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Muss man manchmal gerade die Hoffnung aufgeben?

Lores Affäre trennt sich endlich von ihrer Frau, geht aber auch mit ihr keine feste Beziehung ein. Wie kann sie von der Idee einer gemeinsamen Zukunft loslassen?

Dear Daniel,

ich habe mich letztes Jahr nach einiger Zeit des Alleinseins in eine Frau verliebt (und sie sich in mich), die in einer langjährigen und nicht einfachen Beziehung mit ihrer Partnerin lebt. Beide haben ein Kind zusammen. Nun ist sie seit einigen Monaten in einem noch nicht wirklich klaren Trennungs- und Veränderungsprozess und dabei sich selbst neu zu finden. All dies ist alles andere als leicht für sie und kostet viel Kraft und Mut.

Unsere Begegnungen vor und während dieser Entscheidung waren sehr intensiv und schön, doch auch sehr unregelmäßig. Wir können vieles teilen, doch es gab wenig Zeit dafür. Ein Schritt ihrerseits in Richtung neuer Beziehung mit mir war und ist nicht wirklich erkennbar, da sie zu beschäftigt damit war und ist, ihre komplexe Lebenssituation neu zu ordnen. Mein Setting wiederum ist ein ganz anderes – ich habe neben meiner Arbeit und diversen Interessen und Menschen in meinem Leben recht viel Zeit und Raum für etwas Neues und sehne mich nach Jahren des Alleinseins nach Nähe und Verbindlichkeit.

Ganz offensichtlich habe ich mir dafür nicht die passende Person gesucht und mich ein stückweit in eine Projektion verliebt. Das ist mir klar. Dennoch fällt es mir schwer loszulassen, zumal ich lange dachte es ginge darum, geduldig zu sein. Das war auch ihr Wunsch an mich. Bei alledem bin ich mir bewußt, dass durch frühere Erfahrungen und kindliche Prägungen mein Bindungsstil durchaus etwas Ängstlich- Ambivalentes hat.

Ich merke, wie ich an dieser Begegnung festhalten und das Beste daraus machen möchte, ohne zu wissen was es sein könnte. Der Gedanke, sie ganz gehen zu lassen, macht mich traurig. Mir stellt sich die Frage, ob ich mich endlich radikal abwenden und auf die Suche nach leichteren Begegnungen machen sollte, um mich aus dieser Verliebtheit zu lösen. Oder ob es möglich ist, unseren Kontakt aktiv auf eine andere Ebene zu bringen – indem ich versuche ihr geduldig, empathisch und freundschaftlich zu begegnen, ohne Erwartung, dass unser Kontakt jemals die verbindliche Form annimmt, die ich mir eigentlich gewünscht hatte.

Erwarte ich viel zu viel von mir und verletze mich damit selbst?

Danke und liebe Grüße!

Lore

Liebe Lore,

ich kann so mit dir fühlen - was für eine schwierige und traurige Situation. Es tut mir so leid, dass du das durchmachen musst. Ich habe mich, ehrlich gesagt, selbst mal in einer ähnlichen Lage befunden und habe etwas Angst, dass meine Antwort zu parteiisch, zu direkt ausfällt, und ich nicht die nötige Distanz an den Tag lege. Aber ich möchte es versuchen - und dich zugleich bitten, meinen Brief an dich with a grain of salt zu nehmen, wie man auf Englisch sagen würde. Beim Lesen also in dich hineinzuhorchen und zu sehen, was für dich stimmt und an welchen Stellen meine eigene Erfahrung zu sehr durchscheint.

Gleich zu Beginn möchte ich dir sagen, dass es in Situationen wie diesen kein „richtig“ oder „falsch“ gibt. Menschen kommen auf die seltsamsten Weisen, aus den seltsamsten Gründen zusammen. In der Liebe ist bekanntlich alles möglich und alles erlaubt, das ist es auch, was sie so schön machen kann. Du kannst dich mit anderen Worten auch nicht „richtig“ oder „falsch“ verhalten. Es gibt keinen Plan, den du befolgen kannst. Und du kannst dich erst recht nicht in eine Person verwandeln, die alles richtig macht, so das gewünschte Ergebnis erzielt und mit deiner Freundin wirklich zusammenkommt. Doch meine Vermutung ist, dass genau diese Verwandlung in die „richtige Person“ dein heimlicher Plan sein könnte, dass es das ist, was du un- oder halbbewusst versuchst.

Beim Lesen deines Briefes habe ich den Eindruck, dass du schon tief in der Trauerarbeit um die mögliche Beziehung mit deiner Freundin steckst, und auch in der Trauerarbeit um deine Vorstellung von eurer gemeinsamen Zukunft - und dass dein Brief ein Ausdruck dieser Trauerarbeit ist.

Es ist möglich, dass du und deine Freundin zusammenkommen. Genauso gut ist es möglich, dass das nicht der Fall sein wird. Ich persönlich kann mich des Gefühls nicht erwehren, dass ihr vielleicht eher nicht zusammenkommen werdet. Aber das ist eben nur ein persönliches Gefühl - und eine der Stellen des Briefes, wo das grain of salt zum Tragen kommen sollte. Ich kann mich dieses Gefühls nicht erwehren, weil in den Zeilen deines Briefes anklingt, dass du dir darüber schon selbst länger im Klaren bist. Dein Brief liest für mich weniger nach Zuversicht und Hoffnung als nach Abschied und Trauer. Beim Lesen habe ich den Eindruck, dass du schon tief in der Trauerarbeit um die mögliche Beziehung mit deiner Freundin steckst, und auch in der Trauerarbeit um deine Vorstellung von eurer gemeinsamen Zukunft - und dass dein Brief ein Ausdruck dieser Trauerarbeit ist.

Es gibt eine psychoanalytische Theorie, die besagt, dass Menschen an unsicheren, ambivalenten Bindungen festhalten, weil sie frühkindliche Erfahrungen verarbeiten müssen. Unsichere, ambivalente Bindungen sind solche, wie du sie mit deiner Freundin beschreibst: Nähe wird hergestellt und wieder zurückgezogen; Versprechungen werden gemacht und nur unregelmäßig eingehalten; Worte und Taten liegen häufig weit auseinander. Die Theorie besagt, dass Kleinkinder, die in emotional aufwühlenden Situationen oft lange alleingelassen werden, entgegen besseren Wissens den Glauben entwickeln müssen, dass ihre Eltern wiederkommen und sich noch um sie kümmern. Sie müssen sich eine Art magischen Denkens zulegen und dieses Denken müssen sie später als Erwachsene so lange in ihren Beziehungen abarbeiten, bis sie sich davon befreien können. Soweit die psychoanalytische Theorie.

Eine andere, auf Experimenten mit Laborratten beruhende Theorie, findet eine weitere Erklärung für das Festhalten an ambivalenten Beziehungen: Das Geben und Zurückziehen von Nähe macht auf gewisse Weise abhängig. Wenn Ratten einen Schalter bedienen müssen, um an Wasser und Nahrung zu kommen und dieser Schalter immer funktioniert, gehen sie irgendwann dazu über, den Schalter nur zu bedienen, wenn sie Hunger oder Durst haben. Wenn der Schalter nie funktioniert, hören sie bald auf, ihn zu bedienen. Wenn er aber mal funktioniert und mal nicht und es für sein Funktionieren auch keine augenscheinlichen Regeln gibt, sitzen die Tiere den ganzen Tag vor dem Schalter und bedienen ihn unentwegt - und halten zwanghaft die "elterliche" Fantasie dieses Schalters aufrecht. 

Dein ängstlich-ambivalenter Bindungsstil verhindert eure Zukunft nicht, im Gegenteil, er ist dafür verantwortlich, dass du an der Fantasie eurer Beziehung festhältst. Unbewusst suchst du vielleicht nach Beziehungen, die Nähe herstellen, nur um sie dir dann wieder zu entziehen - weil sie so verführerisch wirken und so effektiv jene stabilen Beziehungen verhindern, die innerhalb deines Bindungsschemas angstbesetzt sind.

Beides sind nur Theorien, aber sie weisen in eine ähnliche Richtung: Man hält aufgrund unbewusster Strukturen, wider besseren Wissens an ambivalenten Beziehungen fest - und deswegen ist es auch wahnsinnig schwer, von ihnen loszukommen. Für mich klingt dein Brief ein bisschen so, als hieltest du wider besseren Wissens an der Beziehung zu deiner Freundin fest. Als wolltest du eigentlich davon loskommen, kannst das aber irgendwie nicht. Du weißt, dass du keine gemeinsame Zukunft mit ihr aufbauen kannst und willst es trotzdem versuchen.

Du schreibst, dass du über einen ängstlich-ambivalenten Bindungsstil verfügst. Und wenn ich deinen Brief richtig lese, implizierst du dabei, dass dich dieser Bindungsstil von einem Schritt in die gemeinsame Zukunft mit deiner Freundin abhält. Dabei übersiehst du vielleicht, dass dein Bindungsstil gerade darin besteht, dass du solche ambivalenten Beziehungen eingehst. Das heißt, dein Bindungsstil verhindert eure Zukunft nicht, im Gegenteil, er ist dafür verantwortlich, dass du an der Fantasie eurer Beziehung festhältst. Unbewusst suchst du vielleicht nach Beziehungen, die Nähe herstellen, nur um sie dir dann wieder zu entziehen - weil sie so verführerisch wirken und so effektiv jene stabilen Beziehungen verhindern, die innerhalb deines Bindungsschemas angstbesetzt sind. Solange du ambivalente Beziehungen führst, hältst du auch deinen ängstlich-ambivalenten Bindungsstil aufrecht. Das kann viele Jahre dauern - viele Jahre, in denen du dein eigenen Lebens verpasst.

Deine eigentliche Frage also, ob du zu viel von dir erwartest und dich dabei selbst verletzt, würde ich tendenziell bejahen wollen. Ich glaube, dass du genau das tust, wenn du weiter an dieser Beziehung festhältst. Und ich glaube auch, dass es eine schlechte Idee ist, mit dem Ziel, deine Freundin von einer gemeinsamen Zukunft als Paar zu überzeugen, besonders „geduldig, empathisch und freundschaftlich“ zu agieren. Allgemein ist es ganz wunderbar, Menschen zu so zu begegnen, erst recht, wann man mit ihnen befreundet ist. Aber einer Verliebtheit und einem Begehren ist diese Haltung nicht zuträglich. Im Gegenteil, in einer solchen Konstellation führt sie nur zu einer passiven, sich selbst aufopfernden Heiliginnenhaltung, einem der besten bekannten Rezepte zum Unglücklichsein. 

Ich möchte nicht, dass du unglücklich bist. Ich kenne es von mir, dass ein Teil von mir unglücklich sein möchte, und dass es manchmal schwer ist, auf den Teil zu hören, der das nicht tut. Deswegen schreibe ich es noch einmal, in der Hoffnung, damit den Teil von dir anzusprechen, der nicht dein Unglück im Sinn hat: Ich möchte nicht, dass du unglücklich bist. Ich möchte nicht, dass du dein Leben verpasst.

Ich möchte nicht, dass du unglücklich bist. Ich kenne es von mir, dass ein Teil von mir unglücklich sein möchte, und dass es manchmal schwer ist, auf den Teil zu hören, der das nicht tut. Deswegen schreibe ich es noch einmal, in der Hoffnung, damit den Teil von dir anzusprechen, der nicht dein Unglück im Sinn hat: Ich möchte nicht, dass du unglücklich bist. Ich möchte nicht, dass du dein Leben verpasst.

Aber wie gesagt, take all of this with a grain of salt, mit jenem sprichwörtlichen Körnchen Salz. Vielleicht scheinen hier auch nur meine persönlichen Erfahrungen durch. Ich würde dir allzu gerne auch konkretere Ratschläge geben - Ratschläge wie: Stürz dich ins Dating, lerne alle paar Tage eine andere Frau kennen, damit du erfährst, was Beziehungen noch alles sein können! Oder: beende diese Beziehung, brich für eine Zeitlang den Kontakt mit deiner Freundin ab und entfolge ihr auch auf allen sozialen Netzwerken, um die unbewussten Abhängigkeitsstrukturen zu durchbrechen und diesbezüglich überhaupt zu dir selbst finden! Aber das wären durch und durch persönliche Ratschläge, die dir vielleicht helfen würden, aber vielleicht eben auch nicht. Ratschläge, für die nicht nur ein Körnchen, sondern gleich ein ganzer Eimer Salz nötig wären. Die Wahrheit ist, dass du diesbezüglich deinen ganz eigenen Weg finden musst.

Und so bleibt mir nur, dir alles, alles Gute für deinen Weg zu wünschen, liebe Lore, dir zu versichern, dass du auf diesem Weg nicht allein bist und dass es vielen Menschen so geht, wie dir - und dir noch einmal zu sagen: Ich möchte nicht, dass du unglücklich bist. Ich möchte nicht, dass du dein Leben verpasst.

Alles Liebe, Daniel

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