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#02

Aus dem Treibhaus schreibt dir heute Manuel. Ich nehme dich mit auf einen Tauchgang; wir vertiefen uns in den Zusammenhang zwischen Eisschmelze und globaler Ungleichheit.

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Wie die Eisschmelze die globale Ungleichheit versch├Ąrft

Die vielleicht schlimmste Auswirkung der Klimakrise trifft arme Menschen am st├Ąrksten. Welche Probleme bringt die Eisschmelze mit sich und wie gehen wir damit um? ~ 11 Minuten Lesezeit

Sa├║l Luciano Lliuya will es nicht einfach so hinnehmen. Lliuya geh├Ârt zu den Menschen, die von den Folgen des Klimawandels unmittelbar bedroht sind.

Der peruanische Landwirt und Bergf├╝hrer muss f├╝rchten, dass sein Haus in seiner Heimatstadt Huaraz von einer Flut mitgerissen wird ÔÇô weil der nahegelegene Palcaraju-Gletscher in den Anden schmilzt und der Gletschersee ├╝berzulaufen droht.

Statt tatenlos zuzusehen, zieht Lliuya vor Gericht, verklagt RWE; der Energiekonzern sei f├╝r die Erderhitzung mitverantwortlich, die wiederum das Eis der Welt und somit auch den Palcaraju-Gletscher schmelzen lasse.

Du hast von Lliuyas Fall vielleicht schon in den Medien geh├Ârt; da taucht seine Geschichte immer wieder auf. Sie vereint beispielhaft alle Aspekte, denen ich in diesem Text auf den Grund gehen m├Âchte: Was richtet die Eisschmelze an, wer steht in der Verantwortung, wer bekommt welche Folgen zu sp├╝ren und warum?

Der Mann, der RWE das f├╝rchten lehren will. ­čôŞ: Alexander Luna, WikiCommons (├ľffnet in neuem Fenster), CC BY-SA 4.0 (├ľffnet in neuem Fenster)

Die Eisschmelze ist eine der heftigsten Auswirkungen des Klimawandels ÔÇô┬áallein deshalb lohnt es sich, einen genaueren Blick auf das Ph├Ąnomen zu werfen.┬á

Wie die Schmelze mit globaler Ungleichheit zusammenh├Ąngt, ist dabei ein Aspekt, den ich besonders wichtig finde. Denn ich bin ├╝berzeugt: Wir k├Ânnen ├Âkologische und soziale Dimensionen nicht voneinander trennen; wir k├Ânnen Klimawandel nicht ohne Ungleichheit denken.

Die Eisfacht├╝r der Welt steht offen ÔÇô ein kurzer Lagebericht

Das Eis der Welt schwindet immer schneller. Eine vor kurzem erschienene ├ťberblicksstudie (├ľffnet in neuem Fenster) zeigt, dass sich die Schmelze in der Kryosph├Ąre* seit Mitte der 1990er Jahre um 57 Prozent beschleunigt hat ÔÇô von 0,8 auf 1,2 Billionen Tonnen pro Jahr. Am st├Ąrksten betroffen sind das arktische Meereseis, das antarktische Schelfeis und Gebirgsgletscher.

Die Schmelze hat verschiedene tragische Folgen. Dazu geh├Ârt, dass sie:

  • die Meeresspiegel ansteigen l├Ąsst
  • zu einer H├Ąufung von Fluten f├╝hrt
  • die Meeresstr├Âmungen durcheinanderbringt
  • die Trinkwasserversorgung gef├Ąhrdet
  • die Erderw├Ąrmung beschleunigt (Albedo-Effekt*).

Allein der Anstieg des globalen Meeresspiegels taugt f├╝r d├╝stere Zukunftsszenarien. Wie stark der Anstieg sein wird, h├Ąngt sehr davon ab, wieviel Treibhausgasemissionen wir noch aussto├čen werden. Ein Bericht des Weltklimarats ├╝ber den Ozean und die Kryosph├Ąre (├ľffnet in neuem Fenster) zeigt, dass sich das Schmelzen weiter beschleunigen wird, sollten wir unsere Emissionen nicht senken. Wenn der Aussto├č von Emissionen ungebremst weitergeht, k├Ânnte es bis 2100 einen Anstieg um mehr als einen Meter geben, bis 2300 um 5,40 Meter.

So viel Masse Eis ging seit 1994 verloren. Blau ist schwimmendes Eis, Lila ist Landeis, welches die Meere steigen l├Ąsst (siehe rechte Y-Achse). ­čôŞ: Review article, Earth's ice imbalance (├ľffnet in neuem Fenster), CC BY-SA 4.0 (├ľffnet in neuem Fenster)

Unsicher ist, bei wie viel Grad Erderw├Ąrmung die Kipppunkte erreicht sind, die ein komplettes Schmelzen der Eisschilde an den Polen ausl├Âsen w├╝rden. Das ├ťberschreiten eines Kipppunkts ist ein unumkehrbarer Zustand. Das Schmelzen w├╝rde also voranschreiten, egal wie sehr wir die Emissionen dann noch reduzieren w├╝rden.

Laut neuester Forschung sind wir gar nicht mehr so weit davon entfernt, zumindest nicht beim Eisschild der Westantarktis (├ľffnet in neuem Fenster): Hier ist der Schwellenwert wahrscheinlich schon bei 1,5 bis 2 ┬░C Erw├Ąrmung ├╝berschritten. Das komplette Schmelzen des Eisschilds w├Ąre dann abgemachte Sache. Beim Gr├Ânlandeis (├ľffnet in neuem Fenster) gibt es sogar Hinweise, dass der Kipppunkt schon ├╝berschritten sein k├Ânnte.

Allein das Schmelzen des Gr├Ânland-Eises w├╝rde zu einem Meeresspiegelanstieg von sieben Metern f├╝hren ÔÇô das der Antarktis zu 60 Metern. Dieser Prozess w├╝rde wahrscheinlich mehrere Jahrtausende dauern, w├Ąre aber unumkehrbar sobald die Kipppunkte ├╝berschritten sind. Weltweit w├╝rden sich die K├╝sten drastisch ver├Ąndern (├ľffnet in neuem Fenster). Gehen wir davon aus, es k├Ânnten keine drastischen Gegenma├čnahmen getroffen werden, m├╝sste man f├╝r einen Touri-Trip nach London dann schon die Tauchausr├╝stung einpacken. Und die Niederlande w├╝rden ebenso versinken wie weite Teile von D├Ąnemark.

Ungleiche Auswirkungen: Sturmfluten und Hochwasser treffen die einen mehr als die anderen

Bleiben wir beim Meeresspiegel. Der Anstieg ist allein deshalb so bedrohlich, weil so viele Menschen an K├╝sten oder auf kleinen Inseln leben ÔÇô ungef├Ąhr 680 Millionen.

Besonders folgenschwer: Der Anstieg hat eine verst├Ąrkende Wirkung bei Extremwetter-Ereignissen. Vor allem an der K├╝ste erh├Âht sich durch den Meeresspiegelanstieg das Risiko schwerer Sturmfluten. Er f├╝hrt aber auch zu st├Ąrkerer K├╝stenerosion und dazu, dass Salzwasser ins Grundwasser eindringt und die Trinkwasserversorgung sowie die Landwirtschaft gef├Ąhrdet.

Dabei trifft der Meeresspiegelanstieg die einen h├Ąrter als die anderen. Schon allein deshalb, weil das Wasser nicht ├╝berall gleichm├Ą├čig steigt. Es gibt regionale Unterschiede, unter anderem wegen der Wassertemperatur, dem Salzgehalt und der Str├Âmungen.┬á

Derzeit sind in Asien am meisten Menschen vom steigenden Meeresspiegel betroffen. Teile der Philippinen k├Ânnten versinken. Und Indonesien ist sogar schon so weit, die eigene Hauptstadt aufzugeben. Weil Jakarta zu versinken droht, soll sie nach Borneo verlegt werden.

Betrachtet man den Anstieg der Meeresspiegel weltweit, wird klar: ├ärmere L├Ąnder an K├╝sten sind den Folgen am st├Ąrksten ausgesetzt. Also ausgerechnet die, die am wenigsten Verantwortung f├╝r den Klimawandel tragen. Diese L├Ąnder trifft es aber nicht nur aufgrund des h├Âheren Risikos von Extremwetter-Ereignissen h├Ąrter als reiche Industriestaaten. Sie sind zudem besonders anf├Ąllig f├╝r die Auswirkungen: Sie haben weniger Ressourcen, um sich zu sch├╝tzen und gr├Â├čere Schwierigkeiten beim Wiederaufbau. Schauen wir uns diesen Gegensatz etwas genauer an.

F├╝r die einen: Unsichtbare Flutbarrieren und Schiffstransporte durch arktisches Eis

Nat├╝rlich treffen die steigenden Meere auch wohlhabendere Staaten. Allerdings haben diese weitaus mehr M├Âglichkeiten, sich an die Folgen anzupassen. Die Niederlande sind da ein beliebtes Beispiel, weil sie besonders niedrig liegen. Ein Viertel der Fl├Ąche liegt unter dem Meeresspiegel.

Dank Wohlstand und technologischen Ressourcen m├╝ssen wir uns um unsere holl├Ąndische┬░n Nachbar┬░innen keine Sorgen machen. Vor einigen Jahren wurde in einem Dorf nahe Amsterdam die l├Ąngste flexible Flutbarriere (├ľffnet in neuem Fenster) der Welt errichtet. Eine Barriere, die in die Stra├če eingelassen ist und damit unsichtbar bleibt. Erst bei Hochwasser wird sie nach oben getrieben. Einen Erdwall wollte man nicht bauen, um das Ortsbild nicht zu zerst├Âren. Diese 300 Meter lange Flutbarriere hat 6,6 Millionen Euro gekostet.

Kein h├Ąsslicher Damm st├Ârt die Idylle des Fischerd├Ârfchens Spakenburg ┬áÔÇô flexible Flutbarriere sei Dank. ┬á­čôŞ: Ben Bender (├ľffnet in neuem Fenster), CC BY-SA 3.0 (├ľffnet in neuem Fenster)

├ähnlich ist es in Deutschland: Auch hier besteht an den K├╝sten eine erh├Âhte Gefahr durch Sturmfluten. Gef├Ąhrdete Gebiete sind aber l├Ąngst gesch├╝tzt, etwa durch Deiche, D├╝nen oder Deckwerke. Um auf zuk├╝nftige Risiken vorbereitet zu sein, m├╝ssen solche Schutzma├čnahmen noch ausgebaut werden, was f├╝r ein Land wie Deutschland technologisch und wirtschaftlich aber keine Herausforderung darstellen d├╝rfte.

Russische Frachtschiffe fahren dieser Tage gar durch arktisches Eis. Zwei Schiffe nahmen Mitte Februar die Nordostpassage, um von China zu einer sibirischen Insel zu fahren ÔÇô und sparten sich dadurch Zeit und Geld. Das ist zu dieser Jahreszeit vorher noch nie m├Âglich gewesen; das arktische Meereis erreicht dann n├Ąmlich seine maximale Ausdehnung und ist f├╝r Schiffe zu dick ÔÇô normalerweise.┬á

Freie Fahrt f├╝r russische Frachter. So sieht es aus, wenn man "das Beste" aus dem Klimawandel rausholt. ­čô╣: Screen-Aufnahme von YouTube (├ľffnet in neuem Fenster)

Offenbar ├Âffnet hier die Eisschmelze sogar neue T├╝ren, und zwar f├╝r diejenigen, die die Mittel haben, um von den neuen Bedingungen zu profitieren. So haben sich ├ľlkonzerne auf diesen Moment Mitte Februar schon seit Jahrzehnten vorbereitet. Sie haben neue Tanker, Bohrausr├╝stung und Offshore-Plattformen (├ľffnet in neuem Fenster) konstruiert, um f├╝r Durchfahrten und Mineralgewinnung (├ľffnet in neuem Fenster) in der schmelzenden Arktis bereit zu sein.

F├╝r die anderen: Cholera, ├╝berschwemmte H├Ąuser und verlorene Ernte

Ein eindr├╝ckliches Gegenbeispiel ist Bangladesch. Die Gefahren durch den Meeresspiegelanstieg sind hier besonders hoch, weil das Land so flach ist und so niedrig liegt ÔÇô gro├če Teile nicht einmal einen Meter ├╝ber dem Meeresspiegel.

Von Correctiv (├ľffnet in neuem Fenster) ver├Âffentlichte Daten zeigen, dass der Meeresspiegel an der K├╝ste Bangladeschs um mehr als sieben Millimeter pro Jahr steigt. Zum Vergleich: Im globalen Mittel sind es etwa drei Millimeter. Ein F├╝nftel der Landesfl├Ąche k├Ânnte ├╝berschwemmt werdenÔÇŽ theoretisch. N├Ąmlich dann, wenn das Land gar keine Schutzma├čnahmen ergreift und der Meeresspiegel um einen Meter steigt (was laut Weltklimarat (├ľffnet in neuem Fenster) bis 2100 durchaus passieren k├Ânnte).

Wer solche Fotos schie├čen will, probiert es am besten mal in Bangladesch. ­čôŞ: Afifa Afrin (├ľffnet in neuem Fenster), CC BY-SA 4.0 (├ľffnet in neuem Fenster)

In Bangladesch leben mehr als 30 Millionen Menschen in Regionen, die von ├ťberflutung bedroht sind. Erst k├╝rzlich hat der Deutschlandfunk (├ľffnet in neuem Fenster) einen umfassenden ├ťberblick ver├Âffentlicht, der zeigt, wie heftig die Auswirkungen des steigenden Meeresspiegels f├╝r diese Menschen sind. Lange wurden gro├če Hoffnungen in Anpassungsma├čnahmen gesetzt. So wurden tausende Bunker gebaut und das ganze Land mit Deichen durchzogen, um die Menschen vor Fluten zu sch├╝tzen.

Damit ist das Problem aber nicht gel├Âst. Pl├Âtzliche, heftige Regenf├Ąlle, Fluten und vor allem versalzte B├Âden gef├Ąhrden weiterhin die Landwirtschaft, die Trinkwasserversorgung und die Gesundheit. Vor allem in Slumbezirken f├╝hren ├ťberschwemmungen dazu, dass Durchfallerkrankungen wie Cholera ausbrechen, dass ganze D├Ârfer mitgerissen werden, dass die Menschen ihre Ernte verlieren ÔÇô immer wieder.

Was die Eisschmelze f├╝r Gefl├╝chtete bedeutet

Neben armen Bev├Âlkerungsschichten in L├Ąndern wie Bangladesch gibt es eine weitere Gruppe, die den Auswirkungen der Eisschmelze extrem ausgesetzt ist: Gefl├╝chtete. Ihre Zahl wird in Zukunft noch steigen, auch weil immer mehr Menschen durch den Meeresspiegelanstieg ihre Heimat verlieren.

Hier nimmt die durch die Eisschmelze versch├Ąrfte Ungleichheit besonders drastische Ausma├če an. Denn auf der Suche nach Unterst├╝tzung und Schutz landen diese Menschen oft in Gebieten mit hoher Gef├Ąhrdungslage ÔÇô weil die Regierungen der Staaten, in denen sie Schutz suchen, sie dorthin dr├Ąngen. Diesen Zusammenhang zeigen die beiden Forscher William Pollock und Joseph Wartmen in ihrer Studie No Place to Flee (├ľffnet in neuem Fenster) auf.

Die neue Heimat befindet sich oft in tief liegenden Gebieten, wo Sturmfluten drohen. Oder in der N├Ąhe von Schluchten und Abh├Ąngen, wo die Gefahr von Erdrutschen hoch ist (├╝brigens oft auch eine Folge der Schmelze, denn das schwindende Eis in Gebirgen l├Ąsst diese instabiler werden).

Der New Yorker (├ľffnet in neuem Fenster) ver├Âffentlichte vor kurzem ein Feature, dessen Autorinnen mehr als 150 Interviews mit Vertriebenen, Klimawissenschaftler┬░innen und Regierungsvertreter┬░innen f├╝hrten. Sie sehen einen globalen Trend darin, dass Regierungen die Auswirkungen des Klimawandels auf Migrant┬░innen und fl├╝chtende Menschen vernachl├Ąssigen oder sogar ausnutzen, um etwa Abschiebungen voranzutreiben.

Nach Bangladesch gefl├╝chtete Rohingya im Jahr 2017: Der Verfolgung entkommen; jetzt warten die Klimarisiken. ­čôŞ: Video-Screenshot (├ľffnet in neuem Fenster) von Zlatica Hoke (VOA (├ľffnet in neuem Fenster))

Ein Beispiel: Bangladesch nahm in den vergangenen Jahren Tausende Rohingya auf, die vor Verfolgung in Myanmar flohen, und schickte sie ins Fl├╝chtlingslager Kutupalong. Die Regierung verbot den Bau von festen Unterk├╝nften und errichtete einen Stacheldrahtzaun um das Lager. Sie schr├Ąnkte die Bewegungsfreiheit der Gefl├╝chteten ein und lie├č sie gleichzeitig wissen: Auf lange Sicht k├Ânnt ihr hier nicht bleiben.

In der vergangenen Monsunzeit wurden dort laut New Yorker mindestens 84.000 Gefl├╝chtete durch Extremwetter und Naturkatastrophen verletzt.

Und jetzt?

EisschmelzeÔÇŽ das Problem klingt erstmal sehr abstrakt. Wir sehen aber, dass uns das Eis regelrecht unter den F├╝├čen wegschmilzt ÔÇô und zwar den einen schneller als den anderen. Wir k├Ânnen beobachten, wie konkret die Auswirkungen sind, und wie sie die globale Ungleichheit versch├Ąrfen. Angesichts des immer schneller schwindenden Eises kommt das Thema viel zu selten auf die Agenda.

Aber wie k├Ânnen wir dem Problem entgegentreten? Grunds├Ątzlich sind hier ÔÇô wie bei der Klimakrise generell ÔÇô zwei Bereiche wichtig: Erstens, den Klimawandel abschw├Ąchen. Zweitens, sich an die Folgen anpassen.

Zu Ersterem geh├Ârt beispielsweise, den COÔéé-Aussto├č weltweit auf Null zu bringen. Mindestens genauso wichtig, aber im Vergleich kaum auf der Tagesordnung, ist der zweite Bereich. Die Klimakrise ist l├Ąngst da und bedroht immer mehr Menschen. Wo sich die Folgen nicht mehr abwenden lassen, m├╝ssen sich die Menschen an die erh├Âhten Risiken anpassen.

Jetzt ist es aber nun mal so, dass ausgerechnet diejenigen st├Ąrker betroffen sind, die nicht die n├Âtigen Ressourcen haben f├╝r Dammbau, Forschung oder gar den kalkulierten R├╝ckzug aus gef├Ąhrdeten Gebieten. Deshalb sollten f├╝r n├Âtige Ma├čnahmen reiche L├Ąnder Hilfszahlungen leisten ÔÇô zumal sie f├╝r den Klimawandel hauptverantwortlich sind.

Auf solche Hilfszahlungen hatte man sich in Paris auch geeinigt. Der aktuelle Adaptation Gap Report der UNEP (├ľffnet in neuem Fenster) zeigt aber, dass viel zu wenig passiert. Die L├╝cke zwischen aktuellen Finanzierungshilfen und der, die n├Âtig w├Ąren, schlie├čt sich nicht, w├Ąhrend die Kosten f├╝r Anpassungsma├čnahmen in L├Ąndern des globalen S├╝dens weiter steigen. Momentan werden sie auf 70 Milliarden US-Dollar pro Jahr gesch├Ątzt. Zum Vergleich: Allein Deutschland subventioniert fossile Brennstoffe (├ľffnet in neuem Fenster) j├Ąhrlich mit mehr als 37 Milliarden Euro (knapp 44 Milliarden US-Dollar).

Ob sich wohlhabende Staaten zu mehr finanzieller Hilfe durchringen werden, h├Ąngt auch davon ab, wie die diesj├Ąhrigen Gespr├Ąche und Klimagipfel ablaufen. Laut UN m├╝sste die G7-L├Ąndergruppe ihre aktuellen Hilfszahlungen verdoppeln (├ľffnet in neuem Fenster). Zielmarke sind 0,7 Prozent des BIP (f├╝r alle Klima-Hilfen wohlgemerkt, nicht nur f├╝r die Finanzierung der Anpassungsma├čnahmen). Das klingt nicht nach sehr viel, wenn man bedenkt, dass sich NATO-Mitgliedsstaaten verpflichten, zwei Prozent des BIP und damit fast drei mal so viel f├╝r R├╝stung auszugeben.

Faire Klimapolitik und andere L├Âsungen┬á

Es geh├Ârt aber nat├╝rlich mehr dazu, als nur auf diese beiden Bereiche (Abschw├Ąchungs- und Anpassungsma├čnahmen) zu setzen, wenn man die Klimapolitik gerecht gestalten m├Âchte.┬á

Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung f├╝r Globale Umweltver├Ąnderungen (WBGU) beispielsweise empfiehlt verschiedene Fairness-Initiativen (├ľffnet in neuem Fenster). Darunter der Vorschlag, Menschen, die durch den Meeresspiegelanstieg ihre Heimat verlieren, einen Klimapass auszustellen. Dieser Pass w├╝rde ihnen ein Aufenthaltsrecht in den Staaten gew├Ąhren, die haupts├Ąchlich f├╝r den Klimawandel verantwortlich sind.

Abseits des Politischen gibt es f├╝r gef├Ąhrdete Gruppen noch eine weitere M├Âglichkeit, sich zu sch├╝tzen: der Klageweg. Schon heute werden viele Klimaklagen vor Gericht verhandelt, darunter gegen die EU (├ľffnet in neuem Fenster) und Shell (├ľffnet in neuem Fenster). In den vergangen drei Jahrzehnten ist die Zahl der Klagen stark gestiegen. 2019 und 2020 gab es laut der London School of Economics (├ľffnet in neuem Fenster) einen regelrechten Boom ÔÇô vor allem wegen Klagen von Interessengruppen und Aktivist┬░innen.

Der Palcaraju-Gletscher schmilzt in den See, der wiederum droht ├╝berzulaufen und das peruanischen Dorf Huaraz zu ├╝berschwemmen. ­čôŞ: Percy Dextre (├ľffnet in neuem Fenster), WikiCommons (├ľffnet in neuem Fenster), CC BY-SA 4.0 (├ľffnet in neuem Fenster)

Dass eine Klage vielversprechend sein kann, zeigt der Fall des Peruaners Lliuya. Er darf sich zumindest berechtigte Hoffnungen auf einen Erfolg machen. Das Oberlandesgericht Hamm hat seine Klage f├╝r zul├Ąssig befunden und ist in die Beweisaufnahme gegangen. Kann nachgewiesen werden, dass RWE zu einem erh├Âhten Flutrisiko in Huaraz beitr├Ągt, muss sich der Energiekonzern tats├Ąchlich an den Kosten f├╝r Schutzma├čnahmen vor Ort beteiligen.

Was dem Peruaner dabei enorm helfen k├Ânnte: In einer im Februar erschienenen Studie (├ľffnet in neuem Fenster) haben Forscher:innen gezeigt, dass das erh├Âhte Flutrisiko in Huaraz auf den menschengemachten Klimawandel zur├╝ckzuf├╝hren ist ÔÇô und haben damit die n├Âtige Beweiskette geliefert.

Kurzgefasst

  • Das Eis der Welt schwindet immer schneller. Das hat tragische Folgen. Der Meeresspiegelanstieg zum Beispiel erh├Âht das Risiko schwerer Sturmfluten.
  • Die Auswirkungen treffen die L├Ąnder des globalen S├╝dens heftiger als die Industrienationen. ├ärmere L├Ąnder haben kaum Ressourcen, um n├Âtige Anpassungsma├čnahmen zu treffen, w├Ąhrend reiche Staaten hauptverantwortlich sind f├╝r den Klimawandel.
  • In Paris haben sich die wohlhabenden Staaten bereit erkl├Ąrt, Hilfszahlungen zu leisten. Noch fehlt es aber an n├Âtiger finanzieller Unterst├╝tzung. Die G7-Staaten m├╝ssten ihre Zahlungen verdoppeln. Zielmarke sind 0,7 Prozent des BIP.
  • Auch andere L├Âsungsm├Âglichkeiten sind denkbar, etwa der Klageweg oder ein Klimapass f├╝r Menschen, die durch den Meeresspiegelanstieg ihre Heimat verlieren.

Das war ein ziemlicher Rundumschlag. Ich w├╝rde bald gerne mehr und konkreter nachdenken ├╝ber die Frage: ÔÇťWer bekommt die Krise am meisten zu sp├╝ren und warum?ÔÇŁ. Oben habe ich behauptet: Wir k├Ânnen Klimawandel nicht ohne Ungleichheit denken. Was denkst Du ├╝ber diese These? Was bedeutet sie f├╝r dich?

Antworte einfach auf diese Mail. Auch wenn Du noch andere Ideen und Gedanken hast ÔÇô wir freuen uns auf Deinen Input!

Viele von euch haben uns schon geschrieben. Dabei kam oft der Wunsch nach konkreteren Denkanst├Â├čen, vor allem zur Frage, was man als Einzelne┬░r tun kann. Finden wir gut! Julien legt in zwei Wochen vor ÔÇô mit einem kleinen (Gedanken-)Spiel zum Thema Ern├Ąhrung.

Frohe Ostern ­čÉ░ Manuel

Treibhaus-Vokabeln

* Kryosph├Ąre = der Teil des Erdsystems, der aus gefrorenem Wasser besteht, also alles von Permafrost ├╝ber Schneedecken und Flusseis bis hin zu gro├čen Eisschilden.

* Albedo-Effekt = Weniger Eis bedeutet weniger helle Fl├Ąche, die die Sonneneinstrahlung reflektiert: Das dunkle Meer nimmt die W├Ąrme auf und f├╝hrt zu noch st├Ąrkerer Erderw├Ąrmung und Schmelze.

Kategorie Gerechtigkeit
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