Der Sommer der Freiheit

Gibt es wieder eine GroKo? /Die unerwiderte Liebe zu deutschen Marken/ Das Huhn des Henri Quatre 

In der letzten Woche war ich mit der sogenannten Realwirtschaft beschäftigt, denn der Kühlschrank schwächelte,  kühlte nicht mehr ausreichend. Es ist ein fünf Jahre altes Modell der Marke Bauknecht. Unten ist noch ein Gefrierschrank, der es nach wie vor tut. Ich habe eine Schwäche für Marken, die ich noch aus der Kindheit kenne, aber leider wird diese Liebe nicht immer erwidert. Einmal erwarb ich einen Regenschirm von Knirps und er war bald Schrott. Naja. Auch hier wurde es kompliziert.

Ich rief die vertrauten mittelständischen Handwerksbetriebe in der Umgebung an und erhielt überall die gleiche Antwort: Für diese Marke würden sie nicht eigens rausfahren. Lohnt sich nicht. Just imagine: Du stellst Kühlschränke her, deren Reparatur so wenig lohnt, dass alle paar Jahre ein ganz neuer her muss. 

Nun hat die Firma eine eigene Website und auch einen Kundendienst, dort begann ein neues Abenteuer. Das System der Kommunikation und Datenerfassung ist offenkundig von Jorge Luis Borges und Umberto Eco ersonnen worden – aber als böser Witz auf den postmodernen Kapitalismus. Warteschlangen, ewiges Abfragen apokrypher, zwölfstelliger Nummern und immer das Angebot, weitere Produkte, also Reparaturabonnements oder einen VIP-Zugang zu erwerben. Ich wollte aber bloß einen kühlenden Kühlschrank. Der nächste Reparaturtermin, eine juristisch komplexe Vereinbarung mit Pauschalpreis aber ohne Garantie, erst in 11 Tagen, da wird viel Milch zu Quark. Wie früher ist der Termin auch ganztägig: von 8 bis 17 Uhr darf man an der Tür warten -  mit großer Gnade und Glück wird man 30 Minuten vorher angerufen. IKEA und die Telekom sind da weiter. 

Es war ein Trip in die frühen achtziger Jahre, als Monopole den Kunden noch als Untertan behandelten. Im Netz bestellte ich ein Ersatzteil und zum ersten Mal im Leben tauschte ich ein Kühlschrankthermostat aus, war kinderleicht. Richtig kühlen tut das Gerät aber immer noch nicht. Bauknecht. Es war wie mit CDU und SPD - werden aus Nostalgie gewählt, aber dann steht man ratlos mit ihnen in der Küche herum. 

Seit dem Fall der Mauer ist es auch mit dem Studium des Marxismus vorbei. Anders ist nicht zu erklären, wie sich die Grünen durch eine relativ erwartbare Kampagne gegen ihre Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock dermaßen entmutigen lassen. Man möchte die größten Energiekonzerne der Welt angehen, samt der mitunter fiesen politischen Regime, die von ihnen abhängen, und fällt in Schockstarre, wenn gemeine Artikel und Werbekampagnen kommen. Baerbock war im Solarverein Potsdam und nicht im Potsdamer Solarverein? Dann bläst man die ökologische Revolution verschämt wieder ab?

Da hätte eine Schulung in Dialektik, ein Verständnis vom Wesen des Machtkampfs schon geholfen. Stattdessen ist der Begriff der Generation modern, hat so etwas naturkonformes: Altes reift, Neues kommt nach und niemand muss sich zanken. Dabei verlaufen politische Einstellungen, materielle Interessen und Zugänge zur Macht quer durch die Generationen, von allein passiert da nichts. Ebenso verbreitet ist die Illusion, wissenschaftliche Erkenntnisse würden zu einer Art ökologischem Konsens führen, der dann die Grundlage für eine ökologische Wahlentscheidung wird. In Wahrheit ist der Machtwechsel auch in der parlamentarischen Demokratie eine schwere und seltene Sache. Man muss schon früh aufstehen, um die CDU abzulösen. Die katholische Kirche ist die Erbin des römischen Imperiums und die älteste Institution der Welt. Der politische Katholizismus versteht einiges von Macht, ihrer Erlangung und Verteidigung. Zugespitzt könnte man sagen: nur davon. 

Die politische Ökologie ist erst wenige Jahrzehnte unterwegs –zu wenig, um viel von Macht beziehungsweise von Machtwechsel zu verstehen.  Nichtsdestotrotz wird Armin Laschet viel verlieren am Wahlabend, aber wohl doch vorn liegen. Da die Grünen aus dem Tritt sind, böte sich ihm vielleicht noch die FDP als Koalitionspartner an. Beide Parteien haben aber lange nicht mehr regiert, auch Laschet war noch nie Mitglied der Bundesregierung. Wird er mit neuen Leuten neue Pannen riskieren? Oder sich auf die bewährten Arbeitskräfte aus der deutschen Sozialdemokratie verlassen? Die brauchen weder Wahlerfolge noch Mittagessen, die arbeiten durch. Dann käme es zu einer neuen Großen Koalition. Vertrackt: Niemand möchte sie, aber dem Dementi kann man auch nicht mehr glauben.

In der letzten Woche widmeten wir uns dem Sonntagshuhn und völlig richtig schrieb daraufhin Josef S. aus K., weshalb ich Henri Quatre nicht erwähnt habe. Das hat mich selbst verblüfft. Es ist ein Fall von Oliver Sacks’scher Kuriosität, denn mit kaum jemanden habe ich mich in den Letzten Jahren so viel befasst wie mit dem ersten französischen Bourbonenkönig, dessen erfolgreiche Politik mit einer Anekdote erinnert wird – Er soll versprochen haben, dass alle Franzosen Sonntags ein Huhn im Topf haben.

Fragt man in Frankreich nach den besten der vielen Könige und Präsidenten, die in Paris regiert haben, steht Henri Quatre unangefochten an der Spitze. Seine zehn Jahre gelten in der kollektiven Erinnerung als die glücklichsten. Ich erinnere mich, wie ich als Kleinkind den eingängigen, dreisilbigen Namen seines Mörders lernte: Ravaillac.

Auf Platz zwei die ersten vier Jahre von Napoléon, dann, je nach Lager, die ersten sieben Jahre von DeGaulle oder Mitterrand. Viel ist das nicht, in so einer langen Geschichte.Ich glaube, dass die gute Zeit unter Henri Quatre an zwei Tagen des Jahres 1584 konzipiert wurde, also zehn Jahre, bevor er tatsächlich im Louvre einziehen konnte. Dazwischen wurde er exkommuniziert, verbannt, von allen katholischen Kanzeln der Hauptstadt aus verteufelt, militärisch bekämpft und zigfach gab es Attentate auf sein Leben – eine missverständliche Vereinsmitgliedschaft wäre die geringste seiner Sorgen gewesen. Hat aber doch geklappt. Was ist an den beiden Dezembertagen 1584 an der Dordogne passiert? Und warum führte das zum Ruhm von König, Frankreich und Sonntagshuhn? Davon handelt der Roman, den ich gerade schreibe. Erscheint im Herbst 2022.

Kopf hoch,

Nils Minkmar

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