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100/∞

All we are saying is give peace a chance (John Lennon)

Good evening, Europe!

Das könnte jetzt etwas länger dauern …

Vor viereinhalb Wochen hat Russland unter der Führung von Wladimir Putin die Ukraine überfallen. Daran kann man nichts herumdeuten — und die allermeisten Meinungs-Clowns, die zuvor in Talkshows, Zeitungskolumnen und Podcasts vor einer „Dämonisierung“ Putins gewarnt hatten und die Schuld bei den Nationen gesucht hatten, die sich aus Furcht vor Russland der NATO angeschlossen hatten, sind seitdem auffällig still.

Ein Krieg ist immer furchtbar, aber die Menschen in der Bochumer Partnerstadt Donezk werden überrascht gewesen sein, zu erfahren, dass „jetzt“ „wieder“ Krieg in Europa sei. Zumindest, wenn sie neben dem Überleben in einem seit acht Jahren andauernden Krieg noch Kapazitäten freihatten, um westliche Medien zu verfolgen.

Ich merke, wie alt ich schon bin, wenn ich daran denke, wie viele Kriege ich schon (glücklicherweise nur medial und indirekt) mitbekommen habe: Den Golfkrieg ’91, als wir jeden Dienstag mit „Kein Blut für Öl“-Schildern in der Dinslakener Fußgängerzone rumstanden; die kompletten Jugoslawien-Kriege von 1991 bis 1999 (bei denen ich mich als Achtjähriger gefragt habe, warum es dagegen keine Demonstrationen gibt, wo Jugoslawien doch viel näher ist als der Irak — es stellte sich raus, dass „gegen Krieg“ zu sein selbst im friedensbewegtesten links-bürgerlichen Umfeld nicht so gut mobilisiert wie „gegen US-amerikanischen Imperialismus“ zu sein); den Bürgerkrieg in Ruanda; 9/11 und den Afghanistan-Feldzug (in den ersten Tagen der jetzigen russischen Offensive sah ich eine 25-Jährige in den Nachrichten, die einigermaßen wörtlich sagte, zum ersten Mal in der Geschichte könne man live im Fernsehen sehen, wie Menschen sterben, und ich dachte: „Honey, es ist vielleicht nicht der Moment für Besserwisserei, aber sei einfach froh, dass Du mit viereinhalb nicht mitbekommen hast, wie die Flugzeuge einschlugen und die Türme einstürzten“); den Golfkrieg 2003; die russische Invasion in Georgien 2008; die Annexion der Krim 2014 — und das sind nur die Kriege und „bewaffneten Konflikte“, die mir aus dem Stand einfallen; hinzu kommen so viele mehr in Ländern, die ich trotz Erdkunde-LK nicht auf dem Globus finden würde, weil sie auch medial irgendwie immer als Länder, in denen man sich halt so bekriegt, präsentiert wurden.

Trotzdem ist es diesmal nochmal anders: Vor fünf Jahren war ich in Kiew und habe dort eine wunderschöne und unbeschwerte Zeit während des ESC verbracht. Man mag das jetzt seltsam finden, dass einem Nachrichten näher gehen, wenn man an ihren Schauplätzen schon mal war, aber Menschen sind so — der Tod eines Musikers, dessen Musik einem etwas bedeutet, trifft einen ja z.B. auch mehr. Mein Freund und Kollege Imre Grimm hat vor vier Wochen noch einmal seine Reportage veröffentlicht, die er 2017 aus Kiew in die Redaktion der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“ geschickt hatte, und die sich sehr mit meinen damaligen Eindrücken deckt.

Außerdem ist es der erste Krieg, von dem mein Kind etwas mitbekommt, weil die Nachrichten im Autoradio voll davon sind und weil die Spieler in der Bundesliga jede Woche Solidaritätsaktionen abhalten. Man hat ja immer gehofft, dass das eigene Kind nicht mit potentiell verstörenden und verängstigenden Nachrichten konfrontiert würde, aber das verblasst als Gedanke natürlich sofort wieder, wenn man überlegt, was ukrainische Eltern gehofft hatten, womit ihre Kinder nicht konfrontiert würden.

In den ersten Tagen der Invasion habe ich in Sozialen, aber auch in richtigen Medien viele, viele Aufsätze darüber gelesen, wie die Situation und ihre mögliche Weiterentwicklung aussehe. Irgendwann habe ich festgestellt, dass man sie alle wie folgt zusammenfassen kann: „Dinge werden geschehen“. Wir waren an einem Punkt angekommen, wo ich mir genauso gut selbst ausdenken konnte, was im Kreml los ist oder wie Putin reagieren wird, weil das Spektrum der Einordnungen so groß war. Da kann ich auch einfach spazieren gehen.

Ich kann mich noch erinnern, wie Peter Scholl-Latour am 12. September 2001 in der ARD-Talkshow von Michel Friedman das „Ende der Spaßgesellschaft“ ausrief. Seitdem ist zweifelsohne viel passiert in der Welt; ich würde behaupten, in der Zwischenzeit das ein oder andere Mal Spaß gehabt zu haben, aber dass Medien meinungsfreudige alte weiße Männer befragen, wenn sie eine „Einschätzung der Lage“ haben wollen, das ist im Wesentlichen immer noch so wie damals (oder 1965).

Wesentlich interessanter ist da das, was Jendrik Sigwart, der Deutschland letztes Jahr mittel-erfolgreich beim ESC vertreten hatte, gemacht hat: Er hat seine follower in der Ukraine und Russland gebeten, ihm zu schreiben, wie sie die Situation wahrnehmen, und die Antworten als Story-Highlights auf Instagram veröffentlicht; einmal vor vier Wochen und einmal heute. Das ist nicht nur der wahre spirit of Eurovision, es liefert auch Eindrücke, die ich so sonst noch nirgendwo bekommen habe.

Genau an dem Tag, als der aktuelle russische Angriff auf die Ukraine begann, kamen mit der Post die Belegexemplare meines Buchs. Das dämpft die Freude über so ein besonderes Ereignis natürlich ziemlich, andererseits fiel mir sofort wieder ein, dass der Veröffentlichungstermin von Ben Folds’ Solodebüt der 11. September 2001 gewesen war — und was für ein Quatsch wäre es, anzunehmen, dass ausgerechnet man selbst von solchen unglückseligen Terminüberlagerungen verschont bleiben würde; mal ganz davon ab, dass das eigene, kleine Werk (meins kleiner als Folds’) an so einem Tag eh vor dem ganzen Weltengang verblasst?!

Die Buch-Promo fiel also erstmal eine Nummer kleiner aus als ursprünglich geplant, aber es erfüllt mich mit großer Freude, dass wir diesen kleinen Trailer veröffentlichen konnten:

https://www.youtube.com/watch?v=Vzn0t7a-v50

Wie großartig das ist, dass Dr. Peter Urban, Nilz Bokelberg, Susan Link, Enno Bunger, Michi Buchinger, Reimer Bustorff, Sarah Kuttner und Andi Knoll alle sofort „Ja“ gesagt haben, als ich sie gefragt habe, ob sie bei meinem kleinen Spaß-Projekt mitmachen wollen, und sie meinen Text mit so viel Leben gefüllt haben!

Der Buch-Release musste aber trotz allem ein bisschen gefeiert werden und so hab ich mich mit fünf, sechs Freund*innen in meiner Stammkneipe zum Anstoßen getroffen — und darob mit Covid-19 infiziert.

Ich war vorher so lange nicht mehr krank gewesen, dass ich keine Ahnung mehr hatte, wie das eigentlich geht. Es war mit Sicherheit das, was Mediziner*innen als „milde Symptome“ beschreiben würden, aber wenn ich doppelt geimpft und geboostet auch nach drei Wochen noch huste wie ein asthmatischer Seehund, möchte ich echt nicht wissen, welches Potential dieses Virus sonst noch so hätte. (Ich muss allerdings gar nicht dazu aufrufen, Euch impfen zu lassen: Nachdem ich mich das letzte Mal über Impfgegner*innen empört hatte, sind die Abo-Zahlen um drei Personen zurückgegangen und ich denke, diese community hier ist jetzt 2G.)

Jedenfalls fühlte es sich angemessen an, das zweijährige Jubiläum des ersten Lockdowns in Isolation zu verbringen.

Freigetestet (ein Wort, das unbedingt auch als Beschreibung für Schul- und Uniabschlüsse übernommen werden sollte) haben wir einen großen Schritt in Richtung Normalität unternommen: Zum ersten Mal seit knapp zweieinhalb Jahren sind das Kind und ich wieder ins Stadion gegangen.

Auf nichts hatte ich mich während der Pandemie so sehr gefreut; nicht mal auf Kino, Konzerte, oder Kneipe. Mein erstes Erstliga-Spiel seit elf Jahren, das erste überhaupt fürs Kind. An einem Freitagabend bei Flutlicht. Gegen Borussia Mönchengladbach. Bei fast maximaler Auslastung des Stadions.

Ich hatte wirklich Gänsehaut, als wir die Treppen in den Block hochstiegen. Bei Herbert Grönemeyers „Bochum“ eh. Die erste Halbzeit war etwas zäh, in der zweiten ging Gladbach, zu dem ich an den 32 anderen Spieltagen halte, 2:0 in Führung, aber alle, die diese Saison irgendein Spiel der Borussia, das nicht gegen Bayern ging, gesehen hatten, wussten: Da ist noch alles drin. Vermutlich würde es wieder so enden wie in Stuttgart.

Dann flog der Becher.

Es war nicht der erste an diesem Abend: Die Gladbach-Fans im Gästeblock hatten schon die ganze Zeit noch gut gefüllte Bierbecher in den Bochumer Block geworfen und sich generell benommen wie jene Mitglieder des Landwirtschaftsverbands Mittlerer Niederrhein, die im Vorjahr den Wettbewerb „Dickste Kartoffeln“ gewonnen hatten. Aber dieser Becher flog aus einer der vorderen Reihen von Block A und er traf den Linienrichter im Nacken. Das Spiel wurde erst unter- und dann abgebrochen.

Als wir früher als geplant aus dem Stadion gingen (und die Polizei die Gladbach-„Fans“ halbwegs in Schach hielt, damit die die Mülltonnen, die sie gerade warfen, wenigstens nicht in unsere Richtung schleudern konnten), war in mir etwas kaputt gegangen: Die ganzen zwei Jahre Pandemie über war Fußball mein Anker gewesen; als es nach zwei Monaten Pause endlich wieder losging mit Geisterspielen, haben wir fast jedes Spiel des VfL vor dem Fernseher verfolgt. Das Kind ist in dieser Zeit zum absoluten Fußball-Fan geworden und der VfL ist aufgestiegen.

Ich hatte mich schon in unserem, eigentlich sehr zivilisierten Sitzplatz-Block etwas unwohl gefühlt. Die Anhänger des Vereins, dessen Fan ich seit 27 Jahren bin, waren mir richtig unangenehm gewesen, einzelne Bochum-Fans auch. Dass jetzt ein kleiner Pisser so einen Abend für 25.000 Menschen vor Ort (keine Ahnung, wann das Ruhrstadion zuletzt so voll gewesen war — sicher lange vor der Pandemie), für die Fans vor dem Fernseher, für die Mannschaft (die, wie gesagt, noch locker ein bis drei Punkte hätte holen können) und den ganzen Verein kaputt gemacht hatte, machte mich wahnsinnig wütend und traurig.

Menschen mit Standesdünkel werden jetzt sagen, Fußballfans seien ja immer ein Problem. Leute wie Max Kruse werden es auf die „Ruhrpott-Asis“ schieben (wobei Max Kruse selbst ja wirklich der beste Beweis ist, dass man nicht aus dem Ruhrgebiet kommen muss, um ein Asi zu sein). Aber nennen wir das Problem doch beim Namen: Es sind - wie bei Angriffskriegen, #MeToo, Hass-Kommentaren im Internet und so ungefähr allem Schlechten der Gegenwart, das nicht J.K. Rowling ist - natürlich Männer.

Wenn ich mit Freunden ins Stadion gehe und einer davon rassistische oder homophobe Kommentare absondern oder mit Bechern werfen würde, würde ich kurz das Gespräch suchen und die Freundschaft zeitnah beenden. Der Becherwerfer aus Block A hat das Stadion ungehindert verlassen können und wurde erst Anfang der Woche von der Polizei ermittelt.

Selbst wenn wir den meisten Leuten in Block A mal the benefit of the doubt geben und sagen, dass die Lage unübersichtlich war und man vielleicht auch nicht offenkundig betrunkene, gewaltbereite Typen konfrontieren möchte: Der wird ja nicht allein ins Stadion gegangen sein! Da werden ja Menschen um ihn herum gewesen sein, die spätestens in dem Moment, wo ihr Begleiter offensichtlich eine (gefährliche) Körperverletzung begangen hat, hätten eingreifen müssen. Denn wenn es irgendetwas gibt, was man in die alberne Kategorie männlichen Heldenmuts einsortieren kann, dann ja wohl, dass man, wo immer es möglich ist, Schwächere schützt.

In diesem Land gibt es aber viel zu viele Männer, die unter Männlichkeit verstehen, Bier zu trinken, in der Gruppe mit anderen Männern laut zu sein und sich generell überall zu benehmen wie ein Haufen pubertärer Jungs (die - nur zur Erinnerung - auch nicht „Jungs sein“ müssen, sondern sich auch anständig und respektvoll benehmen könnten) auf Aufputschmitteln. Eine Armee kleiner Julian Reichelts. Das muss sich ändern und die Verantwortung dafür liegt bei allen anderen Männern.

Es reicht nicht, da mit den Augen zu rollen; es ist bullshit im Internet zu kommentieren, dass ja „nicht alle Männer“ so seien — es ist unsere verdammte Aufgabe, dafür zu sorgen, dass diese von Männern dominierte Welt für alle besser wird: für alle, die ins Stadion gehen; für Frauen, die sich abends auf den Heimweg machen; auch für alle Männer, die sich in ihrer Pubertät fragen, ob sie überhaupt „richtige Männer“ sind, und so eine dumme Scheiße nicht länger ertragen!

Infektiöse Kneipe, toxisches Stadion — wenn wir aus Witzen und Märchen eines lernen können, dann ja wohl, dass beim dritten Mal alles gut wird. Und so war der dritte Abend, an dem ich in diesem Jahr das Haus verlassen habe, der vergangene Mittwoch, als ich in der Zeche Carl in Essen mein ESC-Liveprogramm „Good evening, Europe!“ zur Welturaufführung gebracht habe.

Der Post-Covid-Husten hatte sich noch nicht ganz verzogen, was das Vorlesen und vor allem Singen unnötig anstrengend gestaltete, aber ansonsten muss ich sagen: ich hatte Spaß! Und das Publikum offenbar überwiegend auch.

Ich würde jetzt nach zwei Jahren Zwangs-Bühnenpause gerne eine ganze Tour ankündigen, aber Live-Entertainment ist im Moment eine Branche, in der alles ähnlich trostlos aussieht wie in einem auf Russland-Reisen spezialisierten Reisebüro. Aber: Wenn Ihr Veranstalter*innen seid oder welche kennt, können wir natürlich gerne gucken, was da in diesem Jahr noch so geht!

Wie um die emotionale Achterbahnfahrt der letzten Wochen an einem Tiefpunkt enden (und diesen Newsletter selbst für meine Verhältnisse grotesk lang werden) zu lassen, kam dann gestern Morgen noch die Nachricht, dass Taylor Hawkins, der Schlagzeuger der Foo Fighters, mit 50 Jahren gestorben ist.

Da sind wir wieder bei den Meldungen, die uns näher gehen, wenn sie closer to home treffen. Ich hab versucht, auf Instagram zu beschreiben, welche Rolle die Foo Fighters und Taylor Hawkins in meinem Leben gespielt haben. Und ich bin immer noch geschockt und wahnsinnig traurig

Was macht der Garten? Es wächst schon einiges, der Rasen ist an der Stelle, wo das Planschbecken stand, neu eingesät und so langsam wird’s auch wieder grün. Dieser Newsletter wurde jedenfalls komplett in der Sonne hinterm Haus geschrieben.

Was hast Du gehört? Seit gestern natürlich sehr viel Foo Fighters. Davor das neue Album von Casper, „Alles war schön und nichts tat weh“ (Columbia/Sony Music; Apple Music, Spotify), das (natürlich wieder) richtig gut geworden ist, ein Feature mit Lena Meyer-Landrut enthält und mit „Billie Jo“ einen Song, der mir jedes Mal beim Hören die Tränen in die Augen treibt; das neue Album von Placebo, „Never Let Me Go“ (Elevator Lady/SO Recordings; Apple Music, Spotify), das nach dem schlechten letzten Album vor neun Jahren überraschend okay geworden ist (aber vielleicht bin ich jetzt einfach auch in einem Alter, wo ich die neuen Sachen von Acts aus meiner Jugend gut finde, einfach, weil sie mich an meine Jugend erinnern); und das neue, selbstbetitelte Album von Anaïs Mitchell (BMG; Apple Music, Spotify), das einfach sensationell gut ist und sehr gut zur emotionalen Überforderung der letzten Wochen passte.

Was hast Du gesehen? Auf Netflix gibt es eine neue Doku-Reihe namens „The Andy Warhol Diaries“, die - Überraschung! - die Tagebücher von Andy Warhol nimmt, von einer KI-Stimme, die Warhols echte emulieren soll, vorlesen lässt (was auf der rein rezeptorischen Ebene ein bisschen gruselig ist, im Kontext von Pop-Art und Konzeptkunst aber natürlich irgendwie auch total Sinn ergibt) und das alles mit wahnsinnig viel Archivmaterial und Interviews kombiniert. Ich hab nach zwei Folgen noch nicht so ganz begriffen, wohin die Reise gehen soll, aber wenn man sich für moderne Kunst, queer culture und New York interessiert und möglichst wenig Zeit mit tagesaktuellen Inhalten verbringen möchte, ist man hier an der richtigen Adresse!

Was hast Du gelesen? Nachdem ich mir vor drei Jahren in Berlin Joan Didions „Where I Was From“ gekauft und es in der Zwischenzeit dreimal begonnen hatte, habe ich meine Covid-Infektion genutzt, um das Buch endlich komplett zu lesen. Joan Didion, die Ende Dezember verstorben ist, schreibt darin über die Besiedlung Kaliforniens und die Geschichte ihrer Familie ebenda — das ist für mich natürlich doppelt interessant, weil ich ja auch Familie in Kalifornien habe. Wie immer, wenn ich irgendwas von Joan Didion lese, bin ich gleichzeitig halb erschlagen von den vielen Informationen (ich hab gemerkt, dass ich erschreckend wenig über meinen adopted home state wusste) und völlig begeistert von der Art, wie sie all diese Informationen neben- und ineinander montiert. Jeder Text von Joan Didion (also: jeder, den ich bisher gelesen habe) ersetzt ein Journalistik-Studium!

Deutlich weniger Zeit zwischen Bucherwerb und Lektüre-Abschluss lag bei dem Buch, das ich vorgestern gekauft und gestern Abend in einem Rutsch durchgelesen habe: In der KiWi-Musikbibliothek, wo u.a. Thees Uhlmann über die Toten Hosen, Sophie Passmann über Frank Ocean, Lady Bitch Ray über Madonna, Helene Hegemann über Patti Smith und - na klar! - Wolfgang Niedecken über Bob Dylan geschrieben haben, hat Kristof Magnusson den Band über die Pet Shop Boys veröffentlicht. Ich kannte den Autor zugegebenermaßen vorher nicht wirklich, dafür liebe ich aber die Pet Shop Boys und so war es eine sehr gute Kombination von autobiographischen Erzählungen und popkultureller Analyse. (Das Konzept der Reihe ist ja, die Verschränkungen von eigenem Leben und Fandom aufzuschreiben — so gesehen kann man Benjamin von Stuckrad-Barres „Panikherz“ über sich und Udo Lindenberg vielleicht als den zehn Mal so umfangreichen dummy für die „Musikbibliothek“ bezeichnen.)

Was hast Du gelernt? Wenn man jedes Mal ganz melancholisch wird, wenn man zu klein gewordene Kinderkleidung aussortieren muss, empfiehlt es sich, die Klamotten zu nehmen und zu einem Kumpel zu bringen, der sie - zusammen mit buchstäblich Tonnen anderer Hilfsgüter und vielen anderen Freiwilligen - nach Polen fährt, wo sie an Geflüchtete aus der Ukraine verteilt werden. Der Gedanke, dass da jetzt irgendwo Kinder mit unseren Pullis, Jacken und Winterschuhen durch die Gegend stapfen, gibt mir jedenfalls das Gefühl, in diesem ganzen Elend irgendwas Sinnvolles geleistet zu haben.

https://www.youtube.com/watch?v=Ssd3U_zicAI

What's so funny about peace, love, and understanding?

Habt eine gute Woche!

Love Love Peace Peace, Lukas

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