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Nicht von der Kunstfreiheit gedeckt, oder: Erzeugt Gewalt wirklich Gegengewalt?


Liebe Leute,

Ihr habt es vielleicht mitbekommen, gegen mich läuft gerade ein rechtsradikaler Shitstorm auf Twix und in anderen (sozialen) Medien: Julian Reichelts Hetzkolonne NiUS und die Junge Freiheit (Öffnet in neuem Fenster), die AfD NRW und andere rechte Influencer haben aus einem meiner Videos (Öffnet in neuem Fenster) von der großen #WirSindDieBrandmauer-Demo einen Clip herausgeschnitten, in dem ich folgendes sage:

Gegen Faschismus kämpfen, heißt nicht nur demonstrieren. Gegen Faschismus kämpfen heißt auch, Faschisten aufs Maul hauen. Wenn Ihr seht, wie Faschisten Uns (meinen Ehemann und mich) belästigen, People of Color belästigen, Frauen dumm anmachen, dann könnt Ihr nicht einfach sagen 'hört mal auf', dann müsst Ihr da hingehen, denen die Nase blutig schlagen, und sagen 'Ihr seid Drecksfaschisten, wenn Ihr das nochmal macht, dann treten wir Euch die Birne ein...”


Was kommt nach dem Demos?

Hmmm... Tja... Also: klar, die Frage ist wichtig, aber klug und... zur Diskussion einladend formuliert war das nicht. Ich stand einerseits unter dem Eindruck einer emotional und physisch extrem anstrengenden Woche (Öffnet in neuem Fenster), und andererseits unter dem Eindruck einer ganzen Reihe von Gesprächen mit schwulen Männern, viele von ihnen mit Migrationshintergrund, in denen wir uns immer wieder über unsere steigende Angst vor faschistischer Alltagsgewalt unterhielten. Ich hätte vermutlich auch einfach mal die Klappe halten können. Aber als wir dann aber auf der Demo ankamen, war ich erstens zwar sehr dankbar, dass so viele Menschen auf der Straße waren, um sich der AfD und dem neuen Faschismus entgegenzustellen; mich überkam aber auch eine Angst, die sich daraus speiste, wie die “humanistische Mitte”, die sich dort gerade aufstellte, sich in der Klimafrage verhalten hatte: da ging man auch mal zu ein paar Demonstrationen (ich meine die großen Klimastreiks von FFF 2019), hoffte, dass das Problem regierungsoffiziell gelöst werden würde, und war dann überrascht, dass trotz großer Demos nie irgendwas passierte.

Natürlich ist die Klimafrage ganz anders strukturiert (Öffnet in neuem Fenster), als die Frage des Antifaschismus, aber die Sorge, dass sich das Bürgertum wieder in seinen Normalzustand der gesellschaftspolitischen Nichtaktivität zurückziehen würde, die ist nicht nur bei mir ausgeprägt. Und diese “Nichtaktivität” ist eben kein abstraktes, sondern ein Alltagsproblem: Nazis, Faschisten, Arschlöcher, sind nicht nur ein elektorales Problem, das vorbei ist, wenn wir es schaffen, die AfD bei den drei Landtagswahlen dieses Jahr von der Regierungsmacht fernzuhalten (so wichtig dieses Ziel auch ist). Der Faschismus kämpft um gesellschaftliche Hegemonie ebenso wie die physische Kontrolle über “die Straße”. Genau darum, und wie wir – das gesellschaftliche “Brandmauer-Bündnis” darauf regieren, wird es in diesem Text gehen.


Die Verdrängung der Gewaltfrage

Ich weiß, viele von Uns möchten über diese Frage – was passiert nach den Demos, wenn sie dann dereinst abflauen, wie sie es mit absoluter Sicherheit tun werden? - nicht allzu hart nachdenken, denn die wahrscheinlichen Szenarien sind eher ernüchternd. Die implizite Hoffnung scheint zu sein, dass die großen Demos irgendwie den Faschisten signalisieren, dass sie halt keine Mehrheit sind, und dass die existenzielle Bedrohung unserer Leben und der Demokratie so abzuwenden sei. Dann müssen wir Uns nämlich nicht die Frage stellen, wie wir handeln, wenn die Nazis irgendwann anfangen, ihre Kampfsportkenntnisse gegen Uns auszuspielen, wenn sie ihre gebunkerten Waffen irgendwann auf Uns richten. Wenn wir sehen, wie vor Unseren Augen jemand zu Tode geprügelt wird, und die Cops, auch wenn sie helfen wollen (würden), nicht schnell genug da sein könnten.

Aber das ist natürlich Alles ganz unangenehm, denn während wir als gebildete Gesellschaft natürlich unterbewusst wissen, dass Unser relativer materieller Wohlstand jeden Tag durch Gewaltverhältnisse überall auf der Welt aufrechterhalten wird (von Minen im Kongo zum organisierten Sterben im Mittelmeer), lehnen wir “Gewalt” immer “aus Prinzip” ab. Dabei wird sie ständig und überall auch in Unserem Interesse ausgeübt, nur wird sie üblicherweise Anderen von Anderen angetan (vgl. Ukraine).

Gerade deswegen, weil wir oben auf einer Pyramide von Gewaltverhältnissen leben, müssen wir jede praktische Auseinandersetzung mit der Frage, ob wir bereit und in der Lage sind, selbst für die Aufrechterhaltung Unserer Lebensverhältnisse (und jetzt meine ich damit mal die demokratischen) Gewalt anzuwenden, tunlichst vermeiden, ein Bisschen, wie Fleischesser*innen sich nur sehr ungern mit den Strukturen und Prozessen auseinandersetzen, die es ermöglichen, dass all das leckere Tier auf Unseren Tellern landet.


Nicht von der Kunstfreiheit gedeckt

Vielleicht hätte ich meine Punkte singen sollen, dann wären sie eventuell von der Kunstfreiheit gedeckt gewesen, und zwar nicht vor Gericht, sondern in Eurer Wahrnehmung. Denn auch bei genauerem Hinhören krakeele ich da nix in die Kamera, dass Danger Dan nicht schon sehr, sehr viel eloquenter gesungen hat:

Faschisten hören niemals auf, Faschisten zu sein
Man diskutiert mit ihnen nicht, hat die Geschichte gezeigt
Und man vertraut auch nicht auf Staat und Polizeiapparat
Weil der Verfassungsschutz den NSU mit aufgebaut hat
Weil die Polizei doch selbst immer durchsetzt von Nazis war
Weil sie Oury Jalloh gefesselt und angezündet haben
Und wenn du friedlich gegen die Gewalt nicht ankommen kannst
Ist das letzte Mittel, das uns allen bleibt, Militanz

Das Argument ist also: Faschisten sind per se gewaltbereit; die Erfahrung zeigt, dass diese Gewalt auch in den Sicherheitsapparaten verankert ist, diese unter Umständen selbst faschistische Gewalt ausüben; es ist daher nicht ausreichend, die “Gewaltfrage” im Kampf gegen den Faschismus mit dem Verweis auf das staatliche Gewaltmonopol auszulagern, sprich, zu verdrängen. Wenn wir friedlich, zum Beispiel mit Großdemos, nicht gegen die Gewalt ankommen, ist das letzte Mittel, das uns allen bleibt, Militanz. Oder auch: antifaschistische Gegengewalt. Oder auch: “dann müsst Ihr da hingehen, denen die Nase blutig schlagen, und sagen 'Ihr seid Drecksfaschisten”.


Nazis und Gewalt

Es wirkt fast ein Bisschen redundant, weil wir Alle wissen, dass Nazis gewalttätig sind, dass der Faschismus ein gewaltverherrlichender Todeskult ist, aber – wie üblich bei Verdrängtem – vergessen wir das gerne immer wieder, denn sonst müssten wir uns ja mit dem oben geschriebenen auseinandersetzen. Daher hier nur eine kurze, unvollständige Liste des Gewaltproblems Faschismus:

Ich könnte mit dieser Aufzählung ad nauseam weitermachen, aber es muss klar sein: beim Faschismus handelt es sich um eine politische Bewegung, die Gewalt als notwendig mitdenkt, diese organisiert, sich auf Ihr alltägliches und massenhaftes Ausüben aktiv vorbereitet. Dazu noch ein letztes Schmankerl, diesmal aus der Jungen Alternative, der militant-faschistischen Jugendorganisation der AfD: bei einem Treffen diskutierte die JA über “Arbeitslager für Migranten und Juden”, dabei fiel folgender Satz: “Es braucht eine gewisse Gewaltbereitschaft im deutschen Volk (Öffnet in neuem Fenster)”.



Nur Offene Fragen

Mit der faschistischen Gewalt, und der Notwendigkeit, sich darauf vorzubereiten, u.a., indem man die Fähigkeit entwickelt, sich selbst und Andere zu verteidigen – sowohl im Alltag, wie unter Umständen auch bei großen Events wie CSDs, die in immer mehr Kleinstädten von Rechten angegriffen werden – ist es ein Bisschen wie mit dem ökologischen Kollaps: klar ist es viel, viel angenehmer, sich nicht damit auseinanderzusetzen, dass es natürlich genau so kommen wird, dass die Faschisten immer mehr Gewalt anwenden werden (“Faschisten hören niemals auf...”), und dass wir darauf antworten werden müssen. Denn darüber nachzudenken, würde ja unser empirisch eigentlich abstruses “Gewalt ist nie eine Lösung”-Dogma in frage stellen, dass nicht existiert, um die Realität zu beschreiben, sondern, um uns vor einer Realität zu schützen, in der alltäglich Gewalt ausgeübt wird, damit wir so leben können, wie wir es tun.

Diese aber selbst auszuüben: nein. Das wäre... nicht aufgeklärt. Das wäre nicht bürgerlich. Das wäre... nicht Gut. Und darum geht es ja in der politischen Praxis der Mitte meist: sich nicht scheiße fühlen zu müssen. Da überlässt man das Prügeln doch lieber “der Antifa”, auf die man dann gleichzeitig ein Bisschen haten kann, denn die sind ja auch so pöse extremistisch.

Sheesh. Come on, bürgerliche Mitte. Du hast jetzt den Arsch hochbekommen, um zu demonstrieren, und das ist ein guter Anfang. Mehr ist es leider noch nicht. Und die Beweislast steht hier historisch gegen Dich. Es liegt also an Dir, zu beweisen, dass Du das mit dem Kampf für die Demokratie und gegen den Faschismus ernst meinst, in dem Du am Ball bleibst. Auch dann, wenn den Ball flachhalten nicht mehr ausreicht; auch dann, wenn der Ball mal getreten werden muss.

Mit vielfältig-antifaschistischen Grüßen,


Euer Tadzio

2 Kommentare

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