Liebe Leserïnnen,

vielleicht ist einigen schon aufgefallen, dass ich gerne im generischen Femininum mit einem Trema auf dem i (also z.B. "Leserïnnen") schreibe, was leider zu technischen und kulturellen Problemen führt.

In der deutschen Grammatik ist nach wie vor das generische Maskulinum Standard: Schreibe ich "Liebe Leser", dann meine ich wahrscheinlich nicht nur männliche Leser, sondern auch weibliche Leserinnen und Leser mit anderen geschlechtlichen Identitäten. Wissenschaftliche Studien zeigen jedoch, dass Leser beim Lesen des Wortes "Leser" in der Regel an männliche "Leser" denken und ihnen andere Geschlechter erst durch den Kontext in den Sinn kommen. Damit sind seit langem viele Menschen unzufrieden und der Wunsch entstand, die Sprache so zu gebrauchen, dass klar wird, dass alle Geschlechter gemeint sind.

Doch wer anders als mit dem generischen Maskulinum gendert, stößt schnell auf das Problem, dass verschiedene Geschlechtsidentitäten sich in unterschiedlicher Weise oder gar nicht von den verschiedenen sprachlichen Formen angesprochen fühlen. Es gibt eine riesige Debatte darum, welche Formen geschlechtergerechter Sprache angemessen sind und welche nicht.

Völlig neutral scheinen Partizipialformen wie "Lesende", doch auch bei ihnen kommen Experimente zum Ergebnis, dass sie fast die gleichen Geschlechtsbilder im Kopf erzeugen wie das generische Maskulinum. Währens sie also kaum neutralisieren, machen sie trotzdem nicht sichtbar. Das feministische Binnen-I ("LeserInnen") stammt aus der Zeit der Schreibmaschine und ist aus der Mode gekommen. Das generische Feminium oder gar im gleichen Text abwechselnd die maskuline und die feminine Form zu verwenden, adressiert keine nonbinären Geschlechtsidentitäten. Das geht mit dem Gender-Gap ("Leser_innen") oder dem Gender-Sternchen ("Leser*innen"), doch mensch ist sich uneins, womit sich die verschiedenen Geschlechtsidentitäten besser ansprechen lassen. Leitfäden, Verlage und Redaktionen wiederum arbeiten meistens mit dem Doppelpunkt ("Leser:innen"), falls sie überhaupt Satz- und Sonderzeichen mitten im Wort erlauben. Wenn doch, scheint mir der Doppelpunkt in journalistischen Medien die derzeit am weitesten verbreitete Form zu sein. Gesprochen werden alle Varianten mit dem Glottisschlag, dem stimmlosen Pausenlaut, mit dem wir die Stimmbänder zwischen den Vokalen in Wörtern wie "beenden", "naiv" oder "Spiegelei" kurz verschließen.

Es ist durchaus nicht einfach, sich für eine dieser Formen zu entscheiden, denn die Frage nach einer angemessenen Form geht weit über das Abbilden von Geschlechtern hinaus. Manche Formen erschweren Migrantïnnen das Verständnis bzw. das Erlernen der Sprache. Oder beißen sich mit Leichter/Einfacher Sprache für Menschen mit unterdurchschnittlichen kognitiven Fähigkeiten. Manche Formen lassen sich nicht sinnvoll von Screenreadern für sehbehinderte Menschen wiedergeben. Die lesen dann beispielsweise gnadenlos "Leser Stern Innen" vor. Außerdem sind fast alle vom generischen Maskulinum abweichenden Formen derzeit sprachliche Marker für eine Form von Bildungsbürgerlichkeit, die für bestimmte Gruppen exkludierend wirken kann.

Es geht hier also nicht nur um Sexismus/Genderismus, sondern auch um Ableismus (die Diskriminierung von Menschen aufgrund ihrer Behinderung), Klassismus und sogar die Augrenzung von Migrantinnen. Kurz gesagt: Intersektionalität führt zu Zielkonflikten, die sich nicht immer auflösen lassen. (No shit, Sherlock!)

Ich bin cis-männlich, behindert, mein erster Ausbildungsberuf war Schriftsetzer und ich arbeitete jahrelang als Programmierer. Sprachliche Männlichkeit ist die unausgesprochene gesellschaftliche Norm. Deshalb möchte ich als männliche Person, die wegen ihrer Behinderung aus eigenem Erleben weiß, wie strukturelle Diskriminierung funktioniert und sich anfühlt, versuchen, mich selbst nicht als die Norm zu denken und dies auch meinen Leserïnnen mit einer sprachlichen Markierung zu kommunizieren.

Als behinderte Person möchte ich Barrierefreiheit und habe hier erfahren müssen, dass Satzzeichen in der Mitte von Wörtern zu Barrieren führen. Als Informatiker merke ich, dass sie sich gegen verschiedene Formen der Textverarbeitung sperren. (Test: Einfach mal versuchen, per Doppelklick ein Wort mit Doppelpunkt drin zu markieren.) Die sprachlich sauberste Form wäre, an Stelle von Stern, Unterstrich und Doppelpunkt ein Auslassungszeichen zu verwenden. Als Typograph weiß ich, dass das Zusammenziehen von Buchstaben und Zeichen zu Ligaturen eine lange und schöne Geschichte hat.

Ich habe mich deshalb bis auf Weiteres dafür entschieden, dass ich beim Gendern auf Satz- und Sonderzeichen mitten im Wort verzichten möchte. Eine halbwegs elegante, halbwegs angemessene Methode ist meiner Meinung nach, anstelle von Sternchen, Unterstrich und Doppelpunkt ein Trema aufs "ï" zu legen. Das ist eine typographische Abbildung des Glottisschlages.

Im Englischen und Französischen ist es (zumindest in älteren Texten) üblich, auf diese Weise zu markieren, wenn Vokale nicht zu einem Diphthong zusammengezogen werden, etwa bei dem Wort "naïve". Ich benutze mit dem Trema also etwas, das nicht komplett ausgedacht ist, sondern in anderen europäischen Sprachen schon ähnlich hervorgebracht wurde. Diese Art zu gendern führt fast automatisch zu einer Art generischem Femininum. Ein Gedanke, den ich nach Jahrhunderten des generischen Maskulinums charmant finde – zumindest als Überbrückung zu neutralen Formen, die sich hoffentlich irgendwann noch entwickeln.

Ich behaupte nicht, dass meine Methode die beste ist, bezeichne sie nicht als richtig im Gegensatz zu anderen falschen und bin mir ihrer Schwächen bewusst: Sehbehinderte Menschen können die zwei Punkte nicht so gut erkennen wie einen Stern. Screenreader lesen den Buchstaben einfach nicht vor, was ich allerdings im Vergleich zum ständigen Aussprechen von "Stern" oder "Unterstrich" jetzt nicht für die schlechteste Variante halte. Das Trema macht vielleicht nicht genauso gut wie ein Stern oder ein Unterstrich alle Geschlechter sichtbar, aber es erfüllt seinen Zweck: Deutlich machen, dass Männlichkeit nicht die gedankliche Norm des Textes ist. 

Egal ob Trema, Unterstrich, Doppelpunkt oder Stern: Es melden sich fast immer Leute, die finden, mensch gendere falsch und hätte keine Ahnung. Das finde ich unangemessen: Wer diese Formen benutzt, hat sich wahrscheinlich etwas dabei gedacht. Oder ist in einer Findungsphase und gendert mal so und mal so. Passiert mir (Jahrgang 1973) sowieso ständig, dass ich ins generische Maskulinum zurückfalle, ohne es zu merken, oder immer mal wieder andere Formen benutze. Es ist deshalb arrogant, Menschen die Trema, Doppelpunkt, Sternchen oder Unterstrich benutzen, zu erklären, dass sie falsch gendern würden. Denn es gibt im Moment kein "richtig" oder "falsch".

Einige sehen das anders. Sie sagen, wir müssten da auf "die Betroffenen" hören und uns nach ihren Wünschen richten. Andere Formen als Sternchen und Unterstrich würden sie wieder unsichtbar machen. Völlig ernsthaft wollte mir jemand erklären, jede andere Form als das Gendersternchen zu verwenden sei ein wenig wie Schwarze mit dem N-Wort zu bezeichnen. Da verwechselt jemand individuelle und identitäre (Selbst-)Bezeichnungen und Grammatik. Eine der vielen Selbstbzeichnungen einiger Gruppen ist "queer". Also schreibe ich zum Beispiel "liebe queeren Leser" wenn ich die Leser mit einer Geschlechtsidentität außerhalb gesellschaftlicher Normvorstellungen meine und "liebe Leserïnnen", wenn ich alle meine. Wie dieses alle bezeichnet und verstanden wird, bestimmt nicht eine Teilgruppe sondern ist Sache eines Aushandlungsprozesses, an dem alle zu beteiligten sind. Zu diesem Aushandlungsprozess gehört auch, sich typographische Lösungen auzudenken wie zum Beispiel den Doppelpunkt durch ein Trema zu ersetzen.

Weil es um Sprache und ihre Verständlichkeit geht, genügt es nicht, bestimmte Formen nur mit Blick auf Sexismus/Genderismus zu bewerten. Es muss auch geprüft werden, ob ein Sprachgebrauch für behinderte Menschen, Migrantïnnen, oder auch Menschen bestimmter Klassen/Schichten exkludierend wirkt. Das unbefriedigende Ergebnis ist, dass in verschiedenen Kontexten ein Text unterschiedlich gegendert werden muss, um seine Zielgruppen gut zu erreichen – etwa wenn bei Leichter/Einfacher Sprache auf neue Formen des Genderns mit Absicht gänzlich verzichtet wird.

Es ist leider nicht möglich, vollständig inklusiv zu schreiben. Die Wortwahl eines Textes wird immer auch irgendwelche Marker enthalten, die bestimmte Identitäten einschließt und andere ausschließt. Bringe ich ein Loriot-Zitat? Eine Fußball-Metapher? Schreibe ich grundsätzlich alles klein? Wir sprechen und schreiben immer mit Adressatïnnen im Kopf, auch wenn wir uns das nicht bewusst machen. Texte sind voraussetzungsreich, haben einen Kontext und eine (Fach-)Sprache, die nicht immer von allen verstanden werden kann. Ein Text ist immer ein Kompromiss.

Um solche Kompromisse herum lassen sich verbissene Kulturkämpfe führen – oder eins kann sich mal entspannen und das ganze spielerisch auffassen. Denn wie traurig ist eine Sprache, mit der nicht gespielt werden kann, ohne dass jemand ankommt und sagt, diese Spielerei sei falsch? Sprache ist nicht fertig. Die perfekten Ausdrucksformen sind nicht da. Aber wir können immer bessere und schönere finden. Gendert wie ihr wollt und wie ihr es für angemessen haltet! Spielt mit der Sprache! Probiert euch aus! Lebt die Vielfalt! Gendert mit Doppelpunkt oder Sternchen oder Trema oder Partizipialformen. Und bitte unterstellt kein negatives Statement, wenn Menschen weiterhin das generische Maskulinum verwenden. Die meisten haben es so in der Schule gelernt. Anders schreiben und reden kostet Energie und erzeugt Mental Load. Manche Leute bringen diese Energie spielerisch auf, andere Leute haben aufgrund ihres Alltags schon sehr viel Mental Load und wenig Energie und priorisieren deshalb anders. 

Zur technischen Seite: Am einfachsten schreibt sich das Trema auf Smartphones, weil es nach langem Druck aufs "i" in der Auswahl sichtbar wird. Auf klassischen Computern gibt es verschiedene Tastenkombinationen. Unter Linux wird das Trema geschrieben, indem zunächst "Alt+ü" gleichzeitig und anschließend das "i" getippt wird, sofern die Tastatur nicht mit "nodeadkeys" konfiguriert ist. Auf dem Mac funktioniert es ähnlich, allerdings mit "Alt+u". Sehr umständlich ist es leider unter Windows, wo bei ständigem Gedrückthalten von "Alt" auf dem Ziffernblock "0207" einzutippen ist.

Ein schönes Restwochende wünscht

Enno Park

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