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Folge 109

John Singer Sargents Pastell-Porträt von Gladys Deacon, sie trägt einen Hut, roten Lippenstift und einen hochgestellten Mantelkragen

Vorweg

Nach einem Jahr Unterbrechung ist Vier Wochen, das selbst erlebte Mash-up aus Hangover und Kevin allein zuhause, nun in die zweite Staffel gegangen. In jeweils etwas anderer Besetzung an beiden Schauplätzen: in Italien dieses Mal nur die Eltern – »Es ist eigentlich gar kein Urlaub, wir arbeiten da ja auch«, in Berlin nun beide erwachsenen Kinder die ganze Zeit zusammen – Blickwechsel zwischen ihnen, halbseidener Versuch, ein Lachen zu unterdrücken.

W-i-r, die Eltern, hätten u-n-s-e-r Zuhause nach den Erfahrungen von 2022 im Grunde lieber am Abreisetag zugemauert, als es i-h-n-e-n zu überlassen, aber s-i-e beteuern, dass es gut gehen werde (GUT FÜR WEN?), und, entscheidender, der beste Kater soll sein bestes Leben natürlich auch leben, wenn w-i-r abwesend sind: Laser Frohmann, darin sind sich Menschen-Frohmanns jeder Generation einig, verdient Premium-Care, heißt, er muss zeitnah rein- und rausgelassen, pünktlich gefüttert, auf Zuruf rumgetragen und möglichst oft in überbordender Liebe auf den Kopf geküsst werden.

S-i-e berichten, dass Laser etwas beleidigt sei und sich protestmäßig auf den zusammengerollten Teppichen eingerichtet habe. (WARUM ROLLEN S-I-E DIE TEPPICHE ZUSAMMEN?)

Schlafende Katze auf zusammengerollten Teppichen
Foto: © L. Frohmann

Die Berlin-Sequenzen von Vier Wochen, Season 2, können naturgemäß erst wieder in der Rückschau geschrieben werden, wenn Kinder, Kindsfreund*innen und Nachbar*innen nach und nach mit ihren Storys rausrücken, also wird zunächst von unterwegs berichtet, vielleicht aber auch nicht, denn der Newsletter könnte aus meiner Sicht – oft formuliert, null umgesetzt – gern auch mal wieder etwas vom Persönlichen abrücken.

Vom geheimen Supererholungsort in Italien werde ich erneut nur geblurred erzählen, denn noch mehr als von der überreifen Kernfamilie muss ich mich von Deutschland erholen, und hier in Mpffhmppffhmpffh sind wundersamerweise kaum Deutsche, herrlich! (Performativer Widerspruch, ich weiß.)

W-i-r haben die Kinder ohne Geld zuhause zurückgelassen (Rache? Pädagogik?), fast wie die Eltern in Hänsel und Gretel, nur dass in unserem Märchen zwei Hänsel vorkommen und beide Ü18 und Ü1,80 sind. Ihre Oma weiß das seit eben und findet es nicht gut, sie stellt sich die beiden ganz sicher fünf- und siebenjährig mit riesigen Augen und Löckchen vor, nicht als die großen Typen aus der Gegenwart, deren Zocken sie nervt. Vermutlich ist in diesem Augenblick schon Geld per Sofortüberweisung an die armen Kinder unterwegs.

Etwas Altes: Der Katersalon

Letztes Jahr dachte ich, den letzten Katersalon gemacht zu haben. Veranstalten ist noch nie wirklich mein Ding gewesen, und der Katersalon, ursprünglich mal als Marketingtool für den Verlag konzipiert (dafür gewann er 2013 sogar einen Preis) war sehr schnell zu einem schönen, aber unglaublich kräftezehrenden weiteren Universum geworden, das im Grunde nichts mehr mit dem Verlag zu tun hatte, außer in dem Sinne, dass alle meine Projekte eine bestimmte Haltung und Atmosphäre vereint.

Christiane Frohmann, Nadine Hartmann und Diana Weis auf einer Couch sitzend
Katersalon im Kater Holzig, irgendwann
Bühnenszene
Katersalon im Roten Salon der Volksbühne, irgendwann
Christiane Frohmann, Diana Weis und Julia Schramm auf einer Bühne
Katersalon in einem Frankfurter Club zur Buchmesse, irgendwann
Drei verschwommene Gestalten auf einer Bühne
Katersalon zu Gast in der Wilden Renate, irgendwann

Nun geht es doch noch mal weiter mit dem Katersalon, und zwar am alten Ort, im Kater Blau, früher Kater Holzig. Ich erzähle euch bald mehr, aber was ich jetzt schon sagen kann: Jess Tartas und Schwartz werden beim ersten Salon aus Gewalt und Poesie (Öffnet in neuem Fenster) lesen oder vom dialogischen Schreiben erzählen.

Etwas Neues: Erschöpft unter Fitten

Auf der Fähre traf mein Mann beim Verstauen seiner riesigen Fahrradtasche (Tasche für das Rad selbst) andere Menschen mit Fahrrad,– wie sich herausstellte, waren es Menschen, die ihr Fahrrad noch weitaus extremer nutzten als er. Ich saß derweil mit meinen schönen, nicht unbedingt übermäßig funktionalen Gepäckstücken irgendwo in einem Polstersessel und starrte aufs Meer.

Buntes Gepäck links, funktionales Gepäck rechts

Die eine neue Bekannte meines Mannes kam aus den Niederlanden und fuhr gerade vier Monate lang mit ihrer sieben Jahre alten Tochter durch Europa. Das Kind saß dabei nicht etwa in einem Anhänger, nein, sie strampelte auf ihrem eigenen kleinen Fahrrad, und zwar bis zu 30 km am Tag. (Ich fahre nicht allzu oft 30 km am Tag mit dem Rad.) Der andere neue Bekannte meines Mannes war Ultra-Läufer, der zusätzlich schnell und weit Rad fuhr, um mehr von der Umgebung zu sehen. Er war ebenfalls seit Monaten, mit Unterbrechungen wohl eher seit Jahren unterwegs. Schnell entspann sich zwischen denen, die so was interessiert, ein Gespräch um Zelte, Fahrradtaschen, Räder, zwischendurch spielte mein Mann (genuin kinderlieb, ich nicht) mit der Frau und dem Kind UNO. Ich richtete mich derweil gemütlich in der Rolle »Eine Sache passt nicht zum Rest auf dem Bild« ein und versuchte gar nicht erst, großartig mitzureden oder anderswie zu sozialisieren, aber ich war freundlich, denn die Fitten waren wirklich nett. Mein Mann und ich schwärmten den anderen von Mpffhmppffhmpffh vor, anscheinend sehr überzeugend, denn zwei Tage später begegneten wir dem Läufer-Radfahrer auf dem Heimweg zum AirBnB und boten ihm Stockbett und Dusche an. Noch einen Tag später traf er wiederum zufällig die Niederländerinnen und brachte sie mit zu uns. Wir aßen zusammen, und es wurde wieder viel übers Radfahren und Zelten gesprochen. Ich bemerkte, dass ich grotesk müde vom Sozialisieren war – mein eigentlicher Plan war gewesen, ab Grenzübertritt mehr oder weniger nur mit meinem Mann zu sprechen: still zu werden, ist ein ganz wichtiger Teil meiner Urlaubserholung –, und jetzt waren da diese extrem netten, hyperlebendigen, adrenalingetränkten Supersportler*innen. Da geht maus nicht hin und sagt: »Ich habe heute eigentlich gar nichts gemacht, als mir den Kopf zu zerbrechen, wie ich als Nichtsuperreiche nach Italien übersiedeln könnte und bin davon leider komplett erschöpft, vielleicht aber auch von eurer bloßen Existenz und der Vorstellung, dass ihr heute eine Milliarde Kilometer gefahren und gelaufen seid. Nichts für ungut, ciao, gute Nacht.« Ich bin also sitzengeblieben, und es war sehr nett und auch interessant, aber jetzt muss ich mich schon zwei Tage lang erholen von dieser Drinny-Strapaze.

Ich reise ja ganz anders als früher, viel seltener und weniger weit und trotzdem möglichst lange, aber was sich nicht geändert hat, ist, dass maus unterwegs einfach komplett andere Menschen trifft, was, so klischeehaft es auch klingt, unweigerlich den Horizont erweitert. Ein bisschen wie im Internet, da wo es gut war und ist. Und es hat mich gleich wieder froh gestimmt, Menschen zu treffen, die ihr eigenes Ding machen, ohne anderen damit zu schaden. Sollen sie doch entsetzlich weit laufen und Rad fahren. Ich schreibe das Internet voll, 200 km pro Tag.

Etwas Unheimliches: Sexismus stärken beim Sexismus benennen

Erkenntnis: Ich habe auf Einladung von Medien locker zehnmal häufiger über Sexismus im Literatur-/Kultur-/Verlagsbetrieb sprechen dürfen als über meine Arbeit als Verlegerin und Autorin oder gar über deren Produkte. Was für kein Zufall.

Solche Einladungen mit »Bitte progressiv vorturnen und dann aber zackzack wieder im Nichts verschwinden«-Subtext nehme ich seit einigen Jahren nicht mehr an, außer sie sind super bezahlt. Zwischendurch nahm ich sie eine Weile lang grundsätzlich nicht mehr an, bis ich mal wieder umsehen lernte. Tausend Küsse, unendlicher Dank und tosender Applaus für die Künstlerin, die beim Frühstück am Morgen nach einer Veranstaltung sagte: »Wenn sie, um sich besser zu fühlen, eine braune Lesbe wollen, kostet das halt 2.000 Euro.« 2.000 Euro habe ich noch nie bekommen, weil ich sie noch nie verlangt habe, das würde ich mich sehr gern trauen, aber ihr versteht schon. – Maus muss ja auch erst mal checken, dass es wirklich unendliche Wege der patriarchalen Ausbeutung und Verarschung gibt, aber eben auch Wege, das System punktuell auszuspielen.

Unbezahlt rede ich über Sexismus öffentlich nur noch in Kontexten, wo glaubhaft miteinander, gemeinsam daran gearbeitet wird, Misogynie und andere Diskriminierungen zu überwinden.

Falls ihr mir jetzt unbedingt 2.000 Euro zahlen möchtet, damit ich bei einer markenstärkenden Veranstaltung superschlaue Sachen über Sexismus sage: meine Kernthemen sind der #Debütantinnenkult und der Ausschluss von Menschengruppen durch #Bierchenkultur. Letztere Analyse ist nicht auf den Kulturbetrieb beschränkt.

(Nebengedanke: Warum hängt in bayerischen Amtsstuben und Klassenzimmern nicht statt eines Kreuzes ein Bierkrug an der Wand. Das wäre viel plausibler.)

Etwas Geborgtes: Ein Zitat

»Wenn man Geld hat, ist es überall schön.« – Mpffhmppffhmpffh-Local mit wenig Geld

Rubrikloses

Schon lange Mitlesende erinnern sich an das legendäre »Drogenpaket« von Oma mit Thymian und Nierentee in zwei Klarsichtbeuteln plus zwei Fuffis für die Enkel. Jetzt war die Freude erneut groß, als Oma uns ihr nie benutztes Baguetteblech schickte und »Mehl« dazulegte.
Klarsichtbeutel mit MehlScreenshot: Richter warnen vor Überlastung der Justiz bei Cannabis-Legalisierung
Warum heißt es »Richter warnen vor Überlastung der Justiz bei Cannabis-Legalisierung« und nicht »Richter freuen sich über zehntausende Kriminelle weniger durch Cannabis-Legalisierung«
»Die Zusammenarbeit zwischen gc und der Eule Duo scheint nicht zu funktionieren.« <3
Die Duolingo-Eule bekommt jetzt bald eine Anzeige wegen Nötigung.
Deckengemälde: Putto mit Katze im Arm
Ein Marketingtipp für die katholische Kirche: den Papst auf Insta und TikTok als soften Cat Dad vermarkten und schon denkt keiner mehr bei Priestern an sexualisierte Gewalt.
Neulich habe ich auf meinem Laptop ein Bild gesucht und dabei etliche Bilder von Kindern meiner Freund*innen in jüngeren Jahren gefunden, vermutlich aus irgendwelchen Social-Media-Archiven. Gefühlt waren es mehr Bilder, als ich gesichert von meinen eigenen Kindern besitze. Irgendwie toll, dass ich später meinen Freund*innen die verschwundenen Fotos ihrer Kinder geben kann, ich hoffe, sie haben dann auch meine.

Positives benennen: Ich beobachte zunehmend, dass Menschen sagen: »Bitte lass mich aussprechen.« Ganz junge Menschen, mittelalte Menschen, auch einige alte Menschen. Früher standen da in der gleichen Situation meist Personen mit leicht verzerrtem Lächeln, die nichts sagten, nachdem ihnen das Wort abgeschnitten wurde.

Noch positiver: Es passiert immer häufiger, dass ihre Gegenüber dann sagen: »Ja, Entschuldigung.«

Wie kommt das? Vor wenigen Jahren, als in Sozialen Medien feministisches Wissen allgemein zugänglicher wurde, machten sich viele Menschen bewusst, dass sie in alten Rollenbildern festhingen und kommunikativ zu wenig Raum bekamen und auch beanspruchten. Plötzlich ließen sich Frauen und andere Marginalisierte nicht mehr sanftmütig das Wort nehmen, sondern sagten: »Bitte lass mich aussprechen.«. Die Reaktion darauf war oft sehr negativ. Eine berechtigte Bitte wurde als unangemessen, unhöflich, unfreundlich, sogar als böse empfunden, eingeordnet und abgewehrt. Was ist denn in die*den gefahren?!? Klingt absurd, ja, war es, aber so ist das mit struktureller Gewalt. Es kam dabei sogar regelmäßig zum Streit zwischen Menschen. Vermutlich wurden in der Folge einige Ehen geschieden und Freund*innenkreise wieder cis hetiger und weißer. Was bildet die*der sich denn ein, wer sie*er ist?!? (Ein Mensch mit den gleichen Rechten.) Erklärte maus dann kurz, was Gaslighting ist, folgte: Auch das jetzt noch?!?

Ja, es ist wirklich etwas besser geworden, es geht in einigen Sphären kommunikativ fairer zu. (Deshalb drehen die Rechten ja unter anderem auch so am Rad, sie wollen grundsätzlich nicht zuhören, wenn Menschen sprechen, die keine weißen cis Männer sind, und auch ihre rechten Gebärfrauen glauben aktuell noch, dass sie das richtig finden.)

In wenigen Jahren müssen Menschen dann gar nicht mehr darauf hinweisen, dass sie unterbrochen wurden, weil sie nicht mehr gewohnheitsmäßig unterbrochen werden. Bitte.

(Und Rechte sollen mit Elon zum Mars fliegen und da bleiben.)

Präraffaelitische Girls erklären

Gemäldeausschnitt. Figur mit Heiligenschein steht mit erhobenem Zeigefinger in Richtung von drei anderen menschlichen Figuren mit Heiligenschein. Hinzugefügter Text: »Ich bin Deutschland. Du da hinten wirst im Kulturbetrieb gecancelt, weil arabisch gelesene Menschen in meinen Augen schon durch ihre Existenz Hammas-Narrative reproduzieren. Du hier vorne, weil du jüdisch bist und ich wegen all der Nazikuschelei nicht für deine Sicherheit garantieren kann. Und du da unten, weil du darauf beharrst, dich nicht zwischen Antisemitismus und Rassismus zu entscheiden.«Gemäldeausschnitt. Drei Personen mit Brüsten in historisierenden Gewändern in römischem Bad. Hinzugefügter Text: Wenn wir uns treffen, machen wir halt so Mädchensachen: Demokratie, Menschenrechte, Klimaschutz.Gemäldeausschnitt. Sinnierende Gestalt in historisierendem Gewand. Hinzugefügter Text: Würden sich weltweit alle Menschen mit erklärtem Desinteresse an Macht spontan darauf verständigen, Menschenrechte absolut zu setzen und Widerstand zu leisten, gäbe es morgen keinen Krieg mehr. Interessanter Gedanke, oder?

Maus sieht sich nächste Woche. Seid lieb, nur nicht zu Nazis.

XOXO,
FrauFrohmann

Die von mir rosa eingefärbte Pastellzeichnung John Singer Sargent von 1905 zeigt Gladys Deacon, Duchess of Marlborough (7.2.1881–13.10.1977)

Die Situation der am 7.2. im 19. Jahrhundert geborenen bedeutenden Persönlichkeiten stellt sich laut deutscher Wikipedia ähnlich wie die im letzten Newsletter dar: Es gab scheinbar überwiegend Männer von Bedeutung, und die Bedeutung von Frauen lag auffällig oft in ihrer Fuckability. 43 Nennungen, davon drei Frauen, davon eine Schriftstellerin, eine Politikerin, eine Mätresse. Ja, da steht wirklich: »Gladys Marie Deacon, französische Mätresse«. Wären Sexarbeiterinnen in der deutschen Gegenwart fair behandelte, gesellschaftlich geachtete Berufstätige, würde ich, ohne zu wissen, ob Mätressen damit ganz korrekt bezeichnet sind, etwas weniger meckern, aber so ist es einfach 100 % zum Verzweifeln bringende Maskupedia.

#GladysDeacon #Maskupedia #VierWochen #Mpffhmppffhmpffh #Katersalon

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