Liebe Leser*innen,

dieser Tage, in denen ich über die Buchladentheke, in Cafés (Draußen, in der Frühlingssonne, was für ein wiedergewonnenes Glück!) oder im Austausch auf Instagram mit wunderbaren Menschen über den Halt der Literatur in weltwüsten Zeiten wie diesen im Gespräch bin, habe ich mich auch nochmal ganz neu der Frage gestellt, was mir das Lesen eigentlich bedeutet. Und zwar jenseits vom ganz Offensichtlichen: vom Wunsch, gute Geschichten auf gute Weise erzählt zu bekommen, jenseits von Wissensvermittlung, Unterhaltung, Eskapismus, jenseits von diesem vielbeschworenen Eintauchenwollen in andere Orte, Lebensentwürfe, Welten, Köpfe, Zeiten, Stimmen, jenseits von Sprachlust, Erkennen und Erweitern und jenseits der Sucht nach diesem atemberaubenden Gefühl, in mehr Biografien als meiner einen unterwegs sein zu dürfen. 

Die Antwort gab mir wie immer die Literatur selbst. Im März las ich zwei Bücher, die mir auf unmissverständliche und unterschiedliche Weise gezeigt haben, warum ich lese, warum ich alternativlos lesen muss. Auf dem Strahl der Empfindungen, die man beim Lesen besonders guter Literatur haben kann, bilden sie nur vermeintlich Gegenpole, denn was ich im letzten Monat auch gelernt habe ist, dass das Haltfinden und das Dekonstruieren eigener Festungen zusammengehören. Ich will – nicht immer, aber ab und an – von Texten so tief erschüttert werden, dass ich nach dem Lesen verändert bin. Ich will Bücher lesen, die mir etwas wegnehmen, die mich auseinandernehmen und solche, die mir etwas schenken, die mich zusammensetzen. Manchmal kann ein einziges Buch beides gleichzeitig. Es ist ein solches Geschenk, wenn Literatur jenseits des Lesens nachwirkt und wir innerlich verschoben und verändert aus einer Lektüre hervorgehen, wenn unser Denken und Vorstellen neue Verästelungen bekommen hat und die Welt um uns herum und in uns drin einem ungewohnteren Maßstab ausgesetzt ist, wenn ein Buch so in uns wirkt, dass wir danach jedes weitere Buch mit unverstelltem Blick lesen können, weil etwas weich geworden ist in uns.

Zwei Lieblinge im Monat März und all die schönen Sätze

Zuerst war es „Die Arbeit der Vögel“ von Marica Bodrožić. Das mit dem Wort Seelenstenogramme untertitelte Buch ist Mitte des Monats im Luchterhand Verlag erschienen und ist jetzt schon ein neues Lebensbuch für mich. Marica Bodrožić begleitet mit essyistischen Texten eine Wanderung, die sie vor einiger Zeit, im vierten Monat schwanger, in den Pyrenäen gemacht hat, um der Fluchtroute Walter Benjamins von Südfrankreich nach Nordspanien zu folgen. Unterwegs denkt sie in wunderschönen Sätzen und komplexen Gedanken über das nach, was unser aller Menschsein ausmacht und hat mir auf 345 Seiten nicht nur den Blick sondern auch das Herz geöffnet. Manchmal wählt sie sich weitere Begleiter*innen für eine Strecke des Weges, der nun unser gemeinsamer ist, erzählt von widerständigen und unbequemen Menschen der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts, von den großen Intellektuellen und von fast vergessenen Menschgebliebenen in Zeiten größter Grausamkeit, aber auch von persönlichen Beobachtungen und Überlegungen, die zwischen allen Zeiten zuhause sind. Es gibt literarische Stimmen, denen ich sofort verfalle, in denen ich sofort Verbündete vermute. Ich wusste bereits auf der ersten Seite, dass Marica Bodrožić eine Autorin ist, deren Denkwege mir von nun an in meine innere Landkarte gezeichnet sein würden. Sie beim Denken lesend begleiten zu dürfen, ist das größte literarische Geschenk, dass ich in diesem Jahr bekommen habe. Ich habe mir zu viele Sätze unterstrichen, als dass ich hier einen Lieblingssatz auswählen könnte, in jedem dieser 46 Texte habe ich so viel Schönes und Kluges gefunden. Das ganze Buch ist eine Fülle an Sprachkunst, Gedankenschärfe und Menschenliebe und ermutigt uns, weiter zu denken, unter der Oberfläche zu suchen, Verbindungen zu knüpfen, uns nicht mit leichten Antworten zufrieden zu geben und vor allem weiter zu lesen und zu lernen. Gleichzeitig ist es für mich ein unfassbarer Trost, denn solche Menschen mit solch geistigem Vermögen in der Welt zu wissen, ermöglicht uns allen eine innere Aufrichtung, ermöglicht, dass wir uns neu justieren, wenn wir den Weg zu unseren Füßen vielleicht gerade auch nicht sehen können. Wer dieses Buch mit offenem Herzen liest, geht danach unweigerlich eine Verbredung mit sich selbst ein und sucht das r für die Wunde in sich und anderen. „Einen Herzkompass besitzt jeder. Ob er geeicht ist, was er anzeigt und wohin er uns führt, hängt von uns selbst und von den Beschriftungen ab, denen wir im Leben ausgesetzt waren.“

„Rot (Hunger)“ von Senthuran Varatharajah, erschienen im Februar bei S. Fischer, habe ich nun vor allem deshalb zu lesen begonnen, weil mir sein Blurb auf Marica Bodrožićs Buch so gefiel: „Die Arbeit der Vögel spricht zu uns aus der Tiefe des Gedächtnisses, dem sie einen Namen gibt.“ wird er zitiert. Wie knapp und wie gut gefasst, dachte ich. Auf dem Buchrücken von „Rot (Hunger)“ wiederum begeistern sich Carolin Emcke und Karosh Taha über (ich kürze das mal zusammen): die Sensation und das grandiose Wagnis dieses berührenden Buches, für das erst eine Sprache gefunden werden muss, um darüber sprechen zu können. Große Worte kluger Frauen! Und sie haben so, so recht! Ich müsste an der Stelle eigentlich aufhören, weil es mir wirklich kaum gelingen kann, aber ich bin so beeindruckt von diesem Buch, dass ich wenigstens versuchen will, hier für euch dazu zu schreiben. Vorab: Marica Bodrožićs „Die Arbeit der Vögel“ ist eine Empfehlung für euch alle. Im schlimmsten Fall, könnt ihr ihren klugen und weltumspannenden Gedanken (noch) nicht folgen, im allerschlimmsten Fall berührt euch die Schönheit ihrer Worte so sehr, dass ihr euch innerlich verschließen wollt, bevor ihr euch dann hoffentlich an irgendeinem Zeitpunkt eures Lesens darauf einlassen könnt. Senthuran Varatharajas Buch kann und wird nicht für jede*n von euch geeignet sein. Das ist eine Liebesgeschichte. steht auf dem Rücken und als ich im Klappentext las, dass Varatharajah die Geschichte einer Trennung, eines Verlustes (im Berlin des Jahres 2018) mit den Geschehnissen des 9. März 2001 in Rotenburg verbindet (als sich zwei Männer begegneten, damit der eine den anderen „tötet, zerteilt und Teile von ihm isst“), dachte ich zuerst kurz: Muss das jetzt sein, muss ich sowas jetzt lesen? Kann ich das aushalten? Muss ich es sogar? Und ein großer Teil von euch wird diese Frage für sich zu jedem Zeitpunkt mit nein beantworten und es ist okay. Allerdings gehört diese tatsächlich unsagbar berührende Liebesgeschichte für mich wirklich zu den Büchern, an denen sich für mich künftig viele Bücher messen lassen müssen, wenn sie die romantische Liebe erzählen wollen. Ja, ich bin bis ins Mark erschüttert, aber ich bin vor allem zutiefst beeindruckt von Senthuran Varatharajahs Mut, seiner Konsequenz und seiner Fähigkeit, diesen Roman genau so zu schreiben, wie er es getan hat. In wechselseitigen Kapiteln erleben wir das Jahr nach der Trennung des Protagonisten Senthuran Varatharajah, der gerade an einem Buch über die Geschehnisse in Rotenburg schreibt und philosophisch zu Kannibalismus forscht, von seiner Freundin mit der er über zehn Jahre zusammen war. Er spricht sie an in seiner Trauer und seiner Sehnsucht. Sie ist ein du. Allein das fühlt sich an, als würde der Text zu uns nach außen greifen, als könne er nicht sicher gehalten werden im Buch. Als könne nichts je wieder für sicher gehalten werden. In den übrigen Kapiteln, wird die oben genannte Geschichte mit einer Zärtlichkeit und einer Akribie eingeflochten, die ich nicht mal ansatzweise wiedergeben könnte. Das ganze 115 Seiten schmale Buch ist ein stilistisches und formales Kunstwerk. Die Kapitel von exakt vier Seiten Länge. Das schlichte schwarze Cover. Die beiden Kunstwerke von Kurt Bille, die mittig und besorgniserregend in ihrem Rot, den Griff nach außen fortführen. Perfekte Sätze wie: „Es gibt keine Geraden und keine Gnade in der Grammatik.“ Doch nichts hält sich an die hier auch nicht mehr dienlichen (und vielleicht ohnehin längst überholten) Gesetze des Romans. Wörter werden einfach über das Zeilenende hinaus „gebrochen wie Beine“, werden aufgebrochen in Gedichte, ganze Sätze werden mittig aufgeschlitzt und wer sich auf einen bedeutungslosen Satzspiegel verlassen will, wird hier gnadenlos verloren gehen. Alles in diesem Buch ist von Bedeutung. Ein Buch, das von der Dopppelbödigkeit der alles verschlingenden Liebe erzählt, von der Bedeutung des (sich) Verzehrens, vom Verschwinden- und vom Einsseinwollen, von der großen Sehnsucht in einem anderen Menschen Frieden zu finden, vom ewigen Fremdsein. Es zeugt von der Notwendigkeit, eine gemeinsame Sprache zu entwickeln, vom Preis, dafür Satzglieder zerlegen zu müssen oder unsere Vorurteile zerlegen zu müssen über alles, was man begehren oder wollen darf. Dieses Buch erzählt auf so vielen Ebenen von Verlust und Tod, von Hingabe und Liebe – und von Entgrenzungen. Tamil Eelam und Kurdistan: „Ich wusste nicht, dass wir aus Ländern kamen, die es auf keiner Karte gibt. Ich wusste nicht, dass die Grenzen, über die wir gegangen sind, auch durch uns gehen. Du weißt es.“ Ich habe in letzter Zeit keine romantischeren Sätze gelesen, als sie in diesem Text und in der Form seiner Interpunktion zu finden sind. Und wohl kaum verstörendere, zumal in den Rotenburg  Passagen auch Originalzitate verwendet werden aus Chatverläufen, Mails, Protokollen. Dieses Buch besitzt eine Explizitheit (ich glaube, dieses Wort gibt es nicht, aber kein anderes passt jetzt), die uns innerlich anfasst. Eine Schönheit, die uns berauscht. Und eine Sehnsucht, die absolut lebensnotwendig ist. 

Zwei Bücher, die beide unauffällig das große Geschenk der Belesenheit ihrer Autor*innen im Gepäck haben. Zwei Bücher, die uns verändert zurücklassen und durchaus unser Lesen in ein Zuvor und ein Seither teilen können, uns aber vor allem von Verbundenheit erzählen, und vom genauen Hinschauen. Ich bin so dankbar für beide und lese jetzt auf jeden Fall nach und nach alles, was ich von Senthuran Varatharajah und Marica Bodrožić in die Finger und die Seele kriegen kann.

Wie jetzt weitermachen? Pragmatisch!

Außerdem gern gelesen

Ich habe auch im März meinen Plan vom Jahresanfang weiterhin umgesetzt, bewusster aus anderen Sprachen als aus dem Englischen und Französischen Übersetztes zu lesen und konnte für die #Indiebookday Folge 38 unseres blauschwarzberlin Podcasts Letzte Lektüren gleich drei wunderbare Bücher aus dem Arabischen, dem Katalanischen und dem Ukrainischen empfehlen:

„Eine Nebensache“ von Adania Shibli, aus dem Arabischen von Günther Orth für den Berenberg Verlag, erzählt vor allem über die bewussten Auslassungen und die Lenkung unseres Blickes von einem schrecklichen Verbrechen israelischer Soldaten im Negev im August 1949.

„Singe ich, tanzen die Berge“ von Irene Solà, aus dem Katalanischen von Petra Zickmann für den Trabantenverlag hat mich durch die Vielstimmigkeit begeistert, mit der hier die Geschichte einer Bauernfamilie in einem abgelegenen Pyrenäendorf erzählt wird. Sogar das Gebirge selbst kommt zu Wort. 

„Von Hasen und anderen Europäern“ von Tanja Maljartschuk, aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe für die edition.fotoTAPETA versammelt neun feministische Geschichten, die mit überraschenden, zoologischen Assoziationen das Leben von Frauen in Kiew (das Buch ist im Original 2008 erschienen) beschreiben.

Ich ergänze übrigens auch im April weiterhin die Buchliste zur Ukraine.

Die Zeit scheint reif für

Schon im Newsletter #2 im vergangenen September habe ich zum Thema Bücher über weibliche Wut kurz die freudige Ankündigung von Mareike Fallwickls neuem Buch eingebunden. Jetzt ist es im Rowohlt Verlag erschienen: „Die Wut, die bleibt“ von Mareike Fallwickl wird als neuer Standardroman genannt werden, wenn wir künftig über feministische Literatur sprechen. Helene, die Mutter, die ihre am Tisch sitzende Familie verlässt und sich wortlos vom Balkon stürzt, weil ihr Mann Johannes mal wieder nur fordernd nach dem Salz fragt, anstatt es sich einfach selbst zu holen, ist nur der Ausgangspunkt, von dem Mareike Fallwickl eine umfangreiche feministische Abhandlung in eine gekonnte Romanhandlung webt. Die 15 jährige Tochter Lola aus Helenes früherer Beziehung ist hier trotz der Trauer um die Mutter die erklärende und feministisch treibende Kraft. Sie ist es, die im Gespräch mit Helenes Freundin Sarah – die selbstlos ihr eigenes Leben hinten anstellt, um Johannes mit der Familie und vor allem den beiden kleinen Kindern zu helfen – nicht nur ihr die Augen über die Situation von Frauen in unserer (vermeintlich gleichberechtigten) Gesellschaft öffnet, sondern auch uns Lesenden. Ich hatte oft dieses Gefühl: Das Buch kann ich jetzt allen geben, die keine Lust oder keine Zeit haben, feministische Sachbücher zu lesen. Da wird alles bestens erklärt. Vom vorbildlichen Gendern bis zur selbstverständlichen Queerness von Lola, ist in diesem wütenden Roman an alles gedacht. Lola setzt der Autorin Sarah sogar auseinander, wie misogyn ihre Krimis sind, sie benennt ihren Unwillen, sich zu informieren und ihre für ihre Selbstbestimmung einzustehen. Auch die aktuelle Belastung von Müttern durch die Pandemie, in denen viele eigentlich gleichberechtigt wirkende Konstrukte zusammengebrochen sind, wird besprochen. Magersucht, Körperbewusstsein, weibliche Selbstermächtigung, Mutterschaft, Gesellschaftsdruck, Gewalt und Rache, in diesem Buch ist alles drin. Man spürt Mareike Fallwickl an, dass es ihr wichtig ist, an alles zu denken. Das gibt den Dialogen manchmal etwas leicht Didaktisches, hilft aber andererseits eben wirklich beim Verständnis, weil nicht vorausgesetzt wird, dass jede*r Lesende sich schon tiefer mit dem Thema beschäftigt oder die eigenen Privilegien gecheckt hat. Ein Buch, das im besten Sinne fundiert wütend macht und wirklich allen das Material mitgibt, diese Wut auch in anderen zu entfachen.

Im Gegensatz dazu haben wir mit „Die Ungeduldigen“ von Veronique Olmi, aus dem Französischen übersetzt von Claudia Steinitz für den Aufbau Verlag, vor allem einen atmosphärisch angelegten Roman über die feministische Bewegung im Frankreich der Siebziger Jahre. Drei Schwestern aus der südfranzöischen Provinz rebellieren auf unterschiedliche Weise gegen die  gesellschaftlichen Konventionen ihrer Zeit, während sie auf ihre Freiheit und Unabhängigkeit hoffen. Ein Roman, der trotz aller Ungeduld und der thematik eine französische Leichtigkeit transportiert und genau so gelesen und verschenkt werden kann.

NiTa- Neu im Taschenbuch

ist zufällig eins meiner absoluten Lebensbücher, deswegen füge ich diese beiden Rubriken heute praktischerweise zusammen:

In „Findungen“ von Maria Popova, aus dem Amerikanischen von Stefanie Schäfer, Heike Reissig und Tobias Rothenbücher für den Diogenes Verlag, erzählt die wirklich unfassbar belesene Autorin von Persönlichkeiten aus Kunst, Kultur und Wissenschaft der vergangenen vier Jahrhunderte, die mit ihrem Leben und Wirken besonderen Eindruck auf sie gemacht haben, deren visionäres Denken und Arbeiten unsere Welt verändert und verbessert haben. Popova ist eine Begeisterte, eine Bewunderin und vor allem eine Kennerin; durch ihr detailreiches und tiefes Wissen um das Leben und Werk dieser Denker*innen und die begnadete poetische Fähigkeit, uns mit Leichtigkeit und Raffinesse an ihrem Wissen teilhaben zu lassen, macht Popova auch uns zu Begeisterten und Bewundernden. Es ist unmöglich, dieses Buch zu lesen und nicht dieses Wunder zu empfinden, angesichts all des Mutes, all des Ansichglaubens, all der harten Arbeit und all der unbeschreiblichen Zufälle, die im Leben von manchen Menschen dazu führen, dass sie die Welt wirklich besser machen, auch wenn sie ihrer Zeit so weit voraus zu sein scheinen, dass sie Windmühlen gegenüber stehen. Popova erzählt zwischen Johannes Kepler (der nicht nur die Astronomie revolutionierte, sondern z.B. auch seine Mutter in einem Hexereiprozess verteidigte) und Rachel Carson (die Mitte des 20. Jh. eine absolute Vordenkerin der Ökobewegung war und jetzt endlich wieder erinnert wird) vor allem von inspirierenden Frauen (Maria Mitchell, Margaret Fuller, Harriet Hosmer, Emily Dickinson) und all dem, was sie der Welt hinterlassen haben. Besonders beeindruckt hat mich Popovas Fähigkeit, spielend Verbindungen zwischen verschiedensten Figuren zu schaffen (gespeist aus reichen Quellen, aus den Tagebüchern, Briefwechseln, dem Werk, Quellen aus denen Popova auch viel und gut zitiert), schafft sie durch ihre Sichtweise eine beeindruckende Aktualität und weckt auch in uns den Wunsch, immer noch mehr zu erfahren, sich noch tiefer einzulesen. Ich würde behaupten, es ist unmöglich, „Findungen“ zu lesen und sich nicht auf vielfältige Weise inspiriert zu fühlen. Und es ist vermutlich unmöglich, „Findungen“ zu lesen, ohne dass die eigene Leseliste wächst.

Vorfreude auf den April

zuerst gibt es am 1.4. endlich wieder eine Freitagsstunde. Ich mach mir um 20:22 Uhr im Livestream einen Grauburger auf und dann schauen wir, was passiert. Ich freu mich auf euch!

Am Samstag, den 2.4. bin ich um 20 Uhr für @mariaslesekreis im Livestream mit der Literaturwissenschaftlerin und Gabriele Tergit Herausgeberin Nicole Henneberg, um unseren Lesekreis zu den „Effingers“ abzuschließen.

Am 12.4. treffe ich ebenfalls im Livestream Antonia Baum. Wir beide haben für den Aufbau Verlag ein Vorwort geschrieben zu Büchern von Goliarda Sapienza und werden uns über diese faszinierende Wiederentdeckung unterhalten. Einen Tag zuvor, am 11.4., erscheint ihr großer Roman „Die Kunst der Freude“, übersetzt von Esther Hansen und Constanze Neumann und ihr Gefängnistagebuch „Tage in Rebibbia“, übersetzt von Verena von Koskull. Mein erstes Vorwort! Ich bin so aufgeregt!

Die nächste Folge unseres blauschwarzberlin Podcasts Letzte Lektüren zeichnen Ludwig Lohmann und ich am 21.4. um 20:30 Uhr auf und ihr könnt wie immer im Instagram-Livestream zuschauen, bevor ihr Folge 39 dann jederzeit überall nachhören könnt.

Am meisten freue ich mich aber auf die Benefizveranstaltung für die Ukraine am 24.4., um 19 Uhr im Literaturhaus Berlin mit vier wunderbar klugen und inspirierenden Menschen: Gabriele von Arnim, Marica Bodrožić, Asal Dardan und Daniel Schreiber

Ihr ahnt, was mir diese vier Autor*innen bedeuten, ich zitiere deswegen hier lieber unseren Ankündigungstext:

Die Veranstaltung wird mit dem Aufruf zum Spenden gestreamt.

Wir bitten großzügig zu spenden. Alle Einnahmen kommen folgenden beiden Organisationen zugute: Apotheker ohne Grenzen und Munich Kyiv Queer

Seit Wochen hält die Welt angesichts des Eroberungskrieges in der Ukraine und seinen Folgen den Atem an. Es  scheint ein Zeitalter des Undenkbaren angebrochen zu sein, eine neue Gleichzeitigkeit grausamer geopolitischer Ereignisse. Wie ein Gespenst kehren die Drohkulissen des Kalten Krieges zurück. Die nukleare Option und die Gefahr eines weiteren Weltkrieges stehen plötzlich wieder im Raum. Unser aller Alltag hat sich seit dem 24. Februar grundlegend gewandelt: Jeden Tag erreichen uns Schreckensnachrichten. Ein neues Nebeneinander von moralischer Verzweiflung und politischer Vernunft,  neue Zukunftsängste und hilflose Versuche des Verdrängens bestimmen unser Leben – und nicht zuletzt Trauer und Bestürzung angesichts des  entsetzlichen Leids der Menschen in der Ukraine und der Millionen von Flüchtenden. Ihnen wollen wir an diesem Abend ein deutliches Zeichen  unserer Anteilnahme und Unterstützung senden und möchten euch und Sie um Spenden bitten.

Zwischen Gabriele von Arnims, Marica Bodrožićs, Asal Dardans und Daniel Schreibers Büchern gibt es viele Gemeinsamkeiten. Auf ihre jeweils eigene Weise verbinden sie in ihren vielgelesenen und hochgelobten literarischen Essays das Persönliche mit dem Gesellschaftlichen, das Private mit dem Politischen. Die Autor:innen  nutzen ihr eigenen Lebenserfahrungen als Sprungbrett für Reflexionen, die uns alle betreffen. Ihre Bücher kreisen stellenweise auch um ähnliche Fragen: Wie lässt es sich mit einem Erbe von Krieg, Gewalt, Flucht und Ausgrenzung leben? Wie mit den vielfältigen individuellen und kulturellen Verdrängungsmechanismen? Mit wachsender Unsicherheit und Zukunftsangst? Mit Problemen, die anscheinend keine Lösung, und Fragen, die keine einfachen Antworten haben? Wie lässt sich Zusammenleben gestalten, wenn so viele es offensiv verhindern wollen? Die vier Autor:innen lesen aus ihren Büchern und neuen Texten und sprechen mit  Maria-Christina Piwowarski über ihr Erleben der vergangenen Wochen. Dabei kreisen sie Fragen ein, die selten so dringlich schienen wie heute: Wie wollen wir angesichts der sich ausbreitenden Schrecken leben? Wie den Weg vom Ich zum Wir gehen? Und was können wir tun?

Danke, dass ihr bis hierher gelesen habt, ihr Lieben.

Ich wünsche euch einen Frühlingstag, der euch die eine Stunde nicht fehlen lässt und einen schönen April. 

Der Wunsch, dass diese wüste Welt Frieden finden möge, schwebt ohnehin über allem. Immer.

Ich freue mich, wenn wir uns begegnen, in Livestreams, bei Lesungen, über geteilte Buchlieben. 

Bitte erzählt ganz vielen Menschen vom Benefizabend am 24.4.! Im Livestream könnt ihr von überall aus dabei sein und wir hoffen auf eure Spenden, wenn ihr was geben könnt.

Auf ein gutes Lesen!

Eure Maria

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