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Auszüge aus dem lesenswerten Buch von Karl Lauterbach: „Der Zweiklassenstaat"

Karl Lauterbach 2007, S. 9: „Von der Wiege bis zur Bahre wird in Deutschland die Chancengleichheit verwehrt. Stattdessen herrscht der Zweiklassenstaat. Der Hauptunterschied zu den Vereinigten Staaten besteht darin, dass wir dies bestreiten, weil wir es eigentlich falsch finden, während die Amerikaner solche Unterschiede in großen Teilen für richtig halten. Wir wähnen uns in einer Gesellschaft, die die Ideale der Chancengleichheit und der sozialen Gerechtigkeit verwirklicht hat, und der Staat hilft, diese Fiktion zu erhalten.“

Karl Lauterbach 2007, S. 31 ff.:  „Die Zementierung der Herkunftsnachteile durch die Schule … 

So verstärkt die deutsche Schule die Unterschiede aus der Vorschulzeit. Sie hilft, den Vorsprung der Gewinner der natürlichen und sozialen Lotterie auszubauen. Die erste wichtige Bilanz wird dann am Ende der Grundschule gezogen. Das ist der Zeitpunkt, an dem neunzig Prozent der Chancen im Leben eines Menschen schon verteilt sind. Erwartungsgemäß gelingt nur einer Minderheit der Kinder aus problematischen Familien der Wechsel auf das Gymnasium. 

Den Kindern aus Problemfamilien mag diese Entscheidung sogar gerecht erscheinen, da sie mittlerweile tatsächlich meistens so stark hinter ihren Möglichkeiten zurückliegen, dass sie für das Gymnasium nicht mehr geeignet wären. Der Übergang auf die weiterführende Schule macht es offiziell: Mit der Empfehlung für die Hauptschule sind sie bis zum Beweis des Gegenteils als Verlierer dieser Gesellschaft abgestempelt. Sie hatten nie eine realistische Chance, hatten schon verloren, bevor sie zu kämpfen gelernt hatten.

Sogar diejenigen, die trotz aller Nachteile gut genug wären, ein Gymnasium zu besuchen, landen häufig auf den Hauptschulen oder den Realschulen. Denn ungerechterweise werden Kinder aus Arbeiterfamilien mit gleicher Befähigung deutlich häufiger auf eine Hauptschule geschickt als Kinder aus Akademikerfamilien. Obwohl die Zahlen in den einzelnen Bundesländern variieren, lässt sich für ganz Deutschland feststellen, dass die soziale Herkunft hier entscheidenden Einfluss hat. So ist der Besuch des Gymnasiums für ein Kind des einkommenstärksten Viertels der Bevölkerung fast sechsmal so wahrscheinlich wie für ein Kind des einkommensschwächsten Viertels – bei nachgewiesener gleicher Leistung!

Die Kinder werden sowohl von den eigenen Eltern als auch von den Lehrern im Stich gelassen. Die Lehrer schätzen Kinder aus Arbeiterfamilien systematisch schlechter ein, sie trauen ihnen offenbar wegen ihrer schwächeren sozialen Herkunft weniger zu. Die Eltern aus bildungsfernen Schichten können den Wert der Bildung für ihre Kinder oft nicht richtig einordnen und unterschätzen möglicherweise selbst die Talente ihrer Kinder. Somit bleibt ein nicht unerheblicher Teil derer, die trotz aller Nachteile einen guten Grundschulabschluss geschafft haben, zum Schluss doch noch zurück und wechselt nicht auf die höhere Schule.

Kinder lernen auf der Hauptschule, dass sie Verlierer sind. Es ist zynisch, wenn man ihnen vorwirft, Hartz IV als Berufswunsch anzugeben – dabei schätzen sie doch nur ihre Möglichkeiten realistisch ein und haben nie gelernt, dass es sich lohnt, für Ziele zu arbeiten. Weder ihre eigenen Eltern noch die Mitschüler, am wenigsten das Umfeld der Hauptschule selbst, oft geprägt durch Verrohung und Gewalt, haben Zeugnis davon abgelegt, dass man durch Leistung in der Gesellschaft etwas erreichen kann oder dass Lernen Spaß macht. In der Phase, in der sie das Lernen lernen konnten, wurden sie im Stich gelassen. Jetzt sind sie Opfer und werden von der Gesellschaft angeklagt.

Wer profitiert vom Versagen unseres Bildungssystems?

Daher sind es gerade die Elternverbände der Gymnasiasten und Realschüler, die sich gegen die Auflösung der Hauptschulen und die Schaffung von Gemeinschaftsschulen wehren. Sie befürchten, dass die Probleme dieser Schulform auf die Schulen der eigenen Kinder übergreifen. Das Leistungsniveau könnte sinken, die Gewalt dafür zunehmen, und die Kinder würden zu früh mit der Perspektive der Verlierer und Ausgestoßenen konfrontiert.

Unterstützt werden diese Eltern von den Verbänden der Gymnasiallehrer. Man zeigt den Problemkindern (eigene Anmerkung: die erst durch das System dazu wurden, wie hier zuvor erklärt wurde) also die kalte Schulter. Die Motivation der Eltern hat vor allem drei Gründe. Erstens fürchten sie um den schulischen Erfolg des eigenen Kindes. Zweitens wissen sie zu wenig über die entscheidende Bedeutung einer frühen Förderung von Kindern. Und drittens haben sie den moralisch wenig noblen Wunsch, den eigenen Kindern Vorteile auf Kosten anderer Kinder zu sichern.

Noch viel verwerflicher ist der Kampf der Privilegierten gegen kostenlose Ganztagskindertagesstätten und Vorschulen oder gegen das kostenlose erste Jahr im Kindergarten. Indirekt geht es darum, dass diese Eltern wissen, dass ihre eigenen Kinder im Umfeld der Familie und durch die privaten Angebote, die beigefüttert werden können, all diese Förderung nicht unbedingt benötigen, wobei viele allerdings den Einfluss einer gezielten Förderung auch der eigenen Kinder durch Dritte unterschätzen. Sie liegen aber richtig in der Annahme, dass die Vorteile der eigenen Kinder niemals größer sein können als unter der Voraussetzung, dass sich nichts ändert. Aus diesem Grund und weil sie die gesamtgesellschaftlichen Folgekosten ausblenden, stützen sie ein Bildungssystem, welches langfristig unser Land ruinieren wird.

Ganz besonders enttäuschend, ja oft erschütternd, sind dabei die Einlassungen von Eltern, die im Rahmen der Bildungsexpansion unter Bundeskanzler Willy Brandt die ersten ihrer Familie gewesen sind, die den Aufstieg in die Mittelschicht geschafft haben. Sie verteidigen oft ein System, in dem sie heute selbst den Aufstieg nicht mehr schaffen könnten. Denn Willensstärke und Talent reichen nicht, wenn die Herkunft die schulische Laufbahn vorherbestimmt.

Das ist bei uns jetzt zu oft der Fall. Und deshalb muss der Staat schon aus moralischen Gründen alles tun, um Chancengleichheit für alle zu gewährleisten. Entsteht der Eindruck bei den Benachteiligten, dass ihm daran nicht wirklich gelegen ist, verliert der Staat dort seine Akzeptanz mit langfristig unkalkulierbaren Folgen.

Das Ausscheiden der Babyboomer-Generation aus dem Beruf wird einen Wendepunkt für Deutschland markieren. Heute ist die Zeit, in der die glückliche Übereinkunft einer besonders großen Geburtenkohorte mit einem besonders breiten Zugang zum Bildungssystem ihre maximale Rendite abgibt. Bald ist es damit vorbei, und dann muss für beides bezahlt werden, den fehlenden Nachwuchs in den folgenden Generationen und das Wiederverschließen der Tore des Bildungssystems. Dann müssen wir sowohl die hohen sozialen Kosten der Alterung der Babyboomer stemmen als auch die Kosten in Milliardenhöhe, die durch das Versagen des Bildungssystems produziert werden.

Ein Versagen der Chancengleichheit ist für eine Demokratie kein Kavaliersdelikt. Die Verlierer hassen die Gewinner, und die Gewinner sind keine wirklichen Gewinner, weil sie dauerhaft für die Verlierer bezahlen müssen. Zum Schluss gibt es nur gefühlte Verlierer.“ 

Karl Lauterbach 2007 S.85 ff.:  „Zweiklassenmedizin – Die mittlere Einkommensgruppe als Melkkuh des Systems

Das System der Zweiklassengesellschaft zeigt aber nicht nur enttäuschende Behandlungsergebnisse im internationalen Vergleich, es ist zudem höchst ungerecht finanziert. Die Beiträge werden fast nur von abhängig Beschäftigten und von Rentnern erbracht. Das sogenannte Solidarsystem wird bei näherer Betrachtung völlig unsolidarisch bezahlt, weil Einkommen aus Kapitalvermögen, Vermietung, Verpachtung und aus selbständiger Tätigkeit nicht oder nur zu einem geringen Anteil berücksichtigt werden. Der Staat könnte diese Einkommen entweder direkt für Beiträge heranziehen oder zusätzliche Steuern zur Senkung der Beitragssätze erheben.

Die Beitragseinnahmen der Kassen hinken der Entwicklung des Volkseinkommens aber nicht nur wegen der stärkeren Bedeutung anderer Einkommen hinterher, sondern auch weil Lohn und Gehalt nicht ganz ausgeschöpft werden. Die Einkommen werden ja lediglich bis zur Beitragsbemessungsgrenze von 3562,50 Euro (eigene Anmerkung: 2017 liegt die Beitragsbemessungsgrenze für die Krankenversicherung bei: 4.350,00 €. Für Mitglieder, deren Einkommen über der Beitragsbemessungsgrenze liegt, steigt der Beitrag nicht mehr weiter) monatlichem Bruttoeinkommen aus abhängiger sozialversicherungspflichtiger Erwerbsarbeit voll belastet, darüber hinausgehende Verdienste sind beitragsfrei. Weil sich die Lohnschere als Folge der Globalisierung auch in Deutschland weiter geöffnet hat, stagnieren aber die unteren und mittleren Einkommen, während die höheren Einkommen noch steigen. Deshalb konzentriert sich die Beitragslast immer mehr auf diejenigen Beschäftigten, deren Löhne ohnedies am geringsten wachsen.

Jeder Gesundheitspolitiker weiß natürlich von der Ungerechtigkeit, dass die Beiträge unterhalb der Beitragsbemessungsgrenze ständig steigen müssen, weil die höheren Einkommen nur unterdurchschnittlich belastet werden. Trotzdem ändert sich seit Jahren nichts. Die Gutverdiener sollen gemolken, aber nicht von der Wiese getrieben werden. Die Ungerechtigkeit der Überlastung der mittleren und der relativ geringeren Belastungen der höheren Einkommen wird damit begründet, dass sich die höheren Einkommensgruppen ganz aus der Solidarität – sprich in die Private Krankenversicherung – verabschieden könnten. Unrecht soll größeres Unrecht vermeiden.

Die Zweiklassenmedizin bestraft ausgerechnet die Mediziner, die mit den höchsten ethischen Standards für sozial schwächere Menschen arbeiten. Der Facharzt am Starnberger See macht mit relativ leichten Fällen ein Vermögen, während der engagierte Arzt in Neukölln manchmal um seine Existenz kämpft. Er hat schwerere Fälle, die sich wegen begleitender sozialer oder sprachlicher Probleme nur mit mehr Aufwand behandeln lassen, erntet oft wenig Dank seiner Patienten, arbeitet länger und verdient nur die Hälfte im Vergleich zu seinen Kollegen. Trotzdem muss er sich von seinen eigenen Funktionären die Leier von der Notwendigkeit der Zweiklassenmedizin anhören, weil sonst alle Arztpraxen in die Pleite gingen, während es in Wirklichkeit darum geht, dass die Kollegen mit vielen Privatversicherten gut verdienen.

In den Krankenhäusern werden fast alle Geräte, die gesamte Infrastruktur der Klinik und der größte Teil des betreuenden Personals von den Kassenpatienten beziehungsweise durch Steuergelder bezahlt. Die Privatpatienten werden in diesem System mitbehandelt. Ihr Honorar fließt dabei zum größten Teil den Ärzten zu, die oft auch noch von dringender Arbeit abgehalten werden. Trotzdem wird von Subvention (eigene Anmerkung: die private Krankenversicherung behauptet das System zu subventionieren) gesprochen.

Wenn jeder Arzt oder jede Klinik entweder nur gesetzliche Versicherte oder nur privat Versicherte behandeln dürfte, wäre das private System in kürzester Zeit am Ende. In einem solchen System wäre jede Quersubvention ausgeschlossen, und schnell würde klar, in wie vielen Bereichen das private System parasitär von dem gesetzlichen lebt. Gemeint sind hier nicht die Versicherten, sondern die Unternehmen. Sie wären nicht in der Lage, eine Krankenhausversorgung für ihre Patienten auch nur im Ansatz sicherzustellen. Sie nutzen die Infrastruktur der gesetzlichen Krankenkassen und bezeichnen das sie bewirtende System auch noch als marode.

Gleichzeitig entwickelt sich Deutschland zum Pharmamülleimer Europas. Weil es bei uns keine Positivliste empfohlener Arzneimittel gibt, befindet sich laut dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte 53659 verschiedene Medikamente auf dem Markt. Fast alle umliegenden Länder haben Positivlisten. Mit 3000 Medikamenten könnte der Markt bestens versorgt werden. Viele der Arzneimittel, die bei uns noch gehandelt werden, sind im Ausland schon von den Listen verschwunden. Die Restbestände und gegebenenfalls auch neue Lieferungen werden in Deutschland verkauft.

Wenn ein Produkt selbst in Deutschland vom Markt genommen wird, muss es tatsächlich problematisch sein. Für ein Medikament und den deutschen Markt gilt für internationale Firmen die Umkehrversion von Frank Sinatras „New York, New York: If you can’t make it there, you can’t make it anywhere … „ Dass 1995 der damalige Gesundheitsminister Horst Seehofer (CSU) durch seinen Staatssekretär dem Vorsitzenden des Bundesverbandes der Pharmazeutischen Industrie (BPI), Hans Rüdiger Vogel, eine geschredderte Positivliste zum Geburtstag überreichte, um witzig zu demonstrieren, dass die Pharmalobby es erneut geschafft hatte, die Liste zu verhindern, ist mittlerweile legendär.

Weniger amüsant ist, dass wir die Liste bis heute nicht haben (eigene Anmerkung: das ist auch in 2017 noch der Fall). Der damalige Kniefall vor der Lobby ist ein Armutszeugnis deutscher Gesundheitspolitik. Zwar würde die Positivliste nicht Geld sparen, weil die umstrittensten Arzneimittel oft nicht die teuersten sind und zum Teil weniger kosten als die Scheininnovationen. Trotzdem schaden diese Medikamente, weil sie oft nur Nebenwirkungen und keine Heilung bringen. Die Patienten werden aber irgendwann so krank, dass sie wirksame und teurere Arzneimittel benötigen oder sogar im Krankenhaus behandelt werden müssen. Weshalb soll der deutsche Patient auf die schützende Funktion einer Positivliste verzichten?“ 

Karl Lauterbach 2007, S. 126 ff.:  „Unser Rentensystem wird regelmäßig geschmäht als nicht haltbar für die Zukunft, weil es nicht genug Kapitaldeckung vorsehe. Durch die Alterung der Bevölkerung und die geringe Geburtenzahl sei ein umlagebasiertes System, in dem es keine Rücklagen gibt und zu jedem Zeitpunkt die Renten der Älteren von den Beitragszahlungen der Jungen bezahlt werden, nicht solide finanziert. In der Tat reichen die Rücklagen der Rentenkasse nur für maximal 1,5 Monate, je nach Bedarf können sie auch auf lediglich 0,2 Monatsausgaben absinken. In jedem Monat werden somit die Einnahmen der Rentenkasse aus Beiträgen und Steuermitteln sofort an die Rentner weitergereicht. Im Februar 2007 betrug die vorhandene Liquidität der Rentenversicherung beispielsweise nur eine halbe Monatsausgabe. Die Steuermittel machen rund ein Viertel der Einnahmen der Rentenversicherung aus, 78 Milliarden Euro im Jahr 2005.

Viele Beschäftigte denken, dass es eine Art Rücklage für sie gäbe, in die sie schon seit Jahren eingezahlt hätten und aus der ihre Ansprüche später bedient würden. Dass das Geld noch im gleichen Monat von der Hand der einen Generation in die Hand der anderen wechselt, ist ihnen nicht klar. Diese Tatsache kann beunruhigen. Würden die Beiträge der Beschäftigten nur für zwei Monate fehlen, etwa aufgrund eines Generalstreiks mit Totalausfall der Beitragszahlungen und Steuereinnahmen, könnten auch die Renten nicht ausgezahlt werden.

Wir entrichten heute unsere Rentenbeiträge, um die nächste Monatsrente unserer Elterngeneration zu finanzieren. Doch deren Rentenhöhe orientiert sich an der Summe der von ihnen früher eingezahlten Beiträge. Wie kann es dauerhaft zusammenpassen, wenn einerseits die Generationen füreinander einstehen, andererseits jede Generation eine Rente gemäß der eigenen Lebensleistung beansprucht?

Zusammengefasst bedeuten die aufeinanderfolgenden Rentenreformen der letzten 18 Jahre, dass die Renten bis zum Jahre 2030 erheblich gekürzt werden. Bereits der Nachhaltigkeitsfaktor bewirkt eine Absenkung um fast acht Prozent. Ohne die Kürzungen hätte die Rente im Jahr 2030 im Durchschnitt 30 Prozent höher gelegen. Natürlich wird dadurch auch der Beitragssatz entsprechend stabilisiert und kann bis zum Jahr 2030 wahrscheinlich unter 22 Prozent gehalten werden. Ohne diese Reform läge er weitaus höher – in den 1980er Jahren wurde ein Anstieg des Beitragssatzes bis auf vierzig Prozent prognostiziert.

Trotz dieser mehr oder weniger umstrittenen Umbauten genießt das staatliche Rentensystem ein hohes Ansehen in der Bevölkerung. Die meisten einkommensschwachen Bürger verlassen sich weiter allein auf ihre gesetzliche Rente. Dies ist auch nicht erstaunlich, denn bisher ist es jeder Rentengeneration besser gegangen als der vorherigen.

Bei näherer Betrachtung erweist sich das deutsche Rentensystem als höchst ungerecht. Denn wie im Bildungs- und Gesundheitswesen werden in unserem Rentensystem diejenigen systematisch benachteiligt, die über geringe Einkommen verfügen. Die Gerechtigkeitsüberlegungen richten sich bisher auf den Vergleich zwischen den Generationen und bedienten sich einprägsamer Bilder von der drohenden Überalterung um Rentenreformen schmackhaft zu machen. Die Verhältnisse innerhalb einer Generation gerieten dabei überhaupt nicht in den Blick. Aber genau dort herrscht der Zweiklassen-Rentenstaat.

Unser Rentensystem funktioniert nach dem sogenannten Äquivalenzprinzip. Das heißt, die Höhe der Rente orientiert sich an dem früheren Einkommen und der Beschäftigungsdauer der Arbeitnehmer. Wer lange gut verdient, erhält also mehr Rente als ein geringfügig Beschäftigter, weil er entsprechend höhere Beiträge eingezahlt hat. Das ist im Grunde gerecht, doch wird dabei seit Jahren tabuisiert, dass Menschen mit geringen Einkommen eine deutlich kürzere Lebenserwartung haben. Weil sie im Durchschnitt früher sterben, genießen sie ihre kleine Rente nur viel kürzere Zeit.

Natürlich gibt es Ausnahmen. Auch einzelne Bezieher sehr hoher Renten sterben früh, und umgekehrt leben manche Bezieher geringer Renten sehr lange. Typischer ist aber der Fall, wo ein Rentner wegen seines früheren hohen Einkommens eine fast doppelt so hohe Rente erhält wie der Einkommensschwache und diese auch noch doppelt so lange genießt, weil er deutlich länger lebt. Bezieht der Einkommensstarke zwanzig Jahre lang seine Rente, während der Einkommensschwache nach zehn Jahren Rente stirbt, hat der Einkommensstarke insgesamt viermal so viel Rente gekriegt, obwohl er nur etwa doppelt so viel eingezahlt hat. Diese Rechnung soll nur das Prinzip erklären. 

Lohnt sich also für Einkommensschwache die Rente überhaupt? Obwohl unser Umlagesystem nicht so funktioniert, dass der Beschäftigte Geld spart und es später ausgezahlt bekommt (darin liegt der Unterschied zu einem System mit Kapitaldeckung), lässt sich trotzdem berechnen, welche Rendite lebenslange Einzahlungen für den Versicherten im Durchschnitt abwerfen. Für das deutsche Rentensystem ist diese Rendite zwar insgesamt nicht hervorragend, aber trotzdem positiv, insbesondere wenn man alle Leistungen des Rentensystems betrachtet. 

Aufgeschlüsselt nach Einkommensgruppen ergibt sich jedoch, dass aufgrund der längeren Rentenbezugszeit unter dem Strich vorwiegend die Wohlhabenden von unserem Rentensystem profitieren. Weil die Rendite von der Lebenserwartung abhängt, fällt sie lediglich für die gut Verdienenden wirklich positiv aus. Ein Arbeiter mit einem Einkommen, welches im Durchschnitt halb so hoch war wie das Durchschnittseinkommen der jeweiligen Jahre, erwirtschaftet mit seiner Rente eine negative Rendite und macht einen lebenlangen Verlust von mehr als 30.000 Euro. Durchschnittsverdiener kommen auf ein etwa ausgeglichenes Verhältnis von Einzahlungen und Auszahlungen. Lohnend wird es erst für Rentner, die ihr Leben lang überdurchschnittlich verdienten. Bei einem Einkommen, welches doppelt so hoch war wie das des Durchschnittsverdieners, liegt der lebenslange Gewinn bei über 100.000 Euro. Effekte wie die Versicherungsfunktion der Rente und die Ausfallsicherheit oder die Absicherung von Ehepartnern sind in diesen Renditeberechnungen nicht enthalten. Das Rentensystem beschert daher ausgerechnet den Einkommensstarken eine gute Rendite. Dabei verfügen gerade sie in der Regel noch über weitere Einnahmequellen im Alter. Das Rentensystem funktioniert also konsequent nach dem Prinzip: Wer hat, dem wird gegeben.“ 

Karl Lauterbach 2007, S. 173 ff.:  „Wie die Privilegierten das Land ruinieren

Keines der in diesem Buch angesprochenen Probleme des Zweiklassenstaats wurde gelöst. Vergleichbar einem Krebsgeschwür wuchern im Inneren des Exportweltmeisters die Folgen unseres ungerechten und ineffizienten Bildungssystems, der damit verbundenen geringen Geburtenraten, des vernachlässigten Gesundheitsschutzes der Arbeitenden und der unsolidarischen und Arbeitsplätze vernichtenden Finanzierung unserer sozialen Sicherungssysteme. Die Zweiklassenmedizin wird nicht abgebaut, sondern noch verstärkt. Wir produzieren weiter zu viele Schlechtqualifizierte und verringern auch noch drastisch ihre Beschäftigungschancen. Wir fallen hinter unsere Möglichkeiten zurück, worunter nicht nur unser Wohlstand leiden wird. Schon heute sind wir, gemessen am Bruttoinlandsprodukt pro Kopf, nur noch Durchschnitt in Europa.

Für den Einzelnen bedeutet unser Sozialstaat immer häufiger ein unerfülltes Leben. Chancenlos in die falsche Familie geboren, nach schlechter Bildung arbeitslos und auf Hilfe des Staates angewiesen, bald schon unnötig erkrankt, dann arm und früh gestorben – das klingt wie ein schlechtes Drehbuch. Es ist aber zunehmend die Wirklichkeit für all jene Menschen, die ohne jedes Privileg in Deutschland geboren werden. Der Staat schafft hier eine Klasse systematischer Verlierer. Er muss sie nicht nur für den größten Teil ihres Lebens subventionieren, sie sind auch politischer Sprengstoff. Sie gefährden den sozialen Frieden, und sie werden nicht dauerhaft bereit sein, sich in einem Staat moralisch zu verhalten, den sie selbst als unmoralisch erleben.

Noch gleicht der Exportweltmeister äußerlich einem Muskelprotz. Doch der Krebs in Inneren wächst. Er verursacht uns bislang keine Schmerzen, weil die besonders gut ausgebildeten Babyboomer noch den Arbeitsmarkt beherrschen. Sie sind heute auf dem Höhepunkt ihrer persönlichen Produktivität, ihrer Gesundheit und ihres Einkommens und tragen wie keine andere Generation zum derzeitigen Erfolg der deutschen Wirtschaft bei.

Bald aber werden die Babyboomer-Jahrgänge die größte Rentner- und Krankenkohorte Europas sein. Die dann das Ruder übernehmenden Geburtsjahrgänge ab 1990 sind halb so groß und weisen nur ein Viertel der Talente von 1964 auf. Sie bestehen fast zur Hälfte aus Menschen, die keine ausreichenden Sprachkenntnisse, eine nur minimale Bildung, massive Lese- und Rechenschwäche oder große kulturelle Probleme mitbringen, oft sogar mehrere dieser Nachteile auf einmal.

Spätestens dann, wenn die Babyboomer abtreten, wird der Krebs diese Republik deshalb für alle sichtbar werden.

Ein Staat, der hinnimmt, dass Arbeiterkinder in den Schulen generell viel schlechter als gleich begabte Akademikerkinder abschneiden, darf sich nicht wundern, wenn die freie Wirtschaft entsprechend handelt. Die Kinder aus den Familien der Privilegierten erkennen sich am Habitus und fördern sich gegenseitig. Wo das nicht ausreicht, besorgt „Vitamin B“ durch Verwandte oder Bekannte den Rest. Auch das amerikanische Bildungssystem ist sehr ungerecht. Aber der Abschluss einer Eliteuniversität wie Harvard oder die Erlangung eines Master of Business Administration zählt später mehr als die großbürgerliche Herkunft oder die Mitgliedschaft in einer Burschenschaft für den Aufstieg in einem Spitzenunternehmen.

Hier geht es nicht um eine Kritik an der Leistungsgesellschaft oder an einer Leistungselite. Vielmehr geht es darum, dass wir keine Leistungsgesellschaft sind und auch keine echte Leistungselite hervorbringen. Deutschland ist ein Land, in dem eine relativ satte und gleichzeitig verunsicherte Klasse mit vererbten Privilegien, die größte Angst vor der Leistungsgesellschaft hat. Sie meint, ihren eigenen Status nur halten zu können, indem sie andere Gruppen noch mehr als in der Vergangenheit ausgrenzt. Weil die Privilegierten die Schotten dichtmachen, wird sich der Zweiklassenstaat im Rahmen der Globalisierung verstärken. Die Gefahr wächst aber, dass dabei ALLE im Boot ersticken. 

Die Privilegierten verdrängen die Frage, wie die Klasse der Verlierer langfristig mit ihrer Perspektivlosigkeit umgeht. Wenn Fachkräfte händeringend gesucht werden, man aber selbst weiter arbeitslos bleibt, wie da jetzt schon viele Hartz-IV-Empfänger erleben, kann man leicht verzweifeln und auf dumme oder gar radikale Gedanken kommen.

In der politischen Ökonomie gilt das Gesetz, dass es für ein Sozialsystem langfristig den Tod bedeutet, wenn die Meinungsführer der Gesellschaft darin nicht mitversichert sind. Dann ist es aus ihrer Sicht nur ein Kostenfaktor und hat keinen Bezug zu ihrem eigenen Leben. In diesem Sinne sind unsere Sozialsysteme und auch die unteren Stufen unseres Bildungssystems dem Tod geweiht. Die meisten Politiker, Ministerialbeamten, Topjournalisten, Professoren und Unternehmer, diejenigen Gruppen also, die den politischen Druck gegen die einflussreichen Lobbyisten der Privilegierten aufbauen könnten, gehören selbst zu den Privilegierten. Nur im Ausnahmefall werden sie sich für Reformen starkmachen, durch die sie eigene Vorteile einbüßen.

Ein echter Abbau der Zweiklassenmedizin mit einem weniger über die Löhne finanzierten Gesundheitssystem wäre ein Segen für die Gesundheit der Bevölkerung und für den Arbeitsmarkt. Das ließe sich aber nur gegen den massiven Widerstand der privilegierten Bevölkerungsgruppen durchsetzen. Viele einflussreiche Leute sowie die ihnen nahestehenden Zeitungs- und Fernsehredakteure verlangen, flankiert von Gutachten willfähriger Professoren, vom Staat dabei genau die Reformen, die sie im Hintergrund  selbst blockieren.

Je länger wir mit den Reformen warten, umso teurer werden sie uns später zu stehen kommen. Je mehr Menschen ohne brauchbare Bildung die Schule bereits verlassen haben, umso kostspieliger wird es, sie ein Leben lang zu subventionieren.

Ohne Reformen zulasten der Privilegierten werden die nächsten Generationen ungerechte und ineffiziente Sozialsysteme erben und in einem Staat leben, dessen Bevölkerung unaufhaltsam schrumpft. Das wird nicht nur unsere Wirtschaftskraft schwächen, sondern auch die Akzeptanz der Demokratie in Deutschland unterhöhlen. Unser Staat scheint noch gerechter, als er es ist. Die meisten werden den Staat bald als ungerecht durchschauen und sich entsprechend benehmen. Ein Zweiklassenstaat fördert die moralisch niedrigsten Verhaltensweisen in seiner Bevölkerung und hat gleichzeitig nicht die moralische Autorität, sich darüber zu erheben.

Die Schaffung von Gerechtigkeit wird heute von zu vielen als Kürprogramm des Staates gesehen, dabei ist es seine zentrale Pflicht. Die Privilegierten und ihre Lobbyisten behaupten aber, die Produktivität sei wichtiger. In Wahrheit jedoch verliert unsere Gesellschaft an Produktivität, weil sie so ungerecht ist. Dies werden in Deutschland immer mehr Menschen begreifen. 

Und auch die Bildungsarmen werden zum Schluss erkennen, dass der Staat es war, der sie im Auftrag einer kleinen Herkunftselite um ihre Chancen betrogen hat. Spätestens dann wird unser gesellschaftlicher Konsens aufgekündigt. Die Kriminalität und die Ausländerfeindlichkeit werden steigen, der Lebensstandard und die Lebensqualität sinken.“  

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