Oh Kai, oh Kai,

Ich bin wieder in Berlin. Vor gut einer Woche habe ich über die A115 die Stadtgrenze passiert und musste so gleich meinen besten Boateng-Gedächtnis-Gruß an die Stadt herausrufen: HALLO BEEERLLIINN.

https://youtu.be/p4dtmpyRHas?t=611

Ich weiß, ich weiß, es gibt so vieles, wovon wir in Berlin immer wieder entfliehen wollen. Dem Lärm, dem Dreck, den BVG-BusfahrerInnen. Aber nach über zwei Monaten tummel ich mich mit Freuden wieder in der Hauptstadt, gehe in Cafés, Restaurant, schlender durch Parks, treffe Menschen, die ich vermisst habe. Es ist wohl eher zwei Jahre her, dass ich so unbeschwert in Berlin gelebt habe. Corona? Es wirkt wie erledigt. Das sei natürlich ein Trugschluss, sag ich mir auch. Und ich bin ganz froh, dass wir nicht einen eigenen Ableger des britischen Freedom Days produziert haben, sondern stattdessen in Berlin dieses Wochenende sechs Clubs mit wissenschaftlicher Begleitung geöffnet haben... Ich freue mich über die klassischen deutschen Tugenden namens Grundskepsis und Vorsicht.

Genau diese Eigenschaften lähmen uns aber in unserer Fähigkeit entscheidende Maßnahmen zu treffen, um den notwendigen, hier schon oft vorgestellten, Wandel dieser Zeit einzuläuten. Auch nur so kann ich es mir erklären, dass heute, sieben Wochen vor der Bundestagswahl, tatsächlich Olaf Scholz der beliebteste Kanzlerkandidat ist. Olaf Scholz. Nach Wirecard, Cum-Ex & Warburg, G20 Gipfel - es ist schon verblüffend, wie das alles irgendwie an ihm abgeperlt ist.

Mitte Juni schrieb ich dir:

Damit wir ein ähnliches Gefühl wie bei Corona für den Klimawandel erzeugen können, bräuchten wir schon eine Klimakatastrophe vor unserer Haustür. Überschwemmungen, Erdbeben, Plagen. Solange das aber nicht passiert, werden zu wenige die Dringlichkeit von Veränderungen für sich annehmen wollen und stattdessen im Vordergrund ihr eigenes Leben und die zurückgewonnene Freiheit betrachten.

Ich hatte leider Unrecht. Auch die Hochwasserkatastrophe war nicht im Stande, dass wir unseren politischen Fokus ändern, dass es einen wirklichen Wahlkampf-Ruck gibt. Stattdessen reden wir politisch über ... worüber eigentlich? Drittimpfungen und Impfverweigerung? Stattdessen also Scholz jetzt mit den höchsten Beliebtheitswerten. Crazy Times. Aber sieben Wochen sind es ja noch, bis dahin kann auch Olaf Scholz noch im falschen Moment lachen oder abschreiben.

Zu deinem Brief: Vielen Dank für die weisen Worte von Heinz Bude. Ich kann dem sehr viel abgewinnen. Mehr beschäftigt hat mich aber deine Reaktion zu Aiwangers Impf-Absage. Ich habe mir das Interview mit Herrn Aiwanger auch zwei Mal angehört. Und ich muss für mich sagen, dass ich nicht die gleiche klare Ablehnung gegenüber seinen Worten habe. Ja, er jongliert mit Buzz Words um sich, die geschickt gewählt sind, um das richtige Zielpublikum anzusprechen: von "Jagd" auf Nichtgeimpfte zu sprechen, die eigene Abgrenzung gegenüber dem "politischen Establishment", seine sehr vage Umreißung von Impfnebenwirkungen in seinem "persönlichen Umfeld" ("da bleibt einem schon das eine oder andere Mal die Spucke weg")... Da steckt politisches Kalkül hinter und das nervt mich. Aber ich gebe ihm recht mit folgendem Satz (der sich leider an de Satz mit politischem Establishment anschließt): "Die Verantwortung liegt vielleicht auch darin, in so einer sensiblen Debatte, auch die Stimme derer zu sein, die den Weg noch nicht mitgehen und nicht zu sagen: "Die Mehrheit ist der Meinung, jetzt wird die Minderheit in eine Richtung frisiert, die sie nicht gehen will. Es geht auch um demokratische und grundrechtliche Dinge, nicht nur um medizinische."

Da trifft er einen Punkt, den ich durchaus auch so sehe. Ich bin froh, dass der Mensch, den du kennengelernt hast und einen Impfschaden davon getragen hat, immernoch die Impfung befürwortet. Aber ich verstehe auch, wenn Menschen dies nicht tun und Angst vor der Impfung haben, dieser (noch) nicht über den Weg trauen, auch ohne an Verschwörungen zu glauben. Reden wir da zum Beispiel mal über die letzte Pandemie, anno 2009: Die Schweinegrippe. Hier beispielsweise eine Schlagzeile von damals aus unserem beliebtesten Boulevardmedium (Ich hoffe der Schwabe in dir lässt dich nicht von der Mitteilung ablenken, dass Stuttgart in der Champions League gespielt hat):

Die Schlagzeile ist natürlich ein Hammer, dennoch war die Sorge um die Menschheit damals nicht gering. Auch nicht bei der WHO, die damals vorschnell einen Impfstoff zuließ.

Wir beide (ich wie du ja weißt noch um einiges besser) kennen ja eine Person, die durch die Folgen der Schweinegrippe-Impfung 2009 einen irreversiblen Impfschaden davon getragen hat und seitdem unter Narkolepsie leidet. Eine Impfung, die von der STIKO und der WHO empfohlen wurde. Eine extrem seltene Nebenwirkung, ja, 1300 nachgewiesene Fälle bei millionenfachen Impfungen des Impfstoffs Pandemrix.

Dieser Impfschaden ist so selten, dass die Meinung des schwedischen Immunlogen Matti Sällberg durchaus wissenschaftlich nachvollziehbar ist, wenn er sagt:

„Eigentlich ist bei der Zulassung von Pandemrix nichts falsch gelaufen. Narkolepsie tritt als Nebenwirkung aber extrem selten auf. 60 oder 90 Millionen Menschen wurden mit Pandemrix geimpft, und hier im Norden gab es nur um die 500 Fälle von Narkolepsie. Eine so seltene Nebenwirkung in klinischen Studien zu entdecken, ist im Prinzip unmöglich.“

Ja, das ist sogar einleuchtend, schmälert aber das Problem des Einzelnen nicht. Und wenn du 2009 solche Schlagzeilen gelesen hast...

... und daraufhin geimpft wirst und hierdurch eine unheilbare Krankheit bekommst - die in Deutschland übrigens bis heute (im Gegensatz zu unseren skandinavischen Nachbarn) nicht zu einer adequaten Schadensersatzzahlung geführt hat - dann ist das richtig Mist. Besonders großer Mist, wenn es sich dabei um einen minderjährigen Menschen handelt und nicht einen Erwachsenen, der diese Entscheidung noch eher für sich selbst treffen kann. Ach ja, diese Nebenwirkung trat übrigens hauptsächlich bei Kindern und Jugendlichen auf...

Ja, die Corona Pandemie ist keine Hysterie. Sie ist real. Und du hast auch recht über Aiwanger: Aiwanger kann nur so reden, kann nur so handeln, weil so viele andere bereit sind den Weg der Impfung zu gehen. Das ist aber für mich ein Teil des demokratischen Grundprinzips und auch Grundprämisse des deutschen Sozialstaats. Nicht jeder muss das Gleiche für die Gesellschaft leisten, weder wirtschaftlich noch partizipatorisch. Und das ist das höchste Gut, dass ich mir vorstellen kann.

Ich bin gegen Corona geimpft (die erwähnte Person übrigens auch), aber ich möchte in Hinblick dessen, was für andere Geschichten es in der nahen Vergangenheit hinsichtlich Impfungen gab, die Skepsis Anderer nicht in Abrede stellen. Denn eine absolute Sicherheit, dass nicht auch hier eine seltene Nebenwirkung noch zum Vorschein kommt, gibt es nicht (auch wenn Herr Scholz das eventuell etwas lächerlich findet). Stattdessen trage ich als Geimpfter nicht nur eine Verantwortung gegenüber diejenigen, die als Risikogruppe gelten und die ich durch meine Impfung schütze. Ich trage auch Verantwortung für denjenigen, die aus welchen Gründen auch immer sich dagegen entscheiden. Und für mich ist das okay. Inwiefern dies einschränkende Maßnahmen gegenüber Nicht-Geimpften haben wird, steht auf einem anderen Blatt und würde diesen Brief sprengen.

Stattdessen gehe ich nun wieder vor die Tür und genieße den Berliner Sommer, tummel mich auf den Straßen und fühle mich grundsätzlich sicher und wohl. Selbst ohne Maske. Ich hoffe, dass es diesmal auch so bleibt. 

Ganz liebe Grüße

Sven

P.S. Schön, dass wir endlich wieder schreiben.

https://www.youtube.com/watch?v=k98EzB4kC5o

(Laing - Nieselregen)

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