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Neue Klänge im Kirchenraum

Interview mit dem Familienmagazin der Schönstatt-Bewegung

Luis Weiß (geb. Reichard) ist Kölner Jazzmusiker und Musikproduzent mit Fokus auf Projekte für Kirchenräume. Neben Auftragskompositionen und Liveprojekten nimmt er sich viel Zeit für die Arbeit im Studio. Auf seinem Label Acoustic Motion Concepts veröffentlicht er seit 2013 experimentelle Kirchenmusik, Jazz und Elektronische Musik.

Sara Turinsky: Luis, du hast das Mottolied „Wo Gott ist, da ist Zukunft“ zum Papstbesuch 2011 komponiert und dadurch etwas Berühmtheit erlangt. Bist du in erster Linie Kirchenmusiker?

Luis Weiß: Tatsächlich verstehe ich mich als Kirchenmusiker, allerdings mache ich Musik in Kirche und Gottesdienst oft mit anderen Mitteln als ein Kirchenmusiker im klassischen Sinn: Klavier und elektronische Tasteninstrumente statt Orgel, kleinere Besetzungen die eher in Jazz oder Pop zu finden sind statt Chor und Orchester. Ich arbeite viel mit alten und neuen Kirchenliedern und versuche die Musik liturgiesensibel einzusetzen. Außerdem ist mir der Gesang als Element im Gottesdienst wichtig.

Du gehst musikalisch ständig neue Wege; arrangierst traditionelle Lieder aus dem Gotteslob als Jazzstücke; entwickelst Rekompositionen klassischer Werke; startest verrückte audiovisuelle Projekte in unterschiedlichen Räumen. Woher kommen diese Ideen? Was inspiriert dich?

Kirchenlieder sind wie eine musikalische Wurzel, sie erzeugen auf besondere Weise Resonanz in mir. Seit ich das im Studium (wieder-)entdeckt hatte, komme ich nicht mehr davon los. Das Komponieren und Arrangieren im Kontext Kirche fühlt sich einfach sehr sinnvoll an. Nicht nur weil es einen Bedarf dafür gibt, sondern weil es mir selbst ein Bedürfnis ist, zu einer klugen Aktualisierung der Klangsprache im Kirchenraum beizutragen. Inspiration dafür sind oft themengebundene Aufträge, die ich im Gespräch mit erfahrenen Liturginnen und Liturgen umsetzen kann. Dieser Austausch ist unheimlich bereichernd und wenn der passende Rahmen einmal gefunden ist, setze ich mich meist ans Klavier und lege los. Dann kann es manchmal ganz schnell gehen.

Ich denke gerade an deinen Jugendkreuzweg 2019 „Ans Licht“, der so gar nicht in die Kategorien „Neues Geistliches Lied“ oder „Lobpreis“ passt. Wie klingt moderne Kirchenmusik? Und warum steckst du da so viel Zeit und Energie rein? Die kath. Kirche ist ja nicht gerade als moderne Institution bekannt.

Moderne Kirchenmusik muss meiner Meinung nach nicht per se s[Unbekannt1] chräg, emotional, eingängig oder aktivierend klingen. Sie übernimmt in Liturgie ganz unterschiedliche Funktionen und sollte daher auch Kontraste bieten. Das kann man an dem Liedruf für den Jugendkreuzweg ganz gut sehen: er kommt im Verlauf des Kreuzwegs fünf Mal vor, ist aber immer anders arrangiert, um die jeweilige Station des Kreuzwegs zu akzentuieren. Diese Form von Interpretation und konzeptueller, inhaltlich geprägter künstlerischer Arbeit ist, was für mich die Kirche bietet. Der Reformstau besonders in der katholischen Kirche ist natürlich frustrierend – da hilft es sehr, an konkreten Projekten zu arbeiten …

Ich erinnere mich an deine Messe „Refugium“, die auf dem Katholikentag 2016 in Leipzig gefeiert wurde. Kannst du kurz erzählen, was daran so besonders war?

„Refugium“ habe ich gemeinsam mit Siegfried Kleymann konzipiert. Er war damals geistlicher Rektor des Cusanuswerks. Wir begannen damit ja bereits 2015, dem Jahr von Merkels „Wir schaffen das!“ und griffen die ganze Flüchtlingsthematik auf. Siegfrieds Impuls war, das aufzugreifen und mit dem Gottesdienst an einen ungewöhnlichen Ort zu gehen. Wir wählten die Osthalle des Leipziger Hauptbahnhofs und mit dem Freitagabend eine auf den ersten Blick schwierige Zeit für eine Eucharistiefeier. Unser Ziel war es, mit der Messe ein Angebot des Innehaltens mitten im Transitbereich des Bahnhofs zu machen. Und es gelang! Diese Stunde, die wir dort Messe gefeiert haben, gehört zu den intensivsten, die ich je erlebt habe.

Da hast du in ziemlich radikaler Weise Leben und Glauben verbunden. Inwieweit ist dir das auch bei deiner Musik allgemein ein Anliegen?

Wenn ich Musik im Gottesdienst mache, finde ich besonders den Moment spannend, wenn die Gemeinde partizipieren soll. Manchmal muss man sich als Musikerin oder Musiker furchtbar anstrengen, dass sozusagen „der Funke überspringt“. Manchmal ist es ganz leicht, funktioniert wie von selbst. Das hat viel damit zu tun, dass man gut vorbereitet ist, dass man vielleicht die richtigen Lieder ausgewählt hat und die Gemeinde auch fit ist. Ich mache in diesen Flow-Momenten aber vor allem auch eine Gotteserfahrung – und ich glaube und hoffe, dass es Anderen vielleicht auch so geht.

Du spielst Trompete, Flügelhorn, Klavier, Gitarre, Percussionsinstrumente. Ich weiß, dass du aus einer sehr musikalischen Familie kommst. Musik war bei euch daheim immer wichtig – ist es noch. Sozusagen in die Wiege gelegt. War das ein Glück oder eher vorgezeichneter Weg?

Meiner Mutter war der Musikunterricht von uns Kindern immer sehr wichtig. Dass ich Musiker geworden bin, habe ich zum Großteil ihr zu verdanken. Insofern war mein Weg vielleicht vorgezeichnet, aber nicht selbstverständlich, denn es gehört viel Förderung dazu, für die ich immer noch dankbar bin. Für mein persönlichstes Album, die Solo-CD „stiller“, habe ich mich mal hingesetzt und allen gedankt, die mir eingefallen sind. Das hat gut getan.

Mehr Infos zu Luis Projekten unter www.luisweiss.de

Aktuelle Veröffentlichungen (z.B. „stiller“ und „Refugium“) unter www.amc-records.com

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