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Von Pausen und Privilegien

Wieder einen Tag bei 35 Grad im Home Office überlebt. Wieder ein Tag, an dem Home Office ein Privileg ist. Wieder ein Tag, an dem viele Menschen schlecht bezahlter Arbeit nachgehen müssen, auf Straßen, auf Fahrrädern, in (oft nicht klimatisierten) Krankenhäusern oder auf Feldern. Wieder ein Tag, an dem ich neben ein paar festen Terminen Pause machen konnte, wann ich wollte. Wieder ein Tag, an dem pflegende Angehörige von Pause nur träumen können. 

Ein Tag, an dem ich einen Podcast höre, in dem gesagt wird: Es ist wichtig, Pause zu machen. Was ist das eigentlich, eine Pause? Es ist das Unterbrechen des Tuns, kombiniert mit einem Loslassen des Tuns. Allerdings: Das Leben macht keine Pause. Das Leben geht weiter. Für viele Menschen besteht das Leben aus so viel Arbeit, dass für eine Pause kein Platz bleibt. 

Ein Tag, an dem das Kollektiv der Arbeiter bei Lieferando in Berlin twittert: "Heute 35 °C, morgen 38°C. @Lieferando, wann wird der Betrieb eingestellt? Wir fahren 8 Stunden Schichten in der prallen Sonne, zwischendurch Treppen hoch und runter rennen, die ganze Zeit im Stress durch Vorgesetzte, Bonussystem und die Angst, gekündigt zu werden." 

Ein Tag, an dem die Gewerkschaften Verdi und IG Metall bessere Arbeitsbedingungen für Arbeitnehmende fordern: "Bei extremer Hitze fordern wir längere Pausen oder ein früheres Ende der Arbeit (Hitzefrei)." Übrigens hat die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin erklärt, dass die Zimmertemperatur bei höchstens 26 Grad liegen soll. Steigt sie, kommt ein Stufenmodell zum Einsatz: Bei über 26 Grad sollen Arbeitgebende Getränke zur Verfügung stellen, bei über 30 Grad ist es Pflicht. Auch, dass die klimatischen Belastungen für die Beschäftigten veringert werden. 

Davon können Arbeiter*innen auf Baustellen oder Feldern nur träumen. Genau wie Arbeitnehmende in Krankenhäusern. "Unsere Schicht geht achteinhalb Stunden, eine halbe Stunde wäre Pause – theoretisch. Praktisch geht ständig die Klingel", erzählt Daniela, die als Altenpflegefachkraft arbeitet. Oder pflegende Angehörige, die nicht sagen können: Ich habe jetzt Lust auf Pause, während die zu pflegende Person auf ihre Pflege angewiesen ist. Manchmal auch in 24-Stunden-Schichten an sieben Tagen pro Woche.

Und manchmal gibt es Pausen von einer Arbeit, während eine andere weitergeht. So hat dieser Newsletter eine Pause eingelegt, weil ich ein Buch geschrieben habe. Es erscheint im Herbst und thematisiert ebenfalls die Bedingungen, unter denen wir arbeiten – manche mit mehr, manche mit weniger Pausen. 

Ich komme also aus einer Zeit ohne Pausen und nun liegt eine vor mir: Drei Wochen keine Lohnarbeit (allerdings mit Care-Arbeit). Ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich das letzte Mal so eine lange Pause hatte (allerdings schon daran, wann ich sie so nötig gehabt hätte wie jetzt). Ich freue mich auf die freie Zeit. Was ich aber noch lieber hätte: Freie Zeit für alle.

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Pause, das können sich nicht alle Menschen leisten. Keine lange und oft nicht mal keine kurze. Noch immer leben wir mit der Pandemie. Mittlerweile mit der Inflation. Wir bräuchten alle eine Pause und zwar eine lange. Bereits im vergangenen Sommer hatte ich diese Forderung und sie ist in diesem Jahr nur umso dringlicher: Ferien für alle. Freie, bezahlte Zeit. Ungefähr so lang wie die Schulferien. Und ich als Realo-Politikerin reiche natürlich auch gleich zum Vorschlag die mögliche Rechnungsstellung mit ein, Christian Lindner wäre stolz auf mich.

Denn es gibt Geld, dass so eine Pause möglich machen könnte. Das Geld liegt bei den Überreichen*. Die, deren Alltag es ist, keine Wäsche zu waschen, nicht aufzuräumen, nicht zu putzen, nicht zu kochen. Weil ihr Geld – für das sie meist nicht mehr tun mussten, als es zu erben – das alles für sie macht. Weil sie damit Menschen bezahlen (meistens nicht gut), die das alles für sie machen. 

Bis Herr Lindner also die Rechnung bezahlt (bin da nicht allzu optimistisch), bleibt die Pause ein Privileg. Bei denen, die es sich richtig leisten können, heißt sie dann Sabbatical und ist ein halbes Jahr lang und manchmal sogar unbezahlt, weil irgendwo Geld liegt, von dem diese Menschen leben können, mehrere Monate, manchmal sogar ein Jahr. Während die anderen Angst haben, fünf Minuten eine Pause auf der Arbeit zu machen, weil sie so ihren Job verlieren könnten. Aber auch dazu mehr im Herbst.

Dieser Newsletter müsste man also sein! Es sich von Pause zu Pause gemütlich machen, ab und zu mal schauen, ob es allen noch so einigermaßen geht und dann wieder ab in die Hängematte legen. Ein Alltag aus Pausen. Schön für den Newsletter, aber vielleicht nicht für die Menschen, die ihn lesen möchten. Erwartet in den kommenden Wochen bitte nicht zu viel vom Newsletter und vor allem nicht von mir. Eine*r von uns beiden hat die Pause ganz dringend nötig und meldet sich danach bestimmt zurück. Spätestens im Herbst.

Heute ist übrigens ein guter Tag, einer Gewerkschaft beizutreten (wie jeden Tag). Für mehr Pausen für alle. Und heute ist ein guter Tag, um anderen Menschen Wertschätzung für ihre Arbeit zu zeigen (wie jeden Tag). So erzählt Dayyan, der als Grillmeister eines Foodtrucks auf Festivals arbeitet: "Nur selten fragt jemand, wie es mir geht, oder kommt noch einmal extra zurück, um sich zu bedanken. Dabei steht mir der Schweiß bei der Hitze ja wirklich auf der Stirn. An diesen Tagen freut mich die Wertschätzung umso mehr."

* Überreiche sind Menschen mit einem Vermögen von mehr als 100 Milliarden Dollar. Sie werden meist Superreiche genannt; ich nenne sie aber lieber Überreiche (nach dem Buch von Martin Schürz), weil am Überreichtum nichts super ist. Im Krisenjahr 2020 wurden 6.000 weitere Menschen in den Club der Superreichen aufgenommen, die Mitgliederzahl wuchs auf 60.000. Diese 60.000 Menschen besitzen 15 Prozent des weltweit investierbaren Vermögens. Allein in Deutschland leben knapp 3.100 Superreiche, ihnen gehört mehr als ein Fünftel des gesamten Finanzvermögens.

Während ich keine Pause gemacht und geschrieben habe, habe ich viel Musik gehört. Daraus ist eine Playlist entstanden, ich nenne sie Pause. Für alle, die sie haben und für alle, die sie brauchen.

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