C'est la rentrée

Wenn das französische Fernsehen live zwischen diversen Schulen hin und her schaltet, wenn es zuvor Nachrichtenfilme aus den Gängen mit Schulbedarfsregalen der Supermärkte gibt, in denen Mütter am Rande des Nervenzusammenbruchs den Preis der Hefte von „Clairefontaine“ beklagen und der Bildungsminister von aggressiven Journalisten gegrillt wird – dann beginnt diese Jahreszeit, die es nur in Frankreich gibt: die Rentrée. Alle Schulkinder sind vorher tagelang damit verrückt gemacht worden, es ist eine leichte nationale Zwangsstörung, denn was soll eigentlich passieren? Dass sich die Schultüren nicht öffnen lassen, die Klassenräume weg sind oder die Kreide feucht ist ?

In diesem Jahr entwickelte sich eine unterschwellige politische Polemik um den Termin. Der zuständige Minister Jean-Michel Blanquer hatte gelästert, dass die Schulstarthilfen für bedürftige Familien vor allem dazu dienen, Flachbildschirme zu kaufen, denn die seien dann regelmäßig ausverkauft. Im Radio wurde er damit konfrontiert, nach Quellen gefragt, aber er hatte keine. Er wand sich, es war ein Drama. Ich finde es nicht mal schlimm, sich einen guten Fernseher zu kaufen. In vielen Familien, in denen nicht gelesen wird, ist das Fernsehen ein Medium der Bildung und Teilhabe.

Auch der „siebte Tag“ hat heute rentrée, ich war länger in Frankreich und habe an meinem Roman gearbeitet. Danke für die Geduld.

Was den laufenden Wahlkampf angeht, bleibe ich angesichts der Umfragen vorsichtig. Der Kölner Psychologe Stefan Grünewald vom Rheingold-Institut nennt die Sonntagsfrage eine Sonntagspredigt: Da teilen die Befragten mit, was sie ohnehin schon immer mal loswerden wollen. Es hat nicht unbedingt etwas damit zu tun, wie sie dann den Wahlzettel gestalten. Ein bisschen, wie wenn man ein Fussballteam anfeuert und als Faulenzer beschimpft, in der Hoffnung, es möge sie anspornen.

Ich habe vor den letzten beiden Wahlen mit Grünewald telefoniert und er lag jedes Mal richtig mit der Prognose, die er nicht auf Demoskopie stützt, sondern auf etwa 50 Tiefeninterviews, eine qualitative Methode. Er beschreibt Deutsche, die nach der Pandemie langsam wieder Tritt fassen möchten. Die erkennen, dass ökologischer Wandel nötig ist, ihn aber zugleich scheuen. Sie bleiben im Schneckenhaus und schauen ängstlich hinaus. Das eigene Zaudern wird umgeleitet auf die Kritik an der Kandidatin und den Kandidaten. Eine rotgrüne Aufbruchsstimmung hat er jedenfalls nicht entdecken können.  Wie wird das am Wahlabend 18 Uhr aussehen?

Ich würde mich über einen europäischen Aufbruch freuen. Die politische Depression entsteht auch durch die Schwäche der alten Nationalstaaten. Europa macht sich künstlich klein. Aber wer wird den Mut haben, den Umzug aus dem Schneckenhaus zum Thema zu machen?

Es mehren sich Stimmen, die eine neue Ära der internationalen Kooperation fordern. Ein kooperativer Universalismus statt der konkurrenzgetriebenen Globalisierung – denn eine schlimmere Pandemie kann kommen oder ein anderes, den ganzen Planeten betreffendes Ereignis und dann gibt es gar keine effizienten Mechanismen der Zusammenarbeit.

Adam Tooze, immer lesenswert, hat sich dazu in der New York Times Gedanken gemacht.

Zur Rentrée gehören auch immer gute neue Bücher. Ich freue mich -wenig originell - auf den neuen Roman von Jonathan Franzen und das neue Buch der von mir verehrten Sarah Hall. Ich habe ihren tollen Roman "Bei den Wölfen"  - in dem es um diese Tiere, aber auch um die Probleme der Politik in England geht –einmal völlig zufällig in Strasbourg aus dem Regal einer Buchhandlung gezogen und seitdem oft verschenkt und mehrfach gelesen. 

In Frankreich gibt es viele Probleme, die Französinnen und Franzosen sind die ersten, die es in langen Monologen aufzählen. Allerdings ist das kulturelle Leben unvergleichlich divers und einfallsreich. Eine bemerkenswerte Serie ist hierzulande weniger bekannt, darum an dieser Stelle noch einmal ein Hinweis auf

Le Bureau des Légendes – eine komplexe Darstellung der Welt des französischen Auslandsgeheimdiensts. Spielt in der ganzen, weiten bösen Welt – Syrien, Russland – und vor allem immer wieder in der Kantine der DGSE. Spione im öffentlichen Dienst, James Bond mit Stammessen. 

In Deutschland vollständig leider nur bei Joyn zu sehen, das ist jedes Mal eine ziemliche Geduldsprobe, aber irgendwann lohnt es sich.

Kopf hoch, 

ihr

Nils Minkmar

PS: Ich freue mich, wenn Sie den "Siebten Tag" als Mitglied unterstützen.

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