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Kunst und Kartoffelauflauf

In Kassel stehen postkoloniale Künstler*innen unter Antisemitismusverdacht, in Frankreich wird erneut über ein Burkini-Verbot diskutiert und in Brandenburg brennen die Bäume. Der Wochenrückblick aus feministischer Perspektive. Holt euch ‘nen Saft, es wird lang. #KW24

Montag, 13. Juni

Bereits am Sonntag wurden in Passau die Leichen einer 85-jährigen Frau und ihres 59 Jahre alten Sohnes in deren Haus gefunden. Laut Obduktion wurden beide durch stumpfe Gewalt gegen den Kopf sowie zahlreiche Stichverletzungen getötet. Tatverdächtig ist ein 86-Jähriger, der Ehemann bzw. Vater der Getöteten. Die Passauer Neue Presse schreibt von „Familiendrama“ und die Polizei spekuliert von einer möglichen „Überforderung“ des Mannes. Ich habe es so unendlich satt, jede Woche aufs Neue von „Tragödien“ und „Dramen“ zu lesen, wenn es sich in Wahrheit um Femizide handelt. Nur wenn wir als Gesellschaft endlich anerkennen, dass wir ein strukturelles Problem haben, haben wir eine Chance, diese Taten zu verhindern, bzw. wenigstens zu reduzieren.

Dienstag, 14. Juni

In Frankreich wird erneut über ein Burkini-Verbot in öffentlichen Schwimm- und Freibädern debattiert. Am Dienstag beschäftigte sich das oberste Verwaltungsgericht mit der Frage, ob das Tragen eines Ganzkörperanzugs beim Baden erlaubt sein soll. Der grüne Bürgermeister von Grenoble, Éric Piolle, fordert, dass es allen Menschen selbst überlassen sein soll, wie sie sich beim Schwimmen kleiden. Ob Burkini oder oben ohne ist eine private Entscheidung und es spielt auch keine Rolle, ob sich jemand aus religiösen Gründen bedeckt oder zum Schutz vor der Sonne. Diese gleichermaßen simple wie logische Begründung stößt bei vielen Konservativen und Rechten auf erbitterten Widerstand. Unter dem Deckmantel des „Schutzes“ von Frauenrechten argumentiert u.a. auch der Präsident der Region Auvergne-Rhône-Alpes und kündigt an, alle Subventionen für Grenoble zu streichen, um „die Unterwerfung unter den Islamismus mit keinem Cent zu finanzieren“. Damit ist der Konservative ganz auf einer Linie mit der „feministischen“ Zeitschrift EMMA von Alice Schwarzer, für die ein Burkini „die fundamentalistische Interpretation schriftgläubiger, rückschrittlicher Muslime“ ist, und die „Vollverschleierung eines Menschen [...] der Ausstieg aus dem menschlichen Miteinander.“ Ich wünschte, „my body my choice“ würde endlich für alle Menschen gelten, aber solange Menschen den Standpunkt der EMMA für eine legitime Position innerhalb des Feminismus halten, habe ich da wenig Hoffnung.

Mittwoch, 15. Juni

Im Prozess gegen die angebliche linksextreme Gruppe um Lina E. aus Leipzig gab es diese Woche eine „dramatische Wendung“ (Neues Deutschland). Einer der Mitangeklagten, Johannes Domhöver, der bei dem Überfall auf den Eisenacher Nazitreff beteiligt gewesen sein soll, wechselt offenbar die Seiten und hat als Kronzeuge für die Staatsanwaltschaft ausgesagt. Damit ergattert der 30-Jährige nicht nur einen günstigen Prozessausgang für sich selbst, er verrät auch die gesamte linke Szene Leipzigs und darüber hinaus. Besonders eklig daran: Johannes Domhöver handelt möglicherweise aus Rache. Denn dem ehemaligen Genossen wird von einer Ex-Freundin vorgeworfen, ihr „gegenüber sowohl sexualisiert als auch psychisch und körperlich gewalttätig“ gewesen zu sein. Sie schreibt auf Indymedia: „Er ist ein Vergewaltiger, der fortlaufend Täterverhalten zeigt, unberechenbar ist und sehr impulsiv handelt. Er versucht Frauen zu delegitimieren, indem er sagt, dass sie übertreiben würden, getriggert seien oder sich die Gewalttaten durch ihn nur einbilden. Er verdreht immer wieder Tatsachen und stellt sich als Opfer dar wenn man ihn mit seiner Gewalt gegenüber Frauen konfrontiert“. Nach diesem Outcall im Oktober wurde Domröse die Solidarität der Szene entzogen. Jetzt will sich der Hund offenbar im Zeugenschutzprogramm aus der Affäre ziehen. Lina E., die von der Staatsanwaltschaft als „Rädelsführerin“ angesehen wird, sitzt seit über 600 Tagen in U-Haft. Durch den Verrat Domröses könnte sich der Prozess nun noch viel länger hinziehen als ohnehin geplant.

Donnerstag, 16. Juni

Ferda Ataman soll Antidiskriminierungsbeauftragte des Bundes werden. Das ist eine gute Nachricht. Die Politologin, Publizistin, Journalistin und Autorin arbeitete u.a. als Referatsleiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes und baute den Mediendienst Integration, eine wissenschaftliche Informationsplattform für Journalist*innen, auf. Sie benennt Rassismus klar und unumwunden. Sie entschuldigt sich nicht vorauseilend, sondern stellt Forderungen an die Dominanzgesellschaft. Rechtstwitter schäumt vor Wut. Nach der Bekanntgabe der Personalie trendete #Ataman in den deutschen Twitter-Charts. Aber nicht nur der rechtsextreme Mob in den Sozialen Medien, auch der in den Redaktionen tobte. „Tichys Einblick“ spricht von „Entsetzen“, das die Berufung Atamans allerorten auslösen würde, und behauptet Ferda „Atamans Geschäftsmodell ist das Schüren von Ressentiments: nur eben nicht das weiße, deutsche Bier-am-Stammtisch-Ressentiment, sondern das neue, woke, anti-weiße Ressentiment gegen die Mehrheitsgesellschaft. Ihr gesamtes Weltbild ist zutiefst und auf absurdeste Weise rassifiziert“. In diesem Stil geht es weiter: „Spaltung, Diffamierung von Religionskritik, neuer Rassenhass: Kaum jemand hat diese Dinge in den vergangenen Jahren so salonfähig gemacht wie Ferda Ataman“, schreibt der Autor, der sie als „wohl krasseste Fehlbesetzung“ bezeichnet, die „ihr hetzerisches Gift wohl bald in hochoffizieller Position versprühen“ könne. Etwas gemäßigter, aber in der Richtung ähnlich kommentiert die BILD die Ernennung, in dem sie Menschen zu Wort kommen lässt, die auch im Tichy-Beitrag zitiert werden: Ahmad Mansour, der befürchtet, Ferda Ataman würde „in Wahrheit eine Beauftragte für Cancel Culture und Spaltung der Gesellschaft sein“ und CSU-Fraktionsvorsitzende Andrea Lindholz, die behauptet, Ferda Ataman sei „bisher vor allem mit plumpen Provokationen und harter linker Ideologie“ aufgefallen. Die BILD selbst stört sich offenbar am meisten daran, dass Ferda Ataman weiße Deutsche mal als „Kartoffeln“ bezeichnet hat. Ihre Ernennung hat jedenfalls einen ziemlichen Kartoffelauflauf in den Sozialen Medien ausgelöst, ich bin gespannt, ob der Bundestag dem Druck des Kartoffelmobs Stand halten kann und der Berufung Atamans zustimmen wird. Wenn ja, dann wünsche ich Ferda Ataman viel Erfolg im Amt und auch, dass sie die intersektionalen Perspektiven nicht aus den Augen verliert und insbesondere auf Kurd*innen und Armenier*innen zugeht, die sich zum Teil ihrer Solidarität nicht ganz sicher sind.

Freitag, 17. Juni

Am Freitag begann in Riesa der Bundesparteitag der AfD. Und ich komme immer noch nicht darauf klar, dass wir es in Deutschland offenbar einfach komplett normalisiert haben, dass Nazis im Bundestag und in Landtagen sitzen. Der öffentlich-rechtliche(!) Sender Phoenix hat sogar mehrere Stunden Liveübertragung gesendet. Ich erwarte nicht, dass wir die Nazis totschweigen, aber ich will mich auch nicht daran gewöhnen, dass sie wie eine Partie wie jede andere behandelt werden.

Samstag, 18. Juni

Am Samstag wurde die documenta 15 in Kassel offiziell eröffnet. Erstmals wird die Kunstausstellung von einem Kunstkollektiv aus Asien („ruangrupa“ aus Indonesien) kuratiert und zeigt überwiegend die Werke von Künstler*innen aus dem Globalen Süden. Auf der offiziellen Website der documenta heißt es:

„Das Künstler*innenkollektiv aus Jakarta hat ihrer documenta fifteen die Werte und Ideen von lumbung (indonesischer Begriff für eine gemeinschaftlich genutzte Reisscheune) zugrunde gelegt. Als künstlerisches und ökonomisches Modell fußt lumbung auf Grundsätzen wie Kollektivität, gemeinschaftlichem Ressourcenaufbau und gerechter Verteilung und verwirklicht sich in allen Bereichen der Zusammenarbeit und Ausstellungskonzeption.“

Es ist bahnbrechend und längst überfällig, dass die Weltkunstausstellung von ihrem elitären Ross der Industrienationen herabsteigt und die Werke von marginalisierten Künstler*innen in den Mittelpunkt rückt und damit auch die Auseinandersetzung mit kolonialrassistischer Gewalt und Ausbeutung. Den Erb*innen kolonialer Profiteur*innen gefällt das naturgemäß weniger und der Gegenschlag ließ nicht lange auf sich warten. Für deutsche Feuilletonist*innen steht bekanntlich alles, was nicht von weißen hetero Männern aus dem Globalen Norden erdacht und umgesetzt wird, unter dem Verdacht des politischen Aktivismus. Dementsprechend monochromatisch sind die Headlines der Onlineartikel: „Ist die Documenta noch eine Kunstausstellung oder schon eine politische Kundgebung?“ (Die Welt), „Kunst oder Aktivismus?“ (Süddeutsche Zeitung), „Löst Aktivismus die Kunst ab?“ (Salzburger Nachrichten). Michael Wolffsohn geht in der NZZ noch weiter: „Politik statt Kunst – wie judenfeindlich soll der deutsche Kulturbetrieb noch werden?“ heißt seine Abrechnung mit ruangrupa und dem gesamten Postkolonialismus. Warte, was? Antisemitismus? Ja genau. Weil keine jüdischen Künstler*innen aus Israel vertreten sind, dafür aber zum Beispiel das palästinensische Kollektiv „Question of Funding“ aus Ramallah, wurden Antisemitismusvorwürfe gegen die documenta 15 laut, die „Kunstmesse der Schande“, wie die BILD titelte. Die Vorwürfe fußen weiterhin vor allem darauf, dass einige Mitglieder von ruangrupa auch Mitglied des in Deutschland geächteten BDS-Movements sein sollen. Auch wenn sich die Gruppe mehrfach entschieden von jeglichem Antisemitismus distanzierte und versuchte, eine Gesprächsreihe zu initiieren, bei der über „das Grundrecht der Kunstfreiheit angesichts von steigendem Rassismus und Antisemitismus und zunehmender Islamophobie“ debattiert werden sollte. Nach Kritik des Zentralrats der Juden in Deutschland, die sich u.a. darauf stützte, selbst nicht eingeladen zu sein, wurden die Foren abgesagt. Während für die einen die Kritik an der Politik Israels und der Besatzung palästinensischer Gebiete gleichbedeutend mit Antisemitismus ist, fordern die anderen ihr Recht auf Protest gegen Imperialismus und Kolonialismus ein. Es scheint unmöglich, hier eine Position zu beziehen, die nicht entweder als strukturell antisemitisch oder imperialistisch-rassistisch bewertet würde. Für Frank Walter Steinmeier war es offenbar vor allem wichtig, nicht in den Verdacht des Antisemitismus zu geraten. Der Bundespräsident, der selbst über einen Boykott der documenta nachgedacht hatte, entschied sich bei seiner Eröffnungsrede dazu, die kursierenden Vorwürfe und das unbestimmte Raunen zu einer unumstößlichen Tatsache zu erklären. Für ihn war es keine Frage ~ob~ die documenta 15 Antisemitismus reproduziere, viel mehr sah er die „Grenze überschritten“ und kritisierte die Abwesenheit jüdischer Israelis: „Es fällt auf, wenn auf dieser bedeutenden Ausstellung zeitgenössischer Kunst wohl keine jüdischen Künstlerinnen oder Künstler aus Israel vertreten sind. Und es verstört mich, wenn weltweit neuerdings häufiger Vertreter des globalen Südens sich weigern, an Veranstaltungen, an Konferenzen oder Festivals teilzunehmen, an denen jüdische Israelis teilnehmen. Ein Boykott Israels kommt einer Existenzverweigerung gleich“, sagte Steinmeier. Im Kunstmagazin „Monopol“ nannte Autorin Elke Buhr die Rede Steinmeiers einen „Skandal“ und kritisierte den Bundespräsidenten für dessen Zurechtweisung der indonesischen Kurator*innen. Sie schreibt: „Es gibt vieles auf der Documenta Fifteen, wozu sich Steinmeier hätte äußern können. Der Ruf nach einer anderen Wirtschaftsweise. Die Zurückweisung von Ausbeutung durch die westlichen Industrieländer. Die scharfe Kritik an der europäischen Flüchtlingspolitik, der Festung Europa, deren Opfer tot im Mittelmeer treiben. Es hat ihn offenbar nicht interessiert. Wichtiger war ihm, die Gäste aus Indonesien zurechtzuweisen – ihnen zu sagen, wen genau man in Deutschland, im Land des Holocaust, in eine Ausstellung einzuladen hat und wen nicht.“

Sonntag, 19. Juni

Ich habe diese Woche den Roman „Der Anfang von Morgen“ vom schwedischen Autor Jens Liljestrand beendet, der am 1. Juli im Fischer-Verlag erscheint. Es spielt in naher Zukunft und handelt von einer verheerende Hitzefront über Europa. Die Waldbrände in Schweden geraten außer Kontrolle, Menschen fliehen, Notunterkünfte versorgen die, die dem Feuer entkommen sind, Treibstoff wird knapp und in Stockholm kommt es zu Unruhen und Plünderungen. Ich liebe solche Dystopien. Je mehr Katastrophe in einem Roman desto besser für mich. Egal ob Pandemien, Fluten, Stürme oder eben Hitze – ich fühle mich bestens unterhalten. In letzter Zeit frage ich mich aber immer öfter, ob diese Freude an der literarischen Apokalypse nicht viel mehr eine Copingstrategie ist, um mit meiner Angst vor der Zukunft umzugehen. Vereinfacht gesagt: Soooo schlimm, wie im Buch, wird es in echt schon nicht werden. Nun ja, in Brandenburg brennen aktuell wieder die Wälder. Der bereits am Freitag bei Treuenbrietzen ausgebrochene Waldbrand ist außer Kontrolle. Die Stadt twitterte am Vormittag: „ACHTUNG! EVAKUIERUNG!!! Wir fordern alle Einwohner von Tiefenbrunnen auf, umgehend ihre Häuser zu verlassen. Notunterkunft ist die Stadthalle Treuenbrietzen! Das ist KEINE Übung!“ Inzwischen wurden die Bewohner*innen von Frohnsdorf, Tiefenbrunnen und Klausdorf zur Evakuierung aufgerufen. „Die Lage spitzt sich dramatisch zu“, zitiert der Tagesspiegel die Sprecherin des Landkreises, Andrea Metzler, „Es sieht bedrohlich aus“. Ein weiterer Brand wütet in Beelitz, die MAZ schreibt: „Das Feuer ist außer Kontrolle“.

Und ja: die Brände, die durch die extreme Trockenheit begünstigt werden, sind eine Folge des menschengemachten Klimawandels. Das ist wissenschaftlich hinreichend belegt. Aber – ohne dem zu widersprechen – es ist auch das Ergebnis einer Politik, die keine Strategien hat, um der zunehmenden Wasserknappheit im Land etwas entgegenzusetzen. Längst toben Verteilungskämpfe ums Wasser, wie eine Recherche des Netzwerks CORRECTIV, die diese Woche veröffentlicht wurde, anschaulich belegt. In Brandenburg hat der Wasserverband Strausberg-Erkner gerade den Wasserverbrauch von Privathaushalten gedeckelt, auch wegen der neugebauten Tesla-Fabrik von Elon „Hundesohn“ Musk. „Aufgrund des hohen Verbrauchs der Fabrik könne die Grundversorgung nicht mehr garantiert werden“, schreibt die Zeit, „die ganze Fabrik benötigt laut Antragsunterlagen 1,4 Millionen Kubikmeter Wasser im Jahr. Das ist in etwa halb so viel wie der Inhalt des Werlsees, der nur zehn Minuten entfernt liegt“.

So, nun reicht es aber mit der bitteren Realität, ich suche mir jetzt auf Netflix einen apokalyptischen Katastrophenfilm zur Entspannung.

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