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Wir haben eine immer größer werdende Not erschaffen, die Not des „Nicht-Mithalten-Könnens“ geboren in einer Kultur in der Leistung und Erniedrigung Hand in Hand gehen … (gehen müssen?!)

Zu den Fakten gesellt sich eine Spaltung der Bevölkerung und gemischte bis schlechte Gefühle bei einem immer größer werdenden Teil der Bevölkerung.

Die zunehmende Entwicklung des Erniedrigens und Ausgrenzens führt in eine Sackgasse, sei es weltweit, sei es innenpolitisch nur in Deutschland oder außenpolitisch in der europäischen Union oder anderswo, in einer Stadt, in einem Dorf, in einer Firma, in einer Schulklasse, in der Familie, in einer Ehe … Ich sehe es als Folge dessen was man uns und dann in Folge auch wir anderen vorgelebt haben.

Besonders wir Deutschen werden auf Leistung gedrillt. Schon im Alter von 10 Jahren wird für uns entschieden wie unsere Zukunft laufen wird, auf gar keinen Fall inklusiv! Mit 10 Jahren lernen wir schon „die Guten ins Töpfchen die Schlechten ins Kröpfchen“. Habe ich das „Glück“ zu denen zu gehören, die ins Töpfchen dürfen, dann muss ich jetzt aber wirklich auch alles geben (9 Millionen Burnout-Erfahrene lassen grüßen), sonst komm‘ ich doch noch ins Kröpfchen, was ja definitiv der Ort des Schreckens ist!

Wer ins Kröpfchen kommt, der kann nicht mehr mithalten. Wer ins Kröpfchen kommt, wird ausgegrenzt. Wer im Kröpfchen ist, der hat kein Haus, kein Auto, kein Pferd, ist also ein Loser. Der darf ganz legitim öffentlich an den Pranger der Leistungsgesellschaft gestellt werden. Der muss damit leben, dass ein Partei, die sich christlich und sozial nennt (was auch immer sie damit meinen mögen …) einen Hartz IV Empfänger als Hartz IV-Schmarotzer bezeichnen darf. Und das absurde dabei auf ihrer Facebook-Fanpage schreibt die CSU unter ihrem Posting des Wahlwerbespots wo dieser Slogan enthalten ist (siehe Bild), dass sie die Leser bitten nur wertschätzende Kommentare abzugeben. Selbst als Menschen sie darauf hinweisen, ob sie denn nicht bemerkt hätten, wie sie sich selbst äußern, entsteht gar kein Störgefühl. Es entsteht keins, weil zu  befürchten ist, das da keins mehr ist …

In den Schuljahren lernt man, dass das Wichtigste ist, einzelkämpferisch immer gegen die anderen der Beste zu sein. Gute Leistungen werden mit guten Noten sowie mit Anerkennung belohnt und dabei hat man immer das Damokles Schwert überm Kopf und wenn Du das nicht packst „Kröööpfchen!!“, wo natürlich keiner hin will … übrigens  auch die nicht, die man dort hinein gedrängt hat und immer und immer wieder erniedrigt, dass sie nicht mithalten können. Dafür muss man übrigens gar nicht nach oben schauen, Erniedrigung scheint ein Volkssport geworden zu sein …

Leisten, Ausbeuten, Erniedrigen, Ausgrenzen … all das ist in unserer Gesellschaft legitim, darauf haben wir uns stillschweigend verständigt und festigen es durch wiederkehrende Handlungen. Es sieht so aus, als würde diese Haltung nur sehr wenigen Menschen wirklich gut tun, aber an dieser Haltung wird festgehalten als wäre es der letzte Rettungsring. Diejenigen, die es anders versuchen, werden als Idealisten bezeichnet, was im heutigen Sprachverständnis gleichzusetzen ist mit einem Idioten, also so ein weltfremder Ökofuzzi, irgendsowas in der Art. Also auf jeden Fall  etwas was erniedrigend gemeint ist. Man muss nur wollen, das ist schon lange Bullshit! 16 Millionen!! Deutsche leben bereits an der Armutsgrenze, können DIE (Ausgrenzung passiert auch durch Wortwahl) jetzt nur alle nicht richtig wollen? … Wir werden umdenken müssen. Identifikation rein durch Arbeitsleistung kann in Zukunft in der Mehrheit der Bevölkerung nur zum Gefühl der Sinnlosigkeit des Daseins führen. Dazu ein nachdenkenswerter Beitrag von Precht.

Ich finde Stephen Hawking toll, anfangs wegen seiner Genialität physikalische Zusammenhänge zu erkennen, dann durch seinen Willen indem er uns täglich zeigt, was alles geht auch wenn der Körper seine Funktionen verweigert und in letzter Zeit immer mehr durch seine Überlegungen bezogen auf die Menschheit.

Und über die Schlagzeile: „Zu seinem 75. Geburtstag warnt Stephen Hawking vor sozialer Ungleichheit und fordert die Eliten zu mehr Demut auf.“ musste ich einen Moment nachdenken. Demut … kann eine Elite aufgrund des Umfelds in dem sie sich bewegt überhaupt Demut empfinden? Dass Hawking Demut empfinden kann, kann ich mir vorstellen. Und nicht wie man jetzt vielleicht von mir denken mag, weil er ein Leben ohne und mit Behinderung kennen gelernt hat, da ja Inklusion eines meiner Schwerpunktthemen im Leben geworden ist, sondern viel mehr, weil ich ihn für einen reflektierten wie empathischen Menschen halte. Gerade der letzte Artikel hat es für mich noch einmal mehr gezeigt. Er kann selbstkritisch in Reflektion gehen und weil er empathisch ist, kann er sich in die Perspektive des anderen versetzen und die Gefühle des anderen nachempfinden und ihn dadurch verstehen.

Reflektion, inkl. Selbstreflektion und Empathie, sehr schwer zu erlernende Fähigkeiten in einem Umfeld, das den Fokus auf ganz andere Dinge lenkt. Nicht nur für die Elite schwer zu erlernen, sondern für alle, die nach (finanziellem) Wohlstand streben (müssen).

Manch einer empfindet Demut, wenn ihn ein Erlebnis wieder auf den Boden bringt, ihn erdet, er einen Mangel erfährt. Wir lernen hauptsächlich durch erleben, was müsste man also erleben um Demut zu lernen? Könnt ein Erleben von Mangel hilfreich sein? Aber wie sollte eine Elite, bei der wir ja immer eine finanzielle Elite meinen, Mangel erleben können? Natürlich kann eine finanzielle Elite sich in ein Kloster begeben, eine Zeit in den Slums dieser Welt verbringen, aber erlebt man dann schon Mangel oder sieht man ihn dann nur. Fühlt man den Mangel, kann man die Gefühle derer fühlen, die dem Mangel nicht entfliehen können? Und wird man dann schon ganz automatisch demütig oder braucht es dafür einer Reflektion? Und wird das reichen, um zu dem Gefühl zu kommen, dass ein anderer kein Mangel erfahren soll wie Hawking es sich wünscht?

Was hätte man uns vorleben müssen, um Demut zu fühlen? Was man uns vorlebte und wir nun auch anderen vorleben ist nicht geprägt von Empathie, Selbstreflektion, Wertschätzung, Achtung, Respekt.

Allein der Umgang mit einem der materiell wertvollsten Güter der Erde zeigt wie achtlos wir sind, wir entleeren unseren Darm und unsere Blase in gutem Trinkwasser. Dass schon mal jemand seinen Darm auf einem Goldbarren entleert hätte, habe ich noch nicht gehört. Dabei kann man Gold gar nicht trinken …

Wo sind die Denkmäler derer die sich für die Freiheit eingesetzt haben. Ich meine u. a. die Widerständler, die z. B. im Untersuchungsgefängnis Berlin-Hohenschönhausen (auch bis zum Tode) gequält wurden, weil sie einen Kontrollbesessenen Staat in Frage stellten? Warum werden sie als Opfer eines Regimes vorgestellt, warum sind sie nicht unsere Helden? Warum dürfen die Psychologen, die dort die Häftlinge psychisch folterten, heute noch in Berlin als Psychologen tätig sein? Warum lassen wir uns alles so verdrehen? Weil man ansonsten nicht Teil von Leisten, Ausbeuten, Erniedrigen, Ausgrenzen sein kann? …

Und wenn man leistet, ausbeutet, erniedrigt und ausgrenzt, nur dann kommt man in den golden Olymp? Aber im golden Olymp wird nicht jeder Platz nehmen können. Dazu ein nachdenkenswerter Satz aus diesem Artikel: „Elite wird man nicht, Elite ist man!“

Und was soll ich Euch sagen, neulich nach dem Besuch in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen (was ich jedem nur empfehlen kann mit der Führung eines Zeitzeugens einmal zu tun!!) sind wir im Kempinski pinkeln gegangen. Die Wasserhähne sehen dort gülden aus und trotzdem kommt bei dortigen Gästen wie Bediensteten oben was rein, was unten irgendwann wieder raus kommt und das spült man auch dort „nur“ mit guten Trinkwasser und nicht mit Gold fort … 

Es gibt keine Elite, es gibt keine Hartz IV-Schmarotzer, es gibt Menschen mit unterschiedlichen „Lernumgebung“ … oder?

Die Herausforderung liegt darin die Lernumgebung des anderen und die daraus resultierenden Folgen zu verstehen ...