Dispo Crypto Art

Diese Woche in der Zukunft: Dispo, Crypto Art und schmelzende Fonts

Die nächste Hype-App nach Clubhouse ist gefunden: Dispo. Wie Instagram, nur dass die geschossenen Fotos »entwickelt« werden müssen und erst am nächsten Morgen zu sehen sind. Eine Foto-App mit delayed gratification, eingebautem sozialen Netzwerk und Echtheits-Versprechen. Die Nutzer:innen sollen im Moment leben, nicht Fotos bearbeiten, auf Followerzahlen gucken oder Brands folgen. Eine Einwegkamera, wie früher, aber als App: Mit dieser spießigen Retro-Idee hat der 24-jährige YouTuber David Dobrik 20 Millionen Dollar eingesammelt.

Die ersten Dispo-Schnappschüsse sind bereits als NFTs verkauft. Das ist der nächste große Trend des Jahres – technisch geht es um Non Fungible Tokens, einzigartige Dinge, die in einer Blockchain wie Ethereum gespeichert sind. Eigentlich geht es um künstliche Verknappung: Digitale und damit eigentlich frei und beliebig kopierbare Kunstwerwerke bekommen ein »Original«, das Menschen dann für wertvoller halten können. Das passiert seit Jahren, aber spektakuläre Auktionen haben diesen neuen Markt für Digitalkünstler in den vergangenen Wochen bekannt gemacht: 

Fast 400.000 Dollar für nicht Mal eine Minute Videoclip von Grimes. Rund 470.000 Dollar für NyanCat. Angeblich 6,6 Millionen Dollar für ein kurzes GIF. Und so weiter.

Ist das nun endlich ein sinnvoller Blockchain-Einsatz? Geht so. Noch immer plagt das Energieproblem – verkauft werden hier nicht nur rein ideelle Werte, sondern immer auch Rechenpower für die kryptografische Sicherung. Was sich mit neuer Blockchain-Software später bessern könnte (und ein interessanter Versuch sein wird – wenn weniger Geld in Form von Rechenpower ein Kunstwerk unterfüttert, ist es dann noch so viel wert wie vorher?). 

Then again ist der herkömmliche Kunst-Milliardenmarkt ein hierarchisches wie intransparentes Schrottsystem.

Während Crypto-Boys zu Spekulationszwecken funny money in den neuen Kunstmarkt pumpen (und hoffentlich Künstler:innen ein paar Ether abbekommen) schmilzt das Eis. 

Visualisieren lässt sich das mit dem Klimakrisen-Font: Die finnische Zeitung Helsingin Sanomat hat eine Schrift entwickelt, die als variabler Font stufenlos (oder auf älteren Systemen in acht Versionen) immer mehr schmilzt, so wie das Eis in der Arktis von 1979 bis 2050. Die Schrift gibt es zum Download:

Gelesen: »No one is talking about this« von Patricia Lockwood

Das Buch ist lose verwandt mit »Fake Accounts« von Lauren Oyler, wirkt aber wie die erwachsenere, schlauere Variante. In beiden Büchern geht es um das Hier und Jetzt. Die Erzählerin lebt auf Twitter, das hier »Portal« heißt, ist für ein Meme bekannt – »Can a dog be twins?« – und fragt sich, inwiefern ihre Welt das Ergebnis russischer Cyberoperationen ist. Die erste Hälfte ist wahnsinnig komisch, richtig gut beobachtet – so fühlt es sich an, online zu sein. Die zweite Hälfte handelt von einer familiären Krise und Aufenthalten in der Intensivstation eines Krankenhauses. Wenn schon Kontrast, dann richtig. Weil die Erzählerin aber mit dem Internet groß geworden ist, ihr Denken vom Hivemind geprägt ist, von Memes, von den Gesetzen der Aufmerksamkeit, zerfließt die Trennung: Offline gibt es nicht mehr.

Extremely Internet

  • Nightline: Nächtliches U-Bahnfahren durch futureske Städte als Spiel, fast wie eine LowFi-YouTube-Playlist oder ein Bildschirmschoner.
  • GameBoy-Fotografie: Es geht immer noch mehr retro – zum Beispiel mit pixeligen Schwarzweiß-Kameras von vor 23 Jahren.
  • When Podcast Hosts Speak, What Do We Hear? Eine Text-Audio-Spielerei über (amerikanische) Podcast-Stimmen.
  • Gab Has Been Breached: Das rechts-alternative Twitter Gab hat tonnenweise Daten verloren. Hier ist eine technische Erklärung – der Großteil der Daten war offenbar vorher schon prinzipiell zugänglich, nun ist er aber von Dritten einfacher durchsuchbar.
  • JazzKeys: Schreiben im Browser zu Klavierklängen, ftw.

Bis nächste Woche!

Das war Ausgabe #54 von THEFUTURE, dem Newsletter über das wilde Internet und die Zukunft der Medien von Ole Reißmann.

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