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It's been a long December and there's reason to believe Maybe this year will be better than the last (Counting Crows)

Good evening, Europe!

Frohes Neues Jahr! Ja, das kann man noch sagen. Ich glaube sogar, dass „Wie lange darf man eigentlich ‚Frohes Neues Jahr‘ sagen?“ die Mutter aller „Was darf man eigentlich noch sagen?“-Fragen ist. Sie bringt den unterschwelligen Wunsch zum Ausdruck, etwas vorgeschrieben zu bekommen, damit man sich dann darüber aufregen kann. Menschen, die seit mehreren Jahrzehnten eine nicht im eigentlichen Sinne glückliche Ehe führen, sprechen so. Das sollten wir nicht tun!

Ich war heute im Getränkemarkt. Das wäre jetzt nicht unbedingt ein Thema für diesen Newsletter (auch wenn ich mich selten erwachsener fühle, als wenn ich im Getränkemarkt oder in der Waschstraße bin), aber die Filiale wurde gerade umgebaut. Also: buchstäblich. Ich fuhr mit meinem großen, flachen Getränkemarkt-Einkaufswagen vorbei an Regalen, die gerade gleichzeitig aufgebaut und befüllt wurden; die Kassen wurden just zu meiner Besuchszeit an der alten Stelle entkabelt und an einem anderen Ort wieder angeschlossen. Wir Kund*innen wurden von den sehr freundlichen Mitarbeiter*innen, die heute offenbar in voller Mannschaftsstärke anwesend waren, mit ausladenden Gesten und entschuldigendem Schulterzucken vorbei an den größten Gefahrenquellen und durch immer neue Gassen, die gerade frei waren, dirigiert. Als jemand, der große Teile seiner Kindheit auf Baustellen verbracht hat, fühlte ich mich sofort zuhause.

Obwohl hinter unseren Rücken geflext und gebohrt wurde, waren die Kund*innen allesamt gut gelaunt — bot diese absurde Anordnung doch nicht nur Gelegenheit zur Fraternisierung untereinander, sondern auch für eine launig erzählte Anekdote am Abendbrottisch in Zeiten, in denen sonst nicht viel Amüsantes passiert. Und Masken, um uns vor möglicher Staubentwicklung zu schützen, hatten wir eh alle auf. Kurzum: Es war ein kleines, disruptives Fest im Alltag und ich konnte gar nicht anders, als das alles als große Metapher zu begreifen — für irgendwas, vielleicht einfach für unsere Zeit.

Ich weiß, dass viele gerade sehr besorgt auf die aktuellen Corona-Entwicklungen blicken, und wenn man Menschen in seinem Umfeld hat, die als Risikopatient*innen gelten, ist das gerade natürlich ungefähr das zehnte Stahlbad, durch das man in den letzten zwei Jahren durch muss.

Andererseits deutet (nach meinem laienhaften Verständnis — ich verlasse mich da auf die Fachleute, die in den letzten Jahren am häufigsten Recht gehabt haben) vieles darauf hin, dass wir die ganze Scheiße nach Omicron (was für mich immer noch klingt wie eine Großmutter mit Branntwein-Problem) dann wirklich hinter uns haben könnten. Der Wiedereintritt in die Erdatmosphäre ist ja bei jeder Weltraum-Mission der Punkt, wo es noch einmal ungemütlich wird, bevor man wieder in der Normalität ankommt. Ich schreibe es zum gefühlt dritten Mal, aber ich bin mir sicher: Das schaffen wir jetzt auch noch!

Was mich seit Wochen völlig fasziniert, ist das Gerede vom „Boostern“ oder die Frage, ob man schon „geboostert“ sei. „(to) boost“ ist ein transitives englisches Verb, das man mit „ansteigen lassen“, „steigern“ oder „verbessern“ übersetzen könnte. Da die Auffrischungsimpfung (die Ihr Euch hoffentlich schon alle habt holen können) im Englischen aber „booster shot“ genannt wird, leitet der sogenannte Volksmund daraus das deutsche Verb „boostern“ ab (in Österreich und der Schweiz spricht man hingegen vom „boosten“).

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich finde das nicht „schlimm“. Es gibt keine einheitlichen Regeln, wie man fremdsprachige Vokabeln konjugiert, und ich freue mich immer über kreativen Umgang mit Sprache. (Letzteres war, wo ich kurz drüber nachdenke, glatt gelogen: Menschen, die Originalitätsbemühte Begriffe wie „Rudelgucken“, „sitt“ und „Fratzebuch“ verwenden, sollten sich vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte verantworten oder auf schmerzende Schienbeine einstellen. Wer Formulierungen wie „Greta Thunfisch“, „she/her-Sekte“ oder „Linksgrünbeeinflusser“ in den Kommentarspalten rechtskonservativer Altherrenmedien aufgelesen hat und weiter in Umlauf bringt, dem sollen die Zehennägel einwachsen, vereitern und eine solide 6 auf der Schmerzskala einbringen!)

JEDENFALLS: Meinetwegen können die Leute schon von „boostern“ sprechen; von mir aus soll der Duden das Wort führen. Ich finde es nur unnötig kompliziert, fremdsprachige Begriffe so weit zu verzerren, dass man anschließend Schwierigkeiten bekommen kann, wenn man die entsprechende Ursprungssprache anwenden möchte. Jeder Idiot kann Dir heute erklären, dass „Handy“ im Englischen ja „praktisch“ bedeute, aber was, wenn er demnächst bei der Einreise ins englischsprachige Ausland (zum Beispiel auf dem Weg zu einem internationalen Tennisturnier in Australien) erklärt: „I’m boostered“? Die Leute wollen ja auch immer „nicht spoilern“, weil sie den vom Verb „(to) spoil“ abgeleiteten spoiler kennen und deshalb beschlossen haben, dass das deutsche Verb eben „spoilern“ lautet, obwohl die wenigsten deutschen Verben auf „-ern“ enden.

Die Idee, ein englischsprachiges Substantiv zum Ausgangspunkt der eigenen Konjugation zu nehmen, überrascht nicht bei einer Sprache, deren Sprecher*innen es lieben, alles zu substantivieren und am besten auch noch im Passiv zu formulieren („Der Anfang ist gemacht“, „Die Entscheidung ist gefallen“), um die größtmögliche Distanz zwischen Handlung und Handelnde zu bringen. Aber im Fall von „boostern“ und „spoilern“ lässt man das Missverständnis so unnötigerweise hinein in die kleine, gemütliche Wohnküche, die wir Leben nennen.

Ich kann wirklich überhaupt gar kein Französisch, aber Ihr könntet mich nachts wecken und ich könnte Euch erklären, dass „Baiser“ auf Französisch „Kuss“ bedeutet und dieses staubtrockene Gebäck aus Eiweiss in unserem Nachbarland als „Meringue“ bekannt ist. Das muss doch nicht sein!

Aber, wie gesagt: Ich finde das alles aus linguistischer Perspektive wahnsinnig interessant, bin bei der Bewertung aber leidenschaftslos. Lasst Euch ruhig alle mit dem Vakzin boostern!

Was hast Du gehört? Ich bin gerade (natürlich) dabei, meine Songs und Acts des vergangenen Kalenderjahres irgendwie zu sortieren, deswegen habe ich nicht so viel neues gehört. Ausreichend Zeit hatte ich aber für zwei ausufernde (I’m talking Peter Jackson/Quentin Tarantino dimensions of unedited footage) Podcasts mit Benjamin von Stuckrad-Barre: Bei „Apokalypse & Filterkaffee“ (Apple Podcasts, Spotify) blickt er mit Micky Beisenherz auf das Jahre 2021 zurück (allerdings auf einer eher abstrakten, privaten Ebene, denn den Rest haben wir ja eh schon millionenfach gehört), bei „Hotel Matze“ (Apple Podcasts, Spotify) spricht er mit Matze Hielscher über „die Liebe“. Das fand ich vor allem deshalb interessant, weil Stucki und ich unter dem Begriff nicht zwingend die sogenannte Zweierbeziehung verstehen (auch nicht irgendwelchen Poly-Kram — „das ist mir zu modern“), sondern vor allem Freundschaft, Begeisterung und das Gefühl, am Leben zu sein. Sich das auf über dreieinhalb Stunden anzuhören, die … nun ja: unkonventionelle Art von Matze Hielscher, Fragen zu stellen, inklusive, erfordert dann auch eine ordentlich Portion Liebe, aber die war bei mir so kurz nach Weihnachten noch vorhanden.

Was hast Du gesehen? Wie ungefähr alle anderen habe ich mir „Don’t Look Up“ von Adam McKay auf Netflix angeschaut. In dem Film geht es vordergründig um einen Asteroiden, der auf die Erde zurast, was aber außer ein paar Wissenschaftler*innen niemanden ernstlich interessiert. Es ist also natürlich eine Allegorie auf die Klimakrise (und im Laufe der Produktion auch eine auf die Covid-Krise geworden) und entsprechend anstrengend ist das alles: Als hätte Helmut Dietl „Armageddon“ gedreht, nur dass man Donald Trump und seine Anhänger halt nicht so gut karikieren kann wie eitle Journalisten oder Filmproduzenten, weil jede noch so groß angelegte Übertreibung nur um Nuancen von der Realität abweicht.

Der namhafte Cast (Leonardo DiCaprio, Jennifer Lawrence, Meryl Streep, Cate Blanchett, Timothée Chalamet, Jonah Hill) muss also mit einem Drehbuch klarkommen, das vielversprechend anfängt und sich dann immer mehr im Versuch verliert, zu überzeichnen, was nicht zu überzeichnen ist. Es gibt einige charmante Running Gags und Schnitte, neue Songs von Kid Cudi und Bon Iver, aber die Frage „Was soll das?“ stand im Raum und wuchs wie ein Elefant, der sich weigert, auszuatmen. „Die Menschheit ist dumm und oberflächlich, Medien interessieren sich nur für das Privatleben von Popstars und Politiker*innen sind dumm und korrupt“ war schon vor 25 Jahren keine sonderlich originelle Position, in Social-Media-Zeiten (and don’t get me started on the way this movie depicts social media), in der alle nur noch das Ziel haben, die Anderen als Idioten dastehen zu lassen, ist es ein komplett wertloser Ansatz. Dann zehntausendmal lieber „Mars Attacks!“

Was hast Du gelesen? Andrew McMahon, dessen Musik ich in den Iterationen Something Corporate, Jack’s Mannequin und Andrew McMahon In The Wilderness schon mein halbes Leben lang liebe, hat ein Memoir geschrieben. „Three Pianos“ ist ein Brief an die drei Klaviere, die ihn in seinen bisherigen 39 Jahren begleitet haben, vor allem aber die Geschichte einer kaputten Familie mit tablettensüchtigem Vater und eines Teenagers, der zum Rockstar wird und mit 22 die Diagnose Leukämie erhält. Es ist also ein eher bedrückendes Buch, in dem Andrew McMahon mit sich selbst am härtesten ins Gericht geht, und bei dem man sich wundert, wie er nebenher noch die Zeit gefunden hat, Musik aufzunehmen, die so vielen Menschen (mir!) so viel bedeutet und durch eigene schwere Zeiten geholfen hat. Ich persönlich hätte mir etwas mehr Hintergründe zu den Songs gewünscht, denn Orte, Personen und Ereignisse, die man schon aus Songtexten kennt, tauchen immer wieder auf, werden dann aber einfach stehen gelassen. Wenn man als Ziel einer Musiker*innen-Autobiographie aber annimmt, der Person näher kommen zu wollen, dann erfährt man aus „Three Pianos“ noch mehr über Andrew McMahon, als man aus seinen Songs schon weiß.

Außerdem ist bei McSweeney’s eine Liste mit dem alles sagenden Titel „What Your Favorite Sad Dad Band Says About You“ von John Moe erschienen und wir können nur wirklich gut befreundet sein, wenn Ihr darüber auch Tränen gelacht habt!

Was hast Du gelernt? Having guts always works out for me. Das hat Stefan Sagmeister zwar schon vor Jahren herausgefunden (und ich hab’s vor 13 Jahren von ihm gelernt), aber es stellt sich einfach immer wieder als korrekt heraus.

https://www.youtube.com/watch?v=N6Ntmr0jxmM

Wie kann es sein, dass dieser Song so wenige Aufrufe hat?!

Habt eine schöne Woche!

Herzliche Grüße, Euer Lukas

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