Für seine Idee brennen

„Man muss grundsätzlich erst einmal für eine Idee brennen“, hat Kaplan Bertram Ziegler in einem meiner ersten Interviews gesagt. „Wenn ich etwas machen möchte oder will, ist es für mich erst einmal nicht entscheidend, ob das ein groβer Erfolg wird oder ob es nur einzelne anspricht. Ich denke, es beginnt mit kleinen Kreisen, die dann wiederum andere motivieren.“

In meinen Interviews sind viele wichtige Sätze gefallen, aber für mich persönlich zählte dieser Satz zu den wichtigsten, denn er ist die Quintessenz meiner eigenen Idee zu VON MACH ZU MENSCH, und er ist die Quintessenz vieler Geschichten, die ich erzählt habe.

Auch die des katholischen Seelsorgers, der zwischenzeitlich von Kleinostheim nach Schweinfurt gewechselt ist. Er hat nicht nur sehr offen über seine Ideen für Kirche von heute, sondern auch über seinen eigenen Werdegang gesprochen.

Für seine Sache brennen: Das trifft auch auf die Musikerinnen und Musiker bei VON MACH ZU MENSCH zu. Die Oboistin Miriam Hanika aus München, die sagt: „Ich frage erst einmal nicht, wie viele Alben ich verkauft habe und ob es sich lohnt, das nächste zu machen. Sondern ich mache Musik, weil ich es machen muss. Weil es für mich ein ganz, ganz dringendes Bedürfnis ist, meine Musik aufzuschreiben, aufzunehmen, sie mit anderen Musikern zusammen zu spielen.“ Auf Instagram schrieb sie kürzlich, dieses Jahr 2021 sei kein leichtes gewesen. (www.miriamhanika.de)

Foto: Ruben König

Auch nicht für Cellistin Katrin Penz aus Sulzbach am Main. Sie war mein allererster „Mensch“ und erzählte, sie habe sich im Lockdown einfach auf ihren Parkplatz gesetzt und gespielt: „Die Stellplatzkonzerte haben mich in 2020 gerettet. Sie haben mir einen Grund gegeben, mein Cello in die Hand zu nehmen und zu üben.“

„Man hätte wirklich streiken sollen. Wenn ich es mir denn hätte leisten können“, sagte ein paar Wochen später die Kasseler Malerin Christine Reinckens über das Standing von Kunst und Kultur in Corona-Zeiten. „Konnte ich aber nicht.“

Auch die Karikaturisten Greser & Lenz haben nicht gestreikt, zum Glück. Schade, dass ich damals noch keine Podcasts gemacht habe – das wäre ein Fest gewesen! In einem fantastischen Schlagabtausch sinnierten die beiden Wahl-Aschaffenburger bei VON MACH ZU MENSCH über den Stellenwert ihrer Kunst. Ihre 25-Jahr-Rückschau "Schlimm!" ist nun im Buchhandel erhältlich.

Für eine Sache brennen: Katrin Zenglein hat Feuer gefangen. Auch ohne Studium stellte der Freistaat Bayern sie vor eine Grundschulklasse. Teamlehrer hieß das gewagte Konzept, das bei Katrin Zenglein voll aufging. Die Aschaffenburgerin unterrichtet mittlerweile im zweiten Jahr. „Ich konnte nirgends etwas abschauen. Ich musste sofort loslegen. Doch die Herzlichkeit der Kinder, das positive Feedback, dass man auch einmal zusammen Quatsch machen kann: Das gefällt mir am besten. Und wenn ich merke, dass die Kinder etwas gelernt haben.“

Ins kalte Wasser stürzte sich auch Enise Lauterbach. Die Kardiologin schmiss ihren Job als Chefärztin, um das Start Up LEMOA MEDICAL zu gründen. „Andere haben viel Geld, aber ich habe die Ideen und die medizinische Expertise“, sagt sie und setzt seitdem alles auf eine Karte. Genauso wie Start Up-Gründerin Katharina Funke-Braun. Sie hat sich mit Limo Wardrobe selbständig gemacht, mit einer großartigen Geschäftsidee: Aus neuwertigen Herrenhemden, die aus verschiedenen Gründen nicht verkauft werden, fertigt sie individuelle Damenmode. Sie fängt klein an und hat mir im Nachgespräch einen wichtigen Satz mit auf den Weg gegeben, nicht nur für Gründerinnen: „Vielleicht ist es auch gar nicht gut, zu schnell zu wachsen, sondern besser nachhaltig.“ (www.limo-wardrobe.de)

Foto: Katharina Funke-Braun

Vor der Frage, wie schnell wie groß werden standen auch die Gründer von Steiger Spirits. Garagenfirma bleiben oder die Nummer richtig big aufziehen? Mittlerweile verkauft Steiger Spirits seinen Gin und Korn auch auf Schalke. „Crazy Drive“, sagt Steiger Spirits-CEO Christoph Niklaus. Auf jeden Fall.

Weniger Crazy Drive wäre der Chefin des Nürnberger Marktamts sicher lieb gewesen. Zum Zeitpunkt des Interviews konnte Christine Beeck nicht ahnen, dass dieser Satz zwei Jahre in Folge stimmt: „Die Absage des Christkindlesmarkts war ebenso schmerzhaft wie richtig“. Doch nach Weihnachten ist vor Weihnachten. Planungen für Dezember 2022 laufen.

Auch Vera Hausen-Ax schätzte ihren Crazy Drive nur bedingt. „Ich sage immer: Ich habe von allen Küchen den schnellsten Absturz hingelegt“, erinnerte sich die Gründerin des Schulküchen-Caterings „Veras Vitaminreich“ im Frühsommer 2020. „Im ersten Lockdown hatte ich extreme Existenzängste. Im zweiten Lockdown war ich eher wütend, wie mir das alles zum zweiten Mal passieren kann.“ Schulen und Kinderbetreuung blieben seitdem offen. Nicht nur Vera Hausen-Ax hofft, dass das so bleibt.

Mehr Präsenzunterricht hätte sich Master-Student Joshua McMullin gewünscht, der für ein Austauschjahr nach Schottland ging. „Ich habe erst im Studentenwohnheim und dann in der Wohnung, in der ich jetzt wohne, vom Schreibtisch aus Vorlesungen und Seminare verfolgt. Es ist nicht nur vom persönlichen Standpunkt aus frustrierend, man muss auch sagen, die Qualität der Forschung und Lehre leidet, es ist einfach nicht dasselbe.“

Für seine Idee brennen: Das war ein großes Thema für Facundo Lopez und seine Familie. Vor nunmehr einem Jahr ist er aus Brasilien nach Deutschland ausgewandert. Man muss das können. „Ja“, sagt Facundo und tippt an die Stirn. „Hier muss man es können.“ Diese Begegnung eröffnete mir die ungeahnte Möglichkeit Ahnenforschung zu betreiben und einen bisher unbekannten Teil der Familiengeschichte ans Licht zu bringen.

Geschichte mit der Zukunft verbinden, das ist Andrea Wirsching wichtig. Die Historikerin und Chefin des Weinguts Wirsching in Franken lässt koscheren Wein keltern, eine in mehrfacher Hinsicht große Herausforderung. Sie nimmt sie an. Aus gutem Grund. „Der Antisemitismus wird in Deutschland immer präsenter, das ist fürchterlich. Dagegen will ich mich engagieren.“

Engagement ist auch das Lebensmotto von Cigdem Deniz. Die Wahl-Aschaffenburgerin kam als 19-Jährige mit Baby aus Ost-Anatolien nach Deutschland und leitet heute den Verein Migranten für Migranten in Aschaffenburg. „Der andere kann noch so nett, noch so herzlich sein. Wenn Sie ihm nicht die Tür aufmachen, werden Sie es nicht erfahren“, sagt sie.

Auch Alea Horst und Nilab Taufiq haben sich Engagement verschrieben. Als Menschenrechtsaktivistin, Nothelferin und Fotografin hilft Alea Horst Menschen, denen zu viele nicht helfen wollen – Migranten in den Auffanglagern der EU zum Beispiel. Auch Nilab Taufiq, die sich mit ihrer Hilfsorganisation Asiyah International unter anderem in Afghanistan engagiert, sagt: „Mir ist es egal, woher die Menschen kommen, die Hilfe brauchen. Ich bin zuerst ein Mensch und Muslima, dann erst Afghanin.“

Theresia Rosenberger hilft Menschen, die in höchster Not sind – weil ihr Kind unheilbar und lebensverkürzt erkrankt ist. Als Hebamme begleitet sie im Kinderpalliativteam Südhessen werdende Eltern, deren Kind entweder schon vor oder bald nach der Geburt versterben wird. Sie sagt: „Palliativmedizin heiβt nicht, nichts zu tun und auf den Tod zu warten. Sondern sie bedeutet, eine würdevolle und gute Schwangerschaft, Geburt und Leben zu ermöglichen, auch wenn es keine Heilung gibt. Es ist uns ein ganz besonderes Anliegen, alles dafür zu tun, dass auch schwersterkrankte und sterbende Neugeborene ihre verbleibende Lebenszeit würdevoll verbringen können.“

Karlheinz Kobus hat dem Tod schon ins Auge geblickt – und ist doch noch am Leben. Der Extremsportler lebte nach einem plötzlichen Totalversagen seiner Nieren jahrelang mit Dialyse und ließ sich nicht von seinen Marathons abbringen. Mittlerweile ist er transplantiert. Und rennt weiter. „Man sollte sich so schnell wie möglich mit seiner Situation arrangieren. Das ist nicht einfach. Aber man kann es schaffen“, sagt er.

Vielleicht würde auch die Aschaffenburger Architektin und Urban Sketcherin Bettina Klinkig diesen Satz unterschreiben. Sie hat eine unheilbare, fortschreitende Augenerkrankung, die ihr Gesichtsfeld und damit Sehvermögen immer weiter einschränkt. „Das Ziel des Lebens ist doch, ein glückliches und erfülltes Leben zu führen“, sagt sie. „Und wer garantiert mir, dass ich ohne die Krankheit ein glücklicheres und erfüllteres Leben geführt hätte?“

Zeichnung: Bettina Klinkig

Für seine Sache brennen: Ich denke hier nicht zuletzt an den Musiker und Komponisten Axel Christian Schullz, der seit Jahren daran arbeitet, alle Artikel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte zu vertonen. An Stefan Schlett, der Himmel und Hölle in Bewegung setzt, um an jedem möglichen und noch öfter unmöglichen Ort der Welt Extremsport zu betreiben. Ich denke an Dominik Hausch, der so viel Feuer fürs Nagel-Design gefangen hat, dass er mittlerweile mit seiner Freundin einen Beauty-Salon eröffnet hat. Ich denke an Antje Brendow, die mitten in der Pandemie mitten in Kahlgrund ein Café eröffnet hat, in dem sie ihren schwedischen Traum lebt. Ich denke an David Schneeberger aus Kitzingen, der in seiner Freizeit Golfbälle aus der Natur aufsammelt, um daraus Kunstwerke zu schnitzen. Er hat mittlerweile mehr Bälle, als er jemals schnitzen könnte und sammelt dennoch weiter. Mit kritischem Blick auf die Freizeitgesellschaft. „Wie gehen wir eigentlich mit unserer Umwelt und unseren Rohstoffen um?“ Und ich denke an Janika Kreutzer, die Totenmasken von Verstorbenen fertigt, um den Weiterlebenden be-greifbare Erinnerungen zu ermöglichen.

Weil ich Weihnachten so sehr liebe, gab es den ganzen Dezember über Weihnachtsgeschichten. Meine Gedanken zur Sehnsucht. Das fränkische Bibelprojekt rund um Pfarrer Claus Ebeling mit der Weihnachtsgeschichte auf Fränkisch. Und die Aerothek, mit sich bald Glaubensräume beduften lassen. Wie Weihnachten riecht, das verriet mein Gesprächspartner Christopher Pilz.

Ein Mann darf in der Reihe auf keinen Fall fehlen. Heiner Knieling, der Fahrradpirat, mit dem ich seitdem in herzlichem, lockerem Kontakt stehe. Ein unkonventioneller, freundlicher, überraschend philosophischer Mensch. „Sie können noch so gut sein, wie Sie wollen. Irgendjemandem gefällt Ihre Nase nicht.“ Es gebe halt Leute, „bei denen sind Sie schon raus, wenn Sie nicht so sind, wie die sind. Leider ist die Welt aber bunt und es gibt viele verschiedene Menschen. Manche meinen aber, es müsste so sein: Dass alle so sind wie sie.“

Foto: svm

Wäre die Welt dann nicht wahnsinnig langweilig? Ich wünsche Ihnen: Bleiben Sie sie selbst, üben Sie sich in Gelassenheit (niemals verkehrt in einer Pandemie) freuen Sie sich auf 2022. 

Ich freue mich, wenn Sie mich noch lange begleiten.

Leiten Sie diesen Jahresrückblick gerne an alle weiter, die Ihnen einfallen – vielleicht machen Sie jemanden damit glücklich und er möchte künftig mehr VON MACH ZU MENSCH lesen oder hören!

Lesen Sie gerne Geschichten nach, die Sie „verpasst“ haben. Sie stehen alle auf vonmachzumensch.de

Erzählen Sie anderen von Ihrem Lese- und Hörglück. Das macht auch mich glücklich.

Ich wünsche Ihnen ein großartiges, gesegnetes Jahr 2022!

Herzlichst, Ihre Susanne v. M.

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