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You wanna do this?

Ned Rorem: Clouds (1953)

Kupfer- und Glasfaserkabel in unserer Straße in Providence, Rhode Island

In den Schleichwegen zur Klassik stelle ich regelmäßig nicht so bekannte Musikstücke vor, die ich hörenswert finde – mal sind sie einfach schön, mal schwierig, aber immer sind sie interessant. Da selbst Klassik-Spezis diese Stücke oft nicht kennen, herrscht Waffengleichheit. Hier ist alles für alle neu! Recherche und Schreiben kosten Zeit, also freue ich mich über deine freiwillige Unterstützung auf Steady.

Ich weiß noch, dass es am 20. Januar 2017 war, vor gut fünf Jahren, als ich an unserem Haus in Providence (Rhode Island) die Internetverbindung von Kupferkabel gegen Glasfaser ausgetauscht habe. An diesem Tag wurde ein grausamer Gauner zum Präsidenten meiner Wahlheimat ernannt. Es war aber nicht alles schlecht, denn an diesem Tag sollten wir an das brachial schnelle Glasfaser-Internet des Telefonanbieters Verizon angeschlossen werden. Glasfaser ist spektakulär in der Mühelosigkeit, mit der die ganze Welt nicht mehr zu dir kommt, sondern einfach immer schon da zu sein scheint.

Aber als das neue Glasfasermodem keine Verbindung zustande bekam, musste ich die Hotline anrufen, an der mir ein netter Herr erklärte, der Anschluss in unserer Wohnung sei noch mit dem Kupferkabel des vorigen Anbieters, Cox, verbunden.

Ich (enttäuscht): Oh, so you’ll need to send a technician?

Der Verizon-Mann: Well, I could. But you could also do it yourself. My records tell me that our terminal is on the outside of your house. You wanna do this?

Ich wollte. Am Hintereingang unseres Holzhauses von 1875 hingen die konkurrierenden Terminal-Kästen von Cox und Verizon. Aus beiden kamen Kabel, die zum nächsten Telefonmast führen, aber nur das neuere ist aus Glasfaser. Unter der telefonischen Anleitung des Verizon-Technikers schraubte ich also die Plastikbox der Konkurrenz auf und versuche das Coaxkabel, das in unsere Wohnung führte, zu lösen, was aber ohne Werkzeug nicht ging.

Verizon-Mann: You might need tongs.

Ich: I don’t know what that means, but I think I have an idea. It’s so crazy I get to work on this stuff. You know, in Germany you’re not even allowed to touch these terminal boxes.

Verizon-Mann: You’re from Germany? Let me Google translate that for you… Looks like you’ll need a ‘sanch’.

Ich: A Zange! Thank you, let me get one.

Ein paar Minuten später ist das Kabel aus dem Haus mit der Verizon-Box verbunden, zurück in der Wohnung hatte sich das Modem bereits verbunden und das Internet lief. 

Jahre später, zurück in Deutschland, vermisse ich diese hemdsärmeligen Lösungen oft. Jemand sagt dir am Telefon, dass du deine Probleme mit einer Zange lösen kannst. Wenn du willst, kannst du es selbst versuchen.

1953 vertonte der Komponist Ned Rorem das Gedicht “Clouds”, in dem Paul Goodman beklagt, dass wir uns auf Erden nicht so mühelos bewegen können wie die Wolken am Himmel. Ein romantischer, fast naiver Wunsch für ein Gedicht des 20. Jahrhunderts: 

So effortlessly we are not given To move on earth as these in heaven clouds Nor without desire to tend Whither the airs conspire The clouds exaggerate and pile Into heights of mile on mile In the breathing o’ the universe They drift asunder and disperse

Rorems Musik klingt, als würde ein Traum zusammenmontiert. Wie sie zwischen zarter Begleitung und unerwarteten Intervallen changiert, das scheint der ätherischen Logik eines Traums zu folgen, den man vielleicht beim sommernachmittäglichen Dösen auf der Veranda eines amerikanischen Holzhauses hat.

Die Wolken, die sich auftürmen und wieder auflösen, verfliegen so mühelos, wie sie aufgetaucht sind. Die Probleme können gelöst werden. Jemand sagt dir am Telefon, was du tun musst. Willst du es versuchen?

https://www.youtube.com/watch?v=rjkWd_RN0XM

Hier findest du das Stück bei den Streamingdiensten.

Schöne Grüße aus Berlin Gabriel

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