, dass dies nicht möglich ist. Es gibt Beispiele aus Südamerika, Spanien und Frankreich, wo Kooperativen Erstaunliches geschaffen haben.
Ich vermute, dass es aber jetzt in dem Moment vermutlich nicht realistisch ist, dass dies passiert und überhaupt die Kraft und Ressourcen dafür aufgebracht werden können aus der Gesellschaft heraus. Es ist aber auch nicht so, dass die Postwachstums-Bewegung sich darüber überhaupt Gedanken machen würde. Von solchen Beispielen oder Überlegungen lese ich so gut wie nie. Und wer diese These widerlegen kann oder mag, darf sich gerne bei mir melden.
Und die Bewegung macht sich auch kaum Gedanken darüber, wie ein Sozialstaat ohne Wachstum (Ausnahmen bestätigen die Regel) oder ein Kapitalmarkt ohne Renditeversprechen (und damit Wachstum) aussehen könnte. Es ist nicht so, dass sich links-politische Parteien Anträge dazu in Parlamenten überlegen. Und es ist noch viel weniger so, dass diese Anträge eine Chance hätten, angenommen zu werden. Und hier liegt in meinem Empfinden ein wesentlicher blinder Fleck der Degrowth-Bewegung. Was nicht geht, darüber reden wir nicht. Stattdessen: Prinzip Hoffnung und Vorwürfe an alle, die nicht merken würden, dass jetzt etwas passieren muss.
Vorschlag für einen Kompromiss
Viel realistischer ist, dass ein Kapitalismus mit Regeln (und dafür lohnt es sich weiterzukämpfen, denn die Populisten würden diese am liebsten abschaffen und gehen dabei noch weiter als die neoliberalen Kräfte) noch eine Weile lang zusammen spielt mit antikapitalistischen Ansätzen und gemeinschaftsgetrage-nen Unternehmen, die tausendfach aus der Degrowth-Bewegung heraus ent-standen sind.
Ich propagiere dies nicht als dauerhafte Lösung. Sondern als aktuelle Wirklichkeit, weil ich alles andere für nicht realistisch anschaue. Und ich tue dies im Wissen, dass es vielerlei Verwerfungen und Probleme mit sich bringt. Der Kapitalismus lässt sich aber nicht auf die Schnelle ersetzen, ohne noch massivere Komplikationen. Und dabei darf man immer im Hinterkopf haben, dass dieses Wirtschaftssystem und insbesondere der Neoliberalismus die Disruption mit sich bringen und dazu neigen, sich selbst zu zerstören. Allerdings in der aktuellen Version inklusive Planet und Gesellschaft. Dies erleben wir gerade.
Ich bin mir bewusst, dass es Angst auslösen kann von der Forderung nach Suffizienz loszulassen. Und ich bin auch nicht grundsätzlich der Meinung, dass es ohne Verzicht geht. Sondern dass andere Narrative besser funktionieren. Respektive das Suffizienz-Narrativ kontraproduktiv ist. Wenn man sich aber als Aktivist:in seit Jahren an diesem Konzept festhält, kann es sehr viel Halt bieten, ja fast ein Teil der eigenen Identität sein. Loslassen kann dann auch Panik und Angstzustände auslösen. Und ich möchte ja auch niemanden die Hoffnung nehmen.
Wir dürfen auch an unseren Ansätzen weiter arbeiten. Auf Lösungen hinweisen. Und Firmen darin beraten, wie sie inklusiver werden und mehr Partizipation ermöglichen. Und damit erfolgreicher werden. Tun wir dies mit einer gewissen Bescheidenheit und Demut, auch vor dem, was das Bürgertum geschaffen hat, sind wir vermutlich sogar erfolgreicher. Die Forschung zu Postwachstumsökonomie, würde sich dann weniger mit einem Modell auseinandersetzen, das gewollt ist, als mit einem, das Realität werden kann. Es ist auf jeden Fall nützlich mehr darüber zu wissen, wie unsere Wirtschaft mit Krisen und damit unter Umständen ohne Wachstum zurechtkommt.
Verdrehte Wirklichkeiten
Aktuell ist vieles verdreht und nicht mehr so klar. Mit dem Neoliberalismus wurde die parlamentarische Linke zu Konservativen, die den Status Quo verteidigten. Es ist bereits so, dass die politische Linke in Krisensituation die mittelständische Wirtschaft verteidigt. Dies hat sich während Corona in der Schweiz deutlich gezeigt. Das Image der linken Parteien ist aber ein anderes.
Die Linke nimmt sich vermutlich in ihrem Selbstverständnis als progressiv wahr. Und sie kämpft ja auch weiter für Verbesserungen. Darauf bauen sie ihre Kampagnen auf. Als Bewahrer verkaufen sie sich uns nicht. Hierzu könnte man sich mehr Gedanken machen. Mich würde es zumindest reizen, mal mit ein paar Marketingspezialist:innen und Campaigner:innen zusammen fiktive Kampagnen zu entwerfen, die diese neue Realität spiegeln.
Rechte hingegen verkaufen sich inzwischen als Progressive, die Missstände beheben. Und zwar mit der Kettensäge, was als «sexy», respektive besonders männlich, verkauft wird. Und die (Pop-)Kultur hat einiges dazu beigetragen, die Zerstörung und die Apokalypse attraktiv zu machen. Von den Punks, die aus dem Staat Gurkensalat machen wollten, hin zu apokalyptischen Bildern aus Hollywood. Der Kapitalismus hat selbst die Zerstörung vereinnahmt und kommerzialisiert. Auch darauf muss Antworten haben, wer eine Mehrheit für einen konstruktiven Wandel gewinnen will.
Konservative Werte verstehen
Wie eine Freundin von mir meint: «Wenn wir irgendwie breiten-relevant werden wollen, müssen wir uns um andere Werte kümmern: Sicherheit, Wahrung von Kulturgut, Sprache, Wohlstand, Eigentum. Ich denke, um diese Werte lassen sich auch emanzipatorische Erzählungen bilden. Aber nur, wenn wir unsere Projektionen stellen und aufhören, die Menschen zu verabscheuen, die diese Werte vertreten.»
Die grüne Bewegung darf sich viel stärker bewusst sein: Gewinn ist nicht für alle das Gleiche. Und speziell, wenn Menschen mit postmaterieller und grüner Ausrichtung die Botschaft haben, es brauche neue Werte und eine Neuorientie-rung, kommt dies bei vielen nicht sonderlich gut an. Ihnen sind andere Dinge wichtig. Verluste und Einschränkungen, die für Vertreter:innen grüner Werte und Degrowth nicht schwer wiegen, fühlen sich für grosse Teile der Gesell-schaft ganz anders an.
Und es wird nicht einfacher, wenn dreistellige Milliardenbeträge in die Auf-rüstung gesteckt werden sollen oder müssen und daneben gespart wird bei der Infrastruktur. Und zudem das Wohlstandslevel nicht gehalten werden kann, respektive die Löhne mit der Teuerung nicht mithalten. Und niemand aus der Politik hin steht und reinen Wein einschenkt.
Ausser die Populisten, die die etablierten Parteien dafür verantwortlich machen. Und den Grünen jedes Mal über den Mund fahren, wenn sie darauf aufmerksam machen, dass das Klima nicht vergessen werden soll. Ich befürchte, dies hat das Potential, Staaten innenpolitisch zu destabilisieren. Ich würde mir ein starkes Europa wünschen. Es kann aber auch sein, dass es in den nächsten Jahren weiter wankt oder vielleicht gar einknickt. Auch möglich ist, aber dass Europa sich von der USA emanzipiert und Talente und Investitions-kapital anlockt.
Wie kann Resilienz kommuniziert werden?
Auch Resilienz ist erstmal sicher kein einfacher Begriff. Aktuell kommt es mir so vor, dass wir als Gesellschaft, uns insbesondere die Politik und die Medien, bei besonderen Ereignissen für zwei Tage aus dem Takt geraten. Dann fängt man sich wieder. Und kehrt zurück zum stillschweigenden Zweckoptimismus. Die Maschine muss am Laufen gehalten werden. Alles andere ist zu bedrohlich. Und da steckt kein Vorwurf drin. Dies ist eigentlich eine sinnvolle Überlebens-strategie. Panik nützt uns herzlich wenig.
Sich einzugestehen, dass gerade alles zusammenbricht, kann Angstzustände auslösen, lähmen und zu Erschöpfung führen. Ich vermute aber, dass viele viel intensiver in diesen Prozessen drin stecken, als wir uns eingestehen. Die Zahlen aus der Psychologie und Medizin lassen diese Schlussfolgerung zu. Und die vielen Menschen, die über Erschöpfung klagen. Es braucht also eine Termino-logie oder Narrative, die bewusst machen, aber nicht lähmen. Ich habe dies-bezüglich noch keine zu Ende gedachte Meinung, sondern erst Ideen.
Der Politikwissenschaftler und Aktivist Tadzio Müller schlägt vor, von einer «Utopie im Kollaps» auszugehen. Dabei sei es wichtig, sich bewusst zu sein, dass der Kollaps kein akutes, kurzfristiges Ereignis ist, sondern ein langsames Zusammenbrechen von Errungenschaften sowie Systemen und aber, in meinem Empfinden, auch von Gewissheiten, Überzeugungen und Wirklichkeit. Es gibt zwar besonders markante Ereignisse im Niedergang, die einschneidend sind oder in Erinnerung bleiben. Aber grundsätzlich sind sowohl der Klimawandel wie auch die Zersetzung der Demokratie schleichende Prozesse.
Ich will hier nicht prophezeien, dass wir die Kurve nicht doch noch erwischen können. Dazu könnte ich noch ganz viel schreiben. Kollaps - Ja oder Nein? Vielleicht ist die Antwort: Ja und Nein. Es geht mir sowieso eher darum, wie es sich für ganz viele anfühlt. Und wir damit umgehen.
Wir haben immer die Bilder von Hollywood aus all den Dystopien im Kopf. In der Krisenforschung wird ein Kollaps aber meist nicht als so dramatisch beschrieben. Systeme können kollabieren und die meisten Menschen leben trotzdem weiter.
Zukunftssplitter
Zu Kollaps gibt es ein paar Synonyme. Keines stellt mich zufrieden. An den Begriff Krise haben wir uns gewöhnt. Alle anderen sind entweder ähnlich dramatisch und damit für die Kommunikation auch nicht besser geeignet oder sie sind verharmlosend. Beim Thinkpact Zukunft haben wir häufig davon gesprochen, es gehe darum, unsere Zukunftsfähigkeit zu erhalten. Das kann ergänzend sicher passen. Es erklärt aber noch nicht, dass wir dafür die Utopie im Kollaps suchen müssen.
Auch der Begriff Utopie muss erklärt werden. Er wird ja häufig als Traumbild oder vage Zukunftsvision verstanden. Beim Thinkpact Zukunft ging es aber bereits immer um gelebte Utopien, um die Zukunft, die sich im Jetzt mani-festiert. KI liefert mir ein paar weitere Ideen, um utopischen Techniken im Zerbrechen eines Systems zu umschreiben:
Resiliente Utopie – eine Utopie, die sich trotz des Kollapses behauptet oder aus ihm hervorgeht.
Utopie im Ausnahmezustand – wenn utopische Ideen oder Praktiken in Krisen sichtbar werden.
Kreativer Zusammenbruch – betont, dass der Kollaps auch neue Möglichkeiten schafft.
Zukunftssplitter im Zerfall – poetisch für verstreute utopische Ansätze in einer untergehenden Ordnung.
Notwendige Utopie – verweist darauf, dass gerade im Kollaps neue Ideen entstehen müssen.
Überlebensutopie – wenn utopische Techniken plötzlich lebensnotwendig werden.
«Gelebte, utopische Praxis» kommt mir zusätzlich in den Sinn. Dies möchte ich in Bezug auf mögliche Begrifflichkeiten jetzt erstmal so stehen lassen. Und für mich selbst für weitere Überlegungen mitnehmen. Und vielleicht gibt es auch unter Euch welche, die sich darüber Gedanken machen möchten. Und ihre Überlegungen mittels Kommentar teilen wollen.
Im Angebot: Handlungsoptionen
Wesentlich ist das gemeinsame Handeln im Kontext der Krise. Und da denke ich, hat die «Degrowth-Bewegung» total viel zu bieten. Ich meine damit Ansätze wie Gemüse- und Lebensmittelkooperativen, Energiegenossen-schaften, Sharing-Projekte, etc.. Diese tragen ganz praktisch zur Resilienz bei. Die Degrowth-Bewegung muss sich also nicht neu erfinden. Sondern Dinge nur in einen anderen Kontext setzen. Bei diesen Graswurzel-Projekten hat die Resilienz immer mitgeschwungen.
Mit all dem, will ich gar nicht sagen, dass es nicht möglich ist, bis in zwanzig oder dreissig Jahren eine Welt zu schaffen, die viel weniger krisenhaft ist. Für die Klimabewegung und die ganzen NGOs ist es aber ein zu grosses Ziel. Auch weil es sehr viel Widerstände auslöst, wie ich oben dargelegt habe.
Die globale Politik bekommt es aktuell auch nicht hin. Es werden Zielvorgaben definiert, wie in der Agenda 2030, der alle Länder zugestimmt haben. Und dann scheitert es bereits daran, dass die dafür notwendigen Gelder gar nicht gesprochen werden. Und ich will nicht sagen, dass man nun kapitulieren soll. Es ist möglich, dies anzuerkennen, zu fühlen und sich total widersprüchlich dazu zu verhalten, indem man sich engagiert. Wagt dabei Neues! Denn so wie bis anhin, hat es ja nicht geklappt!
Der Vorteil des Narrativs «der Utopie im Kollaps» ist, dass die grüne Bewegung als weniger naiv wahrgenommen wird. Wir versuchen nur zu retten, was zu retten ist. Und behaupten gar nichts mehr. Vor allem nicht, dass wir es immer gewusst haben. Oder eine Lösung für alles haben. Davon lassen wir los. Wir sagen nur, hey, wir haben da ein paar Ideen anzubieten. Diese wurden im Kleinen erfolgreich umgesetzt. Möchtet ihr diese?
Nicht zu viel versprechen
Wir haben eine total nette Bewegung mit tollen Projekten, Ansätzen und Ideen. Aber wir haben keine Lösung für alles. Und wenn es doch so ist, dass für jedes Problem irgendwer noch eine Lösung hat, dann hat es ja bis anhin niemanden interessiert. Vor allem keine Investoren. Und ohne diese geht gar nichts. Und vielleicht ändert sich dies irgendwann. Aber ich schlage vor, damit aufzuhören, einen Pitch halten, als hätten wir die Gesamtlösung und im Grunde genommen aber immer nur von Teillösungen zu reden, in dem wir Dinge weglassen.
Stattdessen könnte eine fragende Haltung eingenommen werden: «Können wir uns in Anbetracht des Kollapses so viel Ungleichheit leisten?« «Wie schaffen wir es in Anbetracht der aktuellen Situation, niemanden zurückzulassen?« «Wie kann die Freiheit bewahrt werden in Zeiten der Krise?« «Wie wird es möglich sein, dass wir als Gesellschaft möglichst resiliente Systeme schaffen?« «Wie wollen wir als Gesellschaft zusammenleben?« «Und wie lässt sich diese neue Wirklichkeit so erklären, dass sie akzeptiert wird?«
«Eine Wohlstandspause überleben wir, den Verlust unserer Freiheit nicht!«
Sophie Hunger im Magazin des Tagesanzeiger, 2025
Eine Wohlstandspause ist genau dies, was ich in meinem Essay «Das schöne Leben 2.0 (Öffnet in neuem Fenster)« vorgeschlagen habe. Ich habe es nur nicht so genannt. Aber es entspricht dem. Pause ist nur etwas missverständlich, weil es doch zwei bis drei Jahrzehnte dauern kann. Es täte uns als Gesellschaft ganz neue Handlungs-möglichkeiten auf, wenn wir akzeptieren, für eine gewisse Zeit auf den aktuellen Wohlstand verzichten zu müssen. Den Essay muss ich übrigens überarbeiten. Der ist noch viel zu optimistisch.
Bei der Degrowth-Bewegung tönt das mit dem Verzicht und der Suffizienz immer so endgültig. Und als würde man nachher den Luxus gar nicht mehr brauchen und ihn niemand vermissen, weil wir uns alle zu besseren Menschen entwickelt haben. Ich wünsche mir eine realistische und zugleich optimistische (Umwelt-)Kommunikation, die Lösungen aufzeigt. Diese darf oder muss sogar etwas widersprüchlich sein. Darauf kann auch hingewiesen werden. Dann geht das. So ist sie glaubwürdiger.
Und sie darf nicht vorwurfsvoll oder nachtragend sein. Es sind sowieso bereits alle am Limit. Denkt an die Geschichte mit der Verlustgesellschaft. Und noch eine Überlegung dazu: Menschen, die in ihrem Leben gescheitert sind, könnten diesbezüglich über wertvolles Wissen verfügen. Sie haben häufig Resilienz entwickelt und sind Fachpersonen darin.
Unser Leben wird sich bestimmt verändern, aufgrund der letzten Jahre und dem, was noch auf uns zukommt. Die Ansprüche werden andere. Kleine Fortschritte und Entwicklungen machen mehr Freude, wenn der Kollaps das neue Normal ist. Der Hoffnung könnte eine grössere Bedeutung zukommen.
Umso mehr wir uns den Kollaps eingestehen, umso mehr ist es möglich eine Haltung zu entwickeln, bei der nicht mehr einfach nur Ansprüche an andere gestellt werden. Und wenn wir die Trauer annehmen über die Verluste, verbindet uns dies. Es ist eine wesentliche Grunderfahrung, die Menschen immer wieder machen: Wenn jemand von den Verlusten in seinem Leben erzählt, können wir uns darin erkennen. Dies löst Mitgefühl aus. Dann ist es nicht mehr so wichtig, wie der Mensch denkt und was für Überzeugungen er hat.
Aktivismus und Kultur
Dies könnte ein Feld sein, wo einer neuen Form von Aktivismus eine wesentliche Rolle zukommt. Entsprechende Ansätze gibt es. In Selbst-hilfegruppen, in der Tiefenökologie und der Umweltpsychologie. Wertvoll können auch Nachbarschaftskonzepte sein, die auch bereits in vielerlei Kontexten erprobt wurden und noch viel mehr gefördert werden könnten. Diese könnten verknüpft werden mit Krisenvorsorge und Klimaschutz-Massnahmen.
Auch die ganzen Konzepte rund um Regeneration könnten relevanter werden. Dass dieser Begriff in den letzten Jahren so stark aufgekommen ist und andere Narrative abgelöst hat, zeigt, dass vermutlich viele bereits viel mehr wissen, wo wir eigentlich stehen. Es geht um die Reparatur der Erde. Und des Zusammen-lebens.
Eine ähnliche Argumentation, wie ich sie hier vorschlage, könnte vermutlich auch für den Feminismus und die LGBTQ+-Bewegung funktionieren. Es geht erstmal nicht mehr ausschliesslich um die eigenen Rechte. Es geht darum, Extremismus und Gewalt zu verhindern. Und diese Gewalt kann alle treffen, wie die Ereignisse der letzten Monate in Deutschland zeigen. Botschaft: Es sind immer Männer und sie haben immer eine Eskalationsspirale durchlaufen. Und es kann immer uns alle treffen. Ich engagiere mich selbst in einer progressiven Männerorganisation und einer queeren Initiative. Und ich habe das Gefühl, dass Gewaltprävention als Forderung sehr anschlussfähig sein kann. Es braucht aber sicher etwas Hartnäckigkeit und Zeit, bis für diese mehr Gelder generiert werden können.
Die sozialen Bewegungen müssen der Mitte der Gesellschaft erklären, dass sie auch für ihre Sicherheit und ihren Wohlstand kämpfen. Und dass auch ihre Lebensqualität leidet, wenn autoritäre Systeme die Überhand gewinnen. Damit dies möglich ist, dürfen diese Menschen nicht für ihre Dummheit, Ignoranz oder Rückständigkeit verachtet werden. Die eigenen Bubbles, die sehr viel Berechtigung haben, weil dort in einem sicheren und sich wohl anfühlenden Rahmen Zeit mit Freund:innen verbracht werden kann, werden zum Problem, sobald auch nur ein klein wenig zum Ausdruck gebracht wird, dass man sich überlegen oder in der Entwicklung weiter fühlt.
Trump & Co sind auch darum so attraktiv, weil sie ausdrücken, dass eigentlich alles egal ist. Sie sprechen das Nihilistische und Unvernünftige in den Menschen an. Das ist erstmal befreiend. Gerade dann, wenn eigentlich alles zu viel ist.
Ich wage die Behauptung, dass die linke Popkultur dies besser kann. Und damit meine ich nicht das, was man zu sehen bekommt, wenn man aktuell Fernsehen, Filme, Serien oder Popmusik konsumiert. Auch die Popindustrie ist in der Krise. Vieles ist rezykliert, oberflächlich und dümmlich-hedonistisch. Die Popstars und Hollywood-Grössen sind zu wenig glaubwürdig, weil zu reich.
Ich meine mehr, dass wir ganz genau hinschauen sollten, wo die Künstler:innen sind, die zugleich unterhalten und den Wert gelebter utopischer Praxis im Kollaps vermitteln können. Und es ist möglich, entsprechende Geschichten zu entwickeln. Diese müssen nicht immer vernünftig und logisch daherkommen. Im Gegenteil: Vielleicht funktionieren sie sogar besser, wenn sie bunt, widersprüchlich und verrückt sind.
Als Beispiel möchte ich die animierte Nexflix-Serie «Arcane« anführen. Diese mixt utopische und dystopische Elemente. Die Charakten sind teils nicht einfach nur gut oder böse. Sie lassen sich von der Macht verführen, lösen Katastrophen aus und scheitern. Sie haben Einsichten, entwickeln sich und kippen trotzdem wieder ins Destruktive. Die gezeichnete Welt ist zudem multidimensional. Gelebte Utopie inklusive, die sich dann aber auch wieder als Illusion erweist. Und Versöhnung und Frieden sind möglich - auch in der grössten Zerstörung.
Wir brauchen solch andere Geschichten. Geschichten von Zerstörung und Regeneration. Wir brauchen Kunst, die diese Spannungsfelder aushält und ausdrückt. Wir müssen uns andere Welten vorstellen. In diesen soll aber nicht einfach alles gut und schön sein. Sogar die Zukunftsforschung tappt immer wieder in diese Falle. Oder sie denkt in Szenarien und stellt sie einander gegenüber. Anstatt sie zu mixen. Wer sich von diesen Ideen angesprochen fühlt, darf sich gerne bei mir melden. Mit Ima Adama haben wir eine Spielwiese dafür vorbereitet.
Literaturhinweise
Anders Levermann: Die Faltung der Welt. 2023 im Ullstein Verlag.
Andreas Reckwitz: Verlust - Ein Grundproblem der Moderne | Die erste umfassende Studie zum zentralen gesellschaftlichen Thema Verlust. 2023 im Phanomen Verlag.
Manuel Lehmann: Das schöne Leben 2.0
Nikolay Schultz, Interview in der Republik: «Die Grünen sagen: Die Welt geht unter und wir müssen handeln. Das ist langweilig und ermüdend» (2024)
Grazer Charta der Klimakommunikation (2024): Link (Öffnet in neuem Fenster)
Ingolfur Blühdorn: Unhaltbarkeit - auf dem Weg in eine andere Moderne. 2024 bei edition suhrkamp.
Rob Hopkins: Einfach. Jetzt. Machen! Wie wir unsere Zukunft selbst in die Hand nehmen. 2014 im oekom Verlag.
Wolfgang Uchatius: Wir könnten auch anders (Öffnet in neuem Fenster), 2009 in der Zeit.
Videos
Arcane, 2021 bis 2024 bei Netflix (Öffnet in neuem Fenster)
K.I.Z. - Hurra, die Welt geht unter auf youtube (Öffnet in neuem Fenster)
Kommt der Klimakollaps? - taz Talk (Öffnet in neuem Fenster) mit Tadzio Müller
Ingolfur Blühdorn bei der Veranstaltungsreihe „Konturen der nächsten Gesellschaft“ der Katholischen Akademie Freiburg zu Unhaltbarkeit - auf dem Weg in eine andere Moderne (Öffnet in neuem Fenster)
Bild: Alexandre Brondin (unsplash)