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Wo Egoschweine erst alleine Und dann zusammen, nur an sich denkend Sich zu einem Wir verlieren Und jedes Wir sind viele Ichs Und viele Ichs wollen dann die Wagenburg Die Wagenburg formieren (kettcar)

Good evening, Europe!

Ich hoffe, es geht Euch gut!

Anders gefragt: Hattet Ihr es jetzt schon?

Es nützt ja leider für das eigene Seelenheil erschreckend wenig, wenn das Robert-Koch-Institut erklärt, dass die Inzidenz erstens nicht mehr ansatzweise zu erfassen sei und zweitens jetzt aber wirklich keine Rolle mehr spiele, wenn die Medien auf fröhlich-zynischer Rekordjagd weiter fleißig eben genau jene Inzidenzwerte vermelden und man selbst als Teil der Bevölkerung auch immer nur auf die vermeintlichen täglich neuen Horrorzahlen schaut.

Andererseits knallen diese Nachrichten natürlich auch ganz anders, wenn es dann tatsächlich den ersten positiven PCR-Pool-Test in der Klasse des eigenen Kindes gibt — der aber nicht mehr mit PCR-Einzeltests konkretisiert werden kann, weil Deutschland weniger Kapazitäten zur Verfügung hat als die Stadt Wien und die irrlichternde Immobilienkauffrau, die in NRW seit fast fünf Jahren erfolglos eine Schulministerin zu mimen versucht (oder, andererseits: sehr erfolgreich, denn wenn ich mich an meine eigene Schulzeit erinnere, standen diesem offenbar ausschließlich mit Wahnsinnigen gefüllten Ministerium schon immer rechtschaffen unfähige Parteisoldat*innen vor, die zwar keine Ahnung, aber in den eigenen Reihen „noch was gut“ hatten), in konsequenter Fortsetzung ihrer offensichtlich von einem Pantoffeltierchen ersonnenen „Kommunikations-Strategie“ (rather: the lack thereof) die Schulen abends um 22:14 über solche gravierenden Änderung informiert.

Sollte die schwarz-gelbe Landesregierung in NRW die Landtagswahl im Mai gewinnen; sollte die FDP, die keinen Millimeter von ihrer kolossal überforderten Ministerin abrückt, überhaupt in den Landtag kommen, werde ich vermutlich so laut schreien, dass man es in Düsseldorf noch hören kann.

Apropos nicht stattfindende Kritik an der Regierung: Ich war am Samstag auf einer Gegenkundgebung zur Demonstration der sogenannten „Querdenker“, die sich vor dem Bochumer Schauspielhaus versammelt hatten und zwischen gelben „Ungeimpft“-Armbändern, Russland-Fahnen, Marschtrommeln und roten Herzchen-Luftballon einen apokalyptischen Straßenkarneval der für alle Vernunft verlorenen Egoisten abhielten.

Eigentlich wollte ich nur mal sehen, wer diese Menschen sind, damit ich ihnen in Zukunft nicht versehentlich noch irgendwo die Tür aufhalte oder sonst entfernt freundlich zu ihnen bin, aber ich erkannte in der leider dann doch bedrückend großen Gruppe (die Polizei sprach zu diesem Zeitpunkt von 250 Teilnehmenden) kein einziges Gesicht, das mir schon mal im Stadtbild aufgefallen wäre — was entweder sehr für mein soziales Umfeld spricht oder dafür, dass es sich hier zum großen Teil um Schlachtenbummler handelte, die einfach zu jeder Demo in der Region fahren, um die Menschen vielerorts an ihrer mit erfundenen Fakten und Antisemitismus garnierten Parade teilhaben zu lassen.

Wir waren mehr, aber es war schlimm, in diese selbstgerechten Gesichter zu blicken, die fröhlich winkten und mit ihren Händen Herzchen formten, während ihnen andere Menschen so ganz offensichtlich egal waren — sowohl die, deren Schutz durch eine flächendeckende Impfung sie wegignorieren, als auch die Nazis, an deren Seite sie da liefen. Wenn es die vielbeschworene „Spaltung der Gesellschaft“ wirklich geben sollte (es gibt sie meines Erachtens nicht), dann kann ich es kaum erwarten, möglichst viel Abstand zwischen diese Personen und mich zu bringen.

On top kommen dann noch die entfernten Bekannten, die Dir - wiewohl selbst kinderlos - in ihrem WhatsApp-Status erklären wollen, dass Kinder Vitamine brauchen, „keine Desinfektionsmittel“. Ja, danke, Brigitte! Kinder brauchen auch Sport, ich werde meins gleich morgen mal von der offensive line der LA Rams überrennen lassen!

Huch, jetzt hab ich mich schon wieder aufgeregt! Dabei wollte ich das doch gar nicht, sondern am Liebsten die Nachrichten/Social-Media-Welt komplett allein da draußen lassen.

Ja, we’re all in this together, aber es bringt ja auch nichts, sich jetzt auch noch die Angst wildfremder Menschen ins eigene Herz zu holen. Da hofft man dann lieber, was ich bei Menschen auf Social Media eh immer hoffe, nämlich, dass die doch bitte echte Menschen in ihrem Umfeld haben mögen, die mal den Arm um sie legen.

Da hilft es, dass es letzte Woche die ersten Sonnentage gab, bei denen man wieder schöne Spaziergänge (Nope, Ihr Pisser: Ihr könnt mir dieses Wort nicht wegnehmen; was Ihr da macht, sind einfach verkappte Aufmärsche von Leuten, die kein Taktgefühl und keine Körperspannung haben!) unternehmen konnte. Aber selbst 20 Minuten an der frischen Luft bei grauem Himmel und Nieselregen lüften Hirn und Herz angemessen durch.

Max Eberl hat mit sofortiger Wirkung als Sportdirektor bei Borussia Mönchengladbach aufgehört. Das ist angesichts der aktuellen sportlichen Lage des Vereins natürlich schlecht, aber die rückt durch die Umstände ganz schnell in den Hintergrund: Man muss sich diese Pressekonferenz eigentlich in voller Länge anschauen, diesen immer so stark und souverän wirkenden Mann sehen, der die meiste Zeit die Hände vorm Gesicht und Tränen in den Augen hat und der davon spricht, dass er „müde“ und „erschöpft“ ist und keine Lust mehr auf Fußball hat.

Es ist beeindruckend und bewegend, wie schlicht und ergreifend er da sagt, dass er nicht mehr kann, denn es erfordert - gerade in einem Multimillionen-Dollar-Business wie der Fußball-Bundesliga - immer noch enorm viel Stärke, um seine eigene vermeintliche Schwäche öffentlich anzusprechen. Ich glaube, wie Max Eberl geht es vielen — ganz besonders nach den letzten zwei Jahren Pandemie.

Natürlich hat Eberl als (mutmaßlich finanziell und sozial ganz gut abgesicherter) Sportdirektor das Privileg, jetzt einfach aufhören zu können — aber es ist meine tiefste Überzeugung, dass niemand etwas davon hat, wenn man seine Privilegien im Bezug auf geistige Gesundheit nicht nutzt. Und er wird dadurch, ob er will oder nicht, natürlich auch zu einem Vorbild, einem Symbol; vielleicht können wir nicht alle einfach aufhören, aber wir können sagen, wenn wir müde und erschöpft sind, wir können, so gut es geht, auf unsere Bedürfnisse achten und wir müssen lernen, auf die Menschen in unserem Umfeld zu achten. Denn auch dafür ist die PK ein beeindruckendes Dokument: Wie da die verdienten, sicherlich auch empathischen Präsidiumsmitglieder sitzen und sagen, dass sie ganz überrascht gewesen seien von Eberls Zustand und seiner Entscheidung.

Wenn es Euch nicht gut geht, könnt Ihr Euch Hilfe holen — zum Beispiel bei der Telefonseelsorge unter den kostenlosen Rufnummern 0800-1110111 und 0800-1110222 und im Internet.

Kommen wir nun aber doch noch zu den erfreulichen Dingen: Musik. Sie hat mich auch wieder durch das etwas mühsame, an vielen Stellen aber auch wahnsinnig tolle Jahr 2021 begleitet.

Ich habe diesmal kein „Album des Jahres“ mehr gekürt, sondern eine Liste mit meinen Acts des Jahres gemacht. Die Songs des Jahres gibt es wie gehabt als Top-25-Liste mit gut gelaunten Erläuterungstexten und als Spotify-Playlist mit 65 Songs. Und über die vielen Gründe, warum Spotify problematisch ist, sprechen wir dann beim nächsten Mal. Ich muss erst mal wieder an die frische Luft!

Was hast Du gehört? Pigeon Pit aus Seattle, Washington sind eine Band, deren Musik ich als Mischung aus den Mountain Goats, Neutral Milk Hotel und Frank Turner beschreiben würde — also etwas, das ich nur lieben kann! Ihr aktuelles Album „Feather River Canyon Blues“ (Reach-Around Records; Bandcamp, Apple Music, Spotify) ist am 1. Januar erschienen und schafft 10 Songs in gut 25 Minuten.

Ich lasse ja eigentlich keine Gelegenheit aus, den Podcast „Song Exploder“ zu empfehlen, in dem Musiker*innen die Entstehungsgeschichte eines ihrer Songs erzählen und die Lieder komplett auseinandernehmen, um sie dann vor unseren Ohren wieder zusammenzubauen. Die aktuelle Folge, in der Alex Kapranos von Franz Ferdinand erklärt, wie „Take Me Out“ entstanden ist, macht allerdings besonders viel Spaß und ist auch der perfekte Einstieg, falls Ihr den Podcast noch nicht kennt.

Was hast Du gesehen? Ich bin in meinen Weihnachtsferien aus Versehen in die Darts-WM geraten, die ich dann mit großer Begeisterung geschaut habe — und da ich Sportübertragungen im Fernsehen ja einfach großartig finde (Am Freitag beginnen die Olympischen Winterspiele in Peking — gucken, obwohl es China ist? Schreibt mir Eure einfachen Antworten in die Kommies und lasst ’nen Like da!), habe ich den letzten Sonntag mit dem Finale der Australian Open und den Darts-Masters aus Milton Keynes verbracht.

Außerdem habe ich „The Book of Boba Fett“ angefangen, die neueste „Star Wars“-Serie auf Disney+, aber ich weiß echt nicht, was ich davon halten soll. Vielleicht einfach Abstand.

Was hast Du gelesen? Bei der BBC erschien ein interessanter kleiner Text über Text-Vorführungen von Kinofilmen und ihre Auswirkungen auf teils ikonische Filmszenen.

Was hast Du gelernt? Es sind ja nicht nur die Corona-Nachrichten, die je nach Abstand zur eigenen Lebenswirklichkeit unterschiedlich reinhauen. Wenn die „Tagesschau“ berichtet, dass es Angehörigen des Botschaftspersonals in Kiew angesichts der steigenden Kriegsgefahr freigestellt ist, die Ukraine zu verlassen, und diese Meldung mit einem Foto der deutschen Botschaft bebildert ist, in der Du selbst vor fünf Jahren bei einem fröhlichen Empfang mit ESC-Teilnehmer*innen, Sekt, Häppchen und Vitali Klitschko gewesen bist, dann ist das auch noch mal was ganz anderes als eine sachliche Agenturmeldung.

https://www.youtube.com/watch?v=BriDq6OLeRY

Heute vor 27 Jahren verschwand Richey Edwards.

Habt eine schöne Rest-Woche!

Herzliche Grüße, Euer Lukas

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