Liebe Leser*innen,

gern, wirklich gern sehe ich dieses Jahr nun zu Ende gehen. Vielleicht fühlen einige von euch ähnlich? Mir reichts! Trotzdem frage ich mich natürlich – auch für meine Kinder im Teenageralter oder für meinen 91-jährigen Großvater – wie oft man ein Jahr so leichtfertig vergessen wollen kann. Vielleicht nicht alles davon, aber doch sehr viel. Nun schon zum zweiten Mal. Ich bin fertig mit 2021 und hoffe auf echte Lösungen für uns alle im neuen Jahr: auf meinem Termin zur Booster-Impfung, auf sichere Strategien für Schüler*innen und Kitakinder und Ärzt*innen und Pflegende. Doch ich habe ebenso Sorgen in Bezug auf unsere Lernfähigkeit und auf das, was wir vielleicht in den kommenden Wochen noch schmerzhaft werden lernen müssen. Doch die Hoffnung überwiegt, die Sehnsucht nach Normalität und Unbeschwertheit lässt mich glauben, dass kluge Entscheidungen getroffen werden. Möge es nur bald sein! Ich war fast versucht, mit einer frühzeitigen Bilanz dieses Literaturjahres die Zeit künstlich voranzutreiben. Aber ich warte damit, bis das Jahresende wirklich erreicht ist. Vermutlich brauche ich diese helle Erinnerung dann noch dringender und kann dann hoffentlich ein paar der Lichtpunkte mit euch teilen. Bücher sind etwas, das uns in diesen Zeiten vielleicht noch am ehesten zusammenzuhalten vermochte.

Doch jetzt geht der Blick erst nochmal zu den Neuzugängen im Regal:

Liebling des Monats

... ist eine Lyrik fürs Leben:

„Watching with Closed Eyes. A Collection of Poems on Love and Grief“ heißt der Lyrikband von Dóri Varga im englischen Original. Ivna Žic hat ihn übersetzt und in der zweisprachigen Ausgabe des Aki Verlages, trägt er den –nach einem meiner liebsten Gedichte darin benannten – Titel „Erden“. Dóri Vargas Gedichte strömen tatsächlich ohne verkopfte Umwege, wie durch unsichtbare Wurzeln ganz direkt in meine lyriklesende Herzklappe. Sie sind zutiefst weiblich, erzählen vom Mond und vom Meer, von Liebe und Verlust und schaffen eine wärmende Verbundenheit, die wir in diesen Tagen wohl alle besonders nötig haben. Die wunderschöne Gestaltung mit einem Coverfoto von Annelies Štrba trägt ganz bestimmt dazu bei, dass diese Gedichte nicht mehr aus der Hand gelegt und zudem oft verschenkt werden. Aus dem Sinn gehen sie ohnehin nicht mehr.     

Die Zeit scheint reif für

... Aufklärungsbücher, die endlich da sind, wo wir sind:

„Ein Baby! Wie eine Familie entsteht.“ von Rachel Greener (übersetzt von Mika Maier) und „Erbsenklein Melonengroß“ von Cornelia Lindner und Verena Tschemernjak erzählen beide selbstverständlich und gleichzeitig sehr einfühlsam von diversen Familienmodellen. Gerade der Wiener Achseverlag hat ein noch kleines, aber inhaltlich sehr beachtenswertes Programm und setzt mit seinem gendersensiblen Vorlesebuch ganz neue Maßstäbe im queer-feministischen Kinderbuch. Diese beiden Bücher sollten in keinem Haushalt mit Grundschulkindern und auch an keiner Grundschule fehlen.

... die Feier einer großen Künstlerin durch alle Generationen:

Bei Kleidung find ich es albern, bei Büchern könnte die Mini-Me-Strategie aber eine interessante (Geschenk)Idee sein: Im Frühjahr des letzten Jahres erschien von Julia Voss eine umfangreiche Biografie über die schwedische Künstlerin Hilma af Klint. Noch vor Wassily Kandinsky malte sie abstrakte Werke und hebelte in einer Zeit (1862-1944) den männlich dominierten Kunstbetrieb auf kluge und mutige Weise aus. „Die Menschheit in Erstaunen versetzen“ ist ganz bestimmt eine der spannendsten Biografien der letzten Jahre. 

Wie schön, dass es jetzt auch einen Zugang für Kinder zu dieser besonderen Künstlerin gibt: In der Reihe Bilderbande beim Leipziger Verlag Seemann Henschel ist nun „Die unsichtbare Welt von Hilma af Klint“ erschienen. Ylva Hillström hat es geschrieben, Karin Eklund hat es illustriert und Angelika Kutsch hat es übersetzt. Das Ergebnis ist ein Fest! Aktuell erscheinen viele Kinderbuchadaptionen des Lebens und Wirkens berühmter Persönlichkeiten. Manchen fehlt es formatbedingt an Tiefenschärfe. Nicht so diesem hier. Auf über 60 Seiten mit Ausklapptafeln, die 15 Gemälde der Künstlerin zeigen, bekommen Kinder ab acht Jahren einen umfangreichen und trotzdem kindgerecht erzählten Einblick in die Magie, die Kunst und das Leben dieser großartigen Künstlerin. Ein rundum gelungenes Buch!

Wiederentdeckt

... werden nun die Bücher zweier beeindruckender Autorinnen. Beim genaueren Betrachten der Werke offenbaren sie erstaunliche Ähnlichkeiten.

„Kaukasische Tagevon Banine erschien 1949 in der Übersetzung von Tilla Hardt erstmals auf deutsch. Bettina Bach hat das Buch für den dtv Verlag nun neu übersetzt. Banine, die 1905 als Tochter eines aserbaidschanischen Ölbarons geboren wurde, erzählt darin von ihrer Famillie und ihren eigenen, unfassbar intensiven frühen Jahren. In einer Familie voller filmreifer, wilder Widersprüche im Kaukasus aufgewachsen, verliebt sie sich nach der Oktoberrevolution augerechnet in den Bolschewiken, der ihre Familie enteignen soll. Mit gerade einmal fünfzehn Jahren heiratet sie stattdessen einen verhassten Mann, der jedoch in der Lage sein soll, ihre Familie zu retten. Sie verlässt ihn wenig später in Konstantinopel, bevor sie weiter nach Paris emigriert, wo sie neben vielem anderen als Biografin Ernst Jüngers bekannt wird. Sie stirbt 1992. Man ahnt schon längst, es lohnt sich, diese spannende Frau und ihr Jahrhundertleben literarisch kennenzulernen. Das kluge Nachwort von Olga Grjasnowa ist ausgesprochen hilfreich. Auch der kurze Abriss über die Geschichte Aserbaidschans im Anhang des Buches trägt sehr zur besseren Einordnung des Erzählten bei. 

„Nach Amerika und zurück im Sarg“  witkt ähnlich autofiktional:  Erzählt wird die Geschichte der brillanten Sophie Blind, die sich gegen dessen Willen von ihrem Ehemann Ezra scheiden lassen will. In den Sechzigern ein Skandal und für Sophie scheinbar ausweglos. Ihr Blick geht zurück in die ebenfalls zerrissene Kindheit ins Budapest der 30er Jahre, aus dem sie mit ihrer jüdischen Familie in die Vereinigten Staaten flüchtet. Die Autorin Susann Taubes wurde 1928 als Judit Zsuzsánna Feldmann in Budapest geboren. Sie studierte in Harvard Philosophie, promovierte über Simone Weil und gehörte später dem Schrifsteller*innenkreis um Susan Sontag an. Sie lehrte Religionsgeschichte an der Colombia University und spielte auf den Bühnen New Yorks. 1969, mit 41 Jahren beging die zweifache Mutter Susan Taubes Suizid, kurz zuvor war ihr Roman „Divorcing“ erschienen. Die hier bei Matthes & Seitz nun wieder aufgelegte Übersetzung von Nadine Miller trug beim ersten Erscheinen 1995 noch den Titel „Scheiden tut weh“. In der Neuauflage wurde das Buch um ein Vorwort von Sigrid Weigel und einen Essay von Leslie Jamison bereichert. 

Podcast-Trio-Sonderkategorie

Mit dem Journalisten Daniel Erk durfte ich im November für den Zeit Podcast „Frisch an die Arbeit“ über genau das sprechen: Meine Arbeit als Buchhändlerin. Auf nichts, was ich bisher beruflich gemacht habe, erhielt ich so viele schöne Rückmeldungen, wie auf dieses Gespräch, das wir völlig unkompliziert und meinerseits total unbefangen, nach einer Buchladenschicht in einem zauberhaften kleinen Studio im Prenzlauer Berg führten. Was ist es für ein Glück, seine tägliche Arbeit nochmal auf so besondere Weise reflektieren zu dürfen! Auf so kluge Fragen und so interessierte Ohren zu stoßen! Ich bin immer noch sehr beseelt.

An einem Spätsommersonntag hatte ich bereits Greta Linde mit ihrem Podcast Medienzirkus im geschlossenen Buchladen zu Besuch. Auch auf dieses schöne Gespräch, das bereits im Oktober als Podcast veröffentlicht wurde, möchte ich an dieser Stelle gern nochmal hinweisen.

Am allerliebsten war ich im November aber natürlich an der Seite meines lieben blauschwarzberlin-Komplizen Ludwig Lohmann in der 34 Folge unseres Literaturpodasts Letzte Lektüren. Ich freue mich jetzt schon auf Folge 35, die wir am 16.12. abends um 20:30 Uhr im Livestream auf unserem Instagramkanal von blauschwarberlin aufzeichnen werden: Wir werden zum zweiten Mal eine Dezemberfolge mit all den besprechenswerten Büchern des Jahres machen, die es nicht in die vergangenen elf Podcastfolgen geschafft haben. Jede*r also 30 Bücher in je einer Minute, als literarisches Pingpong. 

Und da wir nun schon beim Thema sind:

Vorfreude auf den Dezember 

Ich freue mich wahnsinnig auf den Bildband „A Second Beating Heart“ mit 42 analogen farbfotografien und einem literarischen Essay von Rabea Edel, der bei Shift Books erscheinen wird. Ich zitiere den äußerst vielversprechenden Klappentext: Die Geburt eines Kindes ist auch die Geburt einer Mutter. Ihr Körper trägt ein zweites schlagendes Herz. Wenn dieses zweite Herz plötzlich außerhalb des Körpers schlägt, verändert sich alles. Der Bildband „A Second Beating Heart“ erzählt die Geschichte einer Frau, die nach der Geburt ihres Kindes ihr Zuhause nicht mehr verlässt. Was schleichend beginnt, wird zur neuen Realität. Über knapp drei Jahre ist das Haus Schutzraum und Kokon zugleich. Die Isolation zuhause wird zur lebensnotwendigen Strategie. Den Weg hinaus findet sie Schritt für Schritt. – Die Geschichte einer Heilung und Emanzipation vom Idealbild der perfekten Mutter.

Das ist ein Buch, das ich mir ganz sicher selbst zu Weihnachten schenken werde. Apropos: Ich feiere auf Instagram gerade eine tägliche Mini-Literatursprechstunde und beantworte dort allabendlich fünf kleine Geschenkeanfragen. Dafür trete ich vielleicht an anderer Stelle etwas kürzer in den kommenden vier Wochen. Die lieben zahlenden Steady Abonnent*innen mögen mir bitte verzeihen, wenn es an der Stelle im kommenden Monat ein klein wenig ruhiger zugeht. Im Januar wird alles nachgeholt.

Liebe Leser*innen, herzlichen Dank fürs Lesen und auch nochmal für all die lieben Nachrichten und Kommentare unter dem Oktober-Newsletter. Das macht große Freude!

Ich wünsche euch so von Herzen, dass ihr alle innerlich warm und rundum unversehrt durch den Dezember kommt. Bleibt bitte gesund und möglichst frohen Mutes!

Alles Liebe und ein gutes Lesen

Maria

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