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Die Krankheit, die man nicht sehen will

Bernhards Freunde trinken so viel, dass sie nicht ertragen, wenn er nichts oder nur wenig trinkt. Was kann er gegen ihre Abhängigkeit tun?

Dear Daniel,

ich trinke kaum Alkohol, werde sehr schnell betrunken und mag das nicht. Seit ich älter bin, kriege ich schreckliche Kater, die mir ganze Tage rauben, selbst nach nur ein, zwei Gläsern Wein. Ich habe zwei Freunde, die mir viel bedeuten und zu viel trinken. Sie sind auch noch ein Paar, ich lebe allein. Ich erkenne die beiden sehr in deinem Buch „Nüchtern“ wieder. Bei jeder Zusammenkunft wollen sie mich regelrecht zum Trinken zwingen. Und wenn ich nicht mitmache, kündigen sie mir spaßeshalber die Freundschaft auf, weil ich „so ein langweiliger Nichtstrinker“ geworden bin. Es ist egal, dass sich mein Verhalten, wenn ich das berühmte Glas trinke, nicht ändert. Ganz selten sprechen die beiden zu stiller Stunde auch von ihrer Sorge, Alkoholiker zu werden oder erzählen von Freunden in ihrem Umfeld, die nicht mehr aufhören können. Aber beim nächsten Treffen geht es wieder los mit ihren zunehmend aggressiven und unerbittlichen Aufforderungen zu trinken. Was kann ich tun?

Liebe Grüße, Bernhard

Lieber Bernhard,

danke für deinen Brief, der mich berührt und zugleich erschüttert hat. Ich musste eine Weile darüber nachdenken, warum ich so darauf reagiert habe - bis mir auffiel, dass ich beide Seiten, die du beschreibst, aus eigener Erfahrung kenne. Ich weiß, wie es ist, von bestimmten Menschen immer wieder nachdrücklich zum Trinken aufgefordert zu werden. Ich kenne aber auch die Seite deiner beiden Freunde, die verzweifelt vermeiden wollen, an ihr Abhängigkeitsproblem erinnert zu werden, indem sie mit jemandem den Abend verbringen, der so trinkt wie die meisten Menschen. Beim Lesen deines Briefes sind auch nach elf Jahren Nüchternheit schmerzhafte Erinnerungen vor meinem inneren Auge aufgetaucht, in denen ich Menschen wie dich zum Trinken aufgefordert habe. Und zugleich musste ich an viele absurde Situationen denken, in denen ich auf der anderen Seite stand. Beide Erfahrungen haben etwas herzzerreißendes. Sucht ist eine schreckliche Krankheit.

Die Selbsttäuschung deiner Freunde funktioniert wie eine Impfung gegen die Einsicht in ihr Problem: Du kannst sagen und machen, was du willst - du wirst sie in der Regel nicht dazu bringen können, ihr Abhängigkeitsverhalten einzugestehen.

Um es vorwegzunehmen: Ich glaube, dass der Schlüssel zu deinem Problem bei dir und nicht bei deinen beiden wahrscheinlich alkoholkranken Freunden liegt.

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