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Über die Ungeduld

Ich bin ungeduldig. Ich kann es kaum erwarten. Dich, mich, es. Ich will, dass es losgeht. Du, ich, es. Warum warten? Let's did it. 3, 2, 1, go!

Und dabei besteht das Leben aus Warten. Warten auf den nächsten Tag, warten auf die nächste Mahlzeit, warten auf die nächste Folge, warten auf Weihnachten (als Kind), warten aufs Wochenende (als Erwachsene), warten aufs Einschlafen, warten aufs Aufwachen. Warten auf seine oder ihre Antwort. Warten auf ein Ergebnis. Warten auf Besserung.

Ich verstehe Menschen, die das Gefühl haben, nicht warten zu können. Carla Rochel zum Beispiel. Ich schaffe es nicht, daneben zu stehen und zuzusehen, sagt sie. Und meint die Klimakrise, gegen die politisch zu wenig getan wird. In einer Talkshow erklärt sie ihre Ungeduld und warum sie sich für zivilen Ungehorsam entschieden hat.

Carla Rochel klebt sich auf Straßen, weil sie ungeduldig ist. Weil sie nicht mehr warten kann und will, dass sich etwas verändert. Weil sie weiß, dass wir nicht mehr warten können, wenn wir wollen, dass auch die Kinder unserer Kinder noch gut leben können auf diesem Planeten.

Ich glaube, Ungeduld ist der Anfang von Veränderung. Ganz bestimmt auch Unzufriedenheit, manchmal auch Wut. Aber Ungeduld ist immer mit dabei. Wenn du nicht mehr warten kannst und wenn du nicht mehr warten willst. Wenn du dann doch diesen einen Schritt weiter gehst, vielleicht einen Text schreibst, eine Demo organisierst, zu einer Demo gehst, mit deinen Freund*innen sprichst, einem Abgeordneten eine Mail schreibst, Geld spendest, den Mitgliedsantrag einer Partei ausfüllst oder dich mit Sekundenkleber auf eine Straße klebst. 

Ungeduld geht vielen Menschen mit dem Erwachsenwerden verloren. Je älter wir werden, desto geduldiger sollen wir werden. Dabei haben wir doch immer weniger Zeit!

Kinder sind ungeduldig. Sie wollen das (Eis, Chips, Kino, Serie) jetzt sofort und akzeptieren keinen Grund fürs Warten. Warum auch? Das Bedürfnis ist da, jetzt. Warum muss es warten? 

Einer meiner liebsten Autor*innen, Rainer Maria Rilke, hat Über die Geduld geschrieben:

Man muss Geduld haben.

Mit dem Ungelösten im Herzen, und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben, wie verschlossene Stuben, und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind.

Es handelt sich darum, alles zu leben. Wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleicht allmählich, ohne es zu merken, eines fremden Tages in die Antworten hinein.

Ich mag das Gedicht. Sehr sogar. Aber die Geduld nicht. Und ich glaube auch nicht, dass wir sie alle lernen müssen. Dass wir immer geduldig sein müssen. Man kann auch Ungeduld haben mit dem Ungelösten im Herzen. Für mich gehört das dazu, zum alles leben. Auch die Ungeduld und die Dringlichkeit.

Ein anderes Wort für Ungeduld: Aufbruchsstimmung. Die Veränderung ist mit den Ungeduldigen. Die Veränderung ist für die Ungeduldigen. Die Veränderung kommt durch die Ungeduldigen. 

Danke, dass ihr so viel Geduld hattet mit mir und diesem Newsletter. Obwohl ich in der vergangenen Ausgabe über Pausen geschrieben habe, hatte ich nicht vor, so eine lange zu machen. Aber, nun ja, VerKeinbarkeit und ein Buch. Ich schreibe euch jetzt wieder öfter, von Ungeduld und anderen Gefühlen. Was macht dich ungeduldig?

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