Das neue Leben

Jean Viard über die postpandemische Zeit als lang ersehnte Revolution /Das zweite Leben der Zeichnerin Coco/ Das perfekte Rezept für alle Lebenslagen

Ich bin zunehmend skeptisch, was das deutsch-französische Verhältnis angeht. Nicht nur, weil es im Bundestagswahlkampf nicht die geringste Rolle spielt, sondern weil die Konjunktur des Themas auch von französischer Seite her abnimmt. Dort werden derzeit andere Gedanken diskutiert, etwa von dem Soziologen und Politiker Jean Viard, der in einem längeren Interview  mit dem Radiosender France Inter und in einem neuen Buch einen Ausblick auf die postpandemische Gesellschaft wagt. Dort stellt er fest, dass Frankreich als einziges der im UN-Sicherheitsrat ständig vertretenen Länder – also neben dem Vereinigten Königreich, den USA, Russland und China – keinen eigenen Impfstoff entwickelt habe. Dies soll der Ausgangspunkt für eine nationale Prüfung der nationalen Forschungseinrichtungen sein, ein Aufruf zur Verbesserung der Pharmaforschung. Dass der französische Konzern Sanofi bei der Entwicklung eines Impfstoffs gescheitert ist, ist in Frankreich ein großes politisches Problem – eine narzisstische Kränkung einerseits, andererseits aber auch verknüpft mit der berechtigten Frage, was denn die vielen staatlichen Hilfen für die Forschungsabteilung des Konzerns wert waren? Eine europäische, deutsch-französische Perspektive wird nur noch selten geäußert in Frankreich. Laut und deutlich  war Macrons Wunsch nach einer größeren politischen Annäherung,  laut und deutlich war auch die Stille aus Berlin.

Viard macht ansonsten aber gute Laune. In einem Interview sieht er glorreiche Jahre auf uns zu kommen. In seinem Überschwang stellt er auch fest – die Quelle würde einen interessieren, aber egal – dass derzeit 10% der Französinnen und Franzosen ihr Leben ändern: den Beruf wechseln, umziehen, sich privat neu orientieren. Und das sei doch spannend. Stellenweise klingt Viard wie der sympathische Onkel, dessen Wille zur guten Laune die Familienessen erheitert, auch wenn eine Prüfung der empirischen Belege seine Thesen vielleicht nicht stützt. Es sei in diesen Tagen, erzählt Viard, wie nach einer schweren Krankheit, wenn man dem Tod von der Schippe gesprungen ist. Man fragt sich, was man mit dem Rest des Lebens nun anstellen möchte. Und das ist jeden Tag eine gute Frage.

Dessiner encore, les Arènes BD, 2021

Die Zeichnerin Coco ist die erste Frau, die bei einer großen französischen Tageszeitung, Libération, als politische Cartoonistin verpflichtet wurde. Und sie ist eine Überlebende der Redaktion von Charlie Hebdo. Als die beiden Mörder vor den Büros der Zeitschrift lauerten, kam sie gerade zur Arbeit, hatte zuvor noch ihre Tochter in den Kindergarten gebracht. Sie wurde gezwungen, den Code für die gesicherte Tür einzugeben. „Du oder Charb!“ riefen die beiden Brüder, formulierten die Illusion einer Wahlfreiheit und bewiesen einmal mehr den sadistischen Charakter ihrer Ideologie. Nun hat sie ihre Antwort veröffentlicht, ein gezeichnetes Memoir „Dessiner encore“ und die New York Times hat ein Porträt  von Roger Cohen veröffentlicht – und beweist damit einmal mehr ihre überragende Position im gegenwärtigen Journalismus. Deutsche Medien würden erstmal ewig auf das Erscheinen einer deutschen Übersetzung, einen Jahrestag oder sonst irgendeinen Anlass warten und meistens einfach gar nicht berichten. Dabei kann man keinen guten Journalismus machen, ohne Risiken einzugehen.

Nach der letzten Folge dieses Newsletters regte sich Widerspruch. Mein alter Weggefährte Christoph Drösser legte Einspruch ein gegen meine Verunglimpfung der Kochrezepte der New York Times und betonte, er selbst koche werktags damit und alle seien mehr als zufrieden. Dies sei hier also ergänzend angefügt.Um auch einmal konstruktiv zu agieren statt immer nur zu kritikastern, empfehle ich folgenden Text und das Rezept aus einer Reihe in Le Monde: Es geht ja beim Kochen weniger um Produkte und Prozesse, als um Erinnerungen, Geschichten und Situationen. Aber hier wäre ein preiswertes, einfaches und doch besonderes Gericht:

Photo by Louis Hansel on Unsplash

Es lässt sich auch perfekt von Alltag auf Fest und retour skalieren und wird durch die Zugabe von Huhn, Lamm oder Fisch nicht ruiniert. 

herzlich

ihr

Nils Minkmar

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