Die Feier des Augenblicks

Eine sensationelle Nachricht, aber niemand schaut mehr Nachrichten/ Stefan Aust, der letzte Achtundsechziger/ Lob des Sonntagshuhns

In diesen verrückten beiden Jahren musste man, wenn man nur überleben wollte, Nachrichten verfolgen: Die Wege des Virus kennenlernen, die Infektionswellen studieren, das Wettrennen um die Impfstoffe verfolgen – Corona sorgte für permanenten Alarm und Rekorde bei allem, was Informationen bietet. Jetzt ist doch ein wenig die Puste weg. 

Die wahnsinnigsten Neuigkeiten – das Pentagon kann nicht ausschließen, dass UFOs über uns herumschwirren – sorgen kaum für ein müdes Gähnen. In dieser postpandemischen Feier des Augenblicks droht auch die wichtige Botschaft vom Treffen der G7 Finanzminister unterzugehen: Zum ersten Mal haben sich die großen Länder darauf verständigt, Konzerne, vor allem die GAFA also Google, Apple, Facebook und Amazon, mit einer weltweiter Mindeststeuer von 15% zu belegen. Damit wäre es den cleveren Riesen nicht mehr möglich, sich in Luxemburg, Irland oder anderen Niedrigsteuergebieten zu verstecken und zu versuchen, sich um ihren fairen Beitrag zur Unterhaltung humaner Infrastruktur herum zu mogeln.

Corona hat die Gewinne der Digitalkonzerne nochmal vervielfacht und die Nationalstaaten sehen, wenn sie davon etwas abhaben wollen, ganz schön alt aus. Ich sorge als Kunde zwar für Gewinne bei Apple und Amazon, aber bis der mann vom Finanzamt Wiesbaden Nord sich auf den Weg zu denen macht, dauert es.  Dass sich das nun ändert, ist vor allem der Arbeit eines Mannes zu verdanken – des französischen Finanzministers Bruno Le Maire. In der Trump-Zeit war er damit völlig allein, damals zog auch die deutsche Seite nicht mit, denn die Amerikaner hatten mit Strafzöllen für deutsche Autos gedroht und so war von Olaf Scholz wenig zu sehen und zu hören.

LeMaire ist auch ein toller Autor, seine Tagebücher sind eine bereichernde und oft auch ziemlich komische Lektüre.

In dem neuesten, im Januar erschienenen Band „L‘ange et la bête“ beschreibt er seine Verhandlungen mit dem amerikanischen Finanzminister Mnuchin. Sie trafen sich dazu im Familienferienhaus von LeMaire in einem Dorf am Rande der Pyrenäen. Das war am Rande des G7 Gipfels in Biarritz. Frankreich war damals fest entschlossen, auch im Alleingang eine Besteuerung der GAFA vorzunehmen, das Gesetz war schon verabschiedet.  Mnuchin hatte von Trump den Befehl, Frankreich dafür mit Strafzöllen zu belegen – allerdings verstand er sich so gut mit LeMaire, schätzte den privaten Besuch bei ihm, dass er nach Wegen suchte, die Sanktionen zu umgehen. Sie knobelten, so beschreibt es LeMaire, ein Verfahren aus: Die USA verhängen drakonische Strafzölle – ein wahrer Hammer, der Trump freute. Die Fälligkeit allerdings wurde weit ins Jahr 2021 verschoben, nach der Wahl also. Und nun, da die USA selbst die GAFA besteuern möchten, ist davon natürlich keine Rede mehr.

Die Pyrenäen sind eben ein magischer Ort.

Solche Gipfeldiplomatie ist eine faszinierende Sache: Hier treffen professionelle Inszenierungsabsicht, medialer Overkill und politische Exzellenz aufeinander, aber dann geht es doch so hemmungslos menschlich zu. Auf einem solchen Gipfel war ich einmal zu Gast und mit einem Freund verabredet, der beim „Spiegel“ arbeitete. Kurz vor unserer Verabredung sagte er ab, er müsse Tony Blair interviewen. Ich fragte erstaunt nach und erfuhr, dass der britische Premier natürlich mit dem damaligen Chefredakteur des Blattes hätte reden sollen. Aber Blair hat sich verspätet und der Chefredakteur keinen Bock mehr zu warten. Stefan Aust litt noch nie an mangelndem Selbstbewusstsein. Für die feine Seite Übermedien.de habe ich seine nun erschienene Autobiografie „Zeitreise“ gelesen und rezensiert. Also bald dort zu lesen.

Aust ist der letzte aktive Achtundsechziger in freier Wildbahn. Besonderes Kennzeichen: Kommen, reden und bleiben. Nachdem er den Job beim Spiegel los geworden war, besuchte Stefan Aust  Frank Schirrmacher bei der FAZ. Der empfing ihn freundlich und lud ihn ein, als eine Art Gaststar bei der Ressort Konferenz teilzunehmen. Wir Redakteure des Feuilletons wurden also in Journalismus unterrichtet, es war aber sehr amüsant und fröhlich. Dann verzogen sich alle, Aust blieb. Und blieb. Und redete. Schirrmacher suchte mich dann unter einem Vorwand  in meinem benachbarten Büro auf und zeigte sich ratlos: „Er sagte, sein Flug gehe erst in drei Stunden und da sei es doch schöner, bei mir zu warten!“ Mich erinnerte das an die Freunde meiner Eltern: Besuch war immer willkommen, sich anzukündigen galt als spießig und irgendwie nicht zu empfangen, nicht zu können – das war schlicht undenkbar.  Einmal waren meine Eltern unterwegs, meine französischen Großeltern passten auf mich auf. Dennoch kam ein befreundeter Student, Herrmann, in unserer Wohnung in Dudweiler vorbei. Die Sprachbarriere war unüberwindlich, aber Herrmann zog keineswegs wieder ab, sondern nahm Platz, trank eine Limonade und las den „Stern“ von vorne bis hinten. Heute ist schon die Verabredung eines Telefontermins eine ganze Produktion.

Vor wenigen Tagen hatte meine Freundin Julia aus Hamburg Geburtstag und es wurde ein Kochbuch kompiliert und überreicht. Da heute Sonntag ist, an dieser Stelle mein Beitrag dazu, es geht um das Sonntagshuhn:

Das Sonntagshuhn ist weniger ein nach Rezept zu realisierendes Gericht, als vielmehr eine Lebenseinstellung und Philosophie – ein Weg, durch das Leben zu gehen.

Am Ende einer Dienstreise wollte ich in einer traditionellen Pariser Metzgerei ein vielversprechendes Huhn kaufen, aber der Lehrling fand die passende Taste an der Kasse nicht. Sein Chef näherte sich, einen anderen Jungen im Schlepptau. „Hier weiß also jemand nicht, auf welcher Taste das Huhn eingespeichert ist!“ deklamierte er zur Freude aller Anwesenden. „Würdest Du,“ sagte er zu dem jungen Streber neben ihm, „deinem Kollegen bitte erklären, auf welcher Taste wir hier Huhn speichern!“  „Monsieur, das ist die 1 glaube ich“ flüsterte der Chefliebling. „Ganz genau, mein Junge“ – nun näherte sich der Meister langsam seiner Kasse und drückte die erste Taste: „Huhn ist hier die Nummer Eins. Merkt euch das!“

Und unter den Hühnern ist das Sonntagshuhn wiederum das edelste und festlichste.  Hat man es erst (bitte nicht geizen – nur glückliche Hühner schmecken auch), ist die Zubereitung ein Kinderspiel, obwohl etwas Übung der Sache zuträglich ist. Das Wichtigste ist die Hitze. Das mit Öl, etwas Salz und sonst eigentlich nichts präparierte Huhn muss gleich in den allerersten Minuten von einer Höllenhitze völlig erfasst und in den edlen Sonntagshuhnzustand überführt werden. Man darf sich aber nicht wieder ins Bett legen oder die Sendung mit der Maus schauen, denn diese Irrsinnshitze vergibt keine Fehler. Nach einiger Zeit wieder runter mit der Temperatur, dann folgt gemütliches Garen. So beginnt, mit dem sich ausbreitenden Sonntagshuhnduft der eigentliche Sonntag und Höhepunkt der Woche, zugleich Trost, Stärkung und Verankerung für die kommende Arbeitswoche. Es muss schon eine verdammt fiese Arbeitswoche sein, wenn sie nicht durch Aussicht auf ein Sonntagshuhn zu verbessern wäre. Umgekehrt hat es sich selten gelohnt, wenn das Sonntagshuhn vergessen oder irgendwie ersetzt wurde. Sicher, der Mensch irrt und wirrt. Manchmal versuchte ich, den abwechslungssüchtigen Kindern zuliebe, andere Gerichte, zum Beispiel, puh, Sonntagsfisch. Aber mittlerweile wandeln wir wieder auf dem rechten Pfad und auch die Vegetarierin der Familie erfreut sich an dem Ritual – und dem Grillgemüse mit Couscous.

Das Sonntagshuhn in großer Runde (Man kann expandieren, ich stand schon mal mit 5 recht großen Hühnern um 8h30 an der Kasse von Karstadt) symbolisiert das Wohlgefallen, das dem Menschen auf Erden versprochen ist.

Kopf hoch -

Nils Minkmar

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