Ein Gottesdienst aus Samples 

Charles Ives: 2. Sinfonie (3. Satz)

Johann Sebastian Bach ist bekannt für Musik, die durch seinen Glauben motiviert war, das Weihnachtsoratorium, die Matthäuspassion, Choralvertonungen. Selbst die weltliche Musik wie die Brandenburgischen Konzerte, ja alle Musik solle der “Ehre Gottes und Recreation des Gemüths” dienen.

Bachs Musik war zeitlebens viel umstrittener als wir uns das heute vorstellen können – insbesondere unter seinesgleichen, den Protestanten. Die üppigen Passionen wurden als zu emotional, als geradezu opernhaft, kritisiert. Nach seinem Tod 1750 geriet er in Vergessenheit, und wir haben es Felix Mendelssohn-Bartholdy zu verdanken, dass es seit Mitte des 19. Jahrhunderts ein Bach-Revival gibt, das bis heute anhält.

Die Musikgeschichte ist – wie alle Geschichte – unfair. Es ist mehr als denkbar, dass wir die schönste je komponierte Musik noch gar nicht gehört haben. Irgendwo liegen nie gespielte Noten in Schubladen, und ständig sterben die letzten Menschen, die sich noch an eine Volksweise, ein Kinderlied, einen Marsch aus ihrer Kindheit erinnern könnten.

Musik muss aktuell gehalten werden, sie muss gespielt werden, sonst verschwindet sie. Sie braucht Fürsprecher:innen. Eine Möglichkeit, Musik vor dem Vergessen zu retten, ist ihre Verwendung in anderer Musik. Ein Meister dieser Ästhetik, des Samplings avant la lettre, war der amerikanische Komponist Charles Ives.

Ich werde keinen Hehl daraus machen: Ich liebe Ives’ Musik. Sein Werk ist wild, aufregend und vielseitig, er wird noch öfter in den Schleichwegen auftauchen, es geht gar nicht anders. Heute ist er erstmals dran und zwar mit dem 3. Satz aus seiner 2. Sinfonie.

Wie in vielen seiner Werke kommt bestehende Musik zum Einsatz: Verfremdete, zitierte Kirchenhymnen, patriotische Lieder, sogar ein bei Studenten beliebter Quatschsong ist dabei. (Auf der Website der Houston Symphony findet sich eine praktische Gegenüberstellung einiger Originale und Ives’ Verwendung in der 2. Sinfonie.) Ives verarbeitet diese Musik aber nicht zu einer disparaten Collage (das macht er dann im 4. Satz), sondern zu einer schlichten, feierlichen Hymne, die ihren kirchlichen Charakter nie ganz ablegt. Für mich ist der 3. Satz der 2. Sinfonie von Charles Ives ein weltlicher Gottesdienst; hier wird das Leben gefeiert, in all seiner Albernheit und Sinnlosigkeit, aber eben auch in seiner zu Tränen rührenden Schönheit. Zusammengehalten wird dieser Gottesdienst aus Samples von einer langsamen, tiefen Atembewegung. Achtet in dem Video, wie immer, auf den Dirigenten, insbesondere auf seine Atmung. (Es ist kein Geringerer als Leonard Bernstein.)

Ironischerweise wäre Ives’ Werk selbst wiederum beinahe in Vergessenheit geraten. Doch das was Mendelssohn-Bartholdy für Bach geleistet hat, das erledigte Bernstein für seinen Landsmann Ives. Vierzig Jahre nach dem Abschluss der Komposition dirigiert Bernstein die Uraufführung von Ives' 2. Sinfonie, 1953 in der Carnegie Hall in New York. Ives konnte nicht anreisen, er hörte das Konzert bei den Nachbarn – seine Musik, ein weiteres Mal verfremdet, diesmal durch das Knistern der Radioübertragung.

Hört sie euch an:

https://www.youtube.com/embed/q5LS91YQndM?start=235

Schöne Grüße aus Berlin Gabriel

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