Zum Hauptinhalt springen

Boss sein ist geil, aber nicht so wie du denkst

Der vollkommen subjektive Newsletter über Medien, Digitalgedöns und extrem viel Privatleben. Heute geht es darum, dass man häufig gern mehr Macht hätte, aber wenn man sie dann hat, ist sie anders als man denkt.

Seit ich vor 7 Jahren mit zarten 26 in die Rolle der Teamleitung hinein gepurzelt bin, bin ich ihr nie wieder ganz entkommen. Als ich den Job wechselte, weil es mir zu stressig wurde, war ich zunächst Senior Marketing-Chick. Nach 2 Monaten saß ich auch dort in der Management-Runde. Sogar jetzt als Freelancerin ist mein größter Job langfristiges Projektmanagement. Eigentlich nehme ich mir seit Jahren vor, mal entspannt nur irgendwo dabei zu sein. Mein Problem. Vielleicht ein Ziel für 2023.

Das klingt so blasiert. Guck mal, wie geil ich bin, wie ich's drauf habe, alle wollen mich. LinkedIn-Post-Style. Aber der Twist ist dieser: Teamleitung sein ist gar nicht mal so geil, wie man denkt. Zumindest im mittleren Management ist es eine Rolle in einem Team wie jede andere – und nicht zwangsläufig die wichtigste. Ich komme aus einer Altersgruppe, wo die Transition von Karrierehans zu "Keinen Bock, Verantwortung zu übernehmen" gerade volle Möhre am Passieren war. Wie in Schwellenphasen so üblich, wollten 50% der Leute, die ich beruflich kannte durchaus sehr gern irgendwie aufsteigen. Ist okay. I get the point. Wouldn't do it if it was total crap. Was mich wunderte, waren die Gründe dafür.

Weniger erzählen, mehr zuhören

Meistens ging es ihnen gar nicht vordergründig um Kohle. Die hauptsächliche Motivation (und ich fragte immer danach) war der Glaube, man würde dann endlich richtig gestalten können. Dabei geht es im Laufe eines 8-Stunden-Tages die meiste Zeit um etwas komplett Anderes: Bock haben, sich mit den Leuten um sich herum auseinanderzusetzen. 80% der Zeit als Lead ist man eigentlich damit beschäftigt, sich die Sorgen und Nöte nicht nur seiner Teammitglieder, sondern auch des übrigen Managements anzuhören, sie verständlich weiterzugeben, die Interessen irgendwie fair zusammen zu bringen, und die Stimmung irgendwie auf Pegel zu halten. Nebenbei sitzt man wie der buddhistische Hund in der brennenden Küche zwischen irgendwelchen Zahlen, die es zu erreichen gilt. In meinen Teams haben meist die Leute selbst hervorragend gestaltet und Konzepte hervorgebracht, die ich nur ergänzt, priorisiert und schließlich nach oben hin politisch vertreten und durchgeboxt habe. Ich habe auch selbst Konzepte geschrieben. Es war nur selten Zeit dazu.

Mir macht das Spaß. Wenn ich sehe, jemand ist gut in seinem Job, dann ist es richtig cool, der Person die Steine aus dem Weg zu hieven. Es macht auch Spaß, wenn jemand noch nicht so gut in seinem Job ist, aber dann mit meiner Hilfe den Hebel findet, um seine Niesche zu finden. Ich habe das immer mit besten Wissen und Gewissen versucht. Natürlich habe ich auch nicht immer alles richtig gemacht dabei. Aber das ist es, was ich an der Rolle richtig doll mag und wofür ich gerne morgens aufgestanden bin.

Kommt es aber zur Veränderung von nervigen Prozessen und Strukturen, stößt auch ein mittleres Management an Grenzen. Ich habe oft erlebt, dass Teammitglieder nicht verstanden haben, warum sich nichts ändert, wo ich doch genau ihrer Meinung bin und Entscheidungsgewalt habe. Kämpfst du aber eine Ebene drüber allein gegen Windmühlen, kannts du nicht viel ausrichten. Leute für Change zu gewinnen, kostet Workshops, Pitches, Zeit, manchmal auch mentale Gesundheit und das Aushalten vieler Faktoren, die man nicht beeinflussen kann (in der Regel: Menschen und ihre Beziehung zueinander). An irgendetwas davon scheitert es in der Regel.

Es ist noch eine Menge mehr dahinter, und sicher sieht die Rolle in manchen Branchen ganz anders aus. Wenn man aber erwägt, sich diesen Schuh gern anziehen zu wollen, sollte man seine Motive einmal genau prüfen. Denn wer Bock auf Gestaltung, Innovation und Konzepte hat, nicht aber auf Menschen, komplizierte Politik und viel, viel Cheerleading, wird im Management nicht lange glücklich sein.

Heute nur zwei News, denn wir haben doch keine Zeit

  • Der Twitterer Marcel Mellor hat in einem sehr interessanten Thread den aktuellen Report "Buch und Buchhandel in Zahlen" zusammengefasst und fragt sich, warum niemand Alarm schlägt. So sei der Buchmarkt in den letzten 10 Jahren um ein Viertel geschrumpft, auch E-Book-Käufer:innen werden weniger und sind in der Regel über 40 Jahre alt, also von der aussterbenden Sorte (no offense). Einzig Kinder- und Jugendbüchern geht's vergleichsweise gut – das Buch wird zum Kindermedium.
  • Die Gründer von Unvergessen.de ermöglichen es Menschen, Gedenkseiten für ihre Verstorbenen anzulegen, auf denen Nachrichten und virtuelle Kerzen hinterlassen werden können. So weit, so uninnovativ. Viel spannender indes finde ich ihren Side Hustle. Denn nebenher haben sie eine Art Online Marketing-Agentur für Bestatter gegründet, die sich (wie sich leider im Stadtbild oft unschwer erkennen lässt) in der Regel jetzt nicht sooo geil mit Marketing auskennen. Auf diese Weise kommen sicherlich ein paar Partnerschaften alias Leadquellen für Unvergessen.de zusammen. Raffiniert.

Das war die 18. Ausgabe des vollkommen subjektiven Newsletters über Medien, digitales Gedöns und extrem viel Privatleben. Abonniert und empfehlt HEISE SCHEISE euren kleinen Freundinnen und Freunden! Und setzt doch bei euren Vorgesetzten mal durch, dass Deutschland eine Sommer-Siesta bekommt.