Es ist leise, gespenstisch leise, kein Laut ist zu hören, während wir sie beobachten, wie sie sich mit letzter Kraft den Weg entlang schleppen. Männer, Frauen, Kinder. Vor allem die Kinder ziehen unseren Blick auf sich. Die meisten sind noch sehr jung. Manche haben das Privileg im Tuch am Rücken der Mutter getragen zu werden, andere gehen an der Hand ihrer Geschwister, einige gehen den weiten Weg alleine. Sie sind schmutzig von oben bis unten. Dreck hat sich unter ihren Fingernägeln und Kletten haben sich in ihren Haaren gesammelt. Ihre kaputten Schuhe sind mit Erde überzogen und an ihren eingefallenen Augen kann man die Strapazen der letzten Wochen, vielleicht auch der letzten Monate ablesen. Die Lebensfreude ist aus ihren Augen verschwunden. Selbst das Weinen ist ihnen vergangen, ist ihr Leid doch viel größer, als es eine Träne je auszudrücken vermag.

Es ist leise, gespenstisch leise, kein Laut ist zu hören, während wir sie beobachten, wie sie an unsere Tore klopfen und um Einlass bitten. Wir sehen den verbliebenen Hoffnungsschimmer in ihren von langen Nächten zugeschwollenen Augen. Wir sehen ihre zerschundenen Füße vom langen Gehen. Dennoch lassen wir sie im wahrsten Sinne des Wortes gegen den Zaun rennen. Wir sorgen uns um unsere Sicherheit, um unser Wohlbefinden, es ist unser Land, behaupten wir. Wir müssten unser Glück, unser Geld und unser Essen mit ihnen teilen, befürchten wir. Wir wollen sie nicht hier haben, sie haben hier nichts zu suchen, sagen wir bestimmt.

Geteiltes Leid ist halbes Leid und geteilte Freude ist doppelte Freude, nicht wahr? Warum wollen wir unser Glück dann nicht teilen? Warum wollen wir nichts hergeben, obwohl wir so viel haben? Geht es wirklich nur darum, dass wir uns Sorgen um unsere Arbeitsplätze machen?

Oder haben wir Angst? Haben wir Angst, dass etwas Neues unser Weltbild verändern könnte? Haben wir Angst, dass unser ach so traditionelles Österreich multikulturell werden könnte? Haben wir Angst, dass Elemente aus anderen Kulturen uns beeinflussen könnten?

Österreich ist bereits ein multikultureller Staat. Wir haben im Laufe der Geschichte schon so vielen Menschen Schutz geboten und waren zeitweise auch selbst Schutzsuchende. Heute sind wir ein Mix aus verschiedenen Nationalitäten und Religionen, ein buntes Durcheinander aus verschiedenen Völkern, verschiedenen Menschen.

Aber was ist mit den gesellschaftlichen Normen und Werten, die diese Menschen mit sich bringen?, fragen wir. Dürfen sie weiterhin nach ihren eigenen Vorstellungen leben? Oder müssen sie sich unserer Gesellschaft anpassen?, fragen wir. Und welche Werte zählen schlussendlich mehr? Unsere oder ihre? Ist es überhaupt möglich, dies zu entscheiden? Sind die österreichischen Wertvorstellungen perfekt? Und wer entscheidet das?, fragen wir uns.

Tagtäglich passieren so viele schreckliche Dinge auf dieser Welt: Ist es ein Zufall, dass sich die Anschläge in Europa seit Ankunft der Flüchtenden explosionsartig vermehrt haben? Sind sie dafür verantwortlich? Ist die Gewalt ihre Schuld?

Bei so vielen Menschen müssen ja einige schwarze Schafe dabei sein, sagen wir. Es war doch klar, dass auch Terroristen zu uns kommen werden, wenn wir Fremde hereinlassen, sagen wir. Terror entsteht durch Hass und Angst, sagen wir, während wir uns vor den Fremden verkriechen und Zäune und Mauern bauen. Terror entsteht durch Hass und Angst, sagen wir, während wir Angst haben, dass sich in unseren Leben auch nur eine Kleinigkeit verändern könnte. Wir befinden uns in einem Kreislauf aus Angst und daraus auszubrechen ist nicht einfach. Aber Leben bedeutet nun einmal Veränderung. Und mit viel Mut, gegenseitiger Unterstützung und Hoffnung ist (fast) alles möglich.

Diese Fremden, vor denen wir Angst haben, sind Menschen, die ihr ganzes Hab und Gut, ihr gesamtes Leben hinter sich gelassen und aufgeben haben, um in einem neuen Land noch einmal von vorne zu beginnen. Sie tun dies nicht freiwillig, sie haben keine Wahl, sie haben sich nicht dafür entschieden, aus ihrem Umfeld gerissen zu werden. Aber sie haben immer noch Hoffnung, und das ist im Angesicht der Umstände doch ganz schön viel.

Es ist leise, gespenstisch leise, kein Laut ist zu hören, kaum Hilfe in Sicht. Wie lange wird es noch so bleiben, frage ich mich. 

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