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Die dunklen Jahreszeiten des Lebens

Seit einiger Zeit fühlt sich Majas Leben traurig, angstvoll und hoffnungslos an. Was, wenn diese Phase zu einem Dauerzustand wird?

Dear Daniel,

ich bin beinahe 48 Jahre alt, Mutter von zwei bereits erwachsenen und -  wie ich gerne stolz denke - wohlgeratenen Jungs, 20 und 23, und Single. Meine letzte Partnerschaft dauerte nur zehn intensive Monate und ist vor einem Jahr zu Ende gegangen. In dieser Beziehung habe ich einiges über mich gelernt. Es gab einige Partnerschaften in meiner Vergangenheit, die längste, mit einer Frau, dauerte acht Jahre. Die Partnerschaften mit Männern, auch die mit dem Vater der Jungs, hielten nie länger als zwei Jahre. Und doch wünsche ich mir eine Partnerschaft mit einem Mann. Mit einem Mann, der da ist, bereit ist, sich auseinanderzusetzen, der bereit ist, alles, was da ist, auf den Tisch zu legen, es gemeinsam anzuschauen und damit zu arbeiten.

Momentan kann ich mich nicht überwinden, über Parship auf Partnersuche zu gehen. Ich habe das schon versucht und es als mühsam und enttäuschend empfunden. Seit einigen Monaten habe ich ein „Arrangement“ mit einem guten Bekannten. Wir treffen uns, um Sex zu haben. Er ist ebenfalls Single, seine langjährige Partnerschaft ist vor über einem Jahr zu Ende gegangen. Ich kann mir eine Partnerschaft mit ihm vorstellen, doch er will partout keine neue, verbindliche Beziehung eingehen. Oder vielleicht einfach nur nicht mit mir. Der Sex ist gut, es macht Spaß und ich erlebe mich in diesen Momenten ganz anders als sonst im Alltag - lustvoll, genießend, loslassend.

Ich arbeite halbtags und ertappe mich in letzter Zeit oft dabei, zu lange ins Handy zu starren, nicht zu wissen, was ich tun soll und keine Lust auf irgendetwas zu haben. Ich warte auf meinen jüngeren Sohn, der noch bei mir lebt, aber sein eigenes Leben hat. Ich merke, dass ich mich mit Essen und Alkohol tröste, denke immer wieder, dass mir mein Leben nicht gefällt und fühle mich innerlich immer mehr gelähmt. Doch je verzweifelter ich nach etwas suche, was mir dauerhaft Spaß machen könnte, desto unglücklicher und verkrampfter fühlt sich alles an. Ich habe oft keine Lust, unter Menschen zu gehen und keine Kraft, nett zu sein. Vor einer Woche habe ich mir ein Fahrrad gekauft, um vom Sofa runter und raus zu kommen. Es hat auch geklappt und die Bewegung hat jedes Mal meine Stimmung angehoben, aber ich kämpfe ständig gegen auftauchende Gedanken wie „Das schaffst Du nicht, Du hattest noch nie Freude an Bewegung“ oder „Das Geld ist zum Fenster rausgeschmissen“ und so weiter. Obwohl ich früher so gerne gelesen habe, finde ich heute nur selten ein Buch, das mich fesselt. Ich denke, dass ich mit solch einem Leben gewiss nicht attraktiv für einen potentiellen Partner bin.

Nun überlege ich, wie die konkrete Frage an Dich lautet. Eine schwere Depression habe ich zum Glück bisher nicht erlebt. Es kostet mich aber viel Kraft, täglich mit dieser schweren, traurigen, hoffnungslosen und angstvollen Stimmung umzugehen. Ich habe Angst, dass diese Phase eigentlich gar keine Phase ist, sondern zum Dauerzustand wird, jetzt, wo die Kinder groß sind und die Aufgabe, mich um sie kümmern zu müssen, nicht mehr vorhanden ist und mich am Leben erhält. Ich kenne solche Stimmungen bereits seit meiner Kindheit. Ich kann sie einfach nicht finden, die Lust am Leben.Glaubst Du, da kann es einen Ausweg geben, eine Möglichkeit, mit dieser verfahrenen Situation umzugehen? Gibt es etwas, was Dir dazu einfällt, wenn Du das liest?

Alles Liebe,

Maja

Liebe Maja,

danke für deinen Brief. Ich kann deine Lage so gut nachvollziehen, viel besser, als du wahrscheinlich denkst und viel besser als mir lieb ist. Ich kenne solche depressiven Phasen, wie du sie beschreibst, seit meiner Jugend, und im Laufe der Jahre habe ich mich daran gewöhnt, dass sie immer wieder kommen. Ich habe, wie du, auch gelernt, mit ihnen zu leben, mit ihnen umzugehen, und ihnen, so gut es geht, ihre akutesten Spitzen zu nehmen. Was aber nicht bedeutet, dass man diese Phasen ohne tiefe Schmerzen und das Gefühl einer nachhaltigen Hoffnungslosigkeit durchleben kann. Denn genau darin besteht ihre unausweichliche, ganz grundsätzliche Grammatik, selbst wenn es sich nicht um schwere, klinische Depressionsphasen handelt.

Ich habe auch in „Zuhause“, meinem zweiten Essaybuch, über eine solche Phase geschrieben. Auch bei mir begann sie nach dem Ende einer intensiven Beziehung, auch ich dachte, dass sie niemals enden würde und ich mich für den Rest meines Lebens so fühlen würde – obwohl ich von früheren depressiven Phasen wusste, dass sie immer irgendwann vorbeigehen. Für mich hat diese Phase damals ein gutes Jahr angehalten. Als sich an ihrem Ende die ersten Hoffnungsschimmer zeigten, war ich so überrascht davon, dass ich ihnen zunächst kaum Glauben schenken konnte. Für mich klingt dein Brief ein wenig so, als würdest du dich gerade in diesem Teil deiner depressiven Phase befinden. Du unternimmst erste Schritte in ein neues Leben, machst Dinge ein wenig anders als sonst, steigst auf dein neues Fahrrad – und trotzdem fühlt sich alles ein wenig sinnlos an, trotzdem wird die Stimme der Hoffnungslosigkeit nicht leiser.

Es ist schwer, jemandem in einer solchen Phasen Hoffnung zu machen. Zuversicht lässt sich nicht künstlich herstellen. Man kann sich nicht einfach entscheiden, ab heute ergibt mein Leben wieder Sinn. Aber trotzdem glaube ich, dass diese dunklen Jahreszeiten des Lebens zu den Zyklen gehören, die wir durchmachen müssen. 

Es ist schwer, jemandem in einer solchen Phase Hoffnung zu machen. Zuversicht lässt sich nicht künstlich herstellen. Man kann sich nicht einfach entscheiden, ab heute ergibt mein Leben wieder Sinn. Aber trotzdem glaube ich, dass diese dunklen Jahreszeiten des Lebens zu den Zyklen gehören, die wir durchmachen müssen. Ich rede dabei, wie gesagt, nicht von klinischen Depressionen, die uns so lahmlegen, dass wir nicht mehr am Leben teilnehmen können, sondern genau von diesen lang anhaltenden depressiven Phasen, in denen wir unser Leben auf Sparflamme führen, den Phasen ohne Zuversicht. Auch wenn es sich vielleicht paradox anhört: Ich glaube nicht nur, dass solche Phasen für viele von uns schlicht zum Leben gehören, sondern auch, dass wir sie für den Kreislauf unserer inneren Ökologie brauchen.

Du scheinst dich an einem Punkt in deinem Leben zu befinden, an dem ein Großteil dessen, was dich angetrieben hat, was dir Sinn geschenkt hat – das Aufziehen deiner beiden Söhne – ein Ende findet. Ein Punkt, an dem du deinem Leben nachhaltig für die nächsten Jahre eine neue Richtung schenken und dich selbst in einem gewissen Sinne neu finden musst. Du stehst ganz konkret vor einer riesigen Herausforderung, die schlicht Zeit braucht. Die Herausforderung ernst zu nehmen, bedeutet nicht, magische, kurzfristige Lösungen für deine Schmerzen zu finden, sondern in dich hineinzuhorchen, dich selbst und deine neue Lebenssituation kennenzulernen, langsam neue Dinge auszuprobieren und dein Leben Schritt für Schritt mit Sinn zu erfüllen.

Um ein vielleicht etwas kitschiges Bild zu bemühen: Viele Menschen denken, dass sich Pflanzen im Winter in einer entwicklungsfreien Schockstarre befinden. Doch der Winter ist für sie häufig eine wichtige, regenerative Zeit. Sie bilden die Knospen für das Frühjahr aus, bereiten ihre Wurzeln biochemisch auf den kommenden Wachstumsschub vor, stoßen Teile von sich ab, die sie nicht mehr brauchen oder die sie hindern. 

Wie gesagt, all das kann man leider nicht beschleunigen – auch wenn man sich wirklich nicht so fühlen möchte, wie man sich gerade fühlt. Um ein Bild zu bemühen: Viele Menschen denken, dass sich Pflanzen im Winter in einer entwicklungsfreien Schockstarre befinden. Doch der Winter ist für viele Pflanzen eine wichtige, regenerative Zeit. Sie bilden die Knospen für das Frühjahr aus, bereiten ihre Wurzeln biochemisch auf den kommenden Wachstumsschub vor, stoßen Teile von sich ab, die sie nicht mehr brauchen oder die sie hindern. Ich weiß, dass das eine kitschige Metapher ist. Aber wir brauchen diese dunklen Jahreszeiten in unserem Leben wie viele Pflanzen den Winter brauchen. Das ist etwas, das wir akzeptieren müssen, etwas, das wir nicht ändern können.

Zu akzeptieren, dass man sich in der dunklen Jahreszeit befindet, hat nichts mit Resignation oder Stoizismus zu tun. Im Gegenteil, vielmehr kreiert man so eine gewisse innere Freiheit. Man schafft sich den Raum, Dinge neu zu sehen und sich neu aufzustellen. Bevor ich zum Ende des Briefes komme, möchte ich dir einige Vorschläge mit auf den Weg geben, die mir in meinem Leben geholfen haben und für mich in gewisser Hinsicht einen Rettungsschirm für die Winterphasen des Lebens darstellen:

Lerne, dich auf andere Art zu trösten. Alkohol ist ein Depressivum. Als ich noch getrunken habe, war mir das nicht klar. Aber jedes Glas während einer Depression macht die Depression schlimmer, verankert dich mehr in ihr, auch wenn es vorübergehend Erleichterung verspricht. Wie du vielleicht weißt, wurde ich abhängig und musste aufhören zu trinken. Ich weiß nicht, wie das bei dir ist. Aber auch bei nicht-abhängigen Person verschärft das Trinken diese schwierige Situation nur und hindert einen genau an dem inneren Wachstum, dem man sich stellen musst. Wie gesagt, Alkohol ist ein Depressivum. Wenn du weiterhin Trost im Trinken suchst, wird deine Angst, dass du dich den Rest deines Lebens so fühlen wirst, wahr werden. Mit großer Sicherheit wirst du dich sogar noch schlimmer fühlen als jetzt.

Such dir psychiatrische und therapeutische Hilfe. Damit meine ich nicht, dass du dir gleich Medikamente verschreiben, sondern dass du dich auch auf körperliche Probleme hin untersuchen lassen solltest, um sie auszuschließen. Oft kann auch schon ein Gespräch mit einer psychiatrischen Ärztin hilfreich sein und erst recht ein therapeutischer Beistand ist in solchen Phasen wahnsinnig viel wert. Nicht zuletzt, weil man so im Auge behalten kann, wie diese Phase verläuft, wie man sich entwickelt.

Zu akzeptieren, dass man sich in der dunklen Jahreszeit befindet, hat nichts mit Resignation oder Stoizismus zu tun. Im Gegenteil, vielmehr kreiert man so eine gewisse innere Freiheit. Man schafft sich den Raum, Dinge neu zu sehen und sich neu aufzustellen.

Such das Gespräch mit den wichtigsten Menschen in deinem Leben und versuche, dich in diesen Gesprächen mit deiner Ambivalenz zu zeigen – du musst dafür nicht besonders nett zu Menschen sein, sondern einfach ehrlich. Einige von ihnen werden ähnliche Phasen durchgemacht haben wie du. Erwarte nicht zu viel. Nicht mit allen werden es gute Gespräche werden, aber auch nur ein einziges gutes Gespräch ist viel wert.

Mach eine kleine Abmachung mit dir, die du jeden Tag einhältst, no matter what. Erst recht in diesen Phasen braucht man das Gefühl, dass man sich um sich kümmert, für sich da ist, für sich eintrittt. Eine solche Abmachung kann einfach ein täglicher halbstündiger Spaziergang sein, egal bei welchem Wetter, egal an welchem Tag des Jahres. Sie kann auch eine tägliche halbstündige Schreibaufgabe sein – was geht dir gerade durch den Kopf? –, dass du jeden Tag ein kleines Bild malst oder 25 Seiten eines Buchs liest, auch wenn dir das schwerfällt. Wichtig ist nur, dass es eine kleine, machbare Aufgabe ist, so klein und machbar, dass du dich daran hältst und du verstehst, dass du sehr wohl in der Lage bist, für dich einzutreten.

Versuch, den Glauben an magische Lösungen abzulegen. Ich habe das Gefühl – und wenn ich damit falsch liege, verzeih – dass du daran glaubst, eine Partnerschaft würde dich in gewisser Hinsicht vor deiner Traurigkeit retten.

Versuch, den Glauben an magische Lösungen abzulegen. Ich habe das Gefühl – und wenn ich damit falsch liege, verzeih – dass du daran glaubst, eine Partnerschaft würde dich in gewisser Hinsicht vor deiner Traurigkeit retten. Das ist der denkbar schlechteste Grund, eine Partnerschaft einzugehen. Wenn Menschen aus diesem Grund eine romantische Beziehung eingehen, geht das häufig mit einer Form der Selbstaufgabe einher, die sich später häufig rächt. Vielleicht brauchst du diese Zeit gerade einfach für dich. Du stehst, wie gesagt, vor einer großen Herausforderung. Ich weiß, dass das Fehlen einer romantischen Beziehung der Anlass deines Briefes ist, vermute aber, dass dich eine Partnerschaft im Moment nur von der inneren Arbeit ablenken würde, die du machen musst. Und vielleicht ist diese Ablenkung, dieses magische Denken, auch der Grund, warum du dir trotz deiner durchmischten Beziehungserfahrungen gerade jetzt eine Partnerschaft wünschst. Ich persönlich finde das Arrangement mit guten Bekannten super. Manchmal sind wir schon genau da, wo wir sein sollten. Die Probleme, die dich gerade umtreiben, wird eine Partnerschaft nicht lösen können.

Finde eine Tätigkeit, die dir den Raum gibt, dich selbst kennenzulernen, dich selbst auszuhalten und auch unbewusst Dinge für dich durchzuarbeiten – für mich sind das Dinge wie das Gärtnern, das Wandern, Yoga, Kochen oder Stricken. Diese Tätigkeit muss zunächst nicht besonders viel Sinn ergeben, man muss nicht gut drin sein und sie muss auch kein vorzeigbares Ergebnis haben, im Gegenteil. Wichtig ist, dass sie einen den Raum zur Selbstbegegnung schenkt. Probiere solche Tätigkeiten aus, auch wenn du zunächst denkst, das hat sowieso keinen Sinn oder das macht eh keinen Spaß, auch wenn sie dir schwer vorkommen und du erstmal keine Lust drauf hast – sie können eine unverhoffte Kraft entfalten, eine Selbstreparatur einleiten, auf die man irgendwann nicht verzichten möchte.

Vielleicht hilft schon das innere Wissen, dass alle Dinge ihre Zeit haben und ihre Zeit brauchen, dass alles sich früher oder später verändert, dass es – auch wenn man sich fühlt, als würde der Winter nie aufhören – irgendwann wieder Frühling wird. Vielleicht.

Ich möchte diesen Brief an dich, mit einem Zitat aus „Zuhause“ beenden, das die ersten Hoffnungsschimmer in meiner damaligen depressiven Phase beschreibt, eine Phase, die irgendwann vorbei war und aus der ich irgendwie anders, irgendwie gestärkt, irgendwie mehr im Leben verankert, herauskam. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es nicht die letzte solcher Phasen in meinem Leben sein wird. Und ich versuche immer daran zu denken, dass auch die nächsten dunklen Jahreszeiten vorbeigehen werden, wie die hier beschriebene es tat:

„Vielleicht, so dachte ich damals, als sich auch jene Wintermonate dem Ende zuneigten, führen Unglück und Rastlosigkeit ohnehin ihr eigenes Leben, haben ihre eigene Dauer, beanspruchen ihren eigenen Raum und finden somit auch ihr eigenes Ende. Vielleicht (…) hilft schon das innere Wissen, dass alle Dinge ihre Zeit haben und ihre Zeit brauchen, dass alles sich früher oder später verändert, dass es – auch wenn man sich fühlt, als würde der Winter nie aufhören – irgendwann wieder Frühling wird. Vielleicht.“

Ich wünsche dir aus ganzem Herzen alles Gute für den Weg, der vor dir liegt, liebe Maja. Bitte weiß, dass du nicht allein bist.

Alles Liebe,

Daniel

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