In-Paris-Sein
Phänomenologie einer Drehreise auf den Spuren Hannah Arendts
Meine erste Reise nach Paris begann so: mein Vater fuhr zu früh von der „périphérique“ ab, einer den Innenstadtbereich umkreisenden Stadtautobahn. Wir landeten mittendrin - am Place de la Concorde. Immer wieder endeten wir dort. Kurvten über Boulevards, bogen ab, folgten Schildern und erkannten kurz darauf wenig erfreut den Obélisque auf dem Place de la Concorde wieder. Mein Vater fand nicht mehr aus der Stadt heraus. Fragte Menschen. Half nichts. Immer wieder fuhren wir an der Oper vorbei und strandeten wenig später erneut auf dem Place de la Concorde.
Es muss 1977 gewesen sein - überall war ein Spiderman-Film plakatiert; eigentlich der erste Teil einer TV-Serie. In manchen europäischen Ländern vermarkteten ihn Verleiher als Kinofilm. Wie Spiderman wären wir gerne an selbst gesponnenen Netzen über die Straßen geschwebt; nach Taverny, einer Stadt am Rande dessen, was man heute Metropolregion nennt. Dort warteten Hotelbetten auf uns. Ich weiß gar nicht mehr, wie wir dort final doch ankamen. Die Paris-Experience zeigt sich halt immer auch als Verkehrsbewältigung.
Damals gab es noch keine Google-Maps und Navis. Heute kann es trotz dieser nützlichen Erfindungen schon mal 15 Minuten dauern, bis 900 m mit dem Auto zurück gelegt werden. Wir haben die Zeit gestoppt. Darauf lief es hinaus. Die bei allen Taxifahrern und Hoteliers verhasste Bürgermeisterin hat ein tatsächlich visionäres Verkehrskonzept durchgesetzt - die Hälfte der Boulevards nehmen jetzt häufig Fahrradwege ein. Viele Gassen und kleine Straßen sind verkehrsberuhigt. Als ich vorletzte Woche in Paris landete und den ersten Nachmittag die Zeit fand, auf noch halbwegs vertrauten Wegen und Straßen des Marais hin zum Centre Pompidou und weiter gen Forum des Halles zu laufen, faszinierte mich, dass die Straßen ganz den Fußgängern gehörten. Die Sonne kündigte den Frühling an. Menschenmassen trotteten entspannt an historischen Bauten vorbei durch ihr Leben. Ein neues Gefühl des In-Paris-Seins; ein schönes.
Schwierig wurde es, unzählige Taschen voller Kameraequipment über Boulevards zu transportieren. 90 Minuten ließ das Universum uns auf ein Taxi warten direkt an der Universität St. Denis - eine Vorstadt, dort befindet sich auch das Stade de France -. um dann ebenso lange eine Strecke im Schritttempo zurückzulegen, für die bei fließendem Verkehr 30 Minuten benötigt würden. Eine beengende Erfahrung des Im-Taxi-Seins. Die Metro ebenso überfüllt; unser wissenschaftlicher Berater musste erst einmal zwei Bahnen durchfahren lassen, weil sich kein Platz mehr in ihnen fand.
Mal versperrte eine Demo eine zentrale Achse in der Stadt, kein Durchkommen mehr. Anschließend umzingelte der Paris-Marathon die Tiefgarage, in dem das Auto des Kameramanns stand - ein VW-Bus, für den sonst kein Parkplatz zu finden war. Wir kamen nicht zu dem Wagen.
Doch sobald wir reduziertes Equipment schulterten und die Stadt zu Fuß erkundeten, wandelte sich In-Paris-Sein in jenen Zauber, den nur diese Stadt erzeugen kann. Das Wandeln durch die Schichten der Historie bringt das Wissen darum mit sich, dass die von Haussmann wie Schneisen durch die Stadt gezogenen Boulevards auch der besseren Disziplinierung der „Unterschichten“ dienten - in Hamburg kopierte dieses das Bürgertum, als z.B. die Kaiser-Wilhelm-Straße mitten durch die Gängeviertel gezogen wurden. Auch die Historie meines eigenen Denkens spukt zwischen den Häusern - Jean-Paul Sartre schrub hier seine Werke, Michel Foucault floh vor Paris, nach Schweden, nach Polen, nach Hamburg, nach Tunesien, später nach San Francisco, weil er dort eine intakte Gay Community vorfand, in der nicht nur der Jugendkult regierte - und kehrte doch immer wieder zurück. Nun waren wir in Paris, um auf den Spuren Hannah Arendts zu wandeln.
Zwei Mal durfte ich zuvor in den 80erm durch Paris wandeln auf dem Rückweg aus der Normandie. Umsteigen in Paris, dann Zeit, durch die Innenstadt zu laufen. Schüleraustausch-Programme in die Region um Caen erfuhren staatliche Förderung - zu harsch wüteten hier die Deutschen im Zweiten Weltkrieg, zerbombten die Stadt noch im Rückzug. Paris blieb dies erspart, weil ein sich geschlagen wissender General Hitlers Befehl verweigerte, alles dem Erdboden gleich zu machen. Im Sinne dessen, was man „Völkerverständigung“ nannte, wurden Begegnungen zwischen den Jungen initiiert. Manche meiner Mitschüler trafen noch Ältere, die nicht mit ihnen reden wollten, weil sie deutsch waren. Wir verstanden das. Auf dieser Schicht der Historie bewegt man sich auch, wenn man filmisch zu Hannah Arendt forscht. In-Paris-Sein heißt immer auch In-Historie-Sein.
1992/93 flog ich zu Silvester nach Paris. Mit einem Freund bewohnte ich ein Hotelzimmer, dessen einziges Fenster hin zur Waschküche sich öffnete. Die Maschine schleuderte regelmäßig lautstark und wir nannten sie „Madame Lavage“. Am Silvesterabend selbst stießen wir auf dem Square du Vert-Galant, ein kleiner Park an der West-Spitze jener Insel, auf der sich auch Nortre-Dame befindet, mit Sekt an. Wir gingen über die Pont Neuf Richtung Quartier Latin, bleiben kurz stehen, um uns zu orientieren. Prompt waren wir umgeben von einem Haufen charmanter Schwuler; mich sprachen sie direkt an. Damals war ich halt noch jung - 26 - und schön. Der attraktivste von ihnen spracht Englisch. Später, nach unserer Abreise, erhielt ich Postkarten mit dem Text „I think of you, Baby!“. Mein Französisch funktionierte auch noch einigermaßen; ich übersetzte meinem Begleiter vieles. Wir wurden für ein paar Tage adoptiert von zweien von ihnen, Christian und Jean-Claude. Sie nahmen uns mit zu einem Essen bei Freunden in einer winzigen Wohnung mit Blick auf das Forum Les Halles und zeigten uns danach die Gay Bars im 3. Arrondissement. Gay Kontakte bewegen sich immer in einer Verständigung jenseits der Nationengrenzen. Es bleiben Barrieren und Differenzen; in Teilen geteilte Erfahrungen verbinden ebenso wie die Prägung durch internationale Popkultur und erotische Interessen. Historie ragt anders in schwule Beziehungen; auch in die zu Zeiten Hannah Arendts, als in Deutschland 1935 der §175 verschärft wurde. Dieser bestand in der Nazi-Fassung auch nach dem Krieg noch fort, als viele Deutsche Arendt zufolge zwischen Wahrheit und Meinung nicht mehr unterscheiden konnten und sich nicht sonderlich für jüdische Überlebende interessierten. Zunächst einmal habe man sich doch um die Ausgebombten und Vertriebenen zu kümmern im jungen Adenauer-Land. Die deutsche Besatzung wirkte sich auch in den Regionen des Vichy-Regimes auf Schwule aus: das Schutzalter wurde auf 21 Jahre angehoben, während es im Falle heterosexueller Kontakte bei 13 Jahren blieb. Vieles dessen habe ich mir erst später angeeignet. In der Schule lernte man das ja nicht. 1992/93 wussten wir nur, dass AIDS in Frankreich erheblich schlimmere Verwüstungen angerichtet hatte und Deutschland zu diesem Zeitpunkt ein klein wenig offener gegenüber Schwulen war.
Wir liefen tagsüber durch die Stadt und wurden abends von unseren neuen Freunden durch Clubs wie dem „Queen (Öffnet in neuem Fenster)“ auf der Champs Èlysèes und Etablissements im Marais geführt; zugleich Gay Village und jüdisches Viertel. In-Paris-Sein hieß, schwul und begehrt zu sein.
In den Nullerjahren flog ich häufig dort hin - immer dann, wenn Meetings zur Produktion des Popkulturmagazins TRACKS nicht in Straßburg abgehalten wurden, sondern bei La Sept/ARTE France. Ich hatte die Leitung der ZDF-Ausgabe dieses binational produzierten „Biotops der Vielfalt“ inne; zuerst im Rahmen der Firma MME, dann mit eigenem Unternehmen. Man traf auf die französischen Kollegen und ich verstand den kulturellen Hintergrund des Postmoderne-Streits der 80er Jahre besser: tatsächlich kommunizierten die Deutschen frei nach Habermas am Leitfaden von Geltungsansprüchen auf das Wahre und Richtige, sehr direkt, sich mit Argumenten bewaffnend - die Franzosen empfanden das als unhöflich, beinahe brutal, als Weg in die Unfreiheit durch unzulässige Festlegungen. Weil sie eher auf Avantgarde und Ästhetik setzten, das Spiel, nicht das Korrekte liebten. Dennoch: es ist eine der wenigen über ein Jahrzehnt konsequent deutsch-französisch produzierten Sendungen überhaupt, in der Medienmacher*innen aus beiden Ländern in Kommunikation miteinander wirklich Cooles schufen - während meinem Vater noch als Flakhelfer und im „Volkssturm“ als Soldat die Franzosen als Feind gelehrt wurden. Die Arbeit für ARTE setzt fort, was mit dem Schüleraustausch begann. In-Paris-Sein hieß, in Arbeitssituationen so etwas wie Weltoffenkeit in Kommunikation zu lernen und diese dann produktiv umzusetzen.
Paris ist so die Stadt, in der ich am häufigsten mich aufhielt außerhalb Deutschlands - in Stuttgart war ich z.B. nur einmal wie in vielen anderen deutschen Städten auch. Sie ist konstitutiv für mein eigenes philosophisches und auch ästhetisches Denken. Das „Erwachen“ erfolgte durch den bereits erwähnten Sartre, vor allem den Roman „Die Zeit der Reife“. Ein Bohéme-Klüngel rund um den Philosophielehrer Matthieu vertreibt sich in Paris kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs die Zeit in Cafés, Nachtclubs und Buchhandlungen; Sartre erkundet literarisch den Unterschied zwischen „frei sein von“ und „frei sein zu“ - sich das Leben vom Leibe zu halten oder sich zu engagieren, Verantwortung zu übernehmen. Daniel, eine schwule Hauptfigur, will erst seine Katzen ertränken und sich dann selbst kastrieren, weil er sein Begehren nicht integrieren kann. Verstand ich gut, damals, 1985, mit 19, als ich das Buch erstmals las. War ja auch für mich nicht einfach. Aufgrund der gemeinsamen Lektüre von Sartres Drama „Geschlossene Gesellschaft“ hielt ich im Französisch-Leistungskurs das Referat zu dessen Denken. Danach stand fest, dass ich Philosophie studieren wollte. Dort begegnete mir sofort der ebenfalls bereits erwähnte Michel Foucault. Berühmt wurde er durch die Kritik an Sartre. Ich wollte verstehen, was er gegen dessen Denken ins Feld führte. Hat mich Jahre meines Lebens gekostet, kam aber gut.
Inhalt meines frühen Studiums zudem: das Habermas-Umfeld hatte zur - siehe oben - Attacke auf die „postmoderne Philosophie“ geblasen. Die Pariser Szene wunderte das eher. Woher nur kam diese geballte Aggression eigentlich? Foucault lehrte am Collége de France; eine Renomierinstitution inmitten von Paris. Jürgen Habermas hielt dort Gastvorlesungen mit scharfer Kritik am Werk Foucaults und ging danach mit ihm essen. Diese Diskussion hielt die deutsche Szene länger in Atem als die in Frankreich; noch in Kritiken an „woke“ hallt sie lautstark nach. Michel Foucault habe die abendländische Vernunft relativistisch abzuräumen beabsichtigt, jede Möglichkeit des Fortschritts verneint und die normativen Grundlagen des Zusammenlebens zerstören wollen. Mitten in der Debatte traten die deutschen Philosophen Friedrich Nietzsche und Martin Heidegger als die Intimfeinde des philosophischen Diskurses der Moderne auf. Beide Philosophen eigneten sich je unterschiedlich Sartre und Foucault produktiv an, oft mit Hilfe von Missverständnissen aufgrund kruder Übersetzungen von Heideggers „Sein und Zeit“. Und beide Philosophen, Nietzsche wie Heidegger, galten in Deutschland als Wegbereiter des Faschismus. Heidegger bekannte sich nach *33 offen zu ihm. Seine nachgelassenen Schwarzen Hefte sind durchsetzt von Antisemitismus.
So einfach wird man jedoch sein philosophisches Erbe nicht los. Sartre inspirierte er dazu, aus der Bewusstseinsphilosophie Husserls eine Ontologie, das ist Lehre vom Sein (und traditionell dem Seienden) zu basteln. Das Bewusstsein IST und situiert sich im praktisch-leiblichen Vollzug IN der Welt. Nicht hier Subjekt, da Objekt, und beides steht sich wie noch bei Kant frontal gegenüber. Menschen sind vielmehr leiblich in Situationen geworfen und gehen handelnd mit der Dingwelt und Menschen um. Sie beobachten nicht still, um sodann den Verstand Sinnesdaten sortieren zu lassen. Sie haben einen Körper, der sich in Cafés setzen und Andere berühren kann - oder sich anfassen lassen. Foucault übernahm von Heidegger die Denk-Figur der „Sorge um sich“; dem Menschen, bei Heidegger heißt der Dasein, ginge es in seinem Leben - Sein - um dieses Leben selbst und wie er es führt. In Foucaults Spätwerk findet er den Ursprung dieser Selbstsorge in den Lebensratgebern der Antike. Und er knüpfte an Heideggers „Humanismusbrief“ an, dessen Kritik wiederum an Sartres Philosophie: Das Sein sei dem Dasein, Geschichte (auch des Denkens) und Sprache seien Individuen vorgängig und und deshalb könne eine Analytik menschlicher Subjektivität und wie auch der theoretische Humanismus, der Mensch als Maß aller Dinge, nicht Quelle der Erkenntnis sein. Was Heidegger dabei mit „Sein“ meinte ist ziemlich kompliziert und würde hier zu weit führen. Foucault wandte dieses Denken ins Kritische: Wissensformationen, Machttechnologien und Disziplinen - z.B. in Schulen und Gefängnissen - erzeugen Subjektivtät, bringen sie hervor.
Mittlerweile ist mir der Sartrische Zugang wieder näher. Wir machen etwas aus dem, was aus uns gemacht wird. Foucault bekommt jedoch da recht, wo Institutionen und in ihnen wirksame Mechanismen in und an Menschen alles, was ihr Menschsein ausmacht, zerstören.
Das leitet mitten ins Zentrum meines Paris-Aufenthaltes in der letzten Woche. Wir bewegten uns ja mit der Kamera auf den Spuren Hannah Arendts. Weltberühmt ist, dass sie nicht nur bei Heidegger studierte, sondern in den 20er Jahren auch eine intensive Liebesbeziehung mit ihm lebte. Viele irritiert, dass sie auch nach dem Krieg noch Kontakt zu ihm hielt. Kennzeichnend für ihre Philosophie ist jedoch, dass sie Normenbegründungen anders als Habermas nicht in einer Kant transformierenden und begründenden Rationalität durchspielt, sondern im Existentiellen situiert. Sie rekonstruiert in „Vita Activa“, auf englisch und französisch „The human condition“/„La Condition Humaine“, praktische Grundvermögen aller Menschen, Arbeiten, Herstellen, Handeln, und arbeitet später in Studien zur Urteilskraft ein nicht regelgeleitetes und doch vernünftiges Denken aus, das sich zur Welt hin öffnet und auf diese einlässt. In frühen Übersetzungen von „Sein und Zeit“ wird „Dasein“, das Subjekt, der Mensch bei Heidegger, im Französischen noch mit „condition humaine“ übersetzt. So zitiert es auch Sartre in „Das Sein und das Nichts“.
Zentrale Erkenntnis ihrer Totalitarismustheorie ist, dass in den Konzentrationslagern, aber auch im Falle über den Globus irrender Flüchtlinge Menschen trotz all dieser Vermögen und Fähigkeiten auf das rein Kreatürliche reduziert würden; auf das, was Giorgio Agamben als das „nackte Leben“ bezeichnete. Reines Überleben, lediglich Körperfunktionen, auf die in Konzentrationslagern noch bis hin zur Vernichtung eingewirkt wurde. Alles Persönliche, alles Eigene, alle Individuelle radieren totalitäre Mechanismen aus. Noch Verbrechern wird die die Individualhistorie ihrer Taten gelassen; sie werden dafür bestraft als gegen Regeln verstoßende Bürger. Juden, Sinti, Roma und auch staatenlose Flüchtlinge hingegen werden bekämpft, einfach nur, weil es sie gibt.
Arendt fordert im Gegenzug das Recht aller gleichermaßen, Rechte zu haben und sich in ihrer vollständigen Menschlichkeit entfalten zu können. Das führt in eine einzigartige Fusion aus Motiven, die Sartre zum Teil zeitgleich, Foucault und Habermas später mit anderen Akzentsetzungen ausarbeiteten.
In den 30er Jahren lebte sie in Paris. Thomas Meyer, den wir begleiteten, rekonstruiert diese Jahre in seiner außerordentlich imposanten Arendt-Biographie. Meine erste Hausarbeit über Hannah Arendt verfasste ich kurz vor meinem Silvestertrip 1992/93 bei Ina Lorenz am „Institut für die Geschichte der deutschen Juden“. Sie trug den Titel „Die Urteilskraft des Paria“. Jüdisches Leben zu Zeiten der rechtlichen Emanzipation splittete sich Arendt zufolge in zwei Seinsmöglichkeiten: Parvenu, Empörkömmling zu sein und sich vollends an die mal christliche, mal postreligiös aufgeklärte Mehrheitsgesellschaft bei Verzicht auf die je eigene jüdische Prägung oder eben dem, was der Antisemitismus des 19. Jahrhunderts mit und aus Juden machte assimilieren - oder eben das Verharren in der Paria-, der Ausgegrenzten- und Außenseiter-Position. Diese schärft den Blick auf das, was in der Dominanzkultur so alles schief läuft und deren Macht nährt. Man kann auch den ganzen Foucault so lesen: als Schwuler nahm er die Mehrheitsgesellschaft in den Blick und sezierte sie treffsicher. Das Nichtanerkennenwollen des Eigenen in Glaubens- wie auch Fragen ihrer historischen Position als Minderheit in jüdischen Individualitäten durch Demokraten sezierte auch Sartre in seiner Schrift mit dem furchtbaren Titel „Überlegungen zur Judenfrage“. Auf abstrakte Rechte pochend negieren sie alles Individuelle, Spezifische. Als persönliches Problem sei „die Judenfrage“ nicht lösbar, so auch Arendt in ihrem Buch über „Rahel Varnhagen“.
Sie erfuhr all das an eigenem Leibe in Paris als staatenlose Jüdin. Hier forschte sie zu Antisemitismus; die Thesen in „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ entstanden hier. Sie umgab sich mit anderen Jüd*innen und Migranten; Kontakte zu den Kreisen um Sartre knüpfte sie nicht und mochte diesen auch nie sonderlich, als er später zum philosophischen Weltstar avancierte.
Bei den Interviews für die ARTE-Dokumentation, deren Bestandteile wir drehten, wurde jedoch deutlich, dass die existenzphilosophischen Lesarten Arendts in Frankreich mutiger vollzogen werden als hierzulande. Ihr Verhältnis zu Heideggers Philosophie erscheint auch international vielen fragwürdig und wird oft gegen sie gewendet. Als wir in der Buchhandlung „Le Divan“ einer Diskussion lauschten, wurde dennoch die Heideggersche - und Sartrische - Figur des „In-der-Welt-Sein“ - bei Sartre „In-Situation-Sein“ - erheblich stärker akzentuiert als hierzulande. Arendts Verständnis von Antisemitismus bewege sich in diesem Szenario. Sich in der Welt ihr sinnlich und leiblich öffnend bekommen jüdische Paria schlicht auf die Nase. Das macht ihr Erleben aus. Es wird versucht, sie zu stereotypisieren, sie begegnen institutionalisierter wie auch körperlicher Gewalt, die ihr Selbstverständnis prägt, etwas mit und aus ihnen macht - wozu sie sich wiederum urteilend und handelnd, arbeitend und herstellend verhalten können und sogar müssen. Eben das treibt das Werk von Arendt an.
Während ich einer Diskussion lauschte, in der solche Gedanken geäußert wurden, meinerseits in der In-Buchhandlung-Sein, scrollte ich durch die Social Media-Timelines und las die Ergebnisse der ersten Sondierungsgespräche zwischen SPD und CDU zwecks Regierungsbildung. Zeitgleich skizzierten vor mir zwei Autorinnen die Lage jüdischer Flüchtlinge im Paris der 30er Jahre und die Maßnahmen, die gegen sie ergriffen wurden. Bei Bluesky und X las ich, dass geplant von der künftigen Regierung geplant sei, die Grenzen für Geflüchtete komplett zu schließen, der Entzug der Staatsbürgerschaft - Arendt wurde ausgebürgert - im Falle des Doppelpass diskutierten sie ebenso wie die Möglichkeit der Verhaftung ohne richterlichen Beschluss durch den Bundesgrenzschutz. Ein Unterlaufen des Rechtsstaates und der Gewaltenteilung.
Mir wurde ganz schwummerig bei diesen sich überlappenden Zeitebenen mit sich in ihnen entfaltenden durchaus ähnlichen Maßnahmen. Ich spürte es leiblich - ein Schlag in die Magengrube. In-Paris-Sein, erfüllt vom Leben und Denken Arendts, wandelte sich in Schrecken und tatsächlich auch Angst.
Als ich danach durch die Schichten der Erinnerung zurück zum Hotel mit dem Taxi fuhr, ausnahmsweise mal wenig Verkehr, und vom Kameramann erfuhr, dass unserer mit westafrikanischen „Stammesnarben“ im Gesicht geschmückter Rezeptionist Germanistik studiert hat, er mir von seinem Falafel-Essen in einem jüdischen Restaurant im Marais am Abend zuvor berichtete und wir uns dann auf den Weg in den queeren Bezirk desselben Stadtteils machten, da wurde ich sehr wütend auf Merz und Co. Auf ihrer Weigerung, Geistesgrößen wie Hannah Arendt ernst zu nehmen und stattdessen durchzuziehen, was sie, auch Sartre, Foucault und ebenso Habermas immer schon kritisierten.
Am nächsten Morgen platzte es aus einer anderen Rezeptionistin hervor, Macron habe gerade eine Rede gehalten, dass man in Zeiten von Trump und Putin mit Krieg rechnen müsse. Mir schwirrte Russlands Kriegsführung gegen „Gayropa“ im Falle der Ukraine ebenso durch den Kopf wie Musks Vernichtungsfeldzug gegen „woke“. Und auch, dass die ersten beiden Bände von Sartres „Chemin de la Liberté“-Roman-Trilogie, darunter auch „Die Zeit der Reife“, mich auch deshalb so beeindrucken, weil sie die Untätigkeit und Ignoranz vieler Franzosen unmittelbar vor Beginn des Zweiten Weltkrieges und der Besatzung durch die Deutschen schildern.
Der Rückflug wurde aufgrund der Streiks in Hamburg annulliert. Ich fuhr mit dem Kameramann in seinem VW-Bus mit. Weil der ja in einer Garage stand, die vom Paris-Marathon umzingelt war, konnten wir erst spät losfahren. Ich hielt, um ihn wach zu halten, Vorträge über Sartres Philosophie. Zum Glück fand er das spannend.
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