Ist der Klimawandel schuld an der Flutkatastrophe im Juli? Wären die 133 Ertrunkenen im Ahrtal noch am Leben, wenn wir Menschen die Welt nicht erwärmt hätten? In den Tagen nach dem Extremwetter gab es unzählige Diskussionen zu diesen Fragen – und niemand konnte es genau sagen.

Aber das ändert sich bald! Kommenden Dienstag wird eine Attributionsstudie veröffentlicht, die untersucht, inwieweit der Jahrhundertregen aufs Konto des Klimawandels geht. Wie das funktioniert, erfährst Du heute. Und wenn die Studie dann erscheint, kennst Du Dich als Treibhauspost-Leser°in schon perfekt aus.

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#10 Q&A

Ist das noch Wetter oder schon Klima?

Die Attributionsforschung kann über Wetterextreme wie die Flutkatastrophe im Sommer inzwischen ziemlich genau sagen, ob und wie sehr der Mensch dafür verantwortlich ist. Ein Gespräch über die Frage, wie viel Klima im Wetter steckt.

Die Bilder der Fluten lassen uns nicht mehr so schnell los: Im Juli wird Europa von einem Jahrhundertregen überrascht. Häuser und Existenzen werden weggespült, mindestens 225 Menschen ertrinken. Allein im Ahrtal südlich von Bonn gibt es 133 Tote. Man wird noch Jahre mit dem Wiederaufbau beschäftigt sein. Die Erschütterung ist groß.

Und gefühlt war sich jede°r sofort sicher: Da hat doch der Klimawandel seine Finger im Spiel! Aber was ist dran an dieser Aussage? Forscher°innen der World Weather Attribution (WWA) sind dem in einer Attributionsstudie nachgegangen. Am Dienstag erscheinen die Ergebnisse. Wir liefern Dir heute schon Antworten auf die wichtigsten Fragen zum Thema.

Fangen wir mit der Frage an, die sich wohl jede°r stellt:

“Überall auf der Welt spielt das Wetter gerade verrückt. Ist nicht so langsam klar, wie sehr das Klima schon aus dem Ruder gelaufen ist? Man muss sich doch nur das Spiegel-Cover angucken oder in die Tagesschau reinzappen, schon sieht man den Klimawandel am Werk.”

Und was, wenn Trump-Fans, korrupte Politiker°innen oder sonstige Verharmloser°innen um die Ecke kommen und dir erzählen, dass das Quatsch ist? Dass man den Zusammenhang von Extremwettern und Klimawandel nicht belegen kann? Und zum Thema Starkregen: Heißt es nicht immer, dass es heiß und trocken wird?

“Unwetter wie das im Ahrtal haben doch nichts mit dem Klimawandel zu tun!” – Doch. Steht schwarz auf weiß im neuen IPCC-Bericht. 📸: CC0 1.0 Martin Seifert

Hast du dann eine Antwort parat? Es sind leider immer noch sehr viele Zweifler°innen unterwegs. Und ganz so einfach ist der Zusammenhang zwischen Wetter und Klima auch tatsächlich nicht.

“Jetzt wo du’s sagst. Heißt es nicht seit Jahren nach jedem Extremwetter immer ganz vorsichtig: Die Erwärmung lässt solche Ereignisse häufiger werden, aber im Einzelfall könne man das nicht kausal sagen …”

… weil es theoretisch eben auch Zufall sein könnte und diese eine Hitzewelle oder dieser eine Orkan vielleicht auch ohne Erderwärmung vorgekommen wäre. Genau. Aber das stimmt nicht mehr ganz.

Vor knapp 20 Jahren ist nämlich aus den Klimawissenschaften ein neuer Forschungszweig hervorgesprossen, der sich in den vergangenen Jahren zu einem eigenständigen Teilgebiet entwickelt hat: die Attributionsforschung oder auch Zuordnungsforschung. Forschende können sich mittlerweile ein einzelnes Wetterereignis angucken und herausfinden, wie viel Klimawandel da drin steckt. Sie drücken das dann in Wahrscheinlichkeiten aus.

Ganz ehrlich? Ja. 📸: Cover der SPIEGEL-Ausgabe vom 7. August.

Nehmen wir zum Beispiel die Hitzewelle in Sibirien vom vergangenen Jahr; im Juni 2020 stieg die Temperatur in Werchojansk (eigentlich eine der kältesten Städte der Welt) auf 38 Grad. Dank einer Attributionsstudie konnten Forscher°innen feststellen: Bei heutiger Erderwärmung tritt ein solches Ereignis alle 130 Jahre auf; ohne Klimawandel käme es nur alle 80.000 Jahre dazu. Wir Menschen haben diese Hitzewelle also 600-mal wahrscheinlicher gemacht.

“Und für die Fluten im Juli können Attributionsforscher°innen das auch herausfinden?”

Am Dienstag erfahren wir es! Dann nämlich wird eine Blitzanalyse des Ereignisses erscheinen. Seit Juli sind Forscher°innen des World Weather Attribution (WWA), unter anderem in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Wetterdienst (DWD), an der Untersuchung dran. Wenn du diese Treibhauspost gelesen hast, weißt du schon über die Hintergründe der Attributionsforschung Bescheid.

Übrigens – falls du noch ein Argument brauchst: Dass die Attributionsforschung von enormer Wichtigkeit ist, wird auch im neuen Bericht des Weltklimarats (IPCC) deutlich.

“Ah, der IPCC-Bericht, der vor zwei Wochen erschienen ist. Was steht denn da zu Extremwettern drin?”

Es ist eine der Hauptaussagen des Berichts: Wissenschaftler°innen können jetzt bestimmte Wetterereignisse mit dem Klimawandel in Verbindung bringen und stellen fest, dass die Erderwärmung das Wetter jetzt schon ordentlich aus der Ruhe bringt.

Extreme werden häufiger und intensiver, und zwar in allen Regionen der Welt: Hitzewellen, Starkniederschläge, Dürren, tropische Wirbelstürme. Vor allem aber lässt sich hier inzwischen auch der menschliche Einfluss nachweisen – dank der Attributionsforschung.

Die Klimatologin Friederike Otto ist eine der bekanntesten Attributionsforscher°innen. Sie ist Mitautorin des IPCC-Berichts und auch an der Attributionsstudie zur Flutkatastrophe beteiligt. 📸: klimafakten.de

“Eine Sache verstehe ich daran nicht ganz. Wieso hat man den Zusammenhang zwischen Wetter und Klima nicht schon früher untersucht?”

Weil es nicht ganz einfach ist.

“Wirklich? Kann man sich nicht einfach Daten aus der Vergangenheit angucken und fragen: Wie war das Wetter bisher – wie ist es jetzt? Ist doch ganz leicht.”

Theoretisch wäre das eine leichte Methode. Praktisch gibt es da ein paar Probleme. Zum Beispiel treten Extremwetter-Ereignisse relativ selten auf; ein Vergleich mit ähnlichen Ereignissen in der Vergangenheit wird dadurch schwierig. Noch schwieriger wird das, weil viele Extremwetter-Ereignisse gar nicht erfasst werden. Das liegt daran, dass sie teilweise lokal sehr begrenzt sind (wie etwa bei Starkregen).

Dazu kommen dann noch die natürlichen Schwankungen, denen das Klima unterliegt. Die machen es schwierig auseinanderzuhalten, was menschlicher Einfluss ist, und was ohnehin passiert wäre. All das führt dazu, dass man sehr lange Beobachtungszeitreihen bräuchte, die es in den meisten Fällen einfach noch nicht gibt.

“Wie stellen es dann die Attributionsforscher°innen an?”

Mit Simulationen, die sie inzwischen dank besserer Klimamodelle und höherer Rechenleistung durchführen können. Das funktioniert dann so: Sie speisen Klimamodelle mit Daten zu einem bestimmten Wetterereignis. Und dann gucken sie sich im Grunde einfach an, wie wahrscheinlich dieses Ereignis im heutigen Klima ist – und wie wahrscheinlich es in einem vorindustriellen Klima wäre. Ein solches Vergleichs-Klima lässt sich gut simulieren, weil wir ziemlich genau wissen, wie viel Treibhausgase wir seit Beginn der Industrialisierung emittiert haben.

Diese Berechnungen sind komplex, brauchen viel Zeit und extrem hohe Rechenleistung. Schon deshalb war diese Art von Forschung vor 20 Jahren noch gar nicht möglich. Die Wissenschaftler°innen müssen ihre Rechner mit einer Unmenge an Satelliten- und Messdaten über das jeweilige Wetterereignis füttern, damit es korrekt modelliert werden kann.

Das ist umso leichter, je größer und je weniger komplex ein Wetterereignis ist. Bei Hitzewellen zum Beispiel ist es verhältnismäßig einfach, weil sie meist großflächig auftreten und nur ein Parameter – die Temperatur – berücksichtigt werden muss. Bei Starkniederschlägen müssen sich die Forscher:innen schon mehr anstrengen. Und tropische Wirbelstürme sind besonders komplex und noch schwieriger zu modellieren.

“Deswegen erscheint die Blitzanalyse zu den Starkregenfällen jetzt auch erst nach einem Monat …”

… während es nach der Hitzewelle in Nordamerika zum Beispiel nur eine Woche dauerte. Du erinnerst dich sicher an die Hitzerekorde im Juni. An das kanadische Dorf Lytton, wo 49,6 Grad gemessen wurden, kurz bevor es komplett niederbrannte.

Gefühlt brennt es gerade in jeder Region der Erde. Auf dem Bild ein Waldbrand am 28. Juni in Kalifornien. 📸: CalFire

Damals haben Forscher°innen der Organisation World Weather Attribution (WWA) ihre Klimamodelle sofort mit Daten gefüttert – und sind zu einem Ergebnis mit enormer Schlagkraft gekommen: Selbst im heutigen Klima ist eine solche Hitzewelle extrem unwahrscheinlich.

Sie dürfte nur einmal in 1.000 Jahren auftreten. In einem vorindustriellen Klima wäre sie praktisch unmöglich. Das heißt: Ohne Klimawandel hätte es eine solche Hitzewelle nicht gegeben. Ohne Klimawandel gäbe es Lytton noch; das Zuhause von 250 Menschen wäre nicht niedergebrannt.

“Heftig. Und wie schätzt du das bei der Flutkatastrophe vom Juli ein? Wird uns da die Blitzanalyse auch so umhauen, wenn sie am Dienstag erscheint?”

Schwierig zu sagen, so ganz ohne Kristallkugel. Der Einfluss der Erderwärmung bei Hitzewellen ist größer. Bei Starkregenfällen ist der Zusammenhang nicht so sehr ausgeprägt. Aber auch diese werden häufiger und intensiver. Und zwar schon jetzt. Man wusste dank Klimaprojektionen schon länger, dass das passieren wird. Inzwischen kann man es auch schon an Messdaten sehen.

Und auch die Physik sagt uns das. Wir leben eben heute schon in einer 1,2°C heißeren Welt. Und wenn es heißer wird, steigt das Risiko von Starkregen – das ist uns seit fast 200 Jahren klar.

“Physik ist nicht gerade meine Stärke. Kannst du das mal erklären?”

Ich mal es dir auf:

Wenn es wärmer wird, passieren zwei entscheidende Dinge: Mehr Wasser verdunstet und die Luft nimmt mehr Wasserdampf auf – knapp sieben Prozent mehr mit jedem Grad Erwärmung. Das führt dann zu den stärkeren Niederschlägen.

“Bei der Volkshochschule gibt es übrigens Zeichenkurse. Aber ich verstehe, was du meinst. Mal über Starkregen hinaus: Wie ist der Stand der Attributionsforschung bei Wetterextremen weltweit?”

Ich hatte ja vorhin schon erwähnt, dass sich der Klimawandel schon jetzt merkbar auf Wetterextreme auswirkt. Einen schönen Überblick über den Stand der Forschung kannst du dir mit dieser Karte hier verschaffen. Carbon Brief hat nahezu alle Studien untersucht, die es bisher gibt und die Ergebnisse zu 405 Extremwetterereignissen festgehalten.

405 Extremwetter-Ereignisse auf einer Karte – Menschen mischen kräftig mit. Rot = menschlicher Einfluss nachgewiesen. Blau = kein menschlicher Einfluss gefunden. Grau = unklar. 📸: Screenshot carbonbrief.org

Das Resultat: 70 Prozent der Ereignisse sind durch den menschengemachten Klimawandel wahrscheinlicher oder intensiver geworden.

“Und wie sieht es in Zukunft aus? Kann man das auch sagen?”

Ja. Das ist auch ein Grund, warum ein so großes Interesse an der Attributionsforschung besteht: Die Methode taugt ebenfalls dazu, Prognosen aufzustellen. Und genau das hat der Weltklimarat im neuesten Report auch gemacht.

Sie haben für verschiedene Szenarien der Erderwärmung untersucht, wievielmal häufiger Extremwetterereignisse im Vergleich zur vorindustriellen Zeit werden:

Bei zwei Grad Erwärmung: Hitzesommer passieren circa alle zwei Jahre statt alle zehn Jahre – und werden bis zu 3 Grad heißer. 📸: Sechster Sachstandsbericht des Weltklimarats.

Auch Prognosen zur Häufigkeit von Starkniederschlägen sind im IPCC-Bericht zusammengefasst – auch die werden häufiger. Mit solchen Katastrophen wie im Ahrtal müssen wir in Zukunft also wohl häufiger rechnen.

Bei zwei Grad Erwärmung: Starkniederschläge, die normalerweise alle zehn Jahre auftreten, kommen alle sechs Jahre vor – und werden um 14 Prozent stärker. 📸: Sechster Sachstandsbericht des Weltklimarats.

“Und jetzt?”

Gerade diese Prognosen sind Gold wert. Wenn wir wissen, was auf uns zukommt, können wir uns wenigstens ein bisschen darauf vorbereiten. Natürlich müssen wir so viel Erwärmung vermeiden wie möglich. Für das, was sich nicht mehr vermeiden lässt, brauchen wir Anpassungsstrategien.

Da geht es dann um all die Dinge, über die in Folge der Hochwasserkatastrophe vom Juli viel zu wenig geredet wurde: Zum Beispiel dass wir Flächen entsiegeln müssen, damit das Wasser besser versickern kann und uns solche Fluten nicht so hart treffen. Auch bei Hitzewellen müssen nicht so viele Menschen sterben, wenn man sich als Gesellschaft darauf vorbereitet und etwa Kühlzentren einrichtet, in denen Menschen vor extremer Hitze Schutz suchen können.

“Gibt es sonst noch Vorteile?”

Ja. Vor Gericht könnten Attributionsstudien in Zukunft eine immer wichtigere Rolle spielen. Sie tun es jetzt schon. Erinnerst du dich an Treibhauspost #02? Da ging es um einen peruanischen Landwirten, der RWE verklagte, weil er dem Energiekonzern eine Mitschuld am erhöhten Flutrisiko in seinem Dorf gibt.

Der Mann, der RWE das fürchten lehren will. 📸: Alexander Luna, WikiCommons, CC BY-SA 4.0

Das Gericht ist inzwischen in die Beweisaufnahme gegangen – jetzt muss also nachgewiesen werden, dass RWE aktiv zu einem erhöhten Flutrisiko in Huaraz beigetragen hat. Was dem Peruaner dabei enorm helfen könnte: In einer im Februar erschienenen Attributionsstudie haben Forscher°innen gezeigt, dass das erhöhte Flutrisiko in Huaraz auf den menschengemachten Klimawandel zurückzuführen ist – und damit die nötige Beweiskette geliefert.

Vor Gericht, aber vor allem auch für die Politik ist die Attributionsforschung also von großer Bedeutung. Von solchen Analysen werden wir in Zukunft sicher noch häufiger hören.

Danke fürs Lesen unserer kleinen Jubiläumsausgabe #10! Wenn am Dienstag die Studie zum Zusammenhang zwischen Flutkatastrophe und Erderwärmung erscheint, weißt Du über die Hintergründe Bescheid.

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Am Dienstag erscheint eine Blitzanalyse zur Flutkatastrophe vom Juli und der Frage, ob da der Klimawandel am Werk war. Der Newsletter @treibhauspost hat einfach erklärt, wie Wetter und Klima zusammenhängen. Ich kann euch nur empfehlen, ihn zu abonnieren: https://treibhauspost.de

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Hab ein schönes Wochenende und bis zur nächsten Treibhauspost in zwei Wochen ✌️

Manuel