Liebe Leser:innen,

Joe Biden hat schon einmal erlebt, was in einer historischen Krise schiefgehen kann.

2009 verantwortete er unter Barack Obama das Rettungspaket in der Wirtschaftskrise, damals zusammengeschnürt mit der Idee „Wir wissen, dass es zu wenig ist, aber mehr kriegen wir nicht gemeinsam verhandelt.“ Heutzutage wird das Paket von damals als zu klein und zu zögerlich angesehen, so dass in der Folge zu wenige Menschen die Verbindung zwischen der Demokraten-Regierung und dem Aufschwung herstellten. Stattdessen folgte 2010 eine krachende Niederlage bei den Zwischenwahlen. Dieses Mal soll das anders laufen.

Biden blieb bei den Verhandlungen über die fast zwei Billionen US-Dollar schweren Maßnahmen hart und nun tingeln er und andere prominente Regierungsvertreter durchs Land, um das Rettungspaket vorzustellen. Biden war am Dienstag in Philadelphia, seine Frau Jill in South Jersey, Kamala Harris und Ehemann Doug Emhoff in Nevada, Präsident und Vize wollen im Laufe der Woche nach Georgia - allesamt wichtige Staaten für die 2022 Senatswahlen, wie der Philadelphia Inquirer im Überblick zu den Reiseplänen schreibt.

Ohne eine funktionierende Strategie gegen das Coronavirus wird das alles aber nicht gelingen, deshalb geht es heute um den Stand der Impf-Kampagne in einem Land, in dem täglich rund ein Prozent der erwachsenen Bevölkerung eine Vakzin-Dosis bekommt: Wie viele Menschen sind schon geimpft? Welche Gruppen müssen nun erreicht werden? Und wie lassen sich Kritiker:innen umstimmen?

Und noch ein Hinweis in eigener Sache: Der Newsletter zieht mit dieser Ausgabe um von Mailchimp zu den geschätzten Kolleg:innen von Steady. Dort darf ich Teil der Kampagne zum Start der neuen Newsletter-Funktionen sein, es wird leichter möglich werden, in den kommenden Wochen dort ein Archiv anzulegen und das Unternehmen mit Sitz in Berlin ist topversiert in allen europäischen Datenschutz-Vorschriften.

Außerdem gibt es nun die Möglichkeit, eine kleine monatliche Unterstützung für den natürlich weiterhin kostenlosen Newsletter einzurichten, das geht hier.

Jetzt aber los.

Let's go.

DIE POLITIK - WAS DAS LAND PRÄGT Corona-Impfungen in den USA: Wie weit ist die Kampagne, was wird nun zum Problem und wie lassen sich Skeptiker:innen wirklich umstimmen?

1. Was sagen die Umfragen zur Impfbereitschaft? Auf dem Papier kommt die Impfkampagne in den USA gut voran: 72 Millionen Menschen und damit mehr als jede:r vierte Erwachsene haben mindestens eine Dosis erhalten. In manchen Gebieten liegt diese Quote noch deutlich höher - mein New Yorker Postleitzahlenbereich mit vielen Pfleger:innen und Ärzt:innen in Krankenhäusern kommt bereits auf 42 Prozent Erstgeimpfte.

Joe Biden hat vergangene Woche in einer zur besten Sendezeit übertragenen Rede zum „Jahrestag“ der Pandemie versprochen, alle Gouverneur:innen anzuweisen, von 1. Mai Impftermine für alle zu ermöglichen. Die Priorisierungen sollen dann entfallen, die „open season“ beginnen. Er halte einen Unabhängigkeitstag am 4. Juli mit „einigen Freunden“ beim Grillen für möglich, sagte Biden - und machte damit für mich auch den Kontrast zu Deutschland deutlich, wo ein solches Signal der Hoffnung weder angesichts der Impfprobleme gerechtfertigt, noch wegen mehrfach verbrauchter Wegmarken wie Weihnachten und Ostern glaubwürdig wäre.

Damit beginnt eine neue Phase im Impf-Rollout, denn bald wird nicht mehr das Angebot an Impfdosen der Engpass sein, sondern die Nachfrage und die Überlegung, wie sich ein ausreichend großer Prozentsatz der Bevölkerung zu einer Impfung bewegen lässt. Umfragen zeigen, dass große Teile der US-Amerikaner:innen die Impfung ablehnen. Schwarze Befragte haben dabei vor einigen Monaten noch große Skepsis gezeigt, sind inzwischen aber weniger kritisch. Demokraten-Anhänger:innen sind sehr viel häufiger impf-affin. Und die größte Ablehnung kommt von Männern, die Republikaner wählen: 49 Prozent von ihnen planen, sich nicht impfen zu lassen. Mehr bei PBS oder in einer weiteren Umfrage bei CBS.

2. Woher kommt diese Skepsis? Die Skepsis hat viele Gründe und Formen. Sie ist seltener eine Komplett-Ablehnung von Impfstoffen, sondern häufig noch eine unter Vorbehalt: Viele wollen noch ein wenig abwarten und sich in einigen Wochen oder Monaten impfen lassen.

Unter Schwarzen hat das große Misstrauen auch historische Gründe, allen voran das skandalöse Tuskegee Experiment. Dabei hat der US Public Health Service von 1932 an rund 600 Schwarzen zur Erforschung der Syphilis eine medizinische Versorgung versprochen. 400 Studien-Teilnehmer in Alabama hatten die Krankheit, 200 waren frei davon. Im Laufe der Studie traten furchtbare Komplikationen auf, psychische Krankheiten, Blindheit und Tod - und die Ärzt:innen schauten einfach zu, reichten Placebos statt Penicilin. History erklärt das erst 1972 eingestellte Experiment, das bis heute den Eindruck von Schwarzen als Versuchskaninchen im US-Gesundheitssystem prägt. Ans Licht kamen die Geschehnisse durch Jean Heller von der AP.

Bei Vox gibt es noch einen größeren Zusammenhang. Eleanor Cummins beschreibt dort, wie bei Themen wie Klimaschutz, Corona und der Sicherheit der US-Wahl überall eine neue moderne Skepsis breit macht, die letztlich den gesellschaftlichen Zusammenhalt bedroht. „Question everything, right?“ 3. Wie lässt sich die Impf-Skepsis überwinden? Überall in den USA gibt es viele verschiedene Initiativen, um den Widerstand gegen die Impfungen abzubauen. Dazu zählen grundsätzliche Informationskampagnen, die noch viel mehr als in Deutschland auch Minderheiten berücksichtigen müssen, die keine Massenmedien nutzen. Auch Impfregeln sind oft anders, beispielsweise reicht es in New York, wenn man mit einer Unterschrift versichert, eine Vorerkrankung zu besitzen, ein ärztliches Attest braucht es nicht. Der Grund dafür ist, dass Menschen ohne gültige Aufenthaltsgenehmigung oder ohne Geld für einen Arztbesuch für ein Attest nicht vom Impfen abgehalten werden sollen.

Doch auch konkret zu den kritischen Republikanern gab es zuletzt mehrere Berichte. In einer Fokus-Gruppe des konservativen Demoskopen Frank Luntz lautete das Fazit: „Wir wollen aufgeklärt werden, nicht indoktriniert.“ In einer zweistündigen Session versuchten unter anderem Politiker, die 20 Teilnehmer:innen umzustimmen. Am Ende waren tatsächlich alle überzeugt, allerdings nicht durch die Politprofis, sondern durch Wissenschaftler:innen.

Die drei am besten funktionierenden Argumente waren der Verweis auf Zehntausende Teilnehmer:innen an den Studien, die Tatsache, dass eine überwältigende Mehrheit von Ärzt:innen sich impfen lässt und eine Erklärung der jahrzehntelangen Erforschung der Präparate mit dem Hinweis, dass sie zwar nicht 100 Prozent sicher seien könnten, aber eben die katastrophalen Folgen von Covid sehr viel bekannter seien. Die Washington Post erklärt die wichtigsten Lektionen aus der Diskussion.

DIE MENSCHEN - WER DAS LAND PRÄGT Tucker Carlson, rechtes Stargesicht der Erregungsmaschinerie

Im erfolgreichsten Sendergesicht von Fox News zeigt sich Abend um Abend unfassbar schlecht gespielte Verwunderung, aus seinem Mund kommt täglich ein mühsam behauptetes „Das wird man wohl noch sagen dürfen“ und der dazugehörige Mann hat doch so viel Erfolg, dass der Sender am Abend von Joe Bidens großer Corona-Rede live eine stumme briefmarkengroße Mini-Version mit grotesken Live-Reaktionen einblendete.

Tucker Carlson findet jeden Wochentag zwischen drei und vier Millionen Zuschauer:innen und setzt ihnen eine rechtspopulistische Agenda vor: Immigranten machen die USA schwächer, Rassismus gibt es nicht und wenn dann ja wohl auch gegen Weiße und einige riesige Portion „Ich stelle nur die Fragen, die sich die anderen nicht trauen“. John Oliver hat ihm diese Woche den im Guardian zusammengefassten Großteil seiner Sendung gewidmet (Video hier) und erklärt: „Carlson ist der prominenteste Überbringer von Botschaften der weißen extremen Rechten.“

Es lohnt sich, ihn zu kennen, denn die Republikaner beziehen sich politisch häufig auf Carlsons Sendung vom Vortag, sie übernehmen seine Forderungen und seinen Faux Outrage. Mehr in Brian Stelters Mediensendung bei CNN.

DIE (POP-)KULTUR - WORÜBER DAS LAND SPRICHT Wie bei den Grammys immer wieder die Weißen den PoC danken Wieder hat eine Preisverleihung die popkulturelle Debatte der vergangenen Woche beherrscht, auch hier hatte Fox News seine Finger im Spiel. Dort wird seit Tagen über den sexuell überdrehten Auftritt von Cardi B und Megan Thee Stallion berichtet - genüßlich werden die anzüglichen Dance Moves gezeigt, während man sich scheinheilig über sie beschwert, erläutert Mediaite.

Interessant und seltsam sind die Grammys aber auch aus allerlei anderen Gründen: Eine unübersichtliche und knapp dreistellige Anzahl Kategorien, eine fast vierstündige Preisverleihung mit stets großem Country-Anteil auf CBS, dem schnarchigsten der größten Networks - und die Tatsache, dass unfassbar oft die Falschen gewinnen. Der Atlantic schreibt über einen besonderen Typ an Dankesreden, inzwischen zum Ritual verkommen: Weiße Künstler:innen, die behaupten, dass ihr Preis „eigentlich“ einer:m nominierten Schwarzen zustünde. Dieses Jahr sagte Billie Eilish das über Megan Thee Stallion.

Beyoncé schrieb zwar Geschichte als nun meistausgezeichnete Künstlerin aller Zeiten mit 28 Awards, allerdings gewann sie bisher nur einen einzigen Preis in einer Hauptkategorie (Song des Jahres für „Single Ladies“) abseits der stark zerstreuten Genre-Preise für Hiphop und R’n’B. Den Preis für das beste Album bekam sie noch nie - Taylor Swift hat drei davon.

Das war’s für heute im neuen Zuhause. Ich freue mich, bei Steady an Bord zu sein, überlege schon zu Erweiterungen von „WTH, America“ und freue mich darauf, auch in Zukunft dann eben hier das Land ein wenig erklären zu können - dazu gibt's einige Ideen, die Mini-Marke zu erweitern. Wie gesagt, wer mag kann an dieser Stelle hier dieses Projekt regelmäßig unterstützen - der Newsletter bleibt aber kostenlos für alle.

Bis nächste Woche, best from NYC,

Christian

PS: Ich sehe die ernsten Debatten zur Lage an der Südgrenze (mehr beim Atlantic) und zum Waffentod von acht Menschen in Atlanta (mehr bei AJC), bei dem sechs Opfer asiatische Herkunft hatten. Der mutmaßliche Täter streitet laut erster Berichte ab, dass seine Tat rassistisch motiviert war. Fest steht aber: Die von Trump mit seiner Hetze vom „Chinavirus“ befeuerte Gewalt gegen asiatische Menschen nimmt stark zu. Mehr als 3.000 Taten gegen sie wurden seit Beginn der Pandemie erfasst, schreiben Foreign Policy und USA Today. Beide Themen schauen wir uns in den kommenden Wochen näher an. 

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