Zum Hauptinhalt springen

Mittel-neue Empfehlungen von mir für dich

Für alle, die Neues suchen. Es geht um queere Literatur, wieso manifestieren gefährlich ist, Meerjungfrauen und mehr. Sieben Kategorien, sieben Empfehlungen.

Buch: Die Tochter

"Die Tochter" (Öffnet in neuem Fenster) war in Deutschland der Durchbruch der in Korea bereits bekannten Autorin Kim Hye-Jin. Die Erzählung handelt von einer älteren Frau und ihrem Weltbild, das immer wieder auf die Probe gestellt wird: als ihre lesbische Tochter mit ihrer Partnerin bei ihr einzieht und auf dem Campus gegen die Entlassung queerer Kolleg*innen demonstriert. Oder als die demente Frau, die sie im Altenheim pflegt, zunehmend unter den massiven Einsparungen der Einrichtung leidet. 

Es geht um eine Gesellschaft, die sich nicht mehr tragen kann. Um die Ignoranz einer älteren Generation, die doch gut so gelebt hat, wie es war und nicht sieht, dass es Veränderungen braucht, dass sich die Welt um sie herum schon längst geändert hat. Und nicht zuletzt geht es um das, was ein Mensch hinterlässt, wenn er stirbt. 

Manche Monologe sind schwer zu ertragen. Sie sind gut geschrieben, einprägsam und prägnant, aber nicht prätentiös oder aufgeplustert. In ihrer Deutlichkeit zeigen sie die Vehemenz der Protagonistin und man weiß, dass jeder Versuch einer Konversation mit ihr sinnlos wäre. Jedes neue Ereginis schürt erneute Hoffnung und zum Schluss ist die Frau trotz ihrer Ignoranz und Homophobie eine Figur, die man irgendwie versteht und bemitleidet. Auch wenn man ihre Ansichten absolut nicht teilt. Darin liegt für mich eine hohe Kunst. 

Podcast: If Books Could Kill

Vom Mythos der Übervölkerung, über Gedanken, die Krankheiten heilen, bis hin zu den Gründen, wieso Männer nicht im Haushalt helfen: Pseudowissenschaftliche Bücher versuchen einfache Lösungen für komplexe Probleme zu geben und verursachen dabei großen Schaden, der ganze Generationen an absolut lächerliche Dinge glauben lässt. 

Michael Hobbes und Peter Shamshiri nehmen in If Books Could Kill (Öffnet in neuem Fenster) pro Folge eines dieser Bücher auseinander. Je bekannter ein Buch, desto weniger Leute haben es (ironischerweise) gelesen, deshalb gibt es zu jedem Buch eine Zusammenfassung seiner absurden Inhalte. Es folgen Debunking, Infos über Autor:in und weitreichende Analysen tatsächlich wissenschaftlicher Phänomene und gesellschaftlicher Strukturen. Wer You're Wrong About (Öffnet in neuem Fenster) mag, wird auch If Books Could Kill mögen. 

Ein Beispiel ist "The Secret", in dem die Autorin angeblich das Geheimnis des Universums lüftet. Abgesehen von den offensichtlichen Lücken in ihrer Argumentation fand ich die weitreichenden Implikationen ihrer Weltanschauung faszinierend dumm und erschreckend nah an meinen eigenen Erfahrungen. 

Es geht um das Law of Attraction. Man könne alles manifestieren und jedes Unglück sei darin begründet, dass man das Falsche gedacht und erhofft habe. Das ist nicht nur victim-blaming ("Du bist Schuld, dass dir das passiert ist, weil du es unterbewusst manifestiert hast"), sondern auch nah an aktuellen Bewegungen, die "Mindset" und "Manifestation" propagieren. 

A meme. A man starring, disappointed and somewhat furious. It says when i invest 2500 dollars into crypto and i'm not a millionaire a week later. its funny.

Jede Filiale einer Buchhandelskette hat eine Ecke mit Büchern von fast ausschließlich Männern, die dir erklären wollen, wie du schnell reich wirst. Auf Youtube berichten Menschen von ihren Erfolgen in toxischen Arbeitsstrukturen und behaupten, ihr Erfolgsrezept sei das richtige "Mindset". Hast du das nicht, bist du selbst Schuld an deiner Armut.

In eine ähnliche Richtung geht "manifesting", was auf Instagram, Tiktok und anderen sozialen Netzwerken am besten funktioniert, die es leicht machen, seinen perfekten Lifestyle zur Schau zu stellen. Zu dem man durch manifestieren gekommen sei. Denn das Universum gebe dir, was du brauchst, solange du richtig mit ihm kommunizierst.

Wenn das für dich Methoden zur Refelexion sind und es dir damit besser geht: go for it. Doch es impliziert auch, dass Menschen, die nicht reich, schön und entspannt sind, es nicht wollen und wieder selbst Schuld an ihrem Unglück sind. Es ignoriert auch die Tatsache, dass Privilegien und Diskriminierung existieren. Beide Beispiele legen die Verantwortung auf das Individuum, was in einer Gesellschaft mit struktureller Benachteiligung halt dumm ist. 

Videospiel: Resident Evil 4 Remake

Es wurde schon viel zu diesem Spiel geschrieben und gesagt. Auch ich habe in dieser Folge des Lost Levels Podcast (Öffnet in neuem Fenster) schon berichtet, was ich von dem Remake halte. Viel.

Worum geht es eigentlich? Leon S. Kennedy, den wir bereits aus einem vorherigen Teil kennen, in dem er seine Polizeikarriere starten wollte, aber ihm Zombies in die Quere kamen, arbeitet heute für den Präsidenten und muss dessen Tochter retten, die von einem Kult nach Spanien verschleppt wurde. "Heute" war 2005, als das Spiel zuerst erschien. 

https://www.youtube.com/watch?v=isN_Y9ULtXY&ab_channel=IGN (Öffnet in neuem Fenster)

Zuallererst ist Resident Evil 4 Remake absoluter Fanservice. Ich kenne das Original und bekomme genau das, was ich erwarte. Die Gegner und Dialoge, die das Spiel ausmachen. Das fühlt sich gut an, bekannt und trotzdem irgendwie neu. Denn zu den absolut wichtigsten Änderungen gehört, dass Leon und Ashley plötzlich sympathisch sind. 

Das Spiel ist aber auch sehr viel leichter geworden. Im Podcast habe ich diesen Prozess als "Ethan-ified" beschrieben. Das besagt im Grunde nichts anderes, als dass sich das Remake an gängigen Konventionen orientiert und im Stil seiner Vorgänger funktioniert. Das sieht man am Crafting, an der Optik und vor allem daran, wie kurz die Abschnitte geworden sind.

Resident Evil 4 ist eine Mischung aus Erkundung mit vereinzelten Rätseln und immer wieder Passagen, in denen Bereiche von Gegnern regelrecht überschwemmt werden. Mein Eindruck ist, dass es sehr viel weniger Gegner geworden sind, diese Bereiche drastisch verkleinert wurden und das Spiel dadurch viel schneller voranschreitet. Frustmomente werden auf ein absolutes Minimum reduziert. Was einfach Sinn ergibt.

Das Spiel fühlt sich frish-fresh an und entspricht dem, was ich mir erhofft hatte. Ohne dass ich mir im Vorfeld explizit Gedanken darüber gemacht hätte. Es fühlt sich richtig an. Womit ich nicht sagen will, dass das Original heute nicht mehr funktioniert oder veraltet ist. Es ist noch da, so wie es ist, und das ist gut so.

Meine glorifizierten Erinnerungen an die ersten Schritte in der absurden und brutalen Welt von Resident Evil 4 reproduziere ich heute damit, dass ich das Spiel mit jemandem spiele, der noch nie etwas davon gesehen hat. Kann ich sehr empfehlen! Ebenso wie das Resident Evil 4 Remake, falls das noch nicht deutlich geworden ist.

Video: Femme Fatale 

Gerade erst wurde in der Kunsthalle Hamburg die Ausstellung "Femme Fatale (Öffnet in neuem Fenster)" veröffentlicht. Sie beschäftigt sich mit der feministischer Perspektive und Entwicklung des Mythos. Von der Loreley, Sirenen und Meerjungfrauen über Salome und Lilith bis heute kann man die vielfältigen Darstellungen der Femme Fatale in Bildern und Videos bestaunen. Das Titelbild dieses Beitrags stammt auch aus der Ausstellung: Mickalene Thomas, "Racquel: Come to Me", 2016.

Wer in Hamburg ist, sollte hier bis zum 10. April einen Besuch einplanen. Für alle anderen gibt es diesen spannenden Beitrag, der noch bis zum 5. Juni in der arte Mediathek verfügbar ist. 

https://www.arte.tv/de/videos/103538-000-A/die-femme-fatale-in-der-kunst/ (Öffnet in neuem Fenster)

Ausstellung: Tirol im MARKK

Auch das MARKK (Öffnet in neuem Fenster)ist immer einen Besuch wert. Aktuell gibt es u.a. eine Ausstellung zur Beziehung der Hamburger*innen zu Tirol inklusive Postkarten aus dem vorletzten Jahrhundert und Perchtenmasken. 

Heute finden wir die Alpen in Hamburg nur noch im Miniaturwunderland. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde der Region ein ganzer Freizeitpark mitten in Hamburg gewidmet: der Luna-Park (Öffnet in neuem Fenster). Ähnlich wie in Hagenbecks Tierpark, den es heute noch gibt, wurden auch Menschen (Öffnet in neuem Fenster)zur Schau gestellt. Die Ausstellung im MARKK beschäftigt sich also auch damit, welche Vorstellungen Hamburger*innen von Tirol hatten und wie sie zu diesen kamen. 

Ein Bild von vier Bildern aus der Ausstellung. Es zeigt eine Schneelandschaft mit SKifahrerinnen und -fahrern.

Eine weitere Ausstellung im MARKK beschäftigt sich mit historischen Praxen, die Frauenkörper einengten. Die Benin-Ausstellung zeigt Bronzen und andere Objekte, die mittlerweile Leihgaben aus Nigeria sind und in den nächsten Jahren wieder dorthin zurückgebracht werden sollen, woher sie während des Kolonialismus geraubt wurden. 

Ein spannender Meta-Diskurs findet in der alten Dauerausstellung zu Ozeanien statt. Einige Objekte wurden verdeckt und viele neu kontextualisiert. In einem weiteren Raum können Besucher:innen Interventionen diverser Kollektive bestaunen und selbst mitreden, wie mit problematischen Objekten umgegangen werden soll und wie das MARKK seine Geschichte aufarbeiten kann. 

App: Keine 

Eigentlich wollte ich hier über die The New York Times Crossword Puzzle App sprechen. Weil ich Kreuzworträtsel mag und das Angebot gut finde. 

Stattdessen ist mir wichtiger zu erwähnen, dass die New York Times ein massives Problem (Öffnet in neuem Fenster) mit ihrer Berichterstattung über Transgender-Themen hat. "Voreingenommen" ist hier der vorsichtige Begriff. "Gefährlich" trifft es aber auch. Ende Februar veröffentlichten Angestellte und Aktivist:innen daher einen offenen Brief (Öffnet in neuem Fenster).

Die American Civil Liberties Union zählt aktuell 451 Anti-LGBTQ-Gesetzesentwürfe (Öffnet in neuem Fenster) in den USA. 150 davon seien explizit gegen Transgender Menschen gerichtet, berichtet Human Rights Campaign (Öffnet in neuem Fenster) vor einigen Wochen, als die Gesamtzahl der Entwürfe noch unter 400 lag.  

Real Simple teilte anlässlich des Pride Month 2022 vier ganz einfache Wege (Öffnet in neuem Fenster), wie die LGBTQ-Community unterstützt werden kann. Speziell für die Arbeitswelt hat die Charta der Vielfalt (Öffnet in neuem Fenster) Ressourcen und Ideen. 

Darüber hinaus stehen uns auch politische Instrumente jenseits von Wahlen zur Verfügung. Die Sitzungen der Fachausschüsse der Hamburger Bürgerschaft (Öffnet in neuem Fenster) sind in der Regel öffentlich, die Tagesordnungen finden sich auf der Website. Der Prozess für Volksgesetzgebungen (Öffnet in neuem Fenster) wird hier beschrieben. 

Youtube: English Heritage

Kolonialismus und Imperialismus, transatlantischer Sklavenhandel, Rassismus: Great Britain war nicht nur geografisch groß, sondern auch groß darin die eigene Geschichte romantisch zu verklären. Reni Eddo-Lodge (Öffnet in neuem Fenster) hat in "Why I'm No Longer Talking to White People About Race" sehr vieles sehr gut aufgeschlüsselt.

English Heritage spielt da vielleicht auch eine Rolle. Auf dem sehr wholesome Kanal kocht zum Beispiel Mrs. Crocombe viktorianische Rezepte (Öffnet in neuem Fenster). Es gibt aber auch eine Reihe über englische Folklore (Öffnet in neuem Fenster) oder historische Make Up-Tutorials (Öffnet in neuem Fenster).

https://www.youtube.com/watch?v=DDMrpUZO5pA&ab_channel=EnglishHeritage (Öffnet in neuem Fenster)

Hinter dem Account steckt eine Organisation, die über 400 historische Orte (Öffnet in neuem Fenster) in Großbritannien betreut. Neben der Konservierung steht die Vermittlung im Vordergrund. Hier (Öffnet in neuem Fenster)gibt es zum Beispiel spannende Texte über alle möglichen Ereignisse in der britischen Geschichte.

Meme der Woche

Zwei der wichtigsten popkulturellen Ereignisse der letzten Wochen in einem Bild vereint:

Gwyneth Paltrow während des Gerichtsprozesses, aber im Barbie-Template.

Wir haben neues Bildmaterial (Öffnet in neuem Fenster) zum Barbie-Film mit Margot Robbie und Ryan Gosling, der im Sommer dieses Jahres in die Kinos kommt. Unter anderem werden die zahlreichen Nebendarsteller:innen mit Hilfe des oben abgebildeten Templates vorgestellt. Dua Lipa ist eine Meerjungfrau. Issa Rae ist Präsidentin. Und natürlich Barbie. She's an icon. She's a legend. And she is the moment.

Was man von Gwyneth Paltrow nur bedingt behaupten kann. In den letzten Jahren machte sie mit fragwürdigen Diäten Schlagzeilen oder verkaufte eine Kerze, die wie ihre Vagina duften soll. Good for her, wenn sie Marktlücken für sich entdeckt.

In dem Prozess, der Ende März stattfand, wurde sie nun auf Schadensersatz verklagt und reichte gleichzeitig Gegenklage ein. Grund war ein Ski-Unfall 2016. Die Jury entschied letztendlich zu ihren Gunsten und der 76-jährige Kläger muss 1 Dollar Schadensersatz zahlen.

Die Szenen aus dem Gerichtssaal gingen indes um die Welt. Gwyneth Paltrow bedauerte durch den Vorfall einen halben Ski-Tag verloren zu haben. Eine Anwältin himmelte sie an und beneidete sie um ihre Größe.

Vogue fokussierte sich indes auf ihre Outfits und wie sie sich "nicht reich" kleidete. Ein wichtiger Aspekt, besonders wenn es darum geht, dass Prozesse in ihrer Gänze live übertragen werden und eine involvierte Person berühmt und wohlhabend ist. Wir sahen ja beim Prozess zwischen Amber Heard und Johnny Depp, wie das die Wahrnehmung des Vorfalls und der Personen beeinflussen kann.

Lustig wurde es auch: ein IT-Mensch berichtete schockiert, dass der wichtigste Beweis in dem Fall für das Gericht unzugänglich gewesen sei. Weil sie es nicht schafften auf einen Chat auf Meetup zuzugreifen. Was er selbst damit umging, dass er sich mit seinem Google-Account dort einloggte. I kid you not (Öffnet in neuem Fenster).

Danke

... dass ihr meinen kleinen Newsletter abonniert habt. Liebe geht raus! Und wenn er euch gefällt, empfehlt ihn gerne weiter. Wer weiß, vielleicht expandieren wir irgendwann.

Bis dahin: Tschüss!

Eure Christina

0 Kommentare

Möchtest du den ersten Kommentar schreiben?
Werde Mitglied von Christina und starte die Unterhaltung.
Mitglied werden