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Gastbeitrag von Andreas Malm: Von der Gewalt des fossilen Kapitalismus

Liebe Leute!

Heute gibt es in meinem Newsletter eine Premiere, ich habe nämlich einen Gastautor: Andreas Malm. 

Er ist der Autor des Buches “How to blow up a pipeline”(2021) auf das Luisa Neubauer unlängst ironisch verwies. Im Windschatten der Schnappatmung von BLÖD & Co  darüber schafft es die Klimabewegung, schaffen es auch einige Journalist*innen, die wirkliche Frage aufzugreifen, die sie aufgeworfen hat: sind wir denn des Wahnsinns, dass wir mitten im Klimanotstand noch überall auf der Welt gigantische fossile Energieinfrastrukturen bauen, ob in Afrika, in Europa oder sonst wo? Wie groß diese ethische Fehlleistung ist, lässt sich zwar kaum darstellen, aber Andreas Malm hat es mal versucht, und zwar anhand genau der Pipeline, auf die Luisa sich bezog: Der EACOP Ölpipeline, die  2025 zwischen Uganda und Tansania in Betrieb gehen soll (siehe Karte oben).

Der untenstehende Text von Malm ist die gekürzte Übersetzung und 1. deutschsprachige Veröffentlichung eines längeren Texts, der auf französisch in einem Buch über die “Politiken des Interregnums” im März 2022 erschien.

Ich wünsche viel Wut beim Lesen.

Euer Tadzio

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Von der Gewalt des fossilen Kapitalismus

Andreas Malm

Ende Juli 2021, der Planet verwandelt sich in eine brennende und/oder absaufende Hölle. Eine Studie von Daniel Bressler zeigt, wie CO2-Emissionen den Tod von Menschen verursachen. Steigende Temperaturen führen zu mehr Todesfällen. Der Wissenschaftler hinter der Studie hatte einen Weg gefunden, zu berechnen, wie viele Menschenleben für den Rest dieses Jahrhunderts durch eine Million Tonnen CO2-Emissionen aus dem Jahr 2020 ausgelöscht würden: 226 Leben. Dreieinhalb Amerikaner*innen würden durch ihren lebenslangen Konsum Emissionen verursachen, die ausreichen, um ein Leben zu beenden, während es in Nigeria 146 Menschen dafür bräuchte. Je mehr Sie konsumieren und emittieren, desto mehr Menschen sterben aufgrund Ihrer Handlungen. Klingt gewalttätig? Ist es auch. 

Diese Zahlen sind wahrscheinlich eher eine Unterschätzung, da sie nur die Sterblichkeit durch eine einzige Klimagefahr berücksichtigen: Überhitzung. Todesfälle durch Überschwemmungen, Sturmfluten, Wirbelstürme, Infektionskrankheiten, Dürre und Schocks bei der Nahrungsmittelversorgung oder andere Folgen der globalen Erwärmung wurden nicht berücksichtigt. Zweitens müssten die Zahlen nach oben korrigiert werden, weil sich die Klimakrise im Laufe der Zeit verschärft. Letztens: sind daran wirklich individuelle Konsumentscheidungen schuld? Der Studienautor dazu: “Unsere Emissionen sind in hohem Maße eine Funktion der Technologie und der Kultur des Ortes, an dem wir leben". Und nicht jede Verbraucherin - nicht einmal in den USA – hat die Macht, zu bestimmen, welche Technologien in der Kultur, in der wir leben, genutzt werden.

Zum Beispiel die East Africa Crude Oil Pipeline, kurz EACOP. Der Bau dieser Pipeline ist jetzt, Ende 2021, im Gange. Es wird die längste beheizte Ölpipeline der Welt sein, die sich von den Ölfeldern um den Albertsee an der Grenze zur Demokratischen Republik Kongo durch Uganda und Tansania bis zur Küste erstreckt. Die Pipeline wird 230 Flüsse überqueren, 12 Waldreservate durchschneiden, durch mehr als 400 Dörfer verlaufen und schätzungsweise 100.000 Menschen von ihrem Land vertreiben; aber lassen wir die Gewalt, die während des Baus ausgeübt wird, mal beiseite, und konzentrieren uns stattdessen auf das Endprodukt: das Rohöl selbst. Die EACOP soll 216.000 Barrel pro Tag auf den Weltmarkt befördern. Der Hauptakteur hinter dem Projekt - und auf den Feldern um den Albertsee - ist Total, das viertgrößte private Öl- und Gasunternehmen der Welt.

Nehmen wir nun Bresslers "Sterblichkeit durch CO2" - 226 Menschenleben - und multiplizieren sie mit der Gesamtmenge an Tonnen CO2, die durch das von EACOP geförderte Öl ausgestoßen werden. Das Ergebnis? Wenn die EACOP in Betrieb ist, wird sie jedes Jahr den Tod von 7.661 Menschen verursachen. Da die Modellierungsannahmen dieselben sind wie in der Studie von Bressler, ist die Schätzung äußerst niedrig. 7.661 Tote pro Jahr wären ein unrealistisches, absolutes Minimum. Wer ist für die Planung dieses Massensterbens verantwortlich? Ist es die durchschnittliche Pendler*in in den USA oder Frankreich? Oder sind es eher die Eigentümer*innen von Total, ihre Partner und Unterstützer, einschließlich Präsident Emmanuel Macron, der diese Gelegenheit zur "Verstärkung der französischen Wirtschaftspräsenz" in der Region aktiv unterstützt hat? Eins ist klar: Fossile Brennstoffe, die aus dem Boden geholt werden, sollten als Geschosse betrachtet werden, die wahllos auf die Menschheit abgefeuert werden, vor allem auf den Teil von ihr, der im globalen Süden lebt.

Klingt radikal, ist aber so. Die Förderung von Rohöl hat nur einen einzigen Zweck: es soll verbrannt werden. Total würde niemals auch nur einen Tropfen Öl aus den Feldern rund um den Albertsee fördern, wenn man nicht davon ausginge, dass es direkt zu Öfen in der ganzen Welt transportiert werden könnte - genau dafür ist die Pipeline da. Und das Vorhandensein von Öl auf dem Markt ist eine Funktion der Förderung. Die große Menge an fossilen Brennstoffen aus den Feldern am Lake Albert - eine der größten Reserven in Afrika südlich der Sahara - wird nur deshalb in die Verbrennung gelangen, weil Total dort nach Öl gebohrt hat. So werden diese Geschosse abgefeuert.

Fossile Brennstoffe töten Menschen, und zwar in umso größerer Zahl, je länger der "Business-as-usual"-Modus anhält. Tausend Tonnen Kohle, die 1850 gefördert wurden, oder Fässer Öl, die 1950 gepumpt wurden, verursachten noch keine messbaren Todesfälle, weil die Atmosphäre noch nicht mit CO2 übersättigt war. Sobald dies der Fall ist, wird die tödliche Wirkung jeder zusätzlichen Menge an fossilen Brennstoffen tendenziell zunehmen.

Natürlich: Jemand, der Kohle oder Öl fördert, sei es im Jahr 1850 oder im Jahr 2050, tut dies sicherlich nicht in der Absicht, Leben zu beenden. Das Ziel ist ein anderes: Geld zu verdienen. Sobald jedoch bekannt wird, dass diese Form des Geldverdienens tatsächlich viele Menschenleben fordert, wird klar: Von nun an sind Massenopfer ein de facto akzeptiertes Ergebnis der Akkumulation von Kapital. “Wenn Sie etwas tun, das jemanden verletzt, und Sie sind sich dieser Tatsache bewusst, dann tun Sie es mit Absicht", sagte Staatsanwalt Steve Schleicher in seinem Schlussplädoyer gegen Derek Chauvin, der später für den Mord an George Floyd verurteilt wurde. Mutatis mutandis gilt dies auch für die Produktion fossiler Brennstoffe. Mit jedem Jahr, das vergeht, wird sie tödlicher und zielgerichteter: Sie wird zu einer Form systematischer Gewalt.

Dieser Prozess ist schon seit einiger Zeit im Gange. Eine der aufsehenerregendsten Erkenntnisse der Klimageschichte im Jahr 2021 war die Entdeckung, dass Total bereits 1971 von den "katastrophalen Folgen" einer steigenden CO2-Konzentration in der Atmosphäre wusste. Ein halbes Jahrhundert lang hat das Unternehmen etwas getan, das Menschen schadet, und war sich dieser Tatsache bewusst. Es hat verschiedene Strategien verfolgt, um mit den Tatsachen umzugehen: Es hat sie erforscht, von ihnen erfahren, sie in der Öffentlichkeit geleugnet, sie dann heruntergespielt und sich selbst als Lösung für das Problem angeboten, zuletzt durch die Umbenennung in Total Energies, ein Name, der ein vermeintliches Interesse an anderen Brennstoffen als Kohlenwasserstoffen impliziert.

Wir erkennen hier zwei widersprüchliche Tendenzen. Während Total - wie der größte Teil der fossilen Brennstoffindustrie - von offener Leugnung zu nomineller Akzeptanz klimawissenschaftlicher Erkenntnisse übergegangen ist, von Feindseligkeit gegenüber dem Klimaschutz zum scheinbaren Bestreben, Klimaschutz zu betreiben, werden die Produkte, die das Unternehmen weiterhin herstellt, von Jahr zu Jahr zerstörerischer. Dies ergibt sich wiederum aus dem ABC der Wissenschaft: Je länger fossile Brennstoffe aus dem Boden geholt werden, desto tödlicher werden sie. Die Begrünung der Fassade und die wohlklingende Rhetorik gehen einher mit einer expandierenden Förderung der brutalen Substanz. 2021 rühmte sich Total, 3 Millionen Barrel Öl pro Tag zu fördern. Geht man von Bresslers Annahmen aus, würde dies bedeuten, dass Total in diesem einen Jahr 106.412 Menschen zum Tode verurteilt hat; aber auch diese Zahl gibt nur einen groben Eindruck von den Größenordnungen, um die es hier geht.

Aber ist Total nicht gerade dabei, sich von Öl und Gas abzuwenden? Untersuchungen aus dem Jahr 2021 haben gezeigt, dass dieses Unternehmen, ebenso wie seine Konkurrenten in der Branche, seine Investitionen in fossile Brennstoffe keineswegs aufgibt, sondern im Gegenteil sogar noch ausbaut. Der Grund dafür ist einfach: Fossile Brennstoffe werfen weitaus höhere Gewinne ab als erneuerbare Energien. Letztere werden immer billiger - die Menschheit würde Milliarden von Dollar sparen, wenn sie die Weltwirtschaft ausschließlich mit Erneuerbaren versorgen würde: Fossile Brennstoffe sind überflüssig - aber erneuerbare Energien werfen weniger Gewinn ab als teures Öl und Gas. Projekte in Ostafrika, Angola und Brasilien, für die Total im Jahr 2020 grünes Licht erhalten hat, würden einen erwarteten Gewinn zwischen 15 und 20 Prozent erwirtschaften, verglichen mit etwa 4 oder 5 Prozent für Wind- oder Solaranlagen. Nichts deutet darauf hin, dass Total und andere Akteure in diesem Bereich der Kapitalakkumulation dieser anhaltenden Versuchung widerstehen werden. Damit würden sie nämlich ihre Existenzgrundlage infrage stellen.

Zwei Schlussfolgerungen drängen sich daher auf. Erstens: Unternehmen wie Total sollten als kriminelle Vereinigungen betrachtet werden, die Massenmord und die Zerstörung des Planeten nicht nur billigend inkauf nehmen, sondern planen. Zweitens: Sie sollten verstaatlicht werden. Im Falle von Total sollte der französische Staat das Unternehmen sofort enteignen und die Öl- und Gasproduktion innerhalb von, sagen wir, fünf Jahren auf Null zurückfahren. Klingt extrem? Aber echter Klimaschutz bedeutet per Definitionem ein Ende des Privateigentums an fossilen Brennstoffen. Es kann Unternehmern nicht mehr erlaubt werden, Kohle oder Gas oder Öl zu fördern und zur Verbrennung zu verkaufen, genauso wenig wie sie Sarin oder Senfgas vermarkten dürfen.

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Übersetzung aus dem Engl.: Tadzio Müller

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