Gedanken an der Stralauer Allee, schon wieder joggend

Ich schreibe jeden Morgen drei Seiten Tagebuch. Am Ende jedes Monats unterstreiche ich die Stellen, die ich nicht vergessen möchte. Manchmal tippe ich auch einen ganzen Eintrag ab. Zum Beispiel diesen vom 2. Februar.

Beim Joggen schlug ich nach: wie fett an armen verlieren welche musiker bei universal

Ob die Mitarbeiter:innen von Coca-Cola am Wochenende fritz cola trinken? Vor den Toren des Coca-Cola-Gebäudes am Spreeufer stehen Colaautomaten. Es ist Coca-Corona, menschenleer, sie sehen einsam aus. Wann hat sich zuletzt hier jemand eine geile schwarze Limo gezogen? Vier Meter entfernt, drinnen, hinter verglasten Wänden des Bürogebäudes, gibt es Coca-Cola for free. Vorbei. Pace 5:46, ich bin gut heute. 

Die Möbel vorm nhow-Hotel sehen aus als hätte man sie in die Luft gesprengt. Die Plastikknubbel, auf denen die Hintern der Bohème saßen, sind kaputt und verdreckt.  "Das kriegen die doch nie wieder sauber", denke ich, weil ich jetzt über 30 bin. Warum haben sie die Sitzmöbel über den Winter nicht einfach reingeholt? War seit dem Kälteeinbruch einfach keiner mehr da? Hätte man die Möbel nicht verschenken können, statt sie jetzt verderben zu lassen? Na gut, schön sind sie weißgott nicht. Pace 6:30, vorbei am Universal-Gebäude. Die Universal-Kita: Ich finde Firmenkitas verstörend, aber vielleicht bin ich auch einfach zu kinderlos, um sie gut zu finden. Klar, praktisch sind sie, keine Frage. Aber dann ist da plötzlich der Gedanke: "Aber die Kleine ist doch in der Kita!", wenn du kündigen willst und dann – bleibste? Der Weg von dir zu deinem Kind nach der Arbeit reicht nicht mal, um schnell die Tränen deines stummen Rage Crys wegzuwischen, weil Sandro wieder nur alles wiederholt hat, was du im Meeting gesagt hast, nur mit anderen Worten, aber es ist nur dir aufgefallen. Am nächsten Morgen in der Kaffeeküche schaut dich Frieda aus der Buchhaltung grimmig an. Deine Tochter zieht ihren Sohn immer vom Klettergerüst, manchmal zieht sie ihm die Hosen direkt mit runter. Dass sich mehr und mehr Privatleben in die Arbeit verlagert, und dass das beklatscht wird und begrüßt, ist es, was mir daran Angst einjagt. Das Fitnessstudio und die Massage im Büro, bei Soundcloud habe ich sogar eine Werkstatt gesehen. Und einen Sauerstoffraum. Schön, gut, und dann nach dem Training um 20:30 Uhr noch mit Tom aus dem Customer Success-Team über die OKR Q3 ins Quatschen kommen. Nein. Nein. Nein.