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Legasthenie bei Erwachsenen und spätere psychische Erkrankungen

Vorwort : Natürlich ist Legasthenie nicht nur eine Störung. Im Sinne von Neurodiversität haben Menschen mit Lese-Rechtschreibschwäche sehr viele besondere Talente (z.B. räumliches Sehen, Kreativität), die sich dann auch beruflich positiv niederschlagen kann. Viele Selbstständige bzw. Führungspersonen in Unternehmen haben eine Lese-Rechtschreibschwäche. Nicht zuletzt die Initiative "Mady by Dyslexia" weist darauf hin, weil hier Unternehmer bzw. Unternehmen sich speziell für die Förderung einsetzen. Bei LinkedIn gibt es jetzt sogar ein spezielles Skill "Dyslexic thinking". 

Aber so positiv ist es halt nicht immer.

Gestern hatte ich ein interessantes Gespräch mit einer Patientin der Klinik. In ihrer Familie sind Lese-Rechtschreibschwäche unter Akademikern die Regel und es ist mehr oder weniger eine Selbstverständlichkeit, sich eine Sekretärin oder eine andere Person zu "leisten", die dann eben Fachartikel als Professor oder Mitteilungen als leitende Angestellte erledigen. Damit ist ihre Familie eine löbliche Ausnahme, oder?

Bei ihr selber ginge das eben nicht, da sie nicht in einer so exponierten Stellung arbeite, sondern quasi in der direkten Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Und da fällt jede Menge Schriftkram an. Da kann man sich nicht mal eben einen Sekretär leisten . Eigentlich ging es bei uns gestern um ADHS und wir hatten ein mehr oder weniger schwieriges diagnostisches Gespräch auf Grundlage des DIVA-5 Fragebogen zu ADHS. Schwierig, weil sie eine heftige Migräne hatte. Und schwierig, weil ich ja solche Fragebögen nicht mag. Aber beim Gespräch kamen wir in typischer Weise von Stöckchen auf Steinchen. Auch schwierig, dann zu folgen. Und so kamen wir über  viele kleine Anekdoten aus der Welt des realen Wahnsinns von Alltagsproblemen der Vergesslichkeit, Desorganisation und anderen Besonderheiten der Exekutivfunktionen lange auf die tollen Seiten der Neurodiversität. Und dann zur Lese-Rechtschreibschwäche.

Selbstverständlich mit Lese-Rechtschreib-Schwäche umgehen

Meine Patientin hatte ziemliches Glück in der Schule. Einerseits, weil ihre Lese-Rechtschreibschwäche offenbar so gut wie keine Rolle spielte (aber auch ein deutliches ADHS nicht auffiel). Andererseits aber auch, weil ihre ganzen Besonderheiten im Bereich Lernen und Aufmerksamkeit eben nicht negativ sanktioniert wurden. Oder dann zu Hause es als "normal" angesehen wurde. Schliesslich waren offenbar viele weitere Familienmitglieder eben "genauso". Leider ist das nicht die Regel. Und das Ignorieren bzw.  fehlendes Eingehen auf den eigentlichen Förderbedarf mag dann zwar erstmal für die Schulzeit klappen, verungmöglicht dann aber eben später im Erwachsenenalter ein Verständnis bzw. auch selbstbestimmte Selbstorganisation und emotionale Selbstregulation.

Schulen, die wirklich fördernd und wie selbstverständlich mit Lern- und Teilleistungsstörungen umgehen, haben im Endeffekt bessere Schulabschlüsse und später weniger psychisch kranke Jugendliche und Erwachsene. Aber je höher der "Bildungsstand", desto weniger inklusiv wird hier häufig gedacht. In Zeitalter von Word und Co, Optionen der Spracherkennung über Diktate bzw. andere Formen der künstlichen "Intelligenz" werden hoffentlich diese Lehrer und Schulen vom Zahn der Zeit überholt und damit abgehängt. Aber noch bestimmen hier die Bremser und Verweigerer von individueller Förderung das Gesamttempo und damit auch die späteren Chancen für die Schüler. Legasthenie und Gymnasium scheinen sich aus der Sicht einiger Lehrer, ja ganzer Schulen bzw. vielleicht sogar Bundesländer quasi auszuschliessen. Ob das überhaupt verfassungsrechtlich erlaubt ist, steht auf einem anderen Blatt. Auch hinsichtlich von möglichen Nachteilsausgleichsregelungen. 

Legasthenie verursacht spätere psychische Störungen

Eigentlich ist es mehr als trivial, dass Lese-und Rechtschreibschwächen über negative Erfahrungen bzw. Angst in ganz unterschiedlicher Form zu Selbstwertproblemen,  Schulangst, sozialen Ängsten oder anderen Leistungsproblemen in der Schule führen müssen. Und natürlich dann auch zu anderen affektiven Störungen wie eben Depressionen. Auch eine Häufung von Selbstmordversuchen ist bekannt. Eine aktuelle Studie belegt den Zusammenhang nochmal deutlich. 

Legasthenie Diagnostik : Keine Ahnung und keine Anlaufstellen

Ich kenne mich mit der Diagnostik so gut wie gar nicht aus. Daher frage ich wohl besser gar nicht danach, dann kann ich mich auch bei der Diagnostik nicht blammieren. Was nun nicht gerade eine optimale Lösung ist. Vermutlich würde es dann auch wieder jede Menge Aufwand / Schriftkram etc bedeuten, wenn ich regelhaft dazu fachärztliche Atteste ausstellen müsste. Wer dann also nicht fragt, kann auch nicht in Verlegenheit kommen als Psychiater. 

Fällt die LRS/Legasthenie und/oder Dyskalkulie erst nach dem 18. Lebensjahr auf, stehen junge Erwachsene oft vor dem Problem, wo sie sich testen lassen können. Egal ob im Studium, in der Berufsausbildung oder für die Führerscheinprüfung: für den Erhalt eines Nachteilsausgleiches muss ein Nachweis erbracht werden. Dieser Nachweis ist meistens in Form eines fachärztlichen Attestes zu erbringen, d.h. eine Testung durch einen Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Für junge Erwachsene ab dem 18. Lebensjahr gibt es derzeit in NRW keine Möglichkeit, eine Testung bzgl. LRS/Legasthenie und/oder Rechenschwäche/Dyskalkulie bei einem Psychiater durchführen zu lassen.

Im Prinzip bzw. sehr praktisch gesehen, wäre also eine Diagnostik der Legasthenie im Erwachsenenalter sehr sinnvoll bzw. bares Geld und andere sozialrechtliche Konsequenzen wert. Und ich denke mal, das ist nicht nur in NRW so.  Leider ist es beispielsweise so, dass ADHS häufig allein nicht als Grund für einen Nachteilsausgleich anerkannt wird. Und dann weiter "gesucht" werden muss....

Ich habe zumindest im Internet bisher keine klare Aussage zur Diagnostik im Erwachsenenalter gefunden. Ziemlich krass, wenn 1 von 10 Menschen in Deutschland eben in diesen Bereich fallen und vermutlich Anspruch auf Hilfe und Unterstützung hätten. 

Checkliste Legasthenie bei Erwachsenen

 Wann sollte / könnte man an eine Lese-Rechtschreibschwäche denken?

  • Weitere Familienangehörige mit der Diagnose Legasthenie / Dyskalkulie
  • Liest du sehr langsam?
  • Fiel es dir in der Schule schwer, Lesen und Schreiben zu lernen?
  • Musst du Texte häufig mehrfach lesen, damit du den Sinn erfasst?
  • Liest du sehr ungern laut vor?
  • Lässt du häufig Buchstaben aus, fügst falsche ähnliche Buchstaben dazu oder vertauscht Buchstaben?
  • Machst du viele Rechtschreibfehler auch nach einer Kontrolle auf Flüchtigkeitsfehler?
  • Hast Du Probleme mit der Betonung und Aussprache von eher unbekannten mehrsilbrigen Worten?
  • Vermeidest du längere Bücher oder Novellen zu lesen und bevorzugst dann leber kurze Artikel oder Zusammenfassungen?
  • Hattest du in der Schule große Probleme mit Fremdsprachen?
  • Vermeidest du Arbeitsaufgaben und Projekte, die mit Lesen oder Schreiben verbunden sind?

Wie sollte ein Psychiater eine Legasthenie Diagnose bei Erwachsenen stellen?

Ich behaupte mal, dass 999 von 1000 Psychiatern in Deutschland keinen blassen Schimmer davon haben, wie sie das machen müssten. Also muss man sich wohl nach dem Vorgehen im Kinder- und Jugendbereich orientieren. ur Z Zur Diagnostik bei Kindern gibt es ja auch Empfehlungen bzw. Lerntherapiepraxen, die das wohl machen. Es wird die Lesegeschwindigkeit bzw. Fähigkeit zum Leseverständnis geprüft. Und dann eben z.B. durch Diktate Fehleranalysen gemacht. Wichtig wäre, dann andere Ursachen bzw. begleitende Teilleistungsprobleme wie z.B. Dyskalkulie gleich mit zu erfassen. Ob da aber wirklich immer beispielsweise eine auditive Wahrnehmungsstörung oder ADHS ausgeschlossen wird, weiss ich nicht.  Und wenn ich so sehe, dass an vielen Ecken der Stadt Lerninstitute sind, habe ich auch so meine Zweifel an der Qualfikation der Anbieter bzw. dann Testdurchführer. Aber besser kann ich es ja selber auch nicht. Jedenfalls bezweifele ich, dass die häufig verwendeten Aufmerksamkeitstest dann irgendwas über ADHS aussagen bzw. eine Differenzierung der Probleme der Lesegeschwindigkeit und Fehler zur Legasthenie ermöglichen dürften. Aber bei älteren Jugendlichen und Erwachsenen????? Ich jedenfalls wüsste es nicht. Und eine erste Suche in Portalen zur Testdiagnostik der Psychologen verläuft auch erstmal ergebnisoffen. Ehrlich gesagt bzw. geschrieben : So ganz überzeugend finde ich aber die Vorgehen bei Kindern nun auch noch nicht. Das scheint auch eher so nach Pi mal Daumen abzulaufen und dann das Leseverständnis, vielleicht noch Zeit und eben bestimmte Fehler zu umfassen. Siehe z.B. hier 

https://www.legasthenietherapie-info.de/legasthenie-test.html

Um ehrlich zu bleiben : In meiner ganzen Karriere als Psychiater habe ich noch nicht einmal eine Diagnostik hinsichtlich Legasthenie gemacht. Da ich selber (wie man ja lesen kann), zu zahlreichen Flüchtigkeitsfehlern bzw. mangelnder Fähigkeit zur Korrektur eigener Texte neige), ist die Abgrenzung von Legasthenie zu Ablenkbarkeit und anderer Probleme bei ADHS gar nicht trivial. Es gibt aber recht charakteristische Fehler, die eben bei Legasthenie auftreten.  Und zur 

Wenn ihr da praktische Erfahrungen habt, welche Verfahren da üblich sind, bin ich sehr dankbar für Nachhilfe. Weitere Infos u.a. in dieser Broschüre vom BVL Legasthenie 

https://www.bvl-legasthenie.de/images/static/pdfs/bvl/7_Ratgeber_Erwachsene_barrierefrei.pdf

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