Zwischenzeit_en erscheint normalerweise samstags. Doch da ich diese Woche für den Newsletter mit Kristina Lunz, Co-Gründerin des Centre for Feminist Foreign Policy (CFFP), über aktuelle Themen gesprochen habe, erscheint er diese Woche mit einem Zeitsprung nach vorn. 

Eine ,Zeitenwende‘ in der deutschen Außenpolitik sei am Sonntag passiert, so kommentieren gerade viele, dass Bundeskanzler Olaf Scholz ein Sondervermögen für die Bundeswehr angekündigt hat in Reaktion auf den Angriffskrieg von Russland auf die Ukraine. „Klar ist, wir müssen deutlich mehr investieren in die Sicherheit unseres Landes, um auf diese Weise unsere  Freiheit und unsere Demokratie zu schützen“, so Scholz bei seiner Rede. Das Ziel sei „eine leistungsfähige, hochmoderne, fortschrittliche Bundeswehr, die  uns zuverlässig schützt“. 

Befinden wir uns gerade in einer Zwischenzeit, in der Deutschland vulnerabel ist und seinen Schutz durch Aufrüstung erst wieder herstellen muss? Ich fühle mich seit Tagen paralysiert von einer Ohnmacht gegenüber einem Krieg, der gerade erst begonnen hat und doch bereits von vielen Menschen mit der Prognose kommentiert wird, dass er den bisherigen Alltag in Deutschland und Europa gravierend verändern werde. In vielerlei Hinsicht.

Schon in der Pandemie wurde viel darüber nachgedacht, wie die Veränderungen, die sie mit sich gebracht hat, das Zeitgefühl verändern. In einigen Wochen erscheint ein neues Buch des renommierten Zeitsoziologen Jürgen P. Rinderspacher zu dieser Frage mit dem Titel „Pandemische Zeiten Wie Corona unseren Umgang mit der Zeit verändert“. Wie verändert ein eskalierender Krieg an einem anderen Ort das Zeitgefühl, wenn man ihn nicht nur medial verfolgt sondern er auch die Politik, in dem Land, in dem man selbst lebt, verändert? Der vielleicht real noch näher rücken könnte und über soziale Medien ohnehin sehr nah kommt und beinahe in Echtzeit übertragen wird? 

Für Menschen, die flüchten müssen, deren Wohnungen und Heimat zerstört wird, die Angehörige und Freund_innen verlieren, die Traumatisches erleben, wird die Zeit zerrissen. Ihre Biografien erleiden einen Bruch, pausieren im Schock, werden fortgesetzt und sind von nun an verändert. Ihre Zukunft ist ungewiss. Zukunftsbilder, die Menschen hatten, zerplatzen und müssen irgendwann neu gefunden werden. Krieg raubt all denjenigen, die darin sterben, so viele Lebensjahre und damit auch all die gemeinsamen Zeiten mit denen, die sie vermissen.

Laut einer neuen Umfrage stützen etwa zwei Drittel der Menschen in Deutschland die gerade beschlossene Aufrüstung der Bundeswehr. 25 Prozent der Befragten sprachen sich dagegen aus. Beurteilen, was in der gegenwärtigen Situation und für die nächsten Jahre richtig ist, kann ich nicht. Mich macht der Gedanke beklommen, dass Demokratie und ein weitgehend freies Leben nur zu schützen seien, sofern sie jederzeit auch mit Waffengewalt verteidigt werden könnten: Frieden gesichert durch die Demonstration von militärischer Stärke. Von der Möglichkeit, Leben auszulöschen, Gebäude zu zerstören. 

Ist das die Realität, die wir gerade akzeptieren müssen oder entscheiden wir uns für diesen Umgang miteinander, weil er gelernt und vertraut ist? Wenn wir einander grundsätzlich Gewalt und Bösartigkeit zutrauen, ist dann Vertrauen ebenso grundsätzlich eine Illusion?

Warum bin ich der Meinung, dass die Menschen langfristig ohne Waffen leben können und die Neigung zu Gewalt uns nicht inhäherent ist? Naivität und fehlende Erfahrung, weil ich das Glück hatte, in Westdeutschland aufzuwachsen und nie in einem Konfliktgebiet gelebt habe? Meine Erziehung als Mädchen, in der mir eher Anpassungsfähigkeit als Durchsetzungskraft vermittelt wurden? Meine Freiheit, dass ich zart sein kann, ohne abgewertet zu werden?

Die Friedensforscherin Elise Boulding hat einmal geschrieben:

„Precisely because women are marginal to decision-making about the present social oder, they are freer to imagine radically other futures.“

Übertragen gilt das sicherlich für viele andere Menschen, die zu wenig daran beteiligt sind, darüber mit zu entscheiden, wie sie leben können.

Ich hoffe, dass all denjenigen, die nicht freiwillig ihr Land verlassen und nicht kämpfen würden, wenn sie nicht müssten, irgendwann umso freier sind, sich eine eigene und andere Zukunft vorstellen zu können.

Das Zitat von Elise Boulding passt zu dem Thema, über das ich mit Kristina Lunz gesprochen habe. Sie hat vor wenigen Tagen das Buch „Die Zukunft der Außenpolitik ist feministisch. Wie globale Krisen gelöst werden müssen“ veröffentlicht. Ich habe sie gefragt, was sich hinter diesem Politik-Ansatz verbirgt und was er zur Lösung von Konflikten beitragen kann.

„Die Perspektiven von marginalisierten Menschen spielen in einem traditionellen Verständnis von Außenpolitik keine Rolle“

Teresa Bücker: Dein Buch ist fast 400 Seiten lang. Ein Hinweis darauf, wie viele Perspektiven sich unter dem Schlagwort ,feministische Außenpolitik‘ versammeln. Welche Utopien zeichnet eine feministische Außenpolitik?

Kristina Lunz: „Feministischer Außenpolitik liegt folgendes Verständnis zugrunde: Wir können nicht mit einer Außenpolitik des ,business as usual‘ fortfahren, wenn wir Frieden und Sicherheit für alle schaffen wollen. Traditionelle Außenpolitik, die auf Dominanz, Macht und Militär setzt und Ungerechtigkeiten nicht beachtet, kann keine gerechten und wirksamen Lösungen zu den dringendsten globalen Krisen unserer Zeit entwickeln: wie die Klimakrise, Menschenrechtsangriffe, Pandemien oder (nukleare) Aufrüstung. Diese Krisen können nicht nationalstaatlich, sondern nur international gelöst werden. Und ohne feministischen Ansatz werden alle Lösungsversuche bestehende Ungerechtigkeiten und Machtgefälle vergrößern. Die Zukunft der Außenpolitik kann daher nur feministisch sein, wenn sie Krisen wirklich lösen will.

Kernprinzipien einer feministischen Außenpolitik sind ein umfassendes Verständnis von Gender, Anti-Rassismus, Intersektionalität, sowie innen- und außenpolitische Kohärenz. Feministische Außenpolitik gründet auf Menschenrechten und wird von der Zivilgesellschaft mitformuliert. Sie ist transparent, anti-militaristisch und auf Kooperation statt Herrschaft über andere ausgerichtet. Feministische Außenpolitik möchte patriarchale Strukturen auch innerhalb von Außen- und Sicherheitspolitik zerschlagen.“

Wie sieht die Realität von feministischen Ansätzen in der Außenpolitik gerade aus?

„Unser Verständnis von feministischer Außenpolitik ist eine Utopie, ja. Und wir werden als zivilgesellschaftliche Organisation auch immer die Maximalforderungen an eine feministische Außenpolitik stellen. Doch wir sehen natürlich auch die politische Realität der Außenpolitik, in der unsere Konzepte nun einmal nicht von heute auf morgen umzusetzen sind. Wir können daher auch die kleineren Schritte anerkennen und wertschätzen, die Länder in Richtung einer feministischen Außenpolitik gehen.“

Welche Länder sind das bislang?

„Nachdem Schweden in 2014 als erstes Land der Welt eine feministische Außenpolitik deklariert hat, gibt es einige weitere Länder, die sich diesen Titel auf die Fahne geschrieben haben. Beispielsweise Kanada, Frankreich, Mexiko und seit Kurzem auch Spanien haben offiziell erklärt, eine feministische Außenpolitik zu verfolgen. Deutschland plant laut Koalitionsvertrag die Entwicklung eines Konzepts dafür. Die jeweilige Umsetzung der feministischen Außenpolitik unterscheidet sich stark von Land zu Land und grundsätzlich kann man sagen, dass alle diese Länder noch weit von der tatsächlichen Utopie entfernt sind, wie wir in der Arbeit des CFFP zeichnen.“

Die Entscheidung der deutschen Bundesregierung, der Ukraine Waffen zu liefern und den Etat für Militärausgaben zu erhöhen, wird als „Zeitenwende“ bezeichnet. Wie ordnest du die aktuellen Entwicklungen ein?

„Im akuten Fall der Notwehr auf einen Angriffskrieg kann ich nachvollziehen, dass Deutschland Waffen an die Ukraine liefert. Denn wir können die Ukrainer_innen jetzt nicht im Stich lassen, insbesondere nachdem Deutschland durch Energieimporte Russland und Putin auch unterstützt hat. Diese so genannte Zeitenwende, die nicht nur Waffenlieferungen umfasst, sondern auch das Bekenntnis, dass die deutsche Regierung verstärkt aufrüsten möchte, führt momentan auch in meinem außenpolitischen Bekanntenkreis zu unkritischer Glorifizierung. Das macht mir sehr große Sorge. Ich wünsche mir, dass die Regierung besonnen agiert und auch entsprechend kommunizieren wird. Sie sollte wissen, dass auf die lange Sicht Militarisierung zu immer mehr Konflikten, mehr Kriegen und mehr Gewalt führen wird, auch wenn Waffenlieferungen und Militarisierung jetzt gerade sinnvoll erscheinen. Wenn nicht gleichzeitig massiv in Multilateralismus, die Stärkung des Völkerrechts, der Menschenrechte und in Rüstungskontrolle investiert wird, dann wird kürzer oder später die nächste völkerrechtswidrige Aggression passieren. Die Glorifizierung von Militarisierung steht zudem im Zusammenhang mit zunehmendem Nationalismus. Und Nationalismus, Rassismus, Antifeminismus und die Ausgrenzung von Menschen führen nicht dazu, dass Menschen sicherer leben können.“

Wie gibt die deutsche Verteidigungspolitik bislang ihr Geld aus?

„Bereits vor der Entscheidung für ein Sondervermögen von 100 Milliarden Euro hat Deutschland die Investitionen in Verteidigung und Waffen gegenüber den Investitionen in Abrüstung und Friedenssicherung klar priorisiert. 2020 hat die Bundesregierung nur 40 Millionen Euro für Abrüstung, Nichtverbreitung und Rüstungskontrolle und nur 400 Millionen Euro für Krisenprävention, Stabilisierung und Friedensförderung ausgeben. Der Verteidigungshaushalt von Deutschlands betrug im Jahr 2020 aber insgesamt 45,65 Milliarden Euro.

Warum das so problematisch ist: Militarisierung, Aufrüstung und Investitionen in die Bundeswehr machen uns langfristig nicht sicherer. Auch wenn die Pressemitteilung des Verteidigungsministeriums den Titel trägt ,Mehr als 100 Milliarden Euro für die Bundeswehr – für unsere Sicherheit‘, gilt das eben nicht für die Sicherheit aller Menschen. Insbesondere für Frauen, Mädchen und LGBTQI*-Personen sind Aufrüstung und Waffen eine Bedrohung ihrer Sicherheit. Die Wahrscheinlichkeit, dass Frauen im Rahmen von intimer Partnergewalt zu Tode kommen, steigt erheblich, wenn eine Schusswaffe im Haushalt vorhanden ist. In mehr als einem Drittel aller Femizide weltweit sind Schusswaffen involviert. Wo mehr Waffen verfügbar sind, sterben mehr Menschen.

Und für die deutsche Bundeswehr gilt im Besonderen, dass der seit Jahren kaum adressierte Rechtsextremismus innerhalb der Bundeswehr die Sorgen von marginalisierten Menschen in Deutschland verschärft, wenn sie nun mehr Geld bekommt. Hierzu twitterte beispielsweise der jüdische Autor Max Czollek: ,So lange die Bundeswehr ein Naziproblem hat ist die Aufrüstung extrem gefährlich für meine Freund*innen und mich.‘

Und noch eine Sache bereitet mir großes Unbehagen: Diese 100 Milliarden Euro für die Bundeswehr sind auch 100 Milliarden Euro, die an anderer Stelle weniger investiert und fehlen werden. Wir können uns bereits jetzt denken, wo dieses Geld eingespart werden wird: An Sozialleistungen, an Investitionen in die Zivilgesellschaft, an Klimaschutz und vielen weiteren Stellen, die so viel mehr tatsächliche Sicherheit schaffen könnten, als es die Bundeswehr kann. Ein hoher Verteidigungsetat könnte also andere Politikbereiche schwächen und Fortschritt hemmen.“

Hinweis: Das Centre for Feminist Foreign Policy hat eine Publikation zum Thema: „Wie militarisiert ist die deutsche Außenpolitik?“

Die Historikerin Hedwig Richter schrieb vor ein paar Tagen auf Twitter: „Der Westen kann zivil, weich & woke, den Frieden liebend & fähig zur Selbstkritik bleiben (all das, was gut und eben nicht "dekadent" ist) - und zugleich zur militärischen Verteidigung der Demokratie in der Lage sein. Womöglich gehört beides zusammen.“ Ist das der Kompromiss oder die Gegenwartsbeschreibung, der sich feministische Außenpolitik anschließen kann?

„Militarisierung kann in einer feministischen Utopie niemals ein Selbstzweck sein, eben weil Militarisierung und die folgende Aufrüstungsspirale immer zu Kriegen und Konflikten führen wird. Und weil Militarisierung verbunden ist mit Nationalismus, Antifeminismus und der Zementierung von Machtverhältnissen. Doch wir leben leider noch nicht in dieser feministischen Utopie, auch wenn meine Organisation und viele andere unermüdlich dafür kämpfen. Stattdessen leben wir nach wie vor überwiegend in patriarchalen Gesellschaften, die Werte wie Dominanz, Unterdrückung und militärische Gewalt zur Basis ihres außenpolitischen Handelns machen. In dieser Gegenwart, in der Aggressionen Realität sind, kann militärische Verteidigung bei gleichzeitigem, langfristigem Einsatz für Demilitarisierung ein Kompromiss sein.“

In Krisen erstarkt die politische Männlichkeit. Was bedeutet das langfristig und was kann man dieser Tendenz – gesellschaftlich sowie politisch – entgegensetzen?

„Aufrüstung und die Anwendung von Waffen gelten im gesellschaftlichen Diskurs oft als rational, stark und mächtig – und werden insbesondere mit Männlichkeit gleichgesetzt. In diesem Kontext bedeutet ,echte‘ Männlichkeit mit Waffengewalt Macht auszuüben und insbesondere die ,schwächeren‘ Frauen dadurch zu schützen. Dieses Narrativ ist nicht nur falsch, es ist auch sehr gefährlich, da es toxische Männlichkeit begünstigt und Menschen wie Putin, die ganz klar einem toxischen Bild von Männlichkeit folgend agieren, in einer patriarchalen Gesellschaft, die auf dieser toxischen Männlichkeit basiert, Tür und Tore öffnet. Wollen wir diese Kultur weiter hofieren oder ihr etwas entgegensetzen?

Patriarchat bedeutet auch, dass fast alle Gewaltakte in unserer Gesellschaft von Männern ausgehen. Auf eine Gewalttat durch Frauen kommen ca. zehn Gewalttaten von Männern. Patriarchat bedeutet ebenso, dass männliche Gewalt normalisiert und geduldet ist und daher zum Großteil straffrei bleibt. Zu patriarchaler Gewalt zählt außerdem Queerfeindlichkeit und das Verwehren von Rechten für LGBTIQ*-Personen. Wenn wir alle in Frieden, Sicherheit und Freiheit leben wollen, ob im direkten Umfeld oder international, müssen patriarchale Strukturen abgebaut werden. Dringend.“

Bringen Kriege Frieden? Wer profitiert von Krieg?

„In erster Linie profitiert vom Krieg die Rüstungsindustrie. Die Beziehung zwischen Militär und Rüstungsindustrie ist so innig, dass gemeinhin von einem sogenannten militärisch-industriellen Komplex gesprochen wird. Die zehn größten Rüstungsunternehmen haben 2019 insgesamt einen Umsatz von 250 Milliarden US-Dollar erwirtschaftet. Weltweit wurden 2020 etwa 1,96 Billionen US-Dollar für Militär und Verteidigung ausgegeben. Im gleichen Zeitraum wurden aber nur etwa 6,5 Milliarden US-Dollar für die Friedensmissionen der UN zur Verfügung gestellt. Schätzungen zufolge haben deutsche Rüstungskonzerne in den letzten 20 Jahren etwa 400 Millionen Euro mit der Herstellung von Waffen für den Afghanistaneinsatz verdient – übrigens nur ein Bruchteil der Waffenexporte Deutschlands.

Die feministische Außenpolitik schlägt inklusivere Friedensprozesse vor. Viel zu oft werden in Krisensituationen große Teile der Bevölkerung ausgeschlossen und ihre Bedürfnisse missachtet. Dabei wissen wir eigentlich, dass Friedensabkommen länger halten, wenn Frauen an ihrer Aushandlung beteiligt sind und zwar deshalb, weil politische Entscheidungen immer nur so gut und inklusiv sein können, wie die Köpfe dahinter. Ohne Diversität geht es nicht.

Studien haben gezeigt, dass die Gefahr des Scheiterns von Friedensabkommen um 64 Prozent sinkt, wenn die Zivilgesellschaft und Frauen maßgeblich an ihrer Formulierung beteiligt sind. Zudem steigt dann auch die Wahrscheinlichkeit deutlich, dass sie mindestens 15 Jahre halten. Zwischen 1992 und 2019 lag der Frauen-Anteil bei Friedensprozessen aber durchschnittlich nur bei 13 Prozent bei den Verhandelnden, bei sechs Prozent bei den Mediator_innen und bei sechs Prozent bei den Unterzeichnenden. Die Hälfte der Friedensprozesse finden gänzlich ohne weibliche Beteiligung statt. Das prägt unsere Welt.“

Welche feministischen Interventionen hältst du für notwendig: Sowohl im Umgang mit Russland und in der Unterstützung in der Ukraine als auch für den politischen Diskurs?

„Wenn es 100 Milliarden Sondervermögen für Militarisierung geben kann, dann sollte es auch hohe Sondervermögen geben für humanitäre Hilfe, für die Unterstützung der Zivilgesellschaft in der Ukraine und vor allem auch für feministische Initiativen, die die zur ,Frauen, Frieden und Sicherheits‘-Agenda des UN-Sicherheitsrates arbeiten, sowie für besonders bedrohte Gruppen wie die LGTBIQ*-Community. Sichere Fluchtwege müssen ohne rassistische Diskriminierung sichergestellt werden. Wir haben bereits innerhalb der letzten Woche gesehen, dass Flüchtenden of Colour Rassismus erleben und somit in größere Gefahr geraten, wenn beispielsweise Menschen ohne ukrainischen Pass an der Grenze direkt abgewiesen werden. Auch hier braucht es einen intersektionalen feministischen Blick auf die aktuelle Situation, der weiß, welche Menschen jetzt besonders schutzbedürftig sind und noch mehr Unterstützung brauchen.“

Gerade jetzt mehren sich wieder die Vorwürfe, feministische Außenpolitik und die Idee der Entmilitarisierung seien naiv oder unrealistisch. Lohnt sich das Engagement dafür aus deiner Sicht weiterhin?

„Das System internationaler Politik basiert auf toxischen Grundannahmen: auf dem sogenanntem ,Realismus‘, der Dominanz, Militarisierung und Aufrüstung über Menschenrechte, menschliche Sicherheit, Klimagerechtigkeit oder gewaltfreies Agieren stellt. Diese Denkschule als ,Realismus‘ zu bezeichnen ist absurd genug, wenn doch die Gedanken- und Realitätswelt einer kleinen Gruppe von Menschen – in diesem Fall Männer aus gesellschaftlich dominanten Gruppen – noch nie die Realität abbilden konnte. Der ,Realismus‘ hat die Lebensrealitäten von Frauen und marginalisierten Menschen nie miteinbezogen. Ihre Perspektiven spielen in einem traditionellen Verständnis von Außenpolitik keine Rolle. Was feministische Außenpolitik macht, ist diese Perspektiven dazu zu holen, sie zu berücksichtigen und ihre Lebensrealität in der Außenpolitik abzubilden. Für eben diese privilegierten Männer, deren Perspektiven schon immer als globaler Standard galten, mag das vielleicht naiv klingen, für alle anderen ist es logisch und lebensnotwendig.

Da die traditionelle Außen- und Sicherheitspolitik immer wieder versagt, fordern Feminist_innen seit über 100 Jahren einen Umbau des Systems, damit Frieden nachhaltiger erreicht werden kann. Unterschiedliche feministische Organisationen und Menschenrechtsverteidiger_innen arbeiten Stück für Stück an einem Systemwandel, beispielsweise durch die Reformierung des Sicherheitsrates oder die Verbannung von Nuklearwaffen. Denn es kann nicht in Ordnung sein, dass fünf nukleare Staaten – wie auch Russland – Vetomächte sind und wie Putin jetzt mit Atomwaffen drohen können.

Es ist wahnsinnig unaufrichtig, dass nun ausgerechnet Feminist_innen, die seit vielen Jahren an der Transformation des Systems arbeiten, eben weil sie die Gefahr von Zentrierung von Macht und gewaltvollen Strukturen begreifen, vorgeworfen wird, sie hätten keine Ahnung von Macht. Macht ist die Grundlage unserer Analyse. Es ist unaufrichtig, ihnen vorzuwerfen, die Ansätze der Abrüstung, Deeskalation und Diplomatie würden nichts bringen, weil wir ja gerade die Konsequenz eines Systems sehen, das Gewalt begünstigt und auf patriarchalem Denken basiert. Denn gerade wird deutlich sichtbar: Das System der Aufrüstung, nuklearen Abschreckung und Militarisierung hat versagt, eben weil dieses System direkt zu Krieg und Gewalt führt. Es hat Putins Angriff auf die Ukraine nicht verhindert und bislang auch nicht gestoppt.

Feminist_innen wissen schon seit sehr langer Zeit: Waffen machen uns nicht sicherer. Sie schaffen keinen Frieden und schon gar keine feministische Sicherheit. Wir brauchen eine Welt, in der alle Menschen sicher leben können. Und zwar wirklich sicher. Unzählige Realpolitiker_innen stempeln diese Forderung als naiv und blauäugig ab. Aber wenn die Abschaffung von Krieg, Gewalt und bewaffneten Konflikten und stattdessen von Frieden und Sicherheit für alle nicht unser endgültiges Ziel ist, was denn bitte dann?“

Wie würdest du Frieden definieren? Woran zeigt er sich?

„Frieden ist als mehr als nur die Abwesenheit von Krieg, sondern die Abwesenheit von jeglicher Form der strukturellen Gewalt und Unterdrückung. Für uns, CFFP, gehört zur Umsetzung von Frieden auch Gerechtigkeit, der Abbau diskriminierender Strukturen und das Ende des Patriarchats. Das bedeutet ganz konkret, dass wir Geld investieren müssen in die Stärkung von Menschenrechten, in die Bewältigung der Klimakrise, in soziale und wirtschaftliche Gerechtigkeit und den Schutz von Gesundheit. Nur so kann Frieden in allen Lebensbereichen und vor allem für alle Menschen erreicht werden.“

In wohlhabenden Ländern, in denen gerade keine militärischen Krisen den Alltag bestimmen, diskutieren Feminist_innen über Themen wie Care-Arbeit und Karriere-Chancen, während anderswo Frauen und marginalisierte Gruppen um ihr Überleben und Menschenrechte kämpfen. Hängen diese Kämpfe miteinander zusammen? Kann man sie sogar miteinander verbinden?

„Diese Kämpfe hängen eindeutig und untrennbar zusammen. Wir leben, auch in wirtschaftlich privilegierteren Ländern wie Deutschland, nach wie vor in einer patriarchalen Gesellschaft. Also einer Gesellschaftsordnung, in der Männer die rechtliche, ökonomische und insbesondere auch politische Macht innehaben, während Frauen eher der private, häusliche Bereich zugeteilt wird. Queere und nicht-binäre Menschen werden in dieser Gesellschaftsordnung unsichtbar gemacht und ausgegrenzt. Die bestehenden Benachteiligungen von Frauen zum Beispiel durch Care-Arbeit spiegeln wider, wie tief die patriarchale Ordnung immer noch in unseren Köpfen verankert ist und wie schwer es ist, sie zu überwinden. Gleichzeitig wissen wir auch, dass die Gleichstellung von Frauen innerhalb einer Gesellschaft direkt korreliert mit dem Wohlergehen einer Nation. Die amerikanische Professorin Valerie Hudson hat anhand von beeindruckenden Zahlen belegt, dass je stärker Frauen unterdrückt werden, desto schlechter sind Wirtschaftsleistung, die Gesundheit und der soziale Fortschritt eines Landes und desto höher ist die Wahrscheinlichkeit für gewaltsame Konflikte. Ihre Forschung hat zudem herausgefunden, dass der signifikanteste Faktor dafür, ob ein Staat nach innen oder außen gewaltbereit ist, sein Niveau der Gleichberechtigung ist.

Fragen wie die Verteilung von Care-Arbeit und Karriere-Chancen sind also nicht nur kleine Problemchen von privilegierten Frauen, sie sind Teil eines patriarchalen Grundverständnisses, das wir überwinden müssen. Das ist auch mit ein Grund, warum wir unbedingt auf dem Begriff ,feministische‘ Außenpolitik bestehen: alle diese Kämpfe für Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit stehen in der Tradition mutiger Frauen und Aktivist_innen, die seit mehr als hundert Jahren für Feminismus kämpfen und auf deren Schultern wir stehen.“

Welche Bücher oder Informationsquellen kannst du außerdem Menschen empfehlen, die sich mehr mit internationalen feministischen Perspektiven beschäftigen wollen, mit Menschenrechten und mit den Wegen zu Frieden und Gerechtigkeit?

„Maja Göpel – Unsere Welt neu denken, Emilia Roig – Why we matter und Ray Acheson – Banning the Bomb, Smashing the Patriarchy.

In meinem Buch interviewe ich außerdem 13 weitere Frauen, die in unterschiedlichen Bereichen zu einem feministischen Verständnis von Außen- und Sicherheitspolitik arbeiten. Sie alle sind Expertinnen auf ihrem Gebiet und ihrem Stimmen sollten gehört und gelesen werden: Margot Wallström, Toni Haastrup, Valerie Hudson, Chandra Mohanty, Sanam Naraghi Anderlini, Cynthia Enloe, Jennifer Cassidy, Beatrice Fihn, J. Ann Tickner, Bonnie Jenkins, Samantha Power, Madeleine Rees und meine CFFP-Mitgeschäftsführerin Nina Bernading.“

Danke für deine Zeit und das Gespräch, Kristina.

Das Interview wurde schriftlich geführt. Kristina Lunz hat die Fragen unterstützt von der Mitarbeit von Annika Kreitlow vom CFFP beantwortet.

  • Eine Lesung mit Kristina Lunz und Luisa Neubauer in Berlin findet am 20. März statt.
  • Ein anderes Interview zum Thema hat diese Woche Leandra Bias, Forscherin am Friedensinstitut „Swisspeace“, gegeben: „In Putins patriarchalem Weltbild müssen Untergeordnete folgen: von der Frau bis zur Ukraine“
  • Feministinnen in Russland protestieren gegen Putins Krieg. (Jacobin)
  • Wenn ihr für Menschen in der Ukraine oder für Geflüchtete spenden möchtet, findete ihr auf der Website des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen Infos für zielgerichtetes und sicheres Spenden. Geldspenden sind gerade besonders wichtig, da Hilfsorganisationen wissen, was gebraucht wird und Dinge oft zu Einkaufspreisen besorgen können. Für Sachspenden haben viele Organisationen Bedarfslisten, an denen ihr euch orientieren könnt.

Danke fürs Lesen, Teresa

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