Vergangene Woche hatte ich eine Lesung, eine Leipziger Buchhandlung hatte eingeladen. Es war eine kleine Runde auf zoom.   

Ich hatte früher an dem Tag noch die Veranstalterin gebeten, die Lesung mit einem Text über den rassistischen Anschlag in Hanau zu beginnen, damit wir zuerst über das Wichtigste sprechen können. Beim Lesen dieses Textes ist mir aufgefallen, dass sich seit dem Anschlag kaum etwas zum Besseren geändert hat. Die Gefühle, von denen ich ein paar Tage nach dem rechtsextremen Mord an neun Menschen zum Ausdruck gebracht hatte, habe ich bis heute: Wut, das Gefühl davon verlassen und im Stich gelassen zu sein, Angst... und ich weiß, dass viele Menschen, die von Rassismus betroffen sind, ebenso diese oder ähnliche Gefühle haben.  

Rassistische Anschläge wie in Hanau nehmen uns wertvolle Menschen weg, und schlagen kollektive Wunden. In einem Land, in dem ein angemessener Umgang mit Rassismus herrscht, in dem Rassismus kollektiv sanktioniert und stigmatisiert wird, in dem alle Leben gleich wertvoll sind, und alle Menschen Mensch, kommen rassistische Anschläge nicht zustande. Rassistische Anschläge sind eine Folge der politischen Vernachlässigung der Gleichberechtigung, die verletzliche, marginalisierte Gruppen schützen muss. Wenn Menschen also auf politischer Ebene nicht gleichbehandelt werden, dann nehmen gewaltbereite Menschen und Gruppen diese Tatsache auf und agieren. Die gesellschaftliche Realität der Ungleichbehandlung ermöglicht auch das rassistische Morden.  

Der Anschlag in Hanau hätte an erster Stelle nicht passieren dürfen. Aber wenn er schon passiert ist, dann muss die Gesellschaft daraus Lehren ziehen und handeln. Die Mehrheitsgsellschaft muss solidarischer werden, betroffene Gruppen sofort und entschieden bei ihren Forderungen für mehr Schutz und Gleichberechtigung unterstützen. Das passiert in Deutschland nicht ausreichend, was zur Folge hat, dass sich von Rassismus betroffene Menschen nicht sicher fühlen. Viele haben zurecht Angst um ihr Leben und das ihrer Familien und Freund:innen. Und sie fühlen sich allein gelassen, weil sie auch allein gelassen werden.   

Im Jahr 2020 wurden viele Bücher über Rassismus zu Bestsellern. Das ist gut, aber darf nicht nur ein vergänglicher Trend sein. Das heißt wir müssen auch in drei Jahren und fünf Jahren und zehn und fünfzehn und fünfzig Jahren rassismuskritische Bücher lesen. Zu lesen und sich zu bilden ist ein wichtiger Bestandteil der Solidarität, reicht aber alleine nicht aus, um Rassismus zu bekämpfen. Wir müssen uns als Individuen bilden, aber wir müssen uns auch politisch engagieren. Zum Beispiel dafür, dass die Schulbildung in Deutschland rassismuskritisch gestaltet wird – der Lehrplan und die Ausbildung der Lehrkräfte. Das ist nur ein Beispiel, nur eine Ebene, um eine Gesellschaft nachhaltig weiter zu entwickeln. Es gibt in allen Bereichen viel zu tun.  

Hanau jährt in wenigen Tagen, am 19. Februar, um genau zu sein. Es ist für Überlebende und Familien der Opfer eine sehr schmerzhafte Zeit. Seid solidarisch. Kämpft mit, mit allen Mitteln, die ihr habt. Es passiert zu wenig. Wir müssen achtsamer und kämpferischer werden. Damit nie wieder jemand auf die Idee kommt, Menschen zur Zielscheibe des Hasses zu machen, sie zu vernichten.

Dieser Text ist aus der aktuellen Ausgabe des Newsletters Saure Zeiten. 

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