Liebe Leser:innen,

das Dauerthema Pandemie, wachsende Gewalt gegen als Asiat:innen gelesene Menschen und schon wieder die nächste Massenschießerei mit dieses Mal zehn Toten in Colorado: Die Liste der problematischen Themen für Joe Biden ist in dieser Woche lang gewesen. Heute hat er abseits von den bisherigen schnellen Fragen auf dem Weg zu einem Termin die erste offizielle Pressekonferenz seiner Präsidentschaft gegeben, einige Clips gibt es bei Aaron Rupar auf Twitter, eine Zusammenfassung beim Atlantic.

Mit manchen Fragen haben sich die Kolleg:innen dabei nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Auf ein absurdes: „Glauben Sie, 2024 wieder gegen Donald Trump antreten zu müssen?” hat er immerhin geantwortet mit: „Ich weiß ja nicht einmal, ob es bis dahin noch eine republikanische Partei gibt.”

Es ging aber auch um die Situation an der Südgrenze des Landes, wo aktuell so viele Menschen ankommen wie nie zuvor in den letzten 20 Jahren.

Let's go.

DIE POLITIK - WAS DAS LAND PRÄGT Die Republikaner versuchen, die Lage an der Grenze zu Mexiko zum ersten Biden-Skandal hochzujazzen - ist es wirklich so schlimm?

1. Wie unterscheidet sich die aktuelle Lage an der Grenze von Trumps und Obamas Amtszeit? Seit mindestens drei Präsidenten ist die Flüchtlingssituation an der Grenze zu Mexiko komplex. Aktuell muss Joe Biden eine Lösung für die höchsten Zahlen an Menschen finden, sie seit zwanzig Jahren in die USA wollen, schreibt die Washington Post.

Generell hat jeder Mensch das Recht, in den USA um Asyl zu bitten. An der Südgrenze der Vereinigten Staaten versuchen das besonders oft Menschen aus Mittel- und Südamerika, die oft aus instabilen politischen Systemen oder Gegenden mit sehr hoher Kriminalität kommen. In den ersten Wochen von Joe Bidens Amtszeit ist die Zahl derjenigen deutlich gestiegen, die an der Grenze festgehalten werden, weil sie illegal versuchen, in die USA zu gelangen. Sie lag im Februar bei knapp 97.000, Grafiken dazu hat Reuters.

Mit mehr als 200.000 lag diese Zahl aber vor rund 20 Jahren noch deutlich höher. Wer jetzt zurückrechnet, stellt fest, dass damit unter dem Republikaner George W. Bush die Zahlen sehr hoch waren. Doch die vielen Grenzübertritte seinerzeit waren üblich und politisch längst nicht so ein aufgeladenes Thema wie jetzt.

Anders als im vergangenen Jahr, als beispielsweise viele Familien vor der Krise in Venezuela flüchteten, versuchen aktuell mehr junge Männer aus Mexiko in die USA zu gelangen. Zwei besonders wichtige Gründe gibt es dafür: Dank Impfstoffen scheint Corona in den USA inzwischen deutlich leichter überwindbar und möglicherweise springt auch die Wirtschaft schneller wieder an, so dass es in den Vereinigten Staaten selbst ohne Papiere leichter wäre, Geld zu verdienen. Einen Überblick hat The Week

2. Was passiert mit Kindern an der Grenze? Seit den Fotos von Kindern in Käfigen zu Trumps Amtszeit ist deren Lage an der Grenze ein breit diskutiertes Thema in der Öffentlichkeit. Trump hat Hunderte junge Kinder oft wochenlang in den Gitterkäfigen leben lassen und damit abschreckende Bilder erzeugen wollen, aber es ist ihm nicht gelungen, die Zahlen illegaler Grenzüberschreitungen wirksam zu drücken. Mehr dazu argumentiert Jacob Soboroff auf Twitter, ein NBC-Journalist, der ein Buch über die Lager an den Grenzen geschrieben hat. Ein Kommentar im Atlantic arbeitet weitere Details heraus und stellt fest, dass es noch lange kein bedingungsloses Willkommen für alle ist, wenn man die unmenschlichen Praktiken der Vorgängerregierung beendet.

Viele Gegner:innen Trumps haben das Vorgehen dagegen als unmenschlich wahrgenommen. Und hier beginnt Bidens Problem, denn er kann die Lager nicht einfach sofort abschaffen, wie The New Republic beschreibt. Mehrere Institutionen betreiben Not-Unterkünfte, darunter Zellen der Grenzpolizei oder das „Büro für Flüchtlingsumsiedlung“ des Heimatschutzministeriums („Office of Refugee Resettlement“). Oft sind diese Institutionen erschreckend unreguliert. Aus Florida sind Fälle bekannt, wo die Mitarbeiter:innen in diesen Einrichtungen nicht einmal daraufhin überprüft worden sind, ob sie wegen Kindesmissbrauchs vorbestraft waren.

Bidens Strategie ist es nun, menschenwürdigere Einrichtungen zu bauen und die Kinder so schnell wie möglich aus den Not-Unterkünften zu vermitteln, indem rascher mögliche Verwandte kontaktiert werden. Teils ist es aber schwierig zu entscheiden, ob die genannten Kontaktpersonen tatsächlich die Kinder kennen oder ob es professionelle Schleuser sind.

Mehr als 15.000 Kinder hängen derzeit in Einrichtungen des Grenzschutzministeriums fest, schreibt Vox

Außerdem will Biden mit gezielten Hilfsgeldern die Kriminalität in Grenzregionen verringern, Asylanträge schon in der Heimat der Antragstellenden bearbeiten und zusammen mit Regierungen in Mexiko und anderen Ländern Mittel- und Südamerikas Fluchtursachen bekämpfen (mehr dazu bei der Washington Post) - die Situation hat also Gemeinsamkeiten mit der in Europa.

Für Biden ist das Ganze ein Drahtseilakt: Er will die unmenschlichen Praktiken seine Vorgängers abschaffen, aber auch die Botschaft senden: „Kommt nicht her“. Biden bemüht sich, viele Probleme auf seinen Vorgänger zu schieben, aber die Situation war auch schon ohne Trump verzwickt. Einige Klarstellungen zu den üblichen Talking Points der Demokraten hat die New York Times in einem Faktencheck. Vox beschreibt die Lösungsvorschläge.

3. Wie leben Menschen ohne Papiere in den USA? Eigentlich gibt es einen geregelten Prozess für Flüchtlinge und für Asylsuchende, aber oft sind die Menschen so verzweifelt, dass sie versuchen, erst einmal ohne Papiere ins Land zu kommen.

Geschätzt bis zu zwölf Millionen Menschen oder rund 3,6 Prozent der Bevölkerung leben laut Brookings als „undocumented immigrants“ in den USA ein Leben ohne soziales Netz, in oft ausbeuterischen Jobs ohne Registrierung bei der Sozialversicherung und mit wenigen Arbeitnehmerrechten - und in der ständigen Gefahr, entdeckt zu werden. Sie haben abgewogen, dass solche Verhältnisse besser sind, als diejenigen, aus denen sie kommen, und sie hoffen, dass doch ihnen irgendwann doch eine Einwanderungsreform hilft, legal im Land zu leben.

Wie sich ein solches Leben in einer Stadt wie New York anfühlt, beschrieb das New York Magazine 2017.

DIE MENSCHEN - WER DAS LAND PRÄGT Aaron Appelhans, erster Schwarzer Sheriff in der Geschichte von Wyoming

Wyoming ist der US-Bundesstaat mit den wenigsten Einwohnern. Auf einer Fläche so groß wie Westdeutschland (rund 250.000 Quadratkilometer) leben dort so viele Menschen wie in Essen (rund 580.000). Das sorgt dafür, dass es in vielen Countys keine eigenen Polizeistationen gibt und stattdessen nur ein Sheriff für die Polizeiarbeit verantwortlich ist. Seit 131 Jahren ist Wyoming ein US-Bundesstaat und in dieser Zeit hat es nirgendwo dort auch nur einen einzigen Schwarzen als Sheriff gegeben. Bis jetzt.

Die New York Times porträtiert den 39-Jährigen Aaron Appelhans, der nicht als harter Hund daherkommt, sondern eigentlich einst Bewerbungen für die Universität des Bundesstaats geprüft hat.

DIE (POP-)KULTUR - WORÜBER DAS LAND SPRICHT Das Finale von „Superstore“

„Have a heavenly day!” Was wie eine übertriebene US-Grußformel klingt, ist einer der Standardsätze aus „Superstore”, einer Comedyserie, die nach sechs Staffel vor wenigen Minuten zu Ende gegangen ist.

Die Show handelt von den Mitarbeiter:innen eines Walmart-ähnlichen riesigen Supermarkts und ihrem Arbeitsleben. Wie auch bei anderen Workplace-Comedys wie „The Office“, „Parks and Recreation“ oder „Stromberg“ stehen skurrile Charaktere im Mittelpunkt, aber über sechs Staffeln hinweg hat es „Superstore“ auch geschafft,  mehr zu sein: ein Kommentar auf die Arbeiterklasse in den Vereinigten Staaten. 

Die Serie spielt nicht an den Küsten, sondern in St. Louis, Charaktere sitzen ganz selbstverständlich im Rollstuhl (auch wenn es Kritik daran gab, dass der entsprechende Schauspieler es im realen Leben nicht tut), sie haben arabische, hispanische und südostasiatische Wurzeln, sind strenggläubig und agnostisch, sie sind Frauen mit einem Sexleben, über das nicht geurteilt wird - und sie navigieren eine Arbeitswelt, die smarter und realistischer in Szene gesetzt wird, als es eine 23-Minuten-Sitcom auf dem großen NBC vermuten ließe. Storylines über das Bilden einer Gewerkschaft oder den Verkauf der Supermarktkette an einen Investor fließen genauso ein wie der Status als Einwanderer ohne Papiere einer Hauptfigur.

Kurzum: Da kam sehr leichtfüßig etwas daher, das am Ende viel zu sagen hatte - und es wurde doch nie zur Predigt. Vulture denkt über die Serie nach, die auch auf Deutsch synchronisiert wurde und bei Universal Channel im Angebot ist. Auch Vox erklärt: „How Superstore got so good“.

Das war es zum zweiten Newsletter in der neuen Umgebung, ganz herzlichen Dank an die ersten Unterstützer:innen. Mich hat es sehr gerührt, dass ich nur zwei von euch persönlich kannte und noch nicht einmal die persönlich unter Druck gesetzt habe, hier zu unterstützen. In den kommenden Tagen melde ich mich noch einmal persönlich, mich interessiert, wie dieses Angebot hier  nützlicher für euch sein kann.

Wer es ihnen gleich tun möchte: Das freut mich. Wer nicht: Kein Problem.

Vielleicht wisst Ihr ja noch andere Menschen, die an den USA interessiert sind - das Gratis-Abo für diesen Newsletter gibt es hier am unteren Ende der Seite.

Bis nächste Woche, best from NYC,

Christian

PS: Die erste Impfung ist vorüber, ein Hurra auf die Wissenschaft. Das heißt auch: Bis zum Jahresende jeden Tag ein Gratis-Donut bei Krispy Kreme.

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