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Der Übermedien-Newsletter von Lisa Kräher

Liebe Übonnent:innen, 

die FAZ hat in ihrer Freitagsausgabe einen Gastbeitrag des Schriftstellers Daniel Kehlmann veröffentlicht, überschrieben mit der Frage: „Wollen wir die maskierte Gesellschaft?“ 

Auch wenn Sie den Text nicht gelesen haben, ahnen Sie bestimmt schon, wie die Antwort lautet: Nein, Daniel Kehlmann will keine „maskierte Gesellschaft“.

Wer will die schon? Ich auch nicht. Wer hat Bock auf Masken? Und kann hier überhaupt von wollen die Rede sein? Doch für Kehlmann ist das Maskentragen, so lese ich das aus den ersten Sätzen seines Textes, offenbar politischer Wille:

„Der Herbst kommt, und der Deutsche verhüllt sein Ge­sicht. So sieht die gesellschaftspolitische Vision der Regierung aus.“

Maskentragen als „gesellschaftspolitische Vision“. Das klingt so, als wäre die Pflicht zur Mund-Nasen-Bedeckung tatsächlich etwas, das sich Politiker:innen für dieses Land wünschen. Wie „blühende Landschaften“ oder ein Ausstieg aus der Kernkraft (ok, schlechte Beispiele). 

Kehlmanns Kern, dass man das Virus nicht so schnell los wird, irgendwie damit umgehen muss, ist ja nicht verkehrt. Und dass er lieber in ganze Gesichter mit Mund und Nase und Augen blickt, dass er es nicht gut findet, wenn Schulkinder den ganzen Tag Maske tragen müssen, ist auch legitim und nachvollziehbar.

Aber warum so übertrieben? Etwa dieser Vergleich: Alle Einwände gegen die „religiöse und politische Vermummung“ seien plötzlich nebensächlich. Was hat das Tragen einer medizinischen Maske mit politischer Vermummung zu tun? 

Und dann die Kinder! Ganz schlimm. Assoziieren das, was man unter den Augen hat, plötzlich mit ganz anderen Körperregionen, so Kehlmann:

„…der Umstand, dass es in Deutschland bereits unzählige Kinder gibt, die das menschliche Gesicht für etwas Obszönes halten, das man ebenso wenig entblößt herumtragen sollte wie Gesäß und Genital, scheint nicht wichtig gegenüber der Gefahr einer Krankheit, die zwar jetzt gerade gebannt sei, aber im Herbst wieder mit Wucht zu­schlagen werde.“

Etwas Obszönes. Als würden Kinder, wenn sie ein Gesicht sehen, schreiend zum Vater rennen. „Papi, Papi, der Mann da hat mir seine Nase gezeigt. Iiiiiih.“ 

Belege für diese Beobachtung bei Kindern liefert Kehlmann nicht. Er schreibt das einfach. „Der Autor ist Schriftsteller“, steht ganz schlicht als Erklärung unter dem Text. Was mit Blick auf Textpassagen wie die obige wie eine Rechtfertigung klingt. Man hätte auch noch ergänzen können: „Falls Sie sich wundern: Der Autor ist Schriftsteller. Schriftsteller schreiben so.“

Schriftsteller Kehlmann bezeichnet es als „zivilisatorische Errungenschaft“, das Gesicht zu zeigen (so steht es im Teaser), und philosophiert über das Überwinden des „Ekels vor dem Menschenantlitz“ als „Grundlage des zivilisierten Humanismus“. Das klingt ganz kurz sehr schlau, aber wenn man nochmal darüber nachdenkt, ergibt es nicht viel Sinn. Feuer, die Kaffeemaschine, Musik – ja, das sind zivilisatorische Errungenschaften. Aber entblößte Gesichter? Naja. 

Kehlmann vergleicht dann noch Karl Lauterbach mit Österreichs Ex-Kanzler Sebastian Kurz und bezeichnet Lauterbach als „genuinen Populisten“. Kurz schüre Angst vor „Scheinasylanten“, Lauterbach vor dem Virus. Wegen seiner Warnung vor einer möglichen „Killer-Variante“ im vergangenen Frühjahr. Lauterbach war für die Wortwahl scharf kritisiert worden. Und ja, das war nicht gut, das schürte auch Angst. Aber ist Lauterbach grundsätzlich ein „genuiner Populist“? Oder nicht eher ein Minister, der oft einfach nur miserabel kommuniziert?

Kehlmann nennt Maßnahmen gegen die Pandemie die „lieb gewordenen Zwangswerkzeuge“ und fragt, ob es vielleicht gar kein Ende der Maskenpflicht geben solle? Also niemals? Er belegt seine diffuse Sorge mit der Aussage der Bundestagspräsidentin, die neulich mal gesagt hat, dass Maske ja auch „wegen anderer Infektionskrankheiten angeraten“ sei. Man braucht einigermaßen Misstrauen und Phantasie, da reinzuinterpretieren, dass irgendjemand wirklich will, dass wir für immer und andauernd Masken tragen. 

Bei Twitter wird Kehlmann nun, das war zu erwarten, als Schwurbler und Querdenker bezeichnet. Ich würde nicht so weit gehen. Kehlmann leugnet das Virus nicht und auch nicht die Wirkung einer Impfung, er vertraut auch dem Schutz durch FFP2-Masken – für die, die sich bedroht fühlen. 

Er ist ein Intellektueller, der mehr Ahnung vom Schreiben hat als von einer Pandemie – und er weiß, dass er mit seinem Text provoziert. Dass er in seinem Gastbeitrag aktuelle Todeszahlen, gesundheitliche Folgen einer Infektion und das Thema Solidarität mit vulnerablen Gruppen mehr oder weniger ausblendet, ist dabei ziemlich ignorant.

Eine Korrektur: Im Newsletter am vergangenen Sonntag haben wir über Reporter berichtet, die Bundeskanzler Olaf Scholz beim Wanderurlaub auflauern. Darin haben wir die „Allgäuer Zeitung“ fälschlicherweise zu den „Allgäuer Nachrichten“ gemacht. Wir bitten um Entschuldigung.

Diese Woche bei Übermedien

Starre Strukturen, fehlendes Equipment, Vorurteile | Medienhäuser sind oft alles andere als barrierefrei. Florian Kappelsberger hat mit drei Journalist:innen über ihre Erfahrungen gesprochen – und darüber, was sich ändern muss.

Gefangen in der Wiederholungsschleife | Ob Waffenlieferungen, Corona-Maßnahmen oder Tempolimit – Samira El Ouassil über das Phänomen „Stuckness“ und die Frage, warum wir immer dieselben Diskussionen führen.

Von wegen „offener Diskurs“ | Die Funke-Mediengruppe reagiert nicht mehr auf unsere Anfragen und will keine Stellungnahmen abgeben, wenn wir uns beim Presserat beschweren. Weil wir damit angeblich nur „Traffic“ generieren wollen.

Wärmende Kartoffeln | Mit Blick auf den Winter malen einige Medien Horrorszenarien aus und ziehen Vergleiche mit dem Nachkriegswinter 1945. Wie man medial besser mit der Gaskrise umgehen kann, schreibt René Martens.

Viele Likes für Ulf Poschardt | Unter jedem Kommentar fragt die „Welt“ ihre Abonnent:innen, ob sie der Meinung des Autors zustimmen. Wir haben mit der Datenjournalistin Kira Schacht analysiert, wie sie ticken.

Neulich habe ich mich gefragt, was Ariane Alter beim „Focus“ macht. Hat die bekannte „puls“-Moderatorin den Arbeitgeber gewechselt? Oder warum postet das Burda-Medium bei Facebook den Link zu einem Video mit Alter, in dem sie ausprobiert, wie es ist, zwei Wochen nicht zu duschen?

Dann sah ich: Das Video erschien bei „Focus Online“, und zwar „durch Kooperation mit dem Bayerischen Rundfunk“. Auch viele andere Videos des BR verwertet „Focus Online“ ein zweites Mal. Nicht nur von „puls“, auch von „Kontrovers“, „Mehr/Wert“, „Quer“ oder „Abendschau“.

Wir haben ja schon früher darüber berichtet, dass „Focus Online“ gerne aus allem, was möglich ist, Conent generiert. Aber wie kommt das jetzt? Der öffentlich-rechtliche Rundfunk und ein privates Verlagshaus machen gemeinsame Sache? Dabei sind die sich doch sonst oft uneinig. (Erst kürzlich berichtete der „Standrad“, dass der Bundesverband Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV) eine Beschwerde gegen die Onlineangebote von ARD und ZDF bei der EU-Kommission plane. Es gehe, mal wieder, um die „Presseähnlichkeit“ der mit Rundfunkbeiträgen finanzierten Anstalten.)

Ich habe beim Bayerischen Rundfunk nachgefragt, was es mit der „Kooperation“ auf sich hat. Die Antwort der Pressestelle war unspektakulär:

„Der BR gestattet privaten Medienhäusern, über deren Internet-Plattformen oder Websites auf ausgewählte Inhalte des BR im Wege des Embedding zuzugreifen, so auch Burda Forward. Grundlage ist dabei ein Kriterienkatalog, die Nutzung wird über eine Vereinbarung geregelt und ist kostenfrei. Für die BR-Inhalte erreichen wir so größere Sichtbarkeit und Zugang zu Zielgruppen, die bisher nicht oder nur schlecht erreicht werden.“

Die Kooperation mit Burda sei seit 2019 fester Bestandteil der „Distributionsmaßnahmen“ des BR. Auch zwischen WDR und WAZ-Gruppe (heute Funke-Mediengruppe) gab es 2008 mal eine Online-Kooperation. Da wurden dem Nachrichtenportal „Der Westen“ Radio- und TV-Beiträge zur Verfügung gestellt – damals allerdings gegen eine „marktübliche Lizenzgebühr“.

Interessant ist, dass die Videos bei „Focus Online“ in einem Werbeumfeld erscheinen. So zeigt es mir unter der Nicht-Duscher-Reportage den Link zu einem Online-Shop für Bodylotion an. Außerdem ist auf der Seite ein Tool eingebunden, das fragt, wie viel einem der Beitrag wert war und über das die User dem Verlag Geld zahlen können – wenn auch freiwillig. Ob der Bayerische Rundfunk davon auch etwas abbekommt?

„Nein. Der Zugang zu Inhalten über ‚Framing‘ als Ausdruck der Internetfreiheit ist kein urheberrechtlich relevanter Vorgang, weshalb hier auch keine Gegenleistungen vereinbart werden und auch nicht vereinbart werden können.“

Und was sagt der BR zu öffentlich-rechtlichen Inhalten im Werbeumfeld bei „Focus Online“?

„Werbung vor, nach und innerhalb des Videos, in dem der jeweilige BR-Inhalt läuft, ist ausgeschlossen. Banner-Werbung auf der Drittseite wird als Geschäftsmodell des Partners toleriert, sofern sie nicht gegen unseren Kriterienkatalog verstößt. Eine Trennung der BR-Inhalte vom Werbeumfeld ist daher aus unserer Sicht ausreichend gewährleistet.“

Heißt also: Für private Medien ist es theoretisch möglich, mit öffentlich-rechtlichen Videos kostenlos Content und Werbeeinnahmen zu generieren. Ob das eine „Kooperation“ ist, von der beide Seiten gleichermaßen profitieren, ist fraglich.

Schönen Sonntag, 

Ihre Lisa Kräher

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