Februar. Es fehlt alles, außer der Mitte.

Ich schreibe jeden Morgen drei Seiten Tagebuch. Am Ende jedes Monats unterstreiche ich die Stellen, die ich nicht vergessen möchte. Unterstreichungen aus dem Lockdown-Februar 2021.

Das Gute an der Blockade: Ich muss keine Angst haben, dass jemandem nicht gefällt, was ich tue, weil ich einfach gar nichts tue.
Man könnte ja zur Abwechslung auch mal versuchen, sich nicht zusätzlich zu den Anderen noch selbst den Tag zu versauen.
Mein Gott hat keine Welt geschaffen oder hängt mit Jesus rum oder so. Mein Gott ist das Gefühl, wenn wir zusammen tanzen, Musik machen, etwas betrauern.
Man schafft ja doch einiges in der Pandemie, nur bleibt das Erfolge feiern aus, und wofür macht unsereins es dann noch?
Ist Deutschland bekannt für Puppenspiel? "Hallo Spencer" und die "Augsburger Puppenkiste" waren grandios! Ich muss nachschlagen. Wie hat man sowas früher nachgeschlagen? Es ging einfach nicht, man sagte dann öfter "Weiß man nicht" und so war das denn eben und weiter im Text.
Wenn ich es nicht perfekt können müsste, würde ich: weiter Spanisch lernen, Rock'n'Roll tanzen, auf Longboards tanzen, Burlesque machen, Weltreise antreten, das Musikprojekt starten, dessen Name ich seit Jahren schon weiß, Nähen. Mit dem Rad durch die Stadt und weiter, das Jahresticket abgeben, aber ich hatte diesen Unfall und jetzt trau ich mich nicht.
Ich las: Unsere Lieblingsfilme haben oft Gemeinsamkeiten, die einem selten klar sind. Sie verraten uns Motive und Schwerpunkte, die wir im Leben brauchen und nach denen wir uns sehnen. Manchmal verraten sie uns sogar, wer wir im Leben sein wollen. 5 von vielen: Almost Famous, Eternal Sunshine of the Spotless Mind, Happiness, The Boat that Rocked, Baby Driver, Scott Pilgrim versus the World. Ich weiß, was ich damit anzufangen habe. Es hat wohl viel mit Wahnsinn, Underdogs, Musik und Liebe zu tun.
Gerade könnte ich jeden Tag Selfies posten. Das zu schreiben ist mir unangenehm. Ich finde es falsch, selbstverliebt. Aber ist es nicht auch okay, sich gerade so super zu finden? Körperlich zu sein, eben nicht nur der Geist, den ich so viel benutze, dass es manchmal sirrt in den Ohren. Meistens ist mein Körper nur ein Tool, der Untersatz, der mich durch den Tag trägt. Ich bin stolz darauf, dass er meine Gedanken nicht einnimmt, mir meine Zeit nicht raubt wie so vielen. Aber so wie ich ihn nicht verurteile, feiere ich ihn auch zu selten, für das, was er noch ist. Ein Verführer, ein Aufheller, ein Trost. Ganz ohne Worte, nur mit Gesten macht er, dass manchen Leuten warm wird und manchen kalt. Er ist nicht nur eine Hülle, sondern genauso Ich wie alles, was sich drinnen abspielt. Ich werde gerne angesehen. Das habe ich in diesen Zeiten sehr bewusst bemerkt. Ich meine nicht auf die schmierige Art. Ich meine ein vetrautes Augenpaar, das meinen Blick trifft; unangespannt, sanftmütig, weil man sich kennt. Es fehlen: Momente mit Menschen, die lange einen Blick halten können, ganz unromatisch, es könnte eine gute Kollegin sein. Aber, na klar, auch die romantischen.
Wäre bereit, einen Tag lang einfach nur auf Droge durchzuziehen: Gib rein. Alle Gedanken auf Whiskey on Ice.
Ich berühre ständig. Wenn ich lache, knuffe ich dem Grund in den Arm, wenn ich ermuntere, fasse ich eine Schulter, wenn ich tröste schiebe ich mich an die Brust. Es fehlen die Freunde, die einen sanft streifen, wenn man sie passiert. Es fehlt mir, diese Freundin für jemanden zu sein.
Ein fester Blick in die Augen gelingt schlecht, wenn man bei Spaziergängen nur nebeneinander her läuft. Gespräche wirken so immer belanglos und abwesend, selbst wenn sie Tiefe haben.
Ich habe mich noch nie exzessiv in etwas ganz Bestimmtes rein verloren, brauche immer andere Zwischentöne. Bewunderung für alle, die es können; es sind doch einige. Schade? Vielleicht. So ist es eben. Vermutlich kann ich deswegen nur mit Deadlines (gut) arbeiten.
Es braucht die Extreme, im Guten wie in Schlechten, damit man das Dahingleiten über windstille Gewässer wieder genießen kann. Es fehlt: alles. Außer der Mitte.

Wie geht es dir eigentlich?