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Der entmenschlichte Mann

Wie Gesellschaft und Gehirnanatomie den Mann seiner Gefühle berauben

Diese Woche las ich einen sehr guten Blogartikel (Öffnet in neuem Fenster) über die – vorsichtig ausgedrückt – schlechte körperliche und psychische Selbstwahrnehmung von Männern. Es ging darum, dass viele Männer nicht spüren, wenn es Körper oder Seele schlecht geht, oder nicht wissen, wie sie das Problem adressieren können. Diesen wirklich guten Artikel möchte ich um einige eigene Beobachtungen und Überlegungen ergänzen.

Für eine gewisse Selbstfürsorge müssen drei Voraussetzungen erfüllt sein: ich muss spüren, dass es mir schlecht geht (Wahrnehmung), ich muss die negative Empfindung zulassen (Akzeptanz) und ich muss sie beschreiben, um Hilfe zu finden (Verbalisierung). Ist eines davon nicht gegeben, bleibt das Problem unbehandelt.

Ich mache es kurz: Bei vielen Männern steht es schlecht um die Selbstfürsorge. Sie gehen nur dann zum Arzt, wenn es gar nicht mehr anders geht, zur Vorsorge und zur Psychotherapie nach Möglichkeit gar nicht. Die Deutsche Gesellschaft für Mann und Gesundheit stellt fest, dass es häufig eher der Partnerin eines Mannes (Öffnet in neuem Fenster) auffällt, dass mit ihm etwas nicht stimmt, als dem Mann selbst.

Wie bei vielen menschlichen und geschlechterspezifischen Verhaltensweisen spielen auch hier sowohl kulturelle als auch biophysische Faktoren eine Rolle, die zum Nachteil der Männer, aber auch der ganzen Gesellschaft ineinandergreifen.

Rechte Hälfte, linke Hälfte

Es gibt viele Hinweise darauf, dass die Gehirne von Männern und Frauen (Öffnet in neuem Fenster) unterschiedlich arbeiten. Keines arbeitet besser oder schlechter, sondern einfach unterschiedlich. Evolutionär ergibt das Sinn, denn wie bei vielen anderen Säugetieren gibt es geschlechtsspezifische Unterschiede in den täglichen Anforderungen und die Gehirne haben sich auf diese Anforderungen spezialisiert. Die Geschlechterstereotype, die die männliche Zivilisation daraus abgeleitet hat, dürften hinlänglich bekannt sein, so dass ich sie hier nicht noch einmal aufführe. Stichwort Männer rational, Frauen weich.

Für die Selbstfürsorge nun ist Sprache entscheidend. Wir müssen uns oder anderen beschreiben können, was uns quält, um Hilfe zu bekommen. Ein wichtiger Faktor bei der Entwicklung von Sprache ist die Kommunikation zwischen der linken und der rechten Gehirnhälfte (Öffnet in neuem Fenster). Und hier finden wir geschlechtsspezifische Unterschiede (Öffnet in neuem Fenster). Bei Frauen sind die beiden Hirnhälften besser vernetzt als bei Männern, sie haben daher auch mehr Möglichkeiten, sich mitzuteilen. Männern fehlen dagegen oft die Worte, ihr Befinden zu indentifizieren und zu verbalisieren.

Ich hatte im letzten Jahr eine kurze Romanze mit einem Mann, der oft wirkte wie zwei Persönlichkeiten. Die eine Seite war fast rein deskriptiv, er befasste sich mit der Beschreibung von Ereignissen, nicht seinen Gefühlen dabei. Die andere Seite war emotional so facettenreich wie ich es selten bei einem Mann erlebt habe. Er analysierte seine Gefühle in einer ungeheuren Tiefe und Klugheit. Als ich ihn darauf ansprach, wie verschieden er in sich ist und wie gern ich den emotionalen Teil öfter in unsere Gespräche bringen würde, sagte er, dass das für ihn anstrengend sei, weil er sich sehr konzentrieren müsse, um auf diesen Teil zuzugreifen. Erst als ich mir die Eigenheiten der beiden Gehirnhälften vor Augen führte, ahnte ich, was er damit meinte.

Es gibt demnach also eine tatsächliche physische Hürde, die es Männern erschwert, ihr Inneres wahrzunehmen und zu verbalisieren. Das bedeutet aber nicht zwingend, dass diese Hürde unabänderlich ist. Unsere Gehirne werden beinahe während des ganzen Leben um- und ausgebaut. Im Kindesalter geht das schneller und leichter als als Erwachsene, aber auch dann kommen immer noch Nervenverbindungen hinzu. Damit sich Synapsen bilden, müssen wir unser Gehirn fordern.
Und hier kommen sozio-kulturelle Einflüsse ins Spiel.

Der harte Hund

Nehmen wir an, das männliche Gehirn neigt tatsächlich bei der Geburt dazu, eher äußere als innere Entwicklungen wahrzunehmen. Da die männliche Zivilisation in der Regel männliche Eigenheiten verstärkt und weibliche unterdrückt, wird dieses "Außen vor Innen" betont. Zukunftsvisionen für kleine Jungen beinhalten oft große Berufe – Astronaut, Erfinder, Feuerwehrmann – also eher Tun (außen) als Sein (innen). Für kleine Mädchen sehen wir eher eine Zukunft als Prinzessin, also bloßes Sein statt Tun. Bereits hier fängt die Prägung hin zu toxischer Männlichkeit an.

Prägung ist ja ein perfides Ding, weil sie weniger aktives Erziehen und mehr subtiles Einschleichen ist. Verbringt der Vater Zeit mit seinem Sohn, geht es zum Fußballspielen, Angeln, Klettern, kurz: Aktivitäten. Tun, nicht sein. Außen, nicht innen. Ein Vater, der vor den Ohren des Sohnes nie (mit wem auch immer) über seine Gefühle spricht, sich nie weich, zärtlich, "schwach" zeigt, kann seinem Sohn zwar sagen, dass der über Gefühle sprechen soll, dass es okay ist, schwach zu sein usw., aber der Sohn wird dennoch eine andere Lebensweise verinnerlichen.

Viele der heute erwachsenen Männer haben außerdem gelernt, dass ein Ind*aner keinen Schmerz kennt, und Lob und Anerkennung für Tapferkeit bekommen, also dafür, dass sie einer schmerzhaften Empfindung nicht nachgegeben, sondern Leistung erbracht haben. Diese Männer haben gelernt, sich seelischen und körperlichen Schmerz zu verbeißen, stets zu funktionieren, bis es nicht mehr geht. Dieses "bis es nicht mehr geht" ist der Schlüssel zur männlichen Selbstwahrnehmung. Die meisten glauben, eine Therapie ist nur etwas für Leute, die im Pinguinkostüm herumrennen und sich für Napoleon halten. Ein Krankenhaus ist etwas für Leute, denen Gliedmaßen fehlen oder bei denen Organversagen droht. (Kleiner Lol-Fact: Meine Mutter erzählte mir letzte Woche, mein Vater habe sich Anfang der 70er mit gebrochenem Fußgelenk gegen den Rat der Ärzte nach nur wenigen Tagen selbst aus der Klinik entlassen.)

Wir erziehen also, bewusst oder unbewusst, Jungen zur emotionalen Oberflächlichkeit, zur gefühlsmäßigen Isolation. Das hinterlässt Spuren. Der auf die Behandlung von Männern spezialisierte Therapeut Björn Süfke stellt fest, dass viele Männer oft keine tiefe Freundschaften haben. Sie treffen sich zwar regelmäßig mit Kumpels und Kollegen, reden sich dabei auch den Mund fusselig – aber es geht oft nur um Unpersönliches: Projekte, Sportergebnisse, Hobbies. Wenn überhaupt, ersetzt die Partnerin eine echte Freundschaft und die ist im Fall einer Trennung auch futsch (Öffnet in neuem Fenster).

Der wortkarge, emotional an niemanden gebundene Einzelgänger, der sein Leben in vollkommener Unabhängigkeit verbringt, gilt in der männlichen Zivilisation als irgendwie cool. Sie bewundert gefühlarme, funktionierende Männer, so dass aus einem schädlichen Einfluss ein positives Selbstbild wird. Männer wollen stark und unabhängig und stets Herr der Lage sein. So sehr, dass selbst solche, die ahnen, dass innen drin etwas nicht okay ist, es nicht wahrhaben wollen. Sie leugnen ihre eigene Schwäche. Vor anderen sowieso, aber mitunter auch vor sich selbst.

Die Härte (positiv als Mut, Tapferkeit, Leistungsfähigkeit verbrämt), zu der wir Jungen mitunter unbeabsichtigt erziehen, führt zu Männern, die ihr Leben nur mit Drogen oder häufiger noch Alkohol ertragen oder gar nicht. 75% der Alkoholtoten in Deutschland sind Männer. 75% der Suizidtoten sind Männer. Die Tragödie hinter diesen Zahlen kann man nicht deutlich genug anklagen. Sich Hilfe zu suchen, über ihre Probleme zu sprechen und damit die Korrektur des positiven Selbstbildes, ist für diese Männer eine so unüberwindbare Hürde, dass sie sich lieber das Leben nehmen. Das macht mich nicht nur fassungslos, sondern auch sehr betroffen.

Reden lernen

Jungen müssen vorgelebt bekommen, dass nicht nur Tun (außen) zu Anerkennung und Liebe führt, sondern auch Sein (innen). Das Ignorieren körperlicher und seelischer Warnzeichen dürfen wir nicht als Tapferkeit beschönigen und durch Lob verstärken. Um den Blick nach innen zu lernen, könnte man kleine Jungen doch auch regelmäßig fragen, wie sie sich fühlen. Statt sie immer nur zu Aktivitäten zu schleppen, könnte man – zum Beispiel im Rahmen einer liebevollen Kuschelstunde - Räume schaffen, in denen sie innehalten, einfach sein und nach innen schauen können und dürfen.

Damit im Erwachsenenalter anzufangen, ist möglich, aber ungleich schwerer. Es gibt einige Techniken, etwa Yoga, Autogenes Training oder Progressive Muskelentspannung, mit denen man nicht nur Entspannung, sondern auch eine bessere Innenwahrnehmung erreichen kann. Aber um sich darauf einzulassen, müssen Männer ihre eigene schlechte Wahrnehmung erst einmal sehen. Sie müssen mindestens vermuten, dass sie in sich ausgedehnte weiße Flecken haben, die zu erkunden sich lohnt. Weil es ihnen ermöglicht, tiefere Verbindungen einzugehen und in Krisenzeiten Freunde – wirkliche Freunde – als Unterstützung zu haben.

Denn dass sich Männer Wärme, Hilfe und Liebe wünschen, steht außer Frage. Vor ein paar Jahren tauchte in den sozialen Medien ein Video (Öffnet in neuem Fenster) auf, in dem eine weibliche Nutzerin ihre männlichen Follower fragte, wen sie anrufen würden, wenn es ihnen richtig schlecht geht. Die einhellige Antwort lautete "Niemanden". Einige der antwortenden Männer hatten dabei Tränen in den Augen. Sie erklärten ihre Isolation damit, dass es niemanden interessiere, wie es ihnen geht. Natürlich steckt darin viel narzisstischen Anspruchshaltung und auch viel Selbstmitleid, aber eines stimmt ganz sicher: Wenn man kleine Jungen immer nur zu Aktivitäten schleppt, sie zum Tun ermutigt und das Sein vernachlässigt, dann entwickeln sie eben die Überzeugung, dass das Innen im Vergleich zum Außen für die Gesellschaft bedeutungslos ist. 

Wir lernen gerade erst, dass eine menschenfreundliche Welt auch und vor allem mit der Erziehung der Jungen zu tun hat. Weil aus der spielerischen Härte eines Jungen irgendwann die todernste Härte eines Mannes wird, der sich und anderen keine Schwäche durchgehen lässt. Und eine Welt, die von solchen Männern und damit ihrem Selbstbild und ihren Werten regiert wird, bietet absolut niemandem ein lebenswertes Leben.

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Kategorie Geschlechter
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