Pancake Days

Der Roman, der Israel erklärt/Abenteuer mit der Telekom/Lachen mit "New York Times Cooking"

Strand von Tel Aviv, Februar 2019

Am 5. Mai schaltete ich mich per zoom zu einer kleinen, feinen Runde. Eingeladen hatte das israelische Generalkonsulat München, und zwar zu einem abendlichen Buchclub. Gegenstand war der neue Roman des israelischen Autors Yishai Sarid, "Siegerin", übersetzt von Ruth Achlama, erschienen bei „Kein und Aber“. Ich durfte ein wenig moderieren. Vor einigen Jahren entdeckte ich, völlig zufällig, ein anderes Buch von Sarid: Limassol. Der romantische, politische Gesellschaftskrimi wurde ein Lieblingsbuch, ich habe es x-mal gelesen. Und ich denke immer daran, wenn das Thema auf den Nahostkonflikt kommt. Im Februar 2019 durfte ich Sarid in Tel Aviv besuchen, da erschien sein Roman „Monster“, der die überwältigende, unerträgliche Kraft der Erinnerung an den Massenmord an den europäischen Juden beschreibt. Von Bewältigung keine Spur, Sarid beschreibt einen wild heimsuchenden Horror. Sarid arbeitet tagsüber als Rechtsanwalt und er zeigte mir das schmale, aber funktionale Zimmer, in dem er nachts schreibt. Dort saß er auch, um am Buchclub teilzunehmen. Es ging erstmal um nicht funktionierende Links, stumm geschaltete Mikrofone und gelbe Hände, die fröhliche Folklore solcher Zoom-Sachen. Ich fragte Sarid, dessen Vater ein in Israel berühmter, linker Politiker war, wie es denn nun steht um Netanjahu, ob sein politisches Ende wirklich bevorsteht ?

Sarid hielt eher Neuwahlen für wahrscheinlich. Dann sprachen wir über das neue Buch, es ist wieder sehr gelungen, verstörend und derzeit der wohl beste Schlüssel zum Verständnis der Lage. Der Roman handelt von Abigail, einer sehr sympathischen und attraktiven Frau, die als Psychotherapeutin arbeitet und deren Sohn zum Militärdienst einrücken muss. Das Militär ist ein Milieu, das Abigail gut kennt: Der Vater ihres Sohnes ist Rosalio, ein hochrangiger General, allerdings darf niemand es wissen. Und sie hat auch eine berufliche Bindung dorthin, denn sie lernte Rosalio bei der Arbeit kennen: Sie hatte den Auftrag, Männer und Frauen der Truppe mental stärker zu machen, um ihnen das Töten zu erleichtern. Mit Raketen und Geschützen wussten sie gut umzugehen, aber das Schießen, Stechen und Hauen – da zögerten sie zu lange und Abigail sollte helfen – und konnte es auch. Sie löst mentale Blockaden und erhöht die Reaktionsgeschwindigkeit beim Abdrücken. Es kostet sie nicht etwa Überwindung, vielmehr gefällt es ihr ganz gut. Abigail wirkt modern, liebenswert und das Töten gehört zu ihrem Leben. Diese nicht aufzulösenden Komplexitäten einer Figur leicht zu erzählen, das ist es, was Sarid so leicht niemand nachmacht.  Ihrem Vater, einem linken Psychiater alter Schule, ist das Engagement seiner Tochter ein Graus. Beide sorgen sich um den Sohn, der seinen Wehrdienst ableisten muss.

Im Gespräch kamen wir unweigerlich auf all die Themenbündel, die auch die politische Aktualität bestimmen: Den ewigen Krieg, die Verstrickungen und die Unmöglichkeit, mit einem Nachbarn Frieden zu schließen, dessen Mordlust ferngesteuert ist.

Um das ernste Gespräch etwas aufzulockern, bemerkte ich gegen Ende, dass der junge Schauli, der einberufen wird, von seiner Mama ganz schön verwöhnt wird! Sie macht seine Wäsche, kocht Pfannkuchen, steckt ihm Geld zu. Darüber amüsierte ich mich – um von Sarid und  der Generalkonsulin Sandra Simovich prompt belehrt zu werden, dass die jungen Leute ja ihr Leben riskieren, Eltern nie wissen, ob sie ihre Kinder Lebens wiedersehen, wenn das Wochenende zuhause vorüber ist. Wer wollte da noch erziehen? Meine Haltung war  ordentlich ad absurdum geführt, ich stand da wie ein schlimmer Geizhals und gestand es bereitwillig ein. Es wurde viel gelacht. Heute ist die Lage ernst. Die Palästinenser sind gespalten, Iran und arabische Staaten üben aus der Ferne gewaltigen Einfluss aus, der das Zusammenleben der Nachbarn vergiftet.  Auch Sarid hat Kinder, auch sie leisten gerade ihren Wehrdienst.

Ich schrieb ihm gestern Abend, heute antwortet er, dass er sich besonders um einen möglichen Bürgerkrieg sorgt: " We are deteriorating into worst ethnic conflict, enflamed by extremists from both sides."

Ich wurde in einer Gegend der Welt geboren, die ebenso mörderisch war. Von 1870 bis 1945 immer wieder Krieg, Besetzung, Vertreibung. Die größten Intellektuellen und Politiker ihrer Zeit konnten begründen, warum das auch immer so bleiben wird: Erbfeinde – so sahen sich Deutsche und Franzosen jahrhundertelang. Noch heute finden die Landwirte um Verdun die Knochen unbekannter Soldaten, wenn sie ihre Felder umpflügen. Und doch kann man von Saarbrücken bis Sarreguemines mit dem Fahrrad oder der Straßenbahn fahren, die Feindschaft ruht in der Geschichte. In Israel, Gaza und dem Tal des Jordans wird es – nicht heute, nicht morgen, aber vielleicht schneller als wir denken - auch einmal so sein. Schließlich wollen auch palästinensische Eltern ihre Kinder lieber verwöhnen als betrauern.

Vor einigen Wochen, Ende März, begann ein privates Abenteuer: Ich wollte, während ich mein Dienst-iPhone des „Spiegel“ zurückgab, meine Telefonnummer behalten. Ich habe die schon ewig, wollte nicht wechseln. Dafür hatte die Firma Vodafone sogar ein Formular, allerdings konnte man es nur per Fax oder auf dem Postweg einreichen – hätte mich stutzig machen sollen. Ich schrieb denen Mails, rief an - es kam nie die geringste Reaktion. Ein in diesen Dingen auch sehr kundiger Freund riet mir dringend, stattdessen zur Telekom zu gehen, mit Vodafone sei es heillos. Ich rief also dort an, schon nach zwei Minuten sprach ich mit einem zuständigen Agenten, dem Cem. Ein weiser, leicht melancholischer Mann, dem ich aufgeregt mein Vorhaben schilderte – Übernahme einer Rufnummer aus einem Diensthandy bei gleichzeitigem Wechsel des Providers– und der mir, bei großzügiger Verwendung von Formeln wie „So ist das Leben!“ oder „Es ist der Lauf der Dinge, Sie kennen es Herr Minkmar!“,  meine Sorgen nahm. Wir gingen die Formalitäten durch, ich schickte einige Unterlagen und das war es. Cem beschwor mich, ich solle mich entspannen, er melde sich. Wochen später, der Tag der Umstellung nahte, hatte ich nichts gehört. Ich suchte Cem, aber Cem war verschwunden und mit ihm der ganze Vorgang. Offiziell hieß es, er sei erkrankt – gute Besserung von hier aus.

Sein Kollege Mirko machte sich nun an die digitale Archäologie, aber im Wesentlichen musste alles von Neuem begonnen werden. Er war sehr engagiert. Aber es klappte nicht. Vodafone gab die Nummer nicht frei. Mirko versuchte es, versuchte es erneut, ein Dutzend Mal. Im Spiegel war der Kollege Bernd für das Thema zuständig. Irgendwann schlug ich vor, Bernd und Mirko sollten sich, warum nicht per Mail, einmal dazu austauschen. Da zog sich die ganze Misere schon tagelang. Und siehe da: Ursache des Fehlers waren Versalien. Mirko meldete immer eine Nummer beim „Spiegel“ ab, wo er „SPIEGEL“ hätte schreiben müssen. Digitalisierung erleichtert das Leben, darum erfinden wir Institutionen, die es wieder verkomplizieren.

Auch diese Woche amüsierte ich mich über die Kochvorschläge unserer angelsächsischen Freunde und Verbündeten. In der New York Times gab es Rezepte für Tofu in der Pfanne. Falls der aus ist, kann man auch Bio-Kinderknete nehmen. Und ein Rezept für Spaghetti mit Garnelen – ein im Saarland meiner Jugend beliebtes Studentengericht. Dabei fiel mir auf, dass die NYT ein eigenes Abonnement für ihre Kochseiten anbietet, beziehungsweise fordert. Das Standard Abo schließt ihre wegweisenden Rezepte gar nicht mehr mit ein. Unter den „Kursen“ die man sich ansehen kann, wenn man das Abo kauft, sind „How to make Mac and Cheese“, zu deutsch Nudelauflauf, und, darauf bin ich gespannt, „How to drink wine?“ Glas zum Mund führen und kippen hätte ich laienhaft gedacht, aber wer weiß.

Kopf hoch,

Ihr

Nils Minkmar

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