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Folge 30

Etwas Altes: Ein Zettel

Ziemlich zu Beginn von Tausend Tode schreiben (Öffnet in neuem Fenster) war ich mal in Saarbrücken bei der Kinderbuchmesse, um über das Projekt zu berichten. Nach meinem Vortrag kam ein älterer Mensch auf mich zu und steckte mir einen Zettel zu, meine Ausführungen hätten da eine Erinnerung wachgerufen. Nein, E-Mail ginge leider nicht, aber ich könne das, was auf dem Zettel steht, sehr gern einfach verwenden. 

Das werde ich nun in der ersten Version nach der langen Pause auch tun. Eigentlich gibt es keine Bilder in diesem E-Book, aber irgendwie gibt es nun doch eines. 

– Ich werde dafür noch eine ganze Weile brauchen, Februar kommt mir gerade realistisch vor. Aber ich werde zwischendurch schon neue Texte annehmen, dazu bald mehr.

Etwas Neues: Laserruheraum

Laser hat ein neues Zimmer, besser gesagt, eine eigene Ecke in meinem neuen Arbeitszimmer, das ich jetzt habe, weil mein jüngeres Kind sein neues Zimmer nebenan bezogen hat, das alte meines älteren Kindes, nachdem dieses ein neues Leben in einer eigenen Wohnung begonnen hat. 

Lasers altes Arbeitszimmer ist mein neues Lager, ehrlich gesagt, schon ziemlich lange und, noch ehrlicher gesagt, hat er nur das eine Mal in seinem niedlichen Bettchen in seinem niedlichen Zimmer gelegen, das ihr auf dem nächsten Foto seht. BILDER LÜGEN NICHT, aber sie verschweigen gern eine Menge, darunter auch Wesentliches. Sein neues Lager nimmt Laser, obwohl es kein wundervoller Dreckwäschehaufen aus stinkenden Sportklamotten ist, einigermaßen gut an, weil es sich direkt neben meinem Schreibtisch befindet, und auch bei Katzenimmobilien Lage! Lage! Lage! zählt. 

Etwas Geborgtes: Ein Zitat 

»In ihrem Roman Die Wand spitzt Marlen Haushofer das Ein- bzw. Ausgesperrtsein metaphorisch zu. Es ist ein Buch, an das ich mich lange nicht herangewagt habe, weil ich mich der darin geschilderten Sitaution nicht mal in Gedanken aussetzen wollte, und ich wusste von vielen, dass es ein intensives Leseerlebnis ist, dem man sich nicht entziehen kann.« – Nicole Seifert, FRAUEN LITERATUR (Öffnet in neuem Fenster)

(Ja, puh, ich habe das Buch auch kurz nach dem zweiten Lockdown und zwei Jahren Corona-Abi-Betreuung zum ersten Mal gelesen, »intensives Leseerlebnis« trifft es gut, Die Wand hat mich in vielerlei Hinsicht umgehauen. Das Buch von Nicole Seifert empfehle ich allen, die beruflich oder privat mit Literatur zugange sind. Selbst wenn man sich im Thema schon gut auskennt, bringt es die Problemlagen und auch Lösungsvorschläge sehr überzeugend zusammen, man weiß jetzt einfach, woraus man schnell zitieren kann, wenn einem das tägliche unnötige Ja, aber, Abteilung Literatur, begegnet.)

Etwas Uncooles: Warum heißt es Pop- und nicht Von-Literatur?

Ich habe mit 25 Jahren Verspätung in Arbeitspausen ein paar E-Books Popliteratur weggelesen, und obwohl ich ja die Idee eines sachlichen Buchs über die Popper-Jugendkultur aufgegeben habe, um nicht als Nebeneffekt den übelsten Popanzen aus Politik und Politik versehentlich noch Street Cred zu geben, bin ich jetzt umso entschlossener, ein Buch über »Post-Coolness« zu schreiben. Die letzten fünf Jahre haben in mir die Überzeugung geweckt, dass ich Buffy The Vampire Slayer für falsch verstandene Coolness bin (Spoiler: »falsch verstanden« betrifft auch den Löwenanteil des Coolnesskonzepts selbst), also gar keine Wahl habe: es ist mein Schicksal, meine Bestimmung, meine Aufgabe. Im Frühjahr habe ich die Verlagsverzögerungen aufgearbeitet, danach nehme ich mir eine Weile frei und schreibe. 

Was ich beim Lesen witzig fand: Alexa Hennig von Lange schreibt damals in RELAX wie Heinz Strunk heute, und ihrem Buch konnte ich, was Perspektiven anging, tasächlich das eine oder andere abgewinnen. Was ich nicht witzig fand: alles sonst in allen anderen Büchern.  Außerdem frage ich mich, ob da ziemlich unbefangen untereinander geklaut wird oder ob das diese Intertextualität ist. Vielleicht kommt man aber auch einfach zwangsläufig auf bestimmte Ideen und Motive, wenn man ähnliche Lifestyle-Koordinaten hat. 

Warum aber heißt es Pop- und nicht Adel-, Erbe-, Von-Literatur? 

Weil Songzitate + innerer Laberflash + Buchdeckel  = Popliteratur? 

Ich will auf keinen Fall das Leseglück von jungen Menschen damals nachträglich verschmutzen, es geht mir nur (riesiges nur) darum, was in diesen Texten für eine Haltung zum Ausdruck kommt und wohin die gesellschaftlich und auch ästhetisch geführt hat. Freut euch auf meine Close Readings. (Ich liebe Close Readings.) 

Adel nur noch Aldi aussprechen. Alle flippen völlig aus, reißen Lars seine coole Bag aus den Händen, füllen sie ironisch mit trashigen Alkdosen, fahren damit nach Brandenburg und trinken mit Nazis auf Augenhöhe ein Bier. Danach geht es, uff, Erleichterung, zurück in die Metropole, ironisch pogen im Popper-Punkclub, safe space für erbende Weiße, die woanders berechtige Sorge haben müssten, von Punks zu Recht auf die Fresse zu bekommen. 

Der Von-Scherz bezieht sich nur auf das abstruserweise – was heißt abstrus, aus Marketinggründen natürlich – Popliteratur genannte Phänomen der späten Neunziger und frühen Nuller. Die frühere, vor allem US-amerikanische Popliteratur kann nichts dafür, die hat ihre eigenen Sorgen. 

GUERLICA

Verlagsneuigkeiten

Auf dem Weg, zu Papier gebracht zu werden aka digital fertig, aber noch nicht gedruckt, sind zwei Bücher, ihr könnt sie schon vorbestellen. 

Farcen-Generator (Öffnet in neuem Fenster) von Lillian-Yvonne Bertram ist, wenn man sich darauf einlässt, ein wirklich weltenbewegendes Buch. 

Wie Cathy Park Hong schreibt: 

»Indem sie ihre ›Gegenerzählungen‹ Schwarzer Leben in Code formuliert, zeigt Bertram auf brillante Weise, wie die Erfahrungen Schwarzer Menschen kodifiziert, homogenisiert und für die kapitalistische Verbreitung abgefertigt werden. Code, geschrieben von weißen Männern, ist Teil des vorprogrammierten Systems der white supremacy, in dem sich strukturelle Gewalt selbst verstärkt. Bertram aber hackt sich in diese Sprache ein. Sie arbeitet sie um, indem sie das Lyrische mit dem Programmierskript synthetisiert. Sie übernimmt damit den Staffelstab von Harryette Mullen und den Oulipoeten, und eilt mit ihm in die Schwarze Zukünftigkeit des kommenden späten 21. Jahrhunderts. Farcen-Generator ist genial.« 

Vielen Dank an Hannes Bajohr, der Lillian-Yvonne Bertram ins Programm geholt und Farcen-Generator aus dem Englischen übersetzt hat. Ihr habt noch nie von Lillian-Yvonne Bertram und Cathy Park Hong gehört? Es ist nicht eure Schuld, aber vergesst doch, statt euch immer wieder aufs Neue zu ärgern, einfach Dennis und Elke, dann habt ihr wieder Platz für neue Literatur im Kopf.

*

Warum heißt es Traum und nicht Memoryschaum (Öffnet in neuem Fenster) von Gabriel Yoran und Christoph Rauscher ist  eine ziemlich bezaubernde Schulung darin, dass Sprachverdrehung keinesfall immer dem Menschengruppenhass dient, sondern sehr hübsch und poetisch sein kann, ja, dass Sprache es ganz gut verträgt, verändert zu werden. Manche nennen das Phänomen auch Literatur. 

»Wieso heißt es Buchrücken und nicht undercover, fragt man da als Zitatgeberin sofort nach Lektüre dieser lustigen, Raymond-Queneau-haften, sprachverspielten, poetischen Purzelbäume.« – Samira El Ouassil

Diese beiden neuen Titel bilden, wie ich finde, eine gute Klammer um das, was der Frohmann Verlag ist und auch sein will. Nächste Woche erzähle ich euch von der regain-Reihe, von Doña Milagros (Romantitel und -figur), Emilia Pardo Bazán (Autorin) und von Birgit Kirberg (Übersetzerin).

Zurück zu ... mir fällt diese Woche kein End-Wortspiel ein, aber das war ja schon eines. Seid lieb, nur nicht zu Nazis.

XOXO,
FrauFrohmann

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