Mein lieber Sven,

na endlich: Was bitte ist ein Sommer wert, in dem wir uns keine Briefe schreiben? Wie ein DJ-Set, aus dem jemand den Bass gedreht hat.

Aber es war nicht alles schlecht in den vergangenen Wochen. Ich bin in einen Pool aus Glück gesprungen, habe darin allein meine Bahnen gezogen und mit anderen Poolpartys gefeiert. Manchmal hat's geregnet und manchmal schien die Sonne. Und manchmal lagen wir nachts am Beckenrand, bis es hell wurde, und sind beseelt ins Bett spaziert, wissend, von Menschen umgeben zu sein, die sich ständig fragen: Was kann ich tun, damit das Glück der Anderen noch ein bisschen größer wird und damit auch mein eigenes?

Sven, ich verrate Dir jetzt etwas: Wir haben das große Glück, unter Liebeskommunistinnen und Liebeskommunisten zu leben. Sie haben die Liebe in sich zu einem öffentlichen Gut erklärt und geben davon immer ein wenig mehr als sie nehmen, weil sie spüren, dass dann für alle gesorgt ist und die Flut aus Emotionen alle Seelenboote hebt. Jedes Mal, wenn ich davon etwas wahrnehme, ist das für mich wie ein kleines großes Wunder und letztlich das, was für mich den Sinn des Lebens ausmacht.

Aber natürlich gab es auch die anderen Momente. Die, in denen ich daran verzweifelt bin, dass Menschen das, was ihnen eine Gemeinschaft anzubieten hat, gegen den Nutzen abwägen, den sie selbst daraus ziehen, und sich dagegen entscheiden, solange ihnen der persönliche Vorteil nicht groß genug ist – auch wenn darunter am Ende nicht nur die Gemeinschaft zu leiden hat, sondern auch sie selbst.

Der bayerische Wirtschaftsminister und stellvertretende Ministerpräsident Bayerns, Hubert Aiwanger, ist so ein Typ. Er hat in dieser Woche ein bemerkenswertes Interview gegeben, das ich mir prompt zweimal angehört habe, weil ich nach dem ersten Mal so perplex davon gewesen war, wie wenig Mühe sich ein Mann geben mag, seinen Egoismus zu kaschieren, der irgendwann in seinem Leben entschieden haben muss, Verantwortung nicht nur für sich, sondern auch für andere übernehmen zu wollen.

Das Gespräch handelte von Aiwangers vorläufig endgültiger Weigerung, sich impfen zu lassen. Er sprach darin von einer Jagd auf die, die sich nicht für eine Impfung entscheiden wollen. Sein Körper gehöre ihm, niemand dürfe ihn zwingen, diese rote Linie zu überschreiten. Er warte darauf, „bis sich die Lage noch besser geklärt hat und bis ich auch selber davon überzeugt bin, dass es für mich ganz konkret persönlich sinnvoller ist, sich impfen zu lassen als sich nicht impfen zu lassen“. Und dann redete Aiwanger über die abnehmende Bedeutung des Inzidenzwertes. Der solle und werde in Zukunft nicht mehr über neue Corona-Einschränkungen entscheiden. Wichtiger sei etwa, wie hoch die Auslastung der Betten in den Krankenhäusern sei. Denn diese Auslastung sei ja deutlich zurückgegangen. Warum? Weil sich so viele Menschen hätten impfen lassen. Sagt Aiwanger.

Der stellvertretende Ministerpräsident Bayerns verhält sich wie jemand, der sich hinter einer Mauer, die andere errichtet haben, gegen das lebensbedrohliche Hochwasser verschanzt, und sich im Schutz des Bollwerks wie ein Revolutionär inszeniert, den man nicht dazu zwingen könne, selbst an der Mauer mitzubauen. Denn er ist einfach noch nicht überzeugt genug vom Nutzen der Mauer, hinter der er sich gerade selbst versteckt. Das Gespräch ist ein knapp 20-minütiger Beleg der Verantwortungslosigkeit eines Verantwortungsträgers.

Ja, ich weiß von den Risiken, die eine Impfung birgt. Vor einigen Wochen habe ich jemanden kennengelernt, der von der Impfung eine Herzmuskelentzündung davon getragen hat. Mir saß ein Mensch gegenüber mit einem tief sitzenden Schrecken im Gesicht. Doch selbst er sagte mir, er würde sich wieder impfen lassen. Weil es dabei eben nicht nur um ihn geht. Aiwanger ist ein solcher Gedanke offenbar fremd. Man kann es aber natürlich auch andersherum deuten: Dass sogar jemand wie Aiwanger in eine solch gehobene Position in einer Gemeinschaft gelangen kann, beweist, dass unsere Demokratie funktioniert. Bei der Landtagswahl vor drei Jahren gaben Aiwangers Partei, den Freien Wählern, knapp 810 000 Menschen ihre Erst- und 760 000 ihre Zweitstimme. Beinahe 1,6 Millionen Menschen waren überzeugt, dass Aiwanger ihre Interesse am besten vertreten könne. Man kann sich darüber wundern. Aber man kann sich darüber nicht erheben. Das nennt man Demokratie.

Noch acht Wochen, Sven, und wir haben nicht nur eine neue Bundesregierung – so oder so stehen wir am Beginn einer Zeitenwende. Egal, wie die Bundestagswahl ausgehen wird, auf uns und unser Land kommen Zeiten zu, die noch fordernder, noch intensiver, aber auch noch aufregender werden. Denn ganz gleich, wer die nächste Regierung anführt: Es werden sich so viele Menschen gegen deren Politik erheben und ihre Vorstellung von der Welt auf die Straßen und die Plätze tragen, dass wir aus dem Debattieren und Denken gar nicht mehr herauskommen werden. Den Einen wird dies zu wenig und den Anderen jenes zu viel sind. Das Kontinuum, für das ein E-Zigarettenhersteller den treffendsten aller Slogans entwickelt hat, wird enden.

Na endlich: Was bitte ist eine Demokratie wert, in der wir uns nicht leidenschaftlich streiten? Auch wie ein DJ-Set ohne Bass. Wir haben in dieser Gesellschaft schon viel zu lang getanzt zu einer Musik ohne Höhen und Tiefen, ohne Schweiß und ohne Leidenschaft. Wir stehen am Beginn eines mindestens vierjährigen Demokratie-Raves, Sven.

Der Soziologe Heinz Bude hat zum Eröffnungssong schonmal die passenden Lyrics formuliert. Er hat der taz ein Interview gegeben, das ich ebenfalls zweimal gelesen habe. Es ist wie das Gegengift gegen das Aiwangersche Gesetz vom Eigennutz. Bude beschreibt darin, wie sehr die Pandemie und die Unwetter-Katastrophen, die gerade überall auf dem Planeten wüten, ein neues Verständnis von einem gemeinsamen Leben prägen werden: Menschen treffen sich und nehmen einander wahr. Sie geben sich Halt, auch wenn sie sich gar nicht kennenlernen wollen. „Wir bestätigen uns gegenseitig darin, dass wir Wir sind“, sagt Bude. „Das ist eine Botschaft, die das definitive Ende des Neoliberalismus markiert.“

Und dann kommt auch er zu den Grünen, über die man in diesen Tagen natürlich nicht nicht sprechen kann. Auch ich bin in den vergangenen Wochen immer wieder an ihnen verzweifelt. Nicht wegen des Buches von Annalena Baerbocks, das ich schon für sich für eine ziemlich überflüssige Dummheit halte. Warum um alles in der Welt glaubte sie oder sonst irgendwer in dieser Partei, dass sie jetzt auch ein Buch schreiben müsse? Wie viele Bücher hat Angela Merkel denn verfassen müssen, um Kanzlerin werden zu können?

Was mich noch ratloser gemacht hat, war, wie zum Beispiel Oliver Krischer, einer von fünf stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, zur Verteidigung Baerbocks bei „Markus Lanz“ immer wieder dieselbe Strategie verfolgte: Er erklärte die sumpfigen Stellen in Baerbocks Buch zu Lappalien gegen die großen Krisen, mit denen es die Menschheit gerade zu tun hat. Motto: Was bitte sind drei abgetippte Zeilen gegen zu viel CO₂ in der Atmosphäre? Ich halte eine solche Argumentation für fatal. Wer sich in der Überzeugung, das Richtige für eine Gemeinschaft im Sinn zu haben, eigenmächtig über die Regeln hinwegsetzt, die sich eine Gemeinschaft gegeben hat, braucht sich nicht zu wundern, wenn die Gemeinschaft ablehnt, was sie oder er im Sinn hat, und sei es auch noch so richtig. Ich bin gespannt, wann die Grünen zu merken beginnen, dass sie nicht ihr Verhältnis zum Bücherschreiben überdenken müssen, sondern ihr Verhältnis zur Gemeinschaft.

Bude macht dazu einen Vorschlag, von dem ich hoffe, dass ihn möglichst schnell möglichst viele Menschen verinnerlichen, die von der Bestürzung getrieben sind, dass die Welt bereits jetzt in schwere Turbulenzen geraten ist – ökologisch, ökonomisch und sozial. Die Grünen, sagt Bude, sollten sich mehr mit den Liberalen und deren Verhältnis zum Individuum beschäftigen. Denn die Quelle von Veränderung und eine Autorität eigener Art seien die und der Einzelne. Kein Militär, keine Kirche und keine Partei, sondern die Inspirationen von Einzelnen könne zum Ausdruck bringen, was jetzt wichtig ist.

Darauf zu vertrauen, dass sich die Liebe zu sich und zu anderen ihren Weg selbst bahnt, wenn man sie lässt, und dass eine ausreichend große Zahl von Menschen bereit sein wird, sich auf den Wandel einzulassen, wenn man ihnen die Freiheit lässt, sich selbst dafür zu entscheiden, ist für mich der Schlüssel für echte Veränderung. Denn unter moralischen Zugzwang gesetzt werden immer wieder Menschen den Wald- und Wiesen-Demagogen wie Aiwanger hinterherlaufen.

Ich beende meinen Brief deshalb mit dem, was Bude uns hinterherruft, während wir uns mit unseren Fahrrädern auf den Weg machen zum ersten gemeinsamen Tanzen nach der Sommerpause. Was er beschreibt, ist nicht weniger als die Definition von Liebeskommunismus. Diesen Kommunismus groß und stark zu machen, darauf freue ich mich sehr:

Vielleicht haben wir in Deutschland auch eine verzerrte Wahrnehmung von uns selbst. Natürlich sind alle westlichen Gesellschaften im Augenblick eher konservativ gestimmt. Mehrheiten werden eher rechts von der Mitte gewonnen – die USA machen interessanterweise gerade eine Ausnahme, nachdem sie vorher etwas ziemlich Furchtbares erlebt haben. Dieser konservative Grund, den wir haben, den müssten die Grünen nutzen, nicht im Sinne eines ängstlichen Bewahrens von dem, was ich habe – sondern ein existenzielles Bewahren von dem, was wir alle benötigen. Jungen Erwachsenen ist heute mehrheitlich nicht Liebe, nicht Erfolg, nicht Geld, sondern Freundschaft das Wichtigste. Freundschaft ist selbstgewählte Abhängigkeit. Das trifft den Punkt: Abhängigkeit nicht zu scheuen, Menschen gegenüber in Vorleistung zu gehen, die einem wichtig sind und Verlässlichkeit untereinander zu schätzen. Mit anderen Worten: Dass diese offenkundige Bereitschaft, Verpflichtungen eingehen zu wollen, von den Parteien, auch von den Grünen nicht abgerufen wird, empfinde ich in der Wahlkampfzeit als sozialmoralische Unterforderung.

Auf bald, Dein Kai

https://www.youtube.com/watch?v=Din_eWjJWe0

Bryan Ferry & Todd Terje: Johnny & Mary

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