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Warum ich Cheerleaderin sein will

Ich bin sehr gern allein. Könnte tagelang auf dem Sofa liegen, Musik hören, mich durchs Internet scrollen, Podcasts hören, nichts tun. Und gleichzeitig gibt es Momente, in denen ich merke, wie sehr ich andere Menschen brauche. Vor ein paar Tagen hatte ich so einen Moment. 

Wie im vorherigen Newsletter angekündigt, durfte ich im Kunstmuseum Basel den Workshop SHOW YOUR LOVE leiten. Es ging um die Frage, was es braucht, um Mutterschaft und Kunst miteinander zu verbinden, als Kunstschaffende und auch als Kunstkonsumierende – und dabei nicht kaputt zu gehen.

Im Workshop diskutierten wir die Frage: Was braucht eine Mutter, um Kunst zu machen? Wir sammelten Begriffe wie Geld, Zeit, Flexibilität, Raum, Liebe, Stipendien, eine Bühne und gute Kinderbetreuung. Dann sagte eine der Teilnehmerinnen: „Jede Künstlerin braucht mindestens eine Cheerleaderin.“ 

Ich finde dieses Bild absolut passend. Jede Künstlerin braucht mindestens eine Person am Spielfeldrand, die ihr zujubelt. Die sich mit ihr freut bei Erfolgen, sie aufmuntert bei Niederlagen und ihr Snacks und Getränke reicht. Die ihre Pompons schwingt und den Lieblingssong (mit-)singt.

Eine Cheerleaderin braucht nicht nur jede Künstlerin, sondern jeder Mensch. Nicht nur erwachsene Menschen, sondern auch Kinder. Vor allem Kinder. Eigentlich ist es doch genau das, was Eltern machen: Cheerleader*in für die Kinder sein. "Go!" rufen und "Ich glaub an dich!" – und trösten, wenn es doch nicht klappt.

Sowohl bei mir als auch bei Kindern mag ich es gar nicht, wenn Leute sagen: "Du kannst alles erreichen und haben, was du willst". Wir können nicht alles haben und erreichen, was wir wollen. Und ich glaube, das ist auch okay so.

Die ungleiche Verteilung von Chancen ist natürlich scheiße, die muss sich dringend ändern. Am Ende sollte aber nicht eine "Mir gehört die Welt"-Mentalität stehen, sondern Solidarität. Die Künstlerin Annton Beate Schmidt schreibt: "Vielleicht sollten wir auf 'Probiere es aus' umsteigen und dafür Unterstützung zusagen."

Ich habe solche Cheerleader*innen in meinem Leben und bin dankbar für sie. Sie schicken mir Musik und Worte, kochen mir Suppe, wenn ich sie brauche oder überweisen Geld, wenn ich eine Mahnung nicht zahlen kann. Sie trauen mir einen Tick mehr zu als ich mir selbst, ohne dabei realitätsfern "na klar schaffst du das" zu sagen. Sie feuern mich an, damit ich Sachen schaffe – und sie sind auch da, wenn ich scheitere. Erst recht dann.

Ich selbst liebe es, Cheerleaderin zu sein. Meine Auftritte am Spielfeldrand sind mal größer und mal kleiner. Mal eine Telegram-Nachricht, mal johle ich laut im Publikum. Mal tanze ich zur Musik, mal bringe ich Essen. Und immer sehe ich in den Menschen, die ich anfeuere, so viel, was sich anzufeuern lohnt. Und ich liebe es, wenn die Funken fliegen.

Am Ende des Workshops überlegten wir, wie das aussieht, wenn wir SHOW YOUR LOVE in die Tat umsetzen. Eine Teilnehmerin schrieb einen Brief an eine Freundin, die Künstlerin ist. Mit Einwilligung der Autorin Hannah Horst darf ich den Brief hier veröffentlichen.

SHOW MY LOVE

Ich bringe dir Essen Ich wasche eure Wäsche Ich schicke dir Zitate  von bell hooks um dich daran zu erinnern dass du mutig bist

Ich komme zu deinen Eröffnungen Leihe dir ein Kleid und schenke dir eine Jacke die dich vor dem Patriarchat schützt Ich freue mich über jeden Betrag der auf dein Konto fließt sage dir, dass du die Mutter bist die deine Kinder brauchen Ich hänge deine Bilder auf und bin deine Cheerleaderin in jedem Moment

Für wen bist du Cheerleader*in? Wessen Bilder hängst du auf, wessen Musik hörst du, wem kochst du Suppe? Und wer ist dein*e Cheerleader*in?

Foto: Colin Lloyd | Unsplash

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