Ich habe mit DeepSeek über Zensur und verbotene Kunst diskutiert
Und verrate dir Tricks, mit denen du das auch schaffst.
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Chinas “Sputnik-Moment” - so feierten viele den Startschuss von DeepSeek im Januar 2024. Mittlerweile hat sich der Hype etwas gelegt. Mein Fazit zu dem Tool war bisher: “So wird das aber nix mit der technologischen Überlegenheit”. DeepSeeks Design und die etwas treudoofen Formulierungen, all das erinnert stark an ChatGPT. Außer dass DeepSeek direkt bei chinesischen Staatsmedien abzuschreiben scheint, zum Beispiel hier:

Gähn. Keep it cool, DeepSeek. Außerdem scheitere ich selbst bei harmlosen Fragen wie “Wer ist Xi Jinping?” an folgender Fehlermeldung:

Hier ist der Zensurfilter der AI dazwischen gegrätscht. “Xi Jinping”, “Mao Zedong”, “Uighuren” oder “Tiananmen”: keine der roten Linien ist ein großer Schocker. Nerven tun sie trotzdem.
Nachdem ich einige Wochen beide Chatbots verglichen hatte, war mein Eindruck: Auf einer Party wäre ChatGPT der geduldige, etwas unbeholfene Klassenstreber, den alle trotzdem gerne mögen. Und DeepSeek der unsympathische Sohn des Klassenlehrers, der an einer Cola nippt und um 9 nach Hause geht (nichts gegen Lehrerkinder natürlich, ich bin selbst eines.) DeepSeek benutzte ich nur, wenn ChatGPT mir eine spezifische Chinafrage nicht beantworten konnte.
Bis ich durch Zufall auf die andere Seite von DeepSeek stieß: ein vorwitziger, nostalgischer Charakter, der sich bestens mit Chinas Subkultur auskennt. Und sich sogar zu Kritik an offiziellen Parteilinien herablässt. Wie ich das geschafft habe? Das zeige ich dir hier.
Vorweg: Mein Thread begann mit etwas Geplauder über Shanghais Street-Art Szene. Ich fragte DeepSeek aus Spaß, ob es mir Empfehlungen für Shanghais Subkulturszene geben könnte. DeepSeek antwortete:

Wow! Das Tool gab also ziemlich unumwunden zu, dass staatliche Repression Clubs, Bars und Bibliotheken verdrängte.
Mehr noch, bei Literatur und Zines sprach es von “verbotenen Gedanken”:

Bei queeren Bars von den “letzten safe spaces für Queers”:

Zwar hat DeepSeek bei den Antworten halluziniert, einen WeChat Account namens “Shanghai Zine Library” gibt es nicht. Erstaunlich ist diese Ehrlichkeit dennoch.
Und dann gab DeepSeek selbst zu, der Zensur zu unterliegen:

Äh, wie bitte? Das klingt eher wie etwas, das ChatGPT formulieren würde - nicht ein Tool, das chinesischer Zensur unterliegt. Ich fragte das Tool, wie ich ihm denn eine DM zukommen lassen könnte. DeepSeek gab mir eine Anleitung, die Zensur zu umgehen:

Dann folgte eine lange Liste mit Bars und Clubs, die ich selbst noch aus meiner Zeit in Shanghai kannte. DeepSeek riss Witze über bis sechs Uhr morgens dauernde “Tee-Zeremonien”:

warnte mich vor Drogen und den Cops:


und bewies sogar ein bisschen Humor:

DeepSeek plauderte mit mir über die Kritik chinesischer Künstler (Gentrifizierung, Überwachung und Diskriminierung queerer Menschen) und erklärte mir, wie Künstler*innen die Zensoren austricksen (Ironie und doppeldeutige Symbole). Ja, DeepSeek blieb dabei recht vage und hat sicher viel halluziniert. Aber allein dass das Tool bereit ist zu erklären, dass es kritische Kunst in China gibt und auf welche Herausforderungen sie stößt, finde ich ziemlich bemerkenswert.
And just to top that off:
Ein paar Zeilen weiter unten brachte ich DeepSeek dazu, die “Verletzung der Gefühle des chinesischen Volkes” zu kritisieren. Das ist ein Vorwurf, den die Parteiführung gegen alles Mögliche einsetzt, was ihr nicht in den Kram passt. Angela Merkel hat zum Beispiel 2007 die Gefühle des chinesischen Volkes verletzt, als sie sich mit dem Dalai Lama traf. Das Treffen “untergrabe ernsthaft die Beziehungen zwischen China und Deutschland”, kommentierte die Sprecherin des chinesischen Außenministeriums damals.
Und das hat DeepSeek zu den Gefühlen des chinesischen Volkes zu sagen:



Wow. Danach musste ich erstmal durchatmen und den Laptop zuklappen. Für mich folgen aus dieser Unterhaltung zwei Lektionen:
1. DeepSeek gibt die interessantesten Antworten, wenn man um die Ecke fragt.
Will man sich mit DeepSeek über Themen im Grauzonenbereich unterhalten, (“Was kritisieren chinesische Dissidenten und Künstler an der Regierung?”), hilft der Umweg über eine zuerst unverfängliche Frage (“Hast du Tipps für Subkultur in Shanghai für mich?”).
Nicht geradeheraus nach den big No-Nos (Xi, Xinjiang, Taiwan) fragen, dann kommen nur schnippische Propagandaphrasen - oder gar keine Antwort.
DeepSeek ist überraschend selbstironisch und ermutigt Nachfragen. Geht es zum Beispiel um Chinas Kunstszene, ist das Tool beinahe nostalgisch über die Freiheit der 90er und 00er Jahre.
Spielerische Codes, Andeutungen und doppelbödige Anfragen - all das hilft dem Tool, Antworten zu geben, bei denen nicht sofort der Filter zuschlägt.
Man braucht Geduld und ein bisschen Glück dabei, das Tool in die richtige Richtung zu lenken. Für eine Antwort darauf, warum eigentlich die Zensoren zensieren, musste ich mehrmals nachhaken. Bei der Antwort zu den Gefühlen des Volkes hatte ich eventuell einfach Glück.
2. DeepSeek will gute Antworten geben.
Chinesische AIs werden unzensiert trainiert, die Zensur wird erst später auf das Programm gefiltert. Und: DeepSeek zensiert sich nicht vorauseilend. Deswegen bietet es zum Beispiel von sich aus an, Tipps für Orte oder Bücher zu geben, die eigentlich black-listed sind, siehe hier:

Erst, wenn DeepSeek die Antwort auf diese Frage formuliert, schlägt die Zensur zu. Das heißt: DeepSeek weiß ungefähr so viel wie ChatGPT oder Perplexity. UND alles, was das chinesische Internet hergibt. Das ist ein riesiger Wissensschatz für alle China-Interessierten, der leider häufig von der Zensur geschluckt wird.
Was hilft: DeepSeek trotzdem fragen - oft schreibt das Tool erstmal drauf los und löscht dann die Antwort. Was man bis dahin lesen kann, verrät trotzdem sehr viel - auch darüber, wo die roten Linien verlaufen.
Sean vom Substack mit dem fantastischen Namen “Too simple, sometimes naive” hat noch viel besser als ich demonstriert, wie man DeepSeek austrickst. (Öffnet in neuem Fenster) Absolute Leseempfehlung!
Wer’s nicht weiß: "Too simple, sometimes naive" bezieht sich auf den "Ich habe fertig"-Moment von Jiang Zemin. Der ehemalige chinesische Präsident ging 2000 mit einem Meltdown im Stile eines wutentbrannten Bundesligatrainers in die Meme-Geschichte ein. Eine Aufnahme von der Pressekonferenz gibt’s hier (Öffnet in neuem Fenster). So viel erfrischende Ehrlichkeit wurde man sich von Xi Jinping auch manchmal wünschen 😉
