Liebe Leserinnen und Leser,

wie ist eigentlich Ihr Verhältnis zum Thema Digitalisierung? Fremdeln Sie noch mit digitalen Produkten und Dienstleistungen, oder sind Sie gar ganz Digital Native im Kampf für die Digitalisierung? Sehen Sie sich irgendwo dazwischen? Vielleicht sagen Sie mitunter: Lieber analog als digital-naiv! 

Jede Position hat ihre Berechtigung, denn das große Problem der Digitalisierung ist die unzureichende Information. Ein unzureichend informierter Gesetzgeber kann nur unzureichende Gesetze schaffen und damit keine gute Grundlage für eine top-down Digitalisierung bieten. Unzureichende Information, einschließlich fehlendes Fachpersonal, kann dazu führen, dass Digitalisierungsprozesse (z.B. in Behörden) unzureichend geplant und umgesetzt werden. Unzureichende Information lässt Risiken falsch einschätzen und eingehen, obwohl sie bei sachgerechter Information nie eingegangen worden wären. Mögliche Folgen: Totalverlust (z.B. im Kryptobereich), Datenverlust, Identitätsdiebstahl. Doch auch unzureichende Information über die Vorteile der Digitalisierung ist ein Problem und verhindert z.B. Engagement für und Investitionen in den Fortschritt.

Unzureichende Information heisst nicht, dass zureichende Information gar nicht verfügbar ist. Unzureichende Information liegt auch dann vor, wenn in der Flut von Informationen der Informationsgesellschaft die unrichtigen, unzureichenden Informationen höher gewichtet werden bzw. in der Überzahl vorhanden sind und als solche nicht erkannt werden (können).

Unzureichende Information über Digitalisierung wirkt sich auf allen Ebenen aus, v.a. regelmäßig von oben nach unten. Deutschland hat in Sachen Digitalisierung kein Kompetenzproblem. Deutschland hat ein Informations- und Kommunikationsproblem. 

Das soll das Thema des Newsleisures #8 sein.

Herzlichst,

Das Ri-Team

Yay, es gibt (k)ein Digitalministerium!

Aktuell überschlagen sich die Presse-Meldungen: Es gibt wohl doch kein Digitalministerium mit der Ampelkoalition. 

Die FDP forderte seine Schaffung schon länger, v.a. in ihrem Wahlprogramm (Seite 25). Vor zwei Wochen wurde die Gründung eines Digitalministeriums laut und breit diskutiert, v.a. von bekannten Vertretern der Digitalwirtschaft explizit gefordert. Gestern nun wurde bekannt, die Ampelkoalition nehme wohl doch Abstand von der Idee des Digitalministeriums. Der (v.a. organisatorische) Aufwand sei zu hoch. Alternativen werden derzeit geprüft. Dazu gehört der Vorschlag von SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz, die Rolle eines „Chief Digital Officers“ im Bundeskanzleramt zu schaffen. Kritik gibt es schon jetzt unter Hinweis auf die fehlende Wirkkraft des Bundesministers für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramts Helge Braun (CDU) sowie der scheidenden Digitalstaatsministerin Dorothee Bär (CSU). Zudem zeigen sich Vertreter der Digitalwirtschaft enttäuscht.

Doch warum diese Enttäuschung? Ein Digitalministerium ist nicht zielführend, schaut man genauer hin: 

Die wohl wichtigsten Learnings aus der seit Jahrzehnten laufenden Digitalisierung sind: Dezentralisierung is king, Risikodiversifizierung is queen! Die Digitalisierung lässt sich mit ihren Chancen UND Risken nicht durch die abhängigkeitsschaffende Bündelung von Wissen in einer Institution, sondern nur durch die Verteilung von Wissen, d.h. durch die Etablierung von erforderlichem Wissen in allen Institutionen meistern. Was sollen wir mit einem Digitalministerium, das, überspitzt formuliert, mit Fragen von Ressorts lahmgelegt wird, ob versehentlich das Internet gelöscht wurde? Jedes Ressort sollte grundsätzlich in der Lage sein, seinen Geschäftsbereich auch in der neuen, digitalen Welt zu führen. Das bedeutet: Jedes Ressort sollte seine eigenen Fachleute für digitale Themen haben. Für Spezialthemen gibt es spezielle Ressorts und Spezialisten wie die des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) oder des Bundesbeauftragten für den Datenschutz und die Informationsfreiheit (BfDI). 

Nur sollten diese bzw. ihre ausgewiesene Expertise ernst(er) genommen und ihre Ergebnisse besser kommuniziert werden. Dann können Peinlichkeiten wie die mit der kurzlebigen ID Wallet nicht passieren, nachdem das BSI bereits im April 2021 von der SSI-Technologie abgeraten hat. Mindestens eine unzureichende Kommunikation zeigt auch die auf die elektronische Patientenakte (ePA) bezogene Kritik des Gesundheitsministers Jens Spahn (CDU) am Bundesbeauftragten für den Datenschutz und die Informationsfreiheit (BfDI), der "die Digitalisierung nicht einfacher gemacht" habe. Der Bundesbeauftragte für den Datenschutz und die Informationsfreiheit, Ulrich Kelber, reagierte auf Twitter mit Klarstellungsversuchen

SO darf Digitalisierung in Deutschland nicht mehr laufen: Dass Information und Kommunikation allenfalls im Nachhinein über die Presse und sozialen Medien stattfinden. Ein Digitalministerium in solch ein System aneinander vorbei oder dysfunktional miteinander arbeitender Ressorts und Ämter reinzulöten wäre nur der sprichwörtliche, manifestierte sch... digitale Prozess.  

Es ist daher zu begrüßen, dass die Ampelkoalition systemisch-organisatorisch denkt und versucht, das Digitalisierungsvorhaben der neuen Legislaturperiode von vornherein auf unverknotete Beine zu stellen. 

Als nächstes könnten wir überlegen, wie wir Informationen (nicht nur) über und zur Digitalisierung in Deutschland für alle verfügbar machen. Hier könnte z.B. ein Informationshub die Lösung sein, in dem die relevanten Informationen aller Ressorts und Ämter, aber auch z.B. der Justiz, zusammengeführt und in Beziehung gesetzt werden. Denn genau das ist der Vorteil der digitalen Technologien: Sie erlauben uns, Wissen zu dezentralisieren und gleichzeitig wieder bedarfsgerecht zusammenzuführen. Was in der analogen Welt ein Widerspruch in sich war, ist die Chance der Digitalisierung. Wir müssen das nur vermitteln. Möge "Digitalisierung" in naher Zukunft für niemanden mehr so aussehen:

Ein schönes Wochenende wünscht

Das Ri-Team

Nur Mitglieder, die Zugang zu diesem Post haben, können Kommentare lesen und schreiben.