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Loslassen, wenn die Zeit begrenzt ist

Nach ihrer dritten Krebserkrankung möchte Berit wieder in ein normales Leben zurückfinden und entscheidet sich gegen eine Behandlung. Wie ist es ihr möglich, nicht zwanghaft zu kontrollieren, wie dieses Leben auszusehen hat?

Dear Daniel,

ich war in meinen fast achtunddreißig Jahren oft krank. Das erste Mal erkrankte ich mit zweiundzwanzig an Krebs, das zweite Mal mit dreiunddreißig. Beide Male habe ich Operationen und Chemotherapie erhalten. Beim dritten Mal wollte ich keine Behandlungen mehr.

Es ist nicht einfach, nach all dem zu einem normalen Leben zurück zu finden. Ich habe es dennoch - meiner Meinung nach - immer wieder gut geschafft. Ich habe eine vier Jahre alte Tochter, die alles für mich ist, einen Ehemann und eine Ursprungsgroßfamilie. Ich habe Freunde und ein Arbeitsumfeld, ich arbeite sehr gerne.

Dennoch habe ich Probleme mit Menschen. Während ich es früher liebte, fremde Menschen kennenzulernen und neue Sachen auszuprobieren, fühle ich mich heute eher festgefahren. Ich denke sehr viel darüber nach, wie ich meinen Tagesablauf gestalte und plane alles bis ins letzte Detail. Es ist nicht schlimm, wenn dann etwas schief geht. Ich kann dann aber sagen, dass ich alles gegeben habe.

Jedoch komme ich mir manchmal wie eine Außenseiterin vor. Im Betrieb kann ich nicht so feiern wie andere. Beim Kinderturnen kann ich mich nicht belanglos mit anderen Müttern unterhalten. Ein Beispiel: Wir hatten letztens einen Betriebsausflug mit Bierverkostung. Das Bier war warm. Die meisten der Anwesenden hat es gestört, aber ich war die einzige, die sich beschwert hat. Danach hatte ich das Gefühl, dass die anderen meine Beschwerde nicht gut fanden. Warum stört mich so viel? Warum machen andere das mit? Ich lebe, als ob heute mein letzter Tag ist. Da möchte man doch definitiv kein warmes Bier trinken, oder?

Aber warum mache ich mir überhaupt so viele Gedanken über alles, warum muss ich immer alles klären und alles zu zweihundert Prozent erfüllen? Letzten Endes weiß ich gar nicht, ob Sie mir folgen können. Dafür ist dies ein zu klitzekleiner Teil meines Lebens. Ich bin gespannt... Viele Grüße,  Berit

Liebe Berit,

vielen Dank für Ihren berührenden Brief. Sie haben ihn mir schon vor einigen Wochen geschickt und ich habe seitdem immer wieder an ihn gedacht. Bisher habe ich davon Abstand genommen, auf ihn zu antworten, weil ich keine Antwort darauf fand. Aber jetzt, da ich Ihnen schreiben möchte, bevor noch mehr Zeit vergeht, habe ich das Gefühl, dass das vielleicht gerade der Punkt ist: Vielleicht gibt es keine Antwort auf Ihren Brief. Vielleicht kann es schlicht keine richtige Antwort auf die Extremsituation geben, in der Sie leben.

Sie haben recht, wenn Sie schreiben, dass Sie hier nur einen sehr kleinen Teil Ihres Lebens skizzieren, vielleicht einen so kleinen, dass ich Ihnen nicht folgen kann oder Sie missverstehe. Falls dem so sein sollte, möchte ich Sie schon im Vorhinein um Entschuldigung bitten.

Was Sie beschreiben, ist offensichtlich ein klassisches Kontrollproblem. Sie versuchen, ihren Alltag so zu lenken, dass er weitgehend Ihren Vorstellungen entspricht, damit Sie ihn als schön oder gelungen empfinden. Sie würden viel darüber nachdenken, wie Sie Ihren Tagesablauf gestalten, schreiben Sie, und planten alles bis ins letzte Detail. Sie trinken lieber kühle Getränke und sorgen dafür, dass Sie welche bekommen, auch, wenn es dafür vielleicht gar nicht die richtige Situation ist. Und Sie merken, wie Sie mit diesen Kontrollversuchen anstoßen. Dass einige Menschen um Sie herum nicht positiv darauf reagieren, selbst, wenn Sie ihnen, Ihrer Ansicht nach, einen Gefallen tun.

Kontrollierendes Verhalten beruht zwar auf der Illusion, das Leben durch die eigene Kontrolle schöner und sicherer zu machen - es erreicht aber fast immer genau das Gegenteil davon. Stattdessen schneiden Sie sich von Ihren Mitmenschen ab und verpassen das, was das Leben eigentlich ausmacht.

Das Problem kontrollierenden Verhaltens besteht darin, dass es zwar auf der Illusion beruht, das Leben durch die eigene Kontrolle schöner und sicherer zu gestalten, es aber fast immer genau das Gegenteil davon erreicht. Sie schreiben, dass Sie sich festgefahren fühlen, dass Sie keine neuen Dinge mehr ausprobieren können – das sind direkte Folgen Ihres kontrollierenden Verhaltens. Wenn Sie immer zu wissen glauben, was das Richtige für Sie ist, was Ihnen guttut, wie die Welt sein und andere Menschen sich verhalten müssen, damit Sie sich wohl fühlen, verpassen Sie letztlich das Leben. Sie verpassen seine Überraschungen, unvorhergesehenen Wendungen und Geschenke. Sie hindern sich selbst daran, die eigentlichen, schönen Momente des Alltags zu erfahren, weil Sie genau zu wissen glauben, wie schöne Momente auszusehen haben und Momente für Sie vor allem dann schön sind, wenn Sie Ihren Vorstellungen entsprechen. Mit anderen Worten, schneiden Sie sich mit Ihrem Verhalten davon ab, was das Leben eigentlich ausmacht.

Doch kontrollierendes Verhalten hat nicht nur negative Auswirkungen auf Ihre eigene Lebensqualität, sondern auch auf die Ihrer Mitmenschen. Es sorgt dafür, dass Sie das emotionale Band mit ihnen durchschneiden. Indem Sie von der Fantasie her agieren, zu wissen, wie Dinge auszusehen haben und man sich verhalten muss, hindern Sie Ihre Mitmenschen daran, sich so zu verhalten, wie sie es selbst wollen. Wenn diese sich nicht Ihren Vorstellungen entsprechend verhalten, enttäuschen sie Sie. Wenn sie sich Ihren Vorstellungen entsprechend verhalten, erfüllen sie gerade mal Ihre Ansprüche daran, wie die Dinge zu sein haben. Und falls sie das vielleicht sogar Ihnen zuliebe tun, sind Sie nicht in der Lage, das zu sehen. Was Ihre Mitmenschen wirklich denken, fühlen und wollen, spielt in diesem Verhaltensmuster letztlich keine Rolle, weil Sie glauben, was sie zu denken, fühlen und wollen haben. Auch wenn Sie das sicherlich nicht so intendieren, spricht Ihr Verhalten Ihren Mitmenschen ihre Entscheidungshoheit über sich selbst und ihr Leben ab.

Um es, so gut es geht, anhand Ihres Beispiels zu erklären: Ihre Kolleg*innen fanden es in der Situation augenscheinlich nicht so schlimm, warmes Bier zu trinken. Vielleicht hätte eine Beschwerde ihrer Logik zufolge nur die Stimmung beeinträchtigt. Vielleicht haben es einige von ihnen gar nicht bemerkt, dass ihr Bier nicht kalt war. Vielleicht war anderen das Bier ohnehin egal. Wie auch immer. Sie, liebe Berit, hätten das warme Bier nicht trinken müssen. Sie hätten für sich selbst ein kaltes Getränk bestellen und mit sozusagen gutem Beispiel vorangehen können. Sie hätten das warme Bier trinken und sich auf die Unterhaltung mit Ihren Kolleg*innen konzentrieren können. Sie hätten offen dafür sein können, was der Ausflug an schönen Momenten neben dem Trinken bereithält. Niemand reagiert positiv darauf, kontrolliert zu werden, selbst wenn es nur um die Temperatur eines Getränks geht. Adressat*in kontrollierenden Verhaltens zu werden, fühlt sich immer einengend und erstickend an.

Niemand kann sich vorstellen, vor welchen Schwierigkeiten Sie stehen. Doch wenn Sie wirklich so leben wollen, als wäre heute Ihr letzter Tag, lassen Sie von der Illusion eines "normalen Lebens" ab, wie immer das für Sie aussehen mag. Geben Sie sich vielmehr die Chance, Ihr ureigenes, abgefucktes, schönes, seltsames und immer wieder überraschendes Leben zu führen - ein, egal, wie viel Zeit Ihnen bleibt, viel zu kurzes, aber dafür echtes und gelebtes Leben.

Ich wollte Ihnen die Dynamik kontrollierenden Verhaltens so genau erklären, weil dieses Verhalten einem in der Regel nicht bewusst ist. Meistens stellt es einen blinden Fleck dar, den man schlicht nicht imstande ist zu sehen. Ich kenne dieses Verhalten auch gut von mir und konnte es immer nur im Nachhinein erkennen. Ich kenne es auch von Menschen, die mir nahestehen, und empfinde das nicht selten als sehr schmerzhaft. Der Ursprung solchen Verhaltens liegt meistens in Verlustängsten, die man verdrängt. Indem man sich kontrollierend verhält, versucht man etwas anderen als das Objekt seines Verhaltens festzuhalten - etwas, Größere, etwas das sich in der Regel nicht festhalten lässt.

Der springende Punkt Ihres Briefes, liebe Berit, liegt, glaube ich, in ihrem Wunsch „in ein normales Leben zurückzufinden“. Es ist ein Wunsch, den Sie sich nicht erfüllen können und den Ihnen auch niemand anderes erfüllen kann, egal, wie sehr Sie und ihre Liebsten sich das wünschen. Mit der Krankheit, die Sie begleitet, ist es für Sie leider schlicht nicht möglich, ein „normales“ Leben führen, wie auch immer das aussehen mag. Sie leben in einer unfassbar traurigen, herzzerbrechenden Extremsituation, über die jeden Tag eine große, unausgesprochene Drohung hängt. In einer Extremsituation, die, wie ich schon zu Beginn erwähnt habe, schlicht keine Antwort kennt und schlicht keine Lösung hat. Es ist mir nicht möglich, mir auch nur vorzustellen, wie schmerzhaft, wie absurd und wie angstbeladen diese Situation für Sie sein muss, liebe Berit. Und vielleicht ist Ihr kontrollierendes Verhalten sogar eine mehr als adäquate Reaktion darauf.

Doch ich habe den Eindruck, dass dieses Verhalten Sie zusätzlich zu ihrer Lebenssituation unglücklich macht. Deswegen: Halten Sie nicht mehr an der Vorstellung eines „normalen Lebens“ fest. Lassen Sie Ihre Vorstellungen von einem schönen Alltag, Ihre Vorstellungen vom Verhalten Ihrer Mitmenschen los. Lassen Sie sich von Ihren Mitmenschen überraschen, im negativen wie im positiven Sinne. Lassen Sie sich von dem überraschen, was Ihnen Ihr Alltag über Ihre Vorstellungen hinaus zu bieten hat. Wenn Sie wirklich so leben wollen, als wäre heute Ihr letzter Tag, hören Sie auf, jeden Tag bis ins letzte Detail zu planen – und geben Sie sich die Chance, Ihr ureigenes, abgefucktes, seltsames, schönes und immer wieder überraschendes Leben zu führen. Ein, egal, wie viel Zeit Ihnen noch bleibt, viel zu kurzes, aber dafür echtes und gelebtes Leben.

Ich wünsche Ihnen alle erdenkliche Kraft auf diesem schweren Weg, liebe Berit. Sie sind nicht allein.

Alles Liebe,

Daniel

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